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Giosuè Carducci: Gedichte - Kapitel 29
Quellenangabe
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typepoem
authorGiosuè Carducci
titleGedichte
publisherCoron-Verlag
seriesSammlung Nobelpreis für Literatur
volumeNobelpreis für Literatur 1906
editor
year1969
translatorBettina Jacobson
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090330
projectidcb077308
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Vor San Guido

Von Bolgheri die beiden Reihn Zypressen,
Die grad und stattlich nach San Guido gehn,
Wie junge Riesen, die im Lauf sich messen,
So eilten sie heran, nach mir zu sehn.

Sie kannten mich und flüsterten mir leise
Kopfnickend zu: – Oh, bist du wieder da?
Warum nicht bleiben? Unterbrich die Reise;
Kühl wirds zur Nacht, die Straße kennst du ja.

Oh, halte Rast in unserm würzgen Schatten,
Wo der Nordwest dich trifft von hoher See;
Steinwürfe, die uns einst getroffen hatten,
Verzeihn wir gern, sie taten auch nicht weh.

Noch immer baun ihr Nest die Nachtigallen
In unsern Zweigen. Warum fliehst du doch?
Und abends flattern Spatzen nach Gefallen
Um uns herum; oh, so verweile noch! –

– Zypreßlein, o Zypreßlein, meine lieben
Getreun aus jener Zeit so schön und fern,
Wie gerne war ich noch bei euch geblieben, –
Sprach ich, nach ihnen schauend, – oh, wie gern!

Ach, ihr Zypreßlein, laßt mich weiter wandern:
Die Zeiten und die Jugend sind dahin!
Ja wüßtet ihrs! – Nicht prahl ich vor den andern –
Daß ich heut ganz berühmt geworden bin!

Latein und Griechisch les ich nach Belieben
Und schreibe, und viel andres kann ich auch;
Zypreßlein, bin kein Schlingel mehr geblieben,
Und Steine werfen ist nicht mehr mein Brauch;

Zumal nach Bäumen. – Wie im Zweifel schienen
Die Wipfel flüsternd hin und her zu gehn,
Und spöttisch lächelnd hat aus dunkelm Grünen
Das rosge Abendlicht hervorgesehn.

Daß liebevolles Mitleid nun gewaltet
Bei Sonne und Zypressen, spürt ich dann;
Bald hat zum Wort das Säuseln sich gestaltet:
– Wir wissen wohl, du bist ein armer Mann.

Wir wissen wohl, der Wind ists, der es brachte,
– Trägt er uns doch der Menschen Seufzer zu, –
Wie immer neuer Streit in dir erwachte,
Und bringst trotz aller Müh ihn nicht zur Ruh.

Uns und den alten Eichen hier vertraue
Dein Menschenleid und was dir Kummer bringt,
Oh, sieh das Meer, das friedevolle blaue,
Darin die Sonne lächelnd niedersinkt!

Hör, wie heut abend Vogellieder schallen,
Der Spatzen Zwitschern, lustiges Getön,
Und später singen dir die Nachtigallen;
O bleib und heiße die Gespenster gehn!

Gespenster, die aus Herzenstiefen steigen,
Wenn es beklommen und gedankenschwer,
Und jenen Flämmchen auf dem Friedhof gleichen,
Die vor dem Wandrer flackern hin und her.

O bleib; und morgen, wenn zur Mittagsstunde
Die Pferde schnaufen in des Schattens Hut,
Dort an den großen Eichen, in der Runde
Die Ebne schweigt in heißer Sommerglut:

Dann singen wir Zypressen dir die Reigen,
Die ewig zwischen Erd und Himmel gehn,
Und Nymphen werden aus den Ulmen steigen,
Und dir mit weißen Schleiern Kühlung wehn.

Der ewge Pan, der dann so einsam schreitet
Durch die Gefilde, übern Bergeshang,
Löst auf, o Sterblicher, was in dir streitet,
Bis es in solcher Harmonie verklang. –

Und ich: – Weit hinterm Apennin erwartet
Klein Titti mich, drum laßt, es ist mir leid;
Titti ist wohl den Spätzlein gleich geartet,
Die Federn aber fehlen ihr zum Kleid.

Ja, wenn sie lebte von Zypressenbeeren,
Und ichs so wie die Manzonianer wüßt,
Die vom Verdienste vierfach sich ernähren;
Zypressen, teure Flur, seid mir gegrüßt! –

– Was sollen wir dem Friedhof denn bestellen,
Wo dein Großmütterlein im Grabe weilt? –
Sie schienen nun ein schwarz Gefolg, im schnellen
Vorschreiten, welches murmelnd weiter eilt.

Vom Hügel, wo der Kirchhof sich verbreitet,
Unter Zypressen dort auf grünem Pfad,
Schien mirs, als ob, sonntäglich schwarz gekleidet,
Sich mir Großmütterlein Lucia naht.

Wie hörte man aus Frau Lucias Munde,
Mit ihrem weichgelockten weißen Haar,
Toscansche Rede, die im Narrenbunde
Der Manzonianer stets so wäßrig war!

Volltönend kams, mit den schwermütgen Klängen
Aus der Versilia, die mein Herz bewahrt,
Als lauschte man den Troubadourgesängen,
So reich an Kraft und doch von süßer Art.

Großmutter, oh, die schönen Kindertage!
Oh, einmal noch erzähl dem ernsten Mann
Von jener, die den Liebsten sucht, o sage
Noch einmal, wie sie ihn nicht finden kann! –

– Auf sieben Paar Eisenschuhn bin ich gegangen,
Als ich dich suchte, die ich abgenützt,
Verbraucht hab ich von Eisen sieben Stangen,
Auf die ich mich bei schwerem Weg gestützt.

Und sieben Flaschen füllte ich mit Tränen,
Mit bittern Tränen, sieben Jahre her.
Du schläfst bei meinem Rufen, meinem Stöhnen,
Es kräht der Hahn, und du erwachst nicht mehr! –

Großmutter, o wie schön ist sie noch immer,
Deine Geschichte, grad wie du erzählt,
Und was ich früh und spät gesucht und nimmer
Gefunden, was mich manches Jahr gequält, –

Vielleicht ists hier, wo Ruhe noch zu haben
Ich nicht mehr hoffe, mag am Wege sein;
Vielleicht, Großmutter, ists mit dir begraben,
Einsam dort oben, im Zypressenhain! Wie eilig weiter die Maschine keuchte,
Und ich im tiefsten Herzen traurig war,
Kam da von Füllen wiehernd eine leichte,
Durch das Geräusch herangelockte Schar.

Ein grauer Esel nur ließ sich nicht stören,
Der ruhig an blauroter Distel fraß,
Er sah nicht auf, schien keinen Lärm zu hören,
Und ernst und langsam nagte er fürbaß.

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