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Giosuè Carducci: Gedichte - Kapitel 35
Quellenangabe
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typepoem
authorGiosuè Carducci
titleGedichte
publisherCoron-Verlag
seriesSammlung Nobelpreis für Literatur
volumeNobelpreis für Literatur 1906
editor
year1969
translatorBettina Jacobson
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090330
projectidcb077308
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Die Elegie am Splügen

Nein, nicht waren es luftige, farbge Gestalten,
Bäume nicht, schwankend im Wind, aber von Nymphen ein Chor
Wars und von Göttinnen. Blau von Gewand und geschmeidig,
Wie aus ägäischem Meer Thetis verschleiert vor Zeus,
Tauchte die eine empor, aus knarrender Fichte schwingt rosig
Dort sich die andre, es weht duftig ihr flatterndes Haar.
Jene da löst aus dem Gürtel auf glitzernd demantenem Eise,
Lustig, wie silbernes Band sprudelnder Fälle Getös.
Einsam nur auf dem Felsen von Quarz, der im Mittagslicht flimmert,
Saß die Lorelei dort, Fremde im fremden Gebirg,
Kämmte mit goldenem Kamme die goldnen Haare, sie wehten
Weithin über die Alp, Sonnenschein lachte darin.
Dort in dem Tempel aus Lärchen, den hohen, schattigen, standen
Feen mit flammendem Aug, blitzend wie Edelgestein;
Schwarz war die Chlamys und schwarz war das Haar unter Eichenlaubkränzen,
Szepter von Gold in der Hand, schauten sie alle nach mir:
– Menschlicher Unhold, du kommst aus den Ebnen voll Langweil da drunten,
Und dir gaben wir sie, blau war ihr Aug, wie das Meer;
Heute kommst du allein, was tatest du, sprich, unsrer Schwester?
Hast sie verschlungen? – Und starr blickten sie wieder mich an.
– Nein, o ihr mächtigen Feen, ihr lieblichen Nymphen, ich schwör es,
Fort von mir flog sie, mein Aug findet und sieht sie nicht mehr.
Aber noch lebt die Gestalt, pulsiert noch ihr göttliches Dasein
Mir in den Adern, sie thront mir noch im Geiste auch heut.
Mit ihrem Bild mir vor Augen, das stets mich entflammt, mit der Stimme,
Welche mein innerstes Herz immer von neuem bestrickt,
Wie im lauen April noch schlummernde Klänge des Frühlings,
Irr ich allein durch die Welt, trage sie dennoch in nur.
Ja, o ihr Feen und Nymphen, ihr scheint und ihr seid doch sie selber,
Schuf ich in meiner Vision euch doch allein nur aus ihr!
Aber wo weilt sie nunmehr? Da brach es hervor wie von Klagen,
Schnell versanken die Feen, Nymphen verwehten in Luft.
Und ich sah in den Tannen die Eichhörnchen tanzen und hörte,
Wie aus dem Schlupfloche dreist, munter das Murmeltier pfiff.
Einsam fand ich mich wieder, wo, fast wie im Amphitheater,
Nackt zwischen kahlem Gestein, dort auf dem weiten Plateau
Einst Elemente gekämpft und Jahrhunderte. Lautlose Stille
Heut in der Runde. Es schleicht träg aus dem Weiher ein Fluß,
Magere Pferde am Wasser. Die blaue verrätrische Blume,
Eisenhut, wuchert umher rings an dem grauen Gestad.

Splügen, 1.-4. September 1898.

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