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Gedichte

Achim von Arnim: Gedichte - Kapitel 59
Quellenangabe
pfad/arnim/gedicht2/gedicht2.xml
typepoem
authorAchim von Arnim
titleGedichte
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
seriesAchim von Arnims Werke
editorReinhold Steig
volumeDritter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091115
projectidc4abe48c
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Der Wilddieb

Die Mutter hat schon lang geschaut
Von ihrem Giebelfenster,
Als kaum der Morgen hat gegraut,
Es weckten sie Gespenster:
Der Mann, der Sohn, sie blieben aus,
Sie wollten abends schon nach Haus.

Da naht der Sohn, sie lacht ihn an,
Er keucht mit schwerem Ranzen;
Sie rät, was ihm so lasten kann,
Was nach der Pfeif' muß tanzen:
Ob Hirsch, ob Reh im Tanze fiel?
Sie holet Wein zum Freudenspiel! –

Der Sohn schleicht scheu und denkt der Not,
Die nachts von ihm bestanden,
Wie viele Jäger ihn bedroht,
Im Dunkel ihn nicht fanden;
Der Vater nur, der konnt' nicht mit,
Der rief zu ihm die letzte Bitt'.

Der Vater scheut die lange Haft,
Fällt er in Jägerhände,
Erloschen war der Füße Kraft,
Der Augen Feuerbrände;
Vom Sohn erfleht er schnellen Tod,
Der wartet bis zum Morgenrot.

Der Sohn kann fliehen, doch er harrt,
Daß sich der Vater stärke,
Sein Fuß scharrt leis, sein Auge starrt,
Daß es der Vater merke:
Kein Jäger weicht von seinem Ort,
Sonst trüge er den Vater fort.

Der Fuchs, wenn ihn das Eisen fängt.
Beißt ab die eignen Glieder;
Die gleiche Not ihn jetzt umdrängt
Und das Gesetz der Brüder:
»Wer lebend fällt in Jägers Hand,
Den töte, wer ihm noch verwandt.«

Sein Kopf wird heiß, kein Tau ihm sinkt.
Die Nacht ist so verflossen,
Der Vater kniet, als Morgen blinkt,
Der Sohn hat abgeschossen,
Und wie der Vater niederfällt,
Die Jäger fliehn, die ihn umstellt.

Sie meinen all', ein Jäger tat's,
Und scheun des Sohnes Rache,
Durch Zeichen sind sie eines Rats,
Sie fliehn, als ob ein Drache
An ihre Fersen sei gebannt,
So sind die Jäger fortgerannt.

Des Vaters Ehr' bedenkt der Sohn,
Daß ihn nicht fressen Raben,
Daß ihn die Fremden nicht mit Hohn
In Kirchhofseck begraben:
Er sackt ihn ein und hebt ihn auf
Und eilt nach Haus im schnellen Lauf.

So tritt er zu der Türe ein,
Die Mutter fröhlich winket:
»Heut muß es reiche Beute sein,
Das Blut schon fernhin blinket!« –
»Da, Mutter, nehmt sie heut für Euch,
Ich brach mir keinen grünen Zweig.

Spart auf den Wein zum Totenmahl,
Das Ehbett macht zur Bahre,
Wascht Vatern rein vom blut'gen Strahl,
Daß keiner es erfahre,
Das beste Hemde zieht ihm an
Und sprecht, es starb am Schlag der Mann.

Ihr sorgt für Schmaus und ehrlich Grab,
Für Gäste will ich sorgen,
Die Büchs schoß manchen Vogel ab,
Die Freunde Kugeln borgen:
So viele Jäger uns umstellt,
So viele sind zum Schmaus gesellt.

Ich ruf die Freund' um Hilfe an,
Daß ich bald fertig werde,
Die Jäger treff ich Mann für Mann
Rings an des Försters Herde:
Durchs Fenster schießen wir hinein,
Solang sich reget ein Gebein.«

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