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Giosuè Carducci: Gedichte - Kapitel 9
Quellenangabe
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typepoem
authorGiosuè Carducci
titleGedichte
publisherCoron-Verlag
seriesSammlung Nobelpreis für Literatur
volumeNobelpreis für Literatur 1906
editor
year1969
translatorBettina Jacobson
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090330
projectidcb077308
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Hymnus an die Liebe

Schön mit langen Wällen und Bastein
Liegt doch meine Burg im Sonnenstrahle! –
Also Paul der Dritte, vom Latein
Seines Bembo greifend zum Missale.

Ins Gebirg, sprach er, verirrte sich
Mir zu gern die Peruginer Herde,
Wenn Gott Vater donnernd mahnt, hab ich,
Sein Vikar, hier das Geschütz der Erde.

»Coelo tonantem« singt Horaz und bei
Sturmwind spricht der Herr und Regengüssen:
– Teure Schar, zur heilgen Trift aufs neu
Kehr zurück, – sag ich mit Böllerschüssen.

Doch da wir Augustus hier erneut,
Schaff mir du ein Werk, Sangallo; höre,
Deiner würdig, wert der goldnen Zeit
Unsres Papsttums und zu Romas Ehre.

Einer blühnden Braut gleich, wölbte rein
Da Sangallo ihm der Feste Seiten,
Hüllte sie in Marmorschleier ein,
Ließ den Turmkranz auf die Stolze gleiten.

In lateinschen Distichen besang
Molza sie, und mit dem Bombenregen
Auf Perugia aus den Mörsern drang
Siebenfach des heiigen Geistes Segen.

Doch das Volk nagt wie ein Hund, ihr wißt,
Steine, die 's nicht schleudern kann noch schieben;
An der Festen hartem Steingerüst
Liebts, der Eisenzähne Kraft zu üben.

Und zermalmt sie erst und streckt sich drauf
Fröhlich bellend auf den Trümmern nieder,
Findet dann, nach bald erneutem Lauf,
Andre Steine, andre Schläge wieder.

So geschahs auch in Perugia. Wo
Stolz die Feste warf den langen Schatten,
Lachen Mai und Liebe, scherzen froh
Fraun und Kinder jetzt auf sonnigen Matten.

Und im endlos strahlenden Azur
Lacht die Sonne, bis zum fernen Kamme
Schneeiger Abruzzen, heut der Flur
Umbriens mit heißrer Liebesflamme.

Und es fließen in der rosigen Luft
Bergeslinien fast wie schöne Quellen,
Bis in Violett und goldnem Duft
Sie gelöst vergehn in weichen Wellen.

Ists dein Haar, Italia, weich zerstreut
Auf dem Lager zwischen Meereswogen,
Das im Kuß des ewigen Freiers heut
Dufterfüllt den Busen dir umzogen?

Was es sei, nicht weiß ichs, doch mir glüht
Alles im Saphirlicht, auf und nieder
Wie er zwischen Erd und Himmel zieht,
Schwellt ihr Odem meine Adern wieder.

Jedes Neue grüßt als Widerhall
Mir die Seele, von Erinnerungen,
Und die Zunge ruft dem ganzen All:
Liebe, Liebe! zu, aus sich erklungen.

Küß ich denn den Himmel? Trinkst du schon,
Universum, meinen Geist? Vernommen,
Ewge Dichtung, hab ich deinen Ton,
Der als kleiner Vers ans Licht gekommen.

Von den Umbrer-Flecken, am Gestein
Hängend zwischen Apenninenwänden,
Von Tyrrhener-Burgen, die allein
Ernsthaft stehn an grünen Berggeländen;

Vom Gefild, wo ausgepflügt noch heut
Wehr und Bein das Schicksal Roms erzählen,
Von den deutschen Festen jagdbereit,
Falkengleich die Beute zu erwählen;

Von den Volkspalästen, die von fern
Sich mit schwarzen Türmen Fehde sagen,
Von den Kirchen, die empor zum Herrn
Ihr Gebet mit Marmorarmen tragen;

Von den Dörfern, die in froher Eil
Aufwärts zu den düstern Städten klettern,
Gleich dem Bauer, der sein Ernteteil
Eifrig birgt vor Sturm und Regenwettern;

Von den Klöstern, hie und da im Raum
Zwischen Dorf und Stadt mit Glockenklingen
Sitzend, wie der Kuckuck sitzt im Baum,
Die seltsame Lust und Langweil singen;

Von den Straßen, Plätzen, reich an Ruhm,
Wo, wie frisch im Mai, die Rosen blühen
Und die Eiche grünt, das Künstlertum
Unsrer Väter frei und stolz gediehen;

Über grüne Saaten im Gefild,
Über Felsgestein mit Rebenhügeln,
Über Wälder, Gipfel schneeumhüllt,
Über Fluß und See mit Silberspiegeln;

In der Mühlen lautem Räderlauf,
In dem Rauchgewölk aus frohen Hütten
Steigt ein Sang aus tausend Liedern auf,
Steigt ein Hymnus auf aus tausend Bitten:

Heil euch Menschen, müd und vielbetrübt!
Alles fließt und doch stirbt nichts auf Erden.
Zu viel wars an Haß und Leiden. Liebt!
Schöne Welt, geheiligt ist dein Werden. –

Über den Gebirgen, was erglänzt
Dort wie Morgenrot der Sonn entgegen?
Gehn auf jenen Höhen duftbekränzt
Die Madonnen noch auf Rosenwegen?

Die in Abendwolken des April
Perugino sah herniedersteigen,
Und mit Liebesarmen göttlich still
Sich anbetend zu dem Kindlein neigen?

Anders wurdest du: Gerechtigkeit,
O Madonna, Liebe, glanzumgeben;
Segen dem, der für dich fiel im Streit,
Segen allen, die dir fürder leben.

Was soll Priester und Tyrann mir heut,
Die vor ihren Göttern schon erbleichen?
Vor zehn Jahren flucht ich ihm, bereit
Bin ich jetzt, dem Papst die Hand zu reichen.

Armer Greis, vielleicht ergreift auch ihn
Heimlich Liebessehnen, mags beflügelt
Ihn nach seinem Sinigaglia ziehn,
Das die Adria so herrlich spiegelt!

Laßt den Alten, der den Vatikan
Sich zum Kerker machte, mich umschlingen;
Komm Mastai, Bürger, stoß mit an:
Dieses Glas, der Freiheit will ichs bringen!

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