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Gedichte

Achim von Arnim: Gedichte - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/arnim/gedicht2/gedicht2.xml
typepoem
authorAchim von Arnim
titleGedichte
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
seriesAchim von Arnims Werke
editorReinhold Steig
volumeDritter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091115
projectidc4abe48c
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Lehrgedicht an die Jugend

Ganz in allem gegenwärtig,
Sei es Ernst und sei es Spiel,
Ist Natur des Winks gewärtig,
Der ihr zeigt des Strebens Ziel:
Gestern noch in Mädchenspielen
Gleitet sie auf Eis mit Lust;
Frühling kommt, sie lernet fühlen,
Fromme Milch schwellt ihre Brust.

Sohn, sie folget deinen Winken,
Du der Geister Auge bist,
Lasse nicht dein Auge sinken,
Irrend sie dich bald vermißt;
Sprachrohr aller guten Geister
Sei bereit und nicht zerstreut,
Wenn der ew'ge Himmelsmeister
Dich mit mächt'gem Wort erfreut.

Willst du was, ergib dein Leben,
Es mit ganzer Seele treib,
Vieles wird sich dir ergeben,
Vieles wird ein Zeitvertreib.
Doch das meiste wird dich fliehen,
Wo der Schein dich schnell besiegt,
Vor des Geistes Vollerglühen
Falsches Gold wie Rauch verfliegt.

Eh du kannst die Welt bezwingen,
Bilde dich mit Fleiß an ihr,
Und gar stille Freuden dringen
Aus dem frommen Dienst zu dir.
Wer zu dienen erst verstanden,
Wird zum Herrschen dann geschickt,
Nur aus vieler Formen Banden
Steigt des Gottes Bild geglückt.

Weil er alle Welt muß fühlen,
Reift der höhre Mensch auch spät,
Stürme grimmig in ihm wühlen,
Ihn begeistert, was da weht,
Bis er nach dem langen Stimmen
Das Bestimmte trifft und kennt,
In der Welt verschiednen Stimmen
Dann vereinet, was getrennt.

Deine Stimme in den Chören
Klingt, obgleich es keiner weiß,
Nur dich opfern, ihn zu ehren,
Kannst du diesem höhern Kreis,
Und sein Geist wird ohn' dein Wissen
Dann zu lenken dich verstehn,
Denn er ist wie das Gewissen,
Läßt sich auch nur strafend sehn.

Das Bestimmte muß er ehren,
Umriß bleibt des Schicksals Sinn,
Muß das Unbestimmte stören,
Denn der Ärger bildet drin;
Schonen darf er nicht die Kranken,
Doch Erinnrung macht ihn zart,
Wenn die Kräfte sich auszanken,
Art läßt endlich nicht von Art.

Liebe dich nicht im Verziehen,
Liebe dich in harter Streng',
Harter Stoff kann dauernd glühen,
Weicher Sinn beschließ' uns eng:
Weicher Stoff kann sich verwandeln,
Harter Stoff gibt die Gestalt,
Und so herrscht im Denken, Handeln
Fest besonnene Gewalt.

Denke aus, was dich erschrecket,
Also unterwirfst du's dir,
Und der böse Geist, der necket,
Wird zum lust'gen Diener schier.
Sei im Geiste dir getreuer,
Und der Geist läßt dich allein,
Ja, er ist vor dir noch scheuer,
Als du magst gewesen sein.

Suche nie dich zu betäuben,
Horche jedem Herzensschlag,
Denn die Mühle mag wohl stäuben,
Doch zu treiben sie vermag;
Und die Räder gehn zu hörbar,
Ehe noch der jüngste Tag,
Kommt Gedächtnis unzerstörbar
Aus dem Rausche dumpf und wach.

In dem Lernen sei ein Schaffen,
In der Tat für andre Lehr',
Stets dein Urteil unter Waffen,
Und Gefühl zur Gegenwehr.
Muss die Sonn' sich ewig drehen,
Glück ist nicht in träger Ruh,
Denn die Füße sind zum Gehen,
Geh auf eignen Füßen zu.

Scheint es auch, das Hohe falle,
Scheint es doch von Sternen auch,
Doch die Sterne wieder wallen
Ruhig nach dem alten Brauch,
Schau ihr Fehlen nicht mit Ärger,
Nein, versteh ein göttlich Herz,
Unter Wolken sie verbergen
Ihren Freunden nur den Schmerz.

Fühle Trost in jungen Jahren
An dem Gott im Menschenkleid,
Manche sich durch Schrift bewahren,
Einer lebt in unsrer Zeit:
Will er mild den Arm dir reichen,
Drück ihn nicht wie andre Freund',
Glück, das paart sich nur in Gleichen,
Gott ist mehr als Menschenfreund.

Und erscheint als Gott dir ☼
Auf der Menschheit höherm Thron,Das Sonnenzeichen bedeutet, wie der Reim auch anzeigt, Goethe III. 27
O so glaub der Abendröte,
Werd' nicht rot vor ihm, mein Sohn;
Rüstig dann mit tücht'gen Händen
Wirst du frisch zum eignen Werk,
Was vollendet, kann nicht enden,
Zum Vollenden fühl die Stärk'.

Überlaß dich deinem Gotte,
Fühle, was du selber bist,
Was noch taugt, das trotzt dem Spotte,
Roheit schlecht bestanden ist:
Laß dich gern empfindsam schelten,
Sei es wie die Weltgeschicht',
Tief empfindsam sind die Helden,
Nur der Sklav empfindet's nicht.

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