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Richard Zoozmann: Gedichte - Kapitel 155
Quellenangabe
typepoem
authorWalther von der Vogelweide
titleGedichte
publisherWilhelm Borngräber Verlag
editorRichard Zoozmann
year1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071027
projectidbc6f353d
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Kreuzlied

(Zum Kreuzzug von 1228)

L. 76. Vil süeze waere minne

   Vielsüße, wahre Minne,
Geleite schwache Sinne;
Bei deinem Anbeginne
Hilf, Gott, der Christenheit,
   Der uns zum Heil gekommen,
Das Leid von uns genommen,
Der Waisen Hort und Frommen,
Hilf rächen dieses Leid!
  Erlöser von den Sünden,
Dein Reich hilf uns begründen,
Mag uns dein Geist entzünden,
Wenn reuig Herz er fand.
Du hast dein Mut vergossen,
Den Himmel uns erschlossen,
Nun lösen unverdrossen
Wir gern das heilge Band!
Gebt hin, was euer eigen,
Gott wird sich hilfreich zeigen,
Er, der so manchen Feigen
Zur Hölle hat verbannt.

   Dies kurze Leben schwindet,
Der Tod uns sündig findet:
Wer sich mit Gott verbindet,
Entgeht dem Höllenleid.
  Für Not wird Huld gefunden,
Nun heilet Christi Wunden!
Sein Land wird bald entbunden
Von Not und allem Streit.
  Laß, herrlichste der Frauen,
Uns deinem Beistand trauen;
Dein Sohn den Tod mußt schauen,
Dem er den Leib ergab.
Mag uns sein Geist durchdringen,
Daß wir die Heiden zwingen,
Die Taufe nie empfingen,
Auf daß sie schreckt der Stab,
Dem auch die Juden fallen.
Man hört ihr Schreien hallen
Und Lob dem Kreuz erschallen:
Wohlauf! erlöst das Grab!

   Der Leib muß uns verderben,
Eh wir den Lohn erwerben.
Gott wollte für uns sterben –
Sein Trost ist aufgespart.
  Sein Kreuz, mit Heil bewehret,
Hat unser Glück gemehret;
Wer sich von Zweifeln kehret,
Die Seele wohl bewahrt.
  Du Leib, in Schuld vergessen,
Zeit ist dir zugemessen,
Allorts vom Tod umsessen,
So stehn wir ohne Wehr.
Ihr Christen, auf! von hinnen!
Der Hölle zu entrinnen,
Den Himmel zu gewinnen,
Ist keine Not zu schwer.
Gott will mit Heldenhänden
Uns seine Hilfe spenden,
Drum soll sich ostwärts wenden
Das heilge Kriegesheer.

   Gott, steh uns treu zur Seite
Mit förderndem Geleite,
Bis uns nach all dem Streite
Der letzte Hauch entgeht.
  Schütz uns vorm Höllenschlunde,
Daß wir nicht gehn zugrunde,
Uns allen ward ja Kunde,
Wie jammervoll es steht.
  Das Land, das heilig-reine,
Ist hilflos und alleine,
Jerusalem, nun weine,
Wie dein vergessen ist!
Es drängen dich mit Schwere
Der Heiden stolze Heere;
Bei deines Namens Ehre
Erbarm dich, Jesu Christ,
Der Not, womit sie ringen,
Die dort den Bürgen dingen.
Daß sie nicht uns auch zwingen,
Verhüt in kurzer Frist!

Dieses klangschöne Lied entstand wohl vor der Abfahrt nach dem heiligen Lande (28. Juni 1228) oder während der Fahrt selbst.

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