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Friederike Kempner: Gedichte - Kapitel 358
Quellenangabe
typeanthology
authorFriederike Kempner
year1995
publisherMatthes & Seitz Verlag
addressMünchen
isbn3-88221-802-9
titleGedichte
pages3-21
created19991017
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1903
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Waldvöglein

        Waldvöglein zwitschert im Walde allein:
Werden wir niemals gleichgestellt sein
Jenen, die wir durch Lieder erfreu'n,
Und von all ihren Sorgen zerstreuen

Horch, aus Gebüsch und Blütenflor
Tönet hervor ein lustiger Chor:
Meinest Du etwa das Menschengeschlecht,
Ewig unmenschlich und ungerecht? –

Ach, nicht unsre Lieder bei Tag und Nacht,
Ach, nicht unsre Schönheit und Farbenpracht,
Keinerlei bricht seinen Uebermut,
Lechzend immer nach Fleisch und nach Blut!

Waldvöglein zittert, leise es weint,
Abendsonne es golden bescheint,
Plötzlich ruft es: Menschengeschlecht,
Jedes Geschöpf hat des Lebens Recht! –

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