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Giosuè Carducci: Gedichte - Kapitel 30
Quellenangabe
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typepoem
authorGiosuè Carducci
titleGedichte
publisherCoron-Verlag
seriesSammlung Nobelpreis für Literatur
volumeNobelpreis für Literatur 1906
editor
year1969
translatorBettina Jacobson
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090330
projectidcb077308
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Aus Reimen und Rhythmen (1890–1900)

Piemont

Auf den Zacken schimmernder Felsenspitzen
Springt die Gemse, donnert die Schneelawine
Von gewaltgen Gletschern hernieder, über
Krachende Wälder.

Doch im großen Schweigen des blauen Äthers
Schwebt der Aar zur Sonne und senkt die schwarzen
Schwingen, klein' und kleinere Kreise ziehend,
Feierlich nieder.

Heil Piemont dir! Fernher mit ernstem Rauschen,
Gleich den Heldenliedern von deines Volkes
Tapfern Söhnen, steigen die großen Ströme
Zu dir hernieder.

Voll und reißend, kräftig wie deine hundert
Bataillone, eilen sie talwärts, suchen
Die erwachten Städte und Dörfer, dort vom
Ruhme zu reden.

Von Cäsarenmauern umringt, Aosta;
Hart am Alpenpaß, über Burgruinen
Der Barbaren, ragt ihm der Siegesbogen
Noch des Augustus.

Malerisch Ivrea; die roten Türme
Spiegeln träumend sich in der blauen Dora
Breitem Bette. Düster umher irrt König
Arduins Schatten.

Fröhlich schaut auf grünende Fluren Biella,
Zwischen Berg und fruchtbarem Talgrund: stolz auf
Waffen, Pflüge, auf unermüdlich Schaffen
Rauchender Essen.

Stark und standhaft Cuneo, und am sanften
Abhang lieblich Mondovi, dann frohlockend
Das Gelände, reich an Reben und Burgen,
Des Aleramo;

Die Superga schaut, beherrscht vom hehren
Chor der großen Alpen, Turin, des Königs
Stadt, die sieggekrönte; und Asti, vormals
Republikanisch,

Stolz auf Gotenabwehr, auf Barbarossas
Zürnen, gab, vom rauschenden Strom begleitet,
Dir, Piemont, die neuen Gesänge deines
Sohnes Alfieri.

Jener Große kam; wie der große Vogel
Seines Namens, ewig voll Unruh kreist er
Über dem gedrückten gequälten Lande,
Rufend: Italia!

In die Ohren ruft ers, die ungewohnten,
Rufts in träge Herzen, gedrückte Seelen,
Und: Italien! – hallt aus Arquá die Antwort,
Und aus Ravenna.

Solchen Flug verspüren da die Gebeine
Längs des ganzen Friedhofs, des schicksalsschweren,
Suchen sich mit zornigem Mut und Eisen
Wieder zu wappnen.

Und das Volk der Toten erstand: Italia!
Sang es laut: Italia! und rief zum Kampfe.
Jener bleiche König, schon todgeweiht in
Antlitz und Seele,

Zog das Schwert. O Wonne der Wunderzeichen,
Lenz des Vaterlandes, o schönste Tage,
Letzte Maientage in Blütenfülle,
Als im Triumphe

Erste italienische Siegeskunde
An das Kindesherz mir gepocht! Nun sing ich,
Als Italiens Sänger in schöneren Zeiten,
Grau schon von Haaren,

Dich, o König, du, meiner frühsten Jugend
König, lange Jahre beweint verflucht, der
Fortzog mit dem Schwert in der Hand, ein Christ im
Büßergewande,

Hamlet du, Italiens. Durch Schwert und Feuer
Piemonts, durch die Streiche von Cuneo, durch das
Ungestüm Aostas geriet der Feinde
Menge ins Weichen.

Lang verhallt des fernen Kanonendonners
Letzter Schuß nach Österreichs flüchtgem Heere;
Gegen West hin reitet der König, sieht die
Sonne versinken.

Zu den staub- und pulverbedeckten Rittern,
Die ihn siegesfreudig umringen, sagt er,
Ein entfaltet Blatt in der Hand: Peschiera
Hat sich ergeben.

Oh, wie wehten hoch da Savoyens Fahnen,
Und wie schallte brausend aus ahnenstolzen
Herzen nur ein einziger Ruf: Es lebe der
König Italiens!

Ruhmentflammt und rot in der Abendsonne
Lag sie, die lombardische weite Ebne,
Und es hob sich leise der See Virgils, gleich
Bräutlichem Schleier,

Der dem Kuß sich öffnet des Treuverlobten.
Bleich und steil im Bügel, wie unbeweglich,
Starrt weithin der König, er sieht den Schatten
Des Trocadero.

Seiner harrt Novara, das nebelreiche,
Und Oporto, tragischen Irrens letztes
Ziel. Du stilles Haus an des Douro Ufer:
Unter Kastanien

Schaust du auf das wogende Meer; Erfrischung
Bringt der Strom mit seinen Kamelienbüschen:
Doch wie herbem Kummer hat diese Ruhe
Zuflucht gegeben!

Im Verscheiden fast, in der Sinne Dämmrung,
Zwischen Erdenleben und Jenseits, stand ein
Wunderbar Gesicht vor des Königs Aug: der
Seemann von Nizza;

Blonden Haars, der kühn am Janiculus sich
Aufbäumt gegen gallische Willkür. Ringsum
Blut Italiens, hell, wie im Sonnenlichte
Rote Rubinen.

Eine Träne rann vom erloschnen Auge,
Und ein Lächeln spielt um die Lippen. Geister
Schwebten da von oben hernieder um den
Sterbenden König.

Allen zieht voraus, der die Trikolore
Hoch in Alessandria schwang, der erste,
Schlummernd in Sfakteria: Der Santorre
Von Santarosa.

Hin zu Gott begleiteten sie Karl Alberts
Seele. – Hier, o Herr, ist der König: er, der
Uns versprengte, er, der uns schwer geschlagen.
Heute, o Vater,

Starb auch er den Tod, den wir alle starben,
Für Italien. Gib uns das Vaterland! Den
Toten gibs, den Lebenden wieder! Um des
Rauchenden Blutes

Willen, auf den Feldern, um aller Leiden
Auf dem Throne, in Hütten und um des Ruhmes
Unsrer Väter, Herr, und der neuen Marter
Willen, o gib dem

Staube jener Helden, der noch erzittert,
Diesem, nun frohlockenden hellen Lichtgeist,
Gib, o Herr, das Vaterland, gib Italien
Den Italienern!

Ceresole reale, 27. Juli 1890.

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