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Gedichte

Achim von Arnim: Gedichte - Kapitel 61
Quellenangabe
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typepoem
authorAchim von Arnim
titleGedichte
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
seriesAchim von Arnims Werke
editorReinhold Steig
volumeDritter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091115
projectidc4abe48c
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Des ersten Bergmanns ewige Jugend

Ein Knabe lacht sich an im Bronnen,
Hält Festtagskuchen in der Hand,
Er hatte lange nachgesonnen,
Was drunten für ein neues Land.
Gar lange hatte er gesonnen,
Wie drunten sei der Quelle Lauf;
So grub er endlich einen Bronnen
Und rufet still in sich: Glückauf!
Ihm ist sein Kopf voll Fröhlichkeiten,
Von selber lacht der schöne Mund,
Er weiß nicht, was es kann bedeuten,
Doch tut sich ihm so vieles kund.

Er höret fern den Tanz erschallen,
Er ist zum Tanzen noch zu jung,
Der Wasserbilder spiegelnd Wallen
Umzieht ihn mit Verwandelung,
Es wandelte wie Wetterleuchten
Der hellen Wolken Wunderschar –
Doch anders will es ihm noch deuchten,
Als eine Frau sich stellet dar:
Da weichen alle bunte Wellen,
Sie schauet, küßt sein spiegelnd Bild,
Er sieht sie, wo er sich mag stellen,
Auch ist sie gar kein Spiegelbild.

»Ich hab nicht Fest, nicht Festeskuchen,
Bin in den Tiefen lang verbannt!«
So spricht sie, möchte ihn versuchen,
Er reicht ein Stück ihr mit der Hand;
Er kann es gar kein Wunder nennen,
Viel wunderbarer ist ihm heut,
In seinem Kopf viel Lichter brennen,
Und ihn umfängt ganz neue Freud';
Von seiner Schule dumpfem Zimmer,
Von seiner Eltern Scheltwort frei,
Umfließet ihn ein sel'ger Schimmer,
Und alles ist ihm einerlei.

Sie faßt die Hand, dem Knaben schaudert,
Sie ziehet stark, der Knabe lacht,
Kein' Augenblick sein Mut verzaudert,
Er zieht mit seiner ganzen Macht
Und hat sie kräftig Überrungen,
Die Königin der dunklen Welt,
Sie fürchtet harte Mißhandlungen
Und bietet ihm ihr blankes Geld.
»Mag nicht Rubin, nicht Goldgeflimmer«,
Der starke Knabe schmeichelnd spricht,
»Ich mag den dunklen Feuerschimmer
Von deinem wilden Angesicht!«

»So komm zur Kühlung mit hinunter!«
Die Königin ihm schmeichelnd sagt,
»Da unten blüht die Hoffnung bunter,
Wo bleichend sich das Grün versagt.
Dort zeige ich dir große Schätze,
Die reich den lieben Eltern hin,
Die streichen da nach dem Gesetze,
Wie ich dir streiche übers Kinn.«
So rührt sie seiner Sehnsucht Saiten,
Die Sehnsucht nach der Unterwelt,
Gar schöne Melodien leiten
Ihn in ihr starres Lagerzelt.

Gar freudig klettert er hinunter,
Sie zeigt ihm ihrer Adern Gold,
In Flammen spielt Kristall da munter.
Der Knabe spielt in Minnesold.
Er ist sogar ein wackrer Hauer,
Mit wilder Kühnheit angetan,
Hat um sein Leben keine Trauer,
Macht in den Tiefen neue Bahn
Und bringet dann die goldnen Stufen
Von seiner Kön'gin Kammertür.
Als ihn die Eltern lange rufen,
Zu seinen Eltern kühn herfür.

Die Eltern freuen sich der Gaben
Und sie erzwingen von ihm mehr,
Viel Schlösser sie erbauet haben
Und sie besolden bald ein Heer:
Er muß in strenger Arbeit geben,
Worin sie prunken ohne Not. –
Einst hört er oben festlich Leben,
Den trocknen Kuchen man ihm bot,
Da kann die Kön'gin ihn nicht halten
Mit irdisch kaltem Todesarm,
Denn in dem Knaben aufwärts wallten
So Licht als Liebe herzlich warm.

Er tritt zum Schloß zum frohen Feste,
Die Eltern staunen ihn da an,
Es blickt zu ihm der Jungfraun beste,
Es faßt ihr Blick den schönen Mann,
Im Bergkleid tritt er mit zum Tanze
Und hat die Jungfrau sich erwählt,
Und sie beschenkt ihn mit dem Kranze,
Er hat die Küsse nicht gezählt.
Da sind die Brüder zugetreten
Und seine Eltern allzugleich,
Die alle haben ihn gebeten,
Daß er doch von dem Feste weich'.

