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Giosuè Carducci: Gedichte - Kapitel 3
Quellenangabe
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typepoem
authorGiosuè Carducci
titleGedichte
publisherCoron-Verlag
seriesSammlung Nobelpreis für Literatur
volumeNobelpreis für Literatur 1906
editor
year1969
translatorBettina Jacobson
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090330
projectidcb077308
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Aus Levia Gravia (1861–1871) und aus Jamben und Epoden (1867–1879)

Abschied

Wie aus dem Frost heraus
Das Veilchen blickt und mit den süßen Düften
Verborgnen Reizen zum Verräter wird,
Wie um das alte Haus,
Zurückgekehrt aufweichen Frühlingslüften,
Die Schwalbe, Liebe suchend, wieder schwirrt, –
So gläubig singt und irrt
Mein Herz, ich fühls, aufs neu in neuen Liedern.
Im Geiste schon erwidern
Beschwingte Bilder, altes Feuer wird
Aufs neu entfacht, es ruft nach neuem Sang
Aus meiner Brust die Welt, nach neuem Klang.

Du Licht der Poesie,
Du Licht der Liebe, das die Seele grüßt,
Zu dir erhebt das Leben noch einmal
Beschwingt den Geist, und sieh:
Der stummen Tage Dunstgewölk zerfließt
Und wird verzehrt von deinem heitern Strahl.
So sieht nach langer Qual
Den hellen Sonnenschein im Krankenzimmer
Der Leidende, den Schimmer
Mit durstgen Blicken trinkend ohne Zahl;
Bis, von der ungewohnten Farbenglut
Ermattet, sich das Auge wieder ruht.

Im halberstorbnen Sinn
Wie manche Pein verschloß ich, wie viel Trauer, Da mir dein Trost, wie du gedroht, entschwand!
So zieht am Bache hin
Der Araber und sieht mit leisem Schauer
Des Wassers Spur vergehn im stummen Sand.
Schon fühlt er heißen Brand
In seinen Adern rasen, welches Graun!
Nichts weit und breit zu schaun,
Woran noch Halt die kühne Hoffnung fand:
Der heiße Himmel droben klar und hehr,
Und vor und rings das weite Wüstenmeer.

Er wirft sich nieder und
Verhüllt das Haupt, als wollt er sich verdecken
Den Todesanblick, der ihn rings umstarrt.
Und wirbelnd aus dem Grund
Des tiefen Sandes hat, zu neuem Schrecken,
Der Wind ihm schon sein Grabmal aufgescharrt.
Wie voller Sehnsucht harrt
Daheim die Gattin, denkt er, mit den Kleinen,
Und schaut, ob sie den Zug nicht schon gewahrt:
Ihr Ohr vernimmt in jedem fernen Ton
Das Heimwärtsschreiten der Kamele schon.

Nun richte du mich auf,
Du schönes Licht, o sei auch mir aufs neue,
Gleich wie der Sonnenblume, Trost und Hort!
Doch wo zum neuen Lauf
Sind die Gefährten? Wo die alte Treue,
Des Freundes Lachen und sein liebend Wort?
Oft fällt der rauhe Nord
Den schönen Baum noch vor des Winters Nähe;
So sankst du mir zum Wehe
Und ewgen Gram, o Bruder. Fern der Ort,
Wo, von des Vaters Tränen nicht erreicht,
Jetzt dein Gebein, dein freudig Hoffen bleicht.

Für Edles stets entbrannt,
Du spröder Geist, verzehrte dich das Leben,
Das rauhe, ohne äußre Wunde. Dich
Hat nie die Welt erkannt,
Weil du das Edelste in dir umgeben
Mit Lächeln und Verachtung. Seit du mich
Verlassen, ach, entwich
Mir meines Daseins beßrer Teil für immer!
So glänzt, vom Abendschimmer
Verklärt, der Heimat grüner Küstenstrich
Noch jenem, der, vom wilden Meer umrauscht,
Die schon verlorne mit der Fremde tauscht.

Wenn Zeit und Wirklichkeit
Durch frühe Täuschung wehrlos mich gefunden,
Was soll, o Muse, noch dein Lächeln mir?
Vertrauensvoll bereit
Sind andre schon, durch Zweifel nicht gebunden,
Mit kühnem Flug, o schöne Göttin, dir
Ins hohe Glanzrevier
Des Schrankenlosen gläubig nachzusteigen.
Doch meine Seele beugen
Bekümmernisse; so verliert sich hier
Mein Sang ins Leere, wie des Pilgers Lied,
Wenn er in stiller Nacht von dannen zieht.

Doch nein: wo immer heut
Anklagend sich die Menschheit aufwärts wendet
Und um Gerechtigkeit zum Himmel fleht,
Da, wo der Mensch dem Menschen nicht verzeiht,
Wo aus der Schmach, die ihre Brüder schändet,
Den Spöttern schnöder Marktgewinn entsteht,
Wo Macht sich selbst erhöht
Und mit des Rechtes Maske eilt zum Siegen,
Wo schmutziges Betrügen
Noch mit der priesterlichen Binde geht,
Da fehlen Freunde, fehlen Brüder nie:
Stimm an, o Muse, neue Melodie!

Leb wohl, o Sommerlust,
Die still beglückt in Farben und in Tönen,
O süßer Lebensfrühling, zieh dahin!
Erweck in andrer Brust
Luftschlösser, Ruhmgebilde, laß die schönen
Umbuschten Ufer dem beglückten Sinn:
Ihm blickt so mild darin
Das Spiegelbild des ganzen Alls entgegen!
Mit uns auf rauhen Wegen
Ziehn Lieb und Haß in gleichen Spuren hin,
Wir teilen fürder der Gequälten Pein
Und sammeln Zorn und wilde Rache ein.

Und Muse siehst du nicht
Sich eine düstre Wolke dort erheben
Aus Klaggeschrei, vom Blut der Erde rot?
So banges Weinen bricht
Aus Mutterherzen, wenn des Säuglings Leben
Verschmachtet, ist der Kleinen Schrei nach Brot,
Ist Seufzen, das der Tod
Im Kampf dem Unterliegenden entrungen,
Ist tiefer Schmach entsprungen,
Wo Mädchenehre fiel, und herber Not,
Wo Sünder wird, an dem man Trug geübt:
Ein Schrei ists, der dein Licht, o Himmel, trübt.
Was murmelt dort die Schar
Von Glücklichen nur von des Himmels Segen.
Und daß das Meer erglänzt, die Erde lacht?
Welch heilge Satzung war
Ihr Schutzwehr, jener Wirklichkeit entgegen,
Die uns mit hartem Geiz so arm gemacht?
Doch meinen Ohren kracht
Der Donner über Wolken, Winde blasen,
Und in des Sturmes Rasen,
In Blitzen fliegt, ihr Lieder, durch die Nacht.
Der Freiheit Geist regt seine Waffen schon,
Dein Lied sei, Muse, ihm Trompetenton!

Mein Lied, was wolltest du?
Dein schwaches Können prahlerisch verkünden?
Kehr um, laß uns im Schatten still verschwinden!

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