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Friederike Kempner: Gedichte - Kapitel 65
Quellenangabe
typeanthology
authorFriederike Kempner
year1995
publisherMatthes & Seitz Verlag
addressMünchen
isbn3-88221-802-9
titleGedichte
pages3-21
created19991017
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1903
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Phantasie

                Die sanften, blauen Lüfte, sie flüsterten mich ein,
Mir träumte, ich sei auf Erden, ganz mutterseelenallein,
Es war so bunt und üppig, es war so frisch und grün,
Ich sah zum ersten Male purpurne Rosen blüh'n!

Ein buntes Heer von Blüten umgab das Rasenland,
Vergißmeinnicht und Epheu sich um die Felsen wand,
Und tief aus hohem Grase, da schauten lieblich scheu
Hervor die blauen Veilchen, so schüchtern und so treu.

Es wiegten in den Wipfeln der hohen Palmen sich
Die schönsten Papageien und grüßten jubelnd mich:
Mein Herz schlug laut und lauter, doch ich vernahm es nicht,
Denn voller Freud' und Staunen sah ich ins Sonnenlicht!

Sah ich zur Erde nieder, zu allen Blumen hin,
Und fühlte wonnetrunken, daß ich so selig bin.
Die frischen, jungen Rosen, die Lilien weiß und schlank,
Die tausend kleinen Blüten, und all der Vögel Sang;

Sie schienen mir zu sagen, sie hätten auch ein Herz,
Sie wollten mit mir fühlen und teilen Freud' und Schmerz!
Zwei Nachtigallen riefen einander liebend zu,
Und dem Gesange folgte harmonisch tiefe Ruh'!

Ich sah die Sonne scheiden mit trübem Angesicht,
Ich wußt' nicht, was es wäre, und sah ins Mondenlicht,
Die Schmetterlinge flogen zu Myrtenbüschen auf,
Ich blickte immer höher und sah der Sterne Lauf.

Verwundert und erhoben, schaut' endlich ich ins Herz,
Und fühlte drin vereinigt die Sehnsucht, Lieb und Schmerz,
Da fragt' ich mich ganz ernsthaft, wer schuf dies Schöne, sprich,
Sprich, Seele, Herz, o sage: erschufst Du selber Dich?

Da rauscht es in den Palmen, mich faßt ein selig Weh!
Wer schuf mich und was bin ich, wer schuf das, was ich seh?
Mein Auge hatte Tränen, vernehmlich rief's in mir:
Er schuf aus Liebe alles, Er schuf das Herz in Dir!

Gerecht ist Er und weise, die Größe ist nur Er,
Und heilig ist sein Name, er lautet Ewiger!
Erhebe Dich, erkenne, wie er unendlich gut,
Doch mehr kannst Du nicht wissen, Du klebst an Fleisch und Blut

Du kannst das nie ergründen, was unergründlich ist,
So wie Du nicht ergründest, wie tief die Tiefe ist. –
Nur leise wehten Zweige durch blaue Frühlingsluft,
Des Mondes bleiche Helle schien in die Felsenkluft.

Ich war bewegt und setzte mich an des Meeres Strand,
Sah' in die Höh' und Tiefe, sah in der Wellen Brand;
Gerührt und dankerglühet, rief ich: »O Allmacht mein,
Die Gnade und Erbarmen und Liebe, sie sind Dein!«

Ich weinte Freudentränen, schon schien das Dämmerlicht,
Der Tau sank auf die Palmen, wie aufs Vergißmeinnicht,
Da kam der Morgen wieder, vorüber war die Nacht,
Mich dünkt, als wenn ich schliefe, – ich war erst aufgewacht!

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