Da hat er trotzig ausgerufen:
»Ich will auch einmal lustig sein,
Und morgen bring ich wieder Stufen
Und heute geh ich auf das Frein!«
Da hat er einen Ring genommen
Vom Gold, wie es noch keiner fand,
Den hat die Jungfrau angenommen,
Als er ihn steckt' an ihre Hand.
Dann sitzt er froh mit ihr zum Weine,
Hat manches Glas hineingestürzt;
Spät schwankt er fort und ganz alleine,
Manch liebreich Bild die Zeit verkürzt. –

Die Lieb' ist aus, das Haus geschlossen
Im Schacht der reichen Königin;
Er hat die Türe eingestoßen
Und steigt so nach Gewohnheit hin.
Die Eifersüchtige hört ihn rufen,
Sie leuchtet nicht, er stürzt herab,
Er fand zur Kammer nicht die Stufen,
So findet er nun dort sein Grab.
Nun seufzt sie, wie er schön gewesen,
Und legt ihn in ein Grab von Gold,
Das ihn bewahrt vor dem Verwesen,
Das ist ihr letzter Minnesold.

Die Eltern haben ihn vergessen,
Da er nicht kommt zum Licht zurück,
Und andre Kinder unterdessen
Erwühlen neu der Erde Glück
Und bringen andre schöne Gaben
An Silber, Kupfer, Eisen, Blei,
Doch mit dem Gold, was er gegraben,
Damit scheint es nun ganz vorbei.
Die Jungfrau lebet nur in Tränen,
Die Liebe nimmt der Hoffnung Lauf
Und meint in ihrer Hoffnung Wähnen,
Ihr steh' das Glück noch einmal auf. –

Glückauf! nach fünfzig sauren Jahren
Ein kühner Durchschlag wird gemacht,
Die Kön'gin kämpfet mit den Scharen
Und hat gar viele umgebracht.
Sie hat gestellt viel böse Wetter,
Die um des Lieblings Grabmal stehn,
Doch Klugheit wird der Kühnen Retter,
Sie lassen die Maschinen gehn;
Da haben sie den Knaben funden
In kalten Händen kaltes Gold,
So hat er sterbend noch umwunden
Die Königin, die ihm einst hold.

Zur Luft ihn tragend alle fragen:
»Weiß keiner, wer der Knabe war?
Ein schöner Bursche, zum Beklagen,
Gar viele rafft hinweg das Jahr,
Doch keiner je so wohl erhalten
Kam aus der Erde Schoß zurück,
Denn selbst die flücht'gen Farben walten
Noch auf der Wangen frohem Glück;
Es sind noch weich die starken Sehnen,
Es zeigt die Tracht auf alte Zeit,
Er kostete wohl viele Tränen,
Jetzt kennt ihn keiner weit und breit.«

Die Jungfrau war tief alt geworden
Seit jenem Fest, wo sie ihn sah,
Spät trat sie in den Nonnenorden
Und geht vorbei und ist ihm nah;
Sie kommt gar mühsam hergegangen,
Gestützt auf einem Krückenstab,
Ein Traum hielt sie die Nacht umfangen,
Daß sie den Bräut'gam wieder hab'.
Sie sieht ihn da mit frischen Wangen,
Als schliefe er nach schöner Lust,
Gern weckte sie ihn mit Verlangen,
Hier stürzt sie auf die stille Brust.

Da fühlt sie nicht das Herz mehr schlagen,
Die Männer sehn verwundert zu:
»Was will die Hexe mit dem Knaben?
Sie sollt' ihm gönnen seine Ruh'.
Das wär' doch gar ein schlimm Erwachen,
Wenn er erwachte frisch gesund,
Und sie ihn wollte froh anlachen
Und hätte keinen Zahn im Mund!«
Jetzt schauet sie sein hart Erstarren
An dieser neuen Himmelsluft,
Die Farbe will nicht länger harren,
Die treu bewahrt der Kön'gin Gruft.

Hier ist die Jugend, dort die Liebe,
Doch sind sie beide nicht vereint,
Die schöne Jugend scheint so müde,
Die alte Liebe trostlos weint.
Was hülf' es ihr, wenn er nun lebte
Und wäre nun ein alter Greis,
Ihr Herz wohl nicht mehr zu ihm strebte,
Wie jetzt zu dieses Toten Preis.
Wie eine Statue er da scheinet
Von einem lang vergessnen Gott,
Die Alte treu im Dienst erscheinet
Und ist der jungen Welt zum Spott.

Es mag der Fürst sie nimmer scheiden,
Er schenket ihr den Leichnam mild,
Verlassne möchten ihr wohl neiden
Ein also gleich und ähnlich Bild.
Da sitzet sie nun vor dem Bilde,
Die Hände sanft gefalten sind,
Und sieht es an und lächelt milde
Und spricht: »Du liebes, liebes Kind,
Kaum haben solche alte Frauen
Wie ich noch solche Kinder schön,
Als meinen Enkel muß ich schauen,
Den ich als Bräut'gam einst gesehn.«

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