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Gedichte

Achim von Arnim: Gedichte - Kapitel 50
Quellenangabe
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typepoem
authorAchim von Arnim
titleGedichte
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
seriesAchim von Arnims Werke
editorReinhold Steig
volumeDritter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091115
projectidc4abe48c
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Romanzen

Der Brunnen in Reinsdorf

Reinsdorf liegt an dem Höhenzuge des Fläming, eine halbe Stunde von Wiepersdorf im tiefer gelegenen Ländchen Bärwalde entfernt.

Friedensruf durchtönt die Gassen,
Hoch vom Turme ausposaunt;
Reiter ziehn, belohnt entlassen,
Fort aus Halle froh gelaunt:
Jeder hat sich ausersonnen
Einen neuen Lebenslauf,
Hoffnung geht in Friedenswonnen
Über einer Wildnis auf.

Heimkehr sammelt Landsgenossen
Nach dem dreißigjähr'gen Kampf,
Viere steigen von den Rossen,
Deren Atem heißer Dampf;
Rastlos sind sie heimgeritten,
Jeder sucht sein Vaterhaus,
Doch die Häuser und die Hütten
Brannte Kriegesfeuer aus.

Nicht die Stelle ist zu kennen,
Wo das Dorf am Flämingsrand
Lag, das sie als Heimat nennen,
Doch schon winkt die höhre Hand:
Alles sank in Kriegesjahren,
Nur die starke Kirchenwand
Konnte dachlos sich bewahren,
Zeigt den Wald, wo Reinsdorf stand.

Heinrich will zur Kirche treten,
Vetter Gottlob hält ihn fest:
»Morgen ist noch Zeit zum Beten,
Jeder suche erst sein Nest;
Sieh, der Gärten Scheidefahren
Zeigen in der Wildnis bald,
Wo der Eltern Häuser waren
In dem dichten Birkenwald.

Wo im Krieg die Eltern blieben,
Sagt kein Nachbar ringsumher,
Ist hier an kein Kreuz geschrieben,
Da der Kirchhof wüst und leer;
Hier kein Pred'ger und kein Küster,
Um ins Kirchenbuch zu schaun,
Pest, Krieg, Hunger sind Geschwister,
In der Fremde sucht euch Fraun!

Keiner sich in Gram versäume,
Folgt der Welt in ihrem Lauf;
Jetzt zur Arbeit, fället Bäume,
Räumt die alten Höfe auf,
Sucht die alten Grundsteinmauern –
Denn, wer weiß? des Vaters Schatz
Leuchtet nächtlich unter Trauern,
Daß der Sohn nicht fand den Platz.«

Hart gewöhnt in harten Zeiten,
Leichten Sinns, bei gutem Mut,
Wissen sie sich zu bereiten
Obdach gegen Regenflut;
Doch nun schrecken sie zusammen,
Diese eine Sorge quält,
Gegen heißen Durstes Flammen
Ihnen hier der Brunnen fehlt.

Nirgends ist der Born zu finden,
Der das ganze Dorf getränkt,
Langsam war er aufzuwinden,
Er war hundert Fuß gesenkt;
Durch des Bergmanns Kunst getrieben
Und gebaut durch seine Hand,
Ist er unerschöpft geblieben,
Wasser sich stets drinnen fand.

Wer kann jetzt den Bergmann finden,
Der zur Quelle niederdringt,
Der die Tiefe kann ergründen
Und den Bau zustande bringt?
Da entsinkt die Axt den Händen,
Einer zäumet gleich sein Pferd,
Daß sie andre Landart fänden,
Wo das Wasser nah der Erd'.

Gottlob ruft: »Laßt mich nur sorgen,
Zieht ins Ländchen von der Höh',
Quellen, die hier tief verborgen,
Finden wir da gleich am See!«
Dreie woll'n zu Pferde steigen,
Heinrich weicht nicht so geschwind:
»Erst zur Kirch', ich will euch zeigen,
Wo wir eingesegnet sind!«

Doch da hemmt sie ein Verkünden,
Aus der Kirche tönt es laut:
»Einen Brunnen wird der finden,
Der auf Gott, den Herrn, vertraut,
Einen Brunnen voller Gnaden,
Einen Brunnen, der da kühlt,
Der da heilt des Feuers Schaden,
Der des Sünders Herz durchwühlt:

Bleibt und baut!« Die Geisterworte
Treiben schneller sie zu Roß,
Jeder scheut die Todespforte,
Der das Leben gern genoß;
Doch der Schrecken lähmt die Glieder,
Als zur Kirchentür hinaus
Tritt die Jungfrau, grüßt als Brüder,
Die ergriffen stehn vor Graus.

»Annchen heiß ich, kleine Anne,
Bruder Gottlob, kennst du mich?
Und in diesem ernsten Manne
Grüß ich, Vetter Heinrich, dich;
Doch ihr wollet noch nicht hören,
Haltet mich für Höllentrug;
Euren Irrtum zu belehren,
Flattert her der Taubenzug.

Seht, sie lassen sich hernieder,
Setzen sich aufs Haupt mir fest,
Setzen sich hier auf mein Mieder
Ruhig, sicher, wie aufs Nest;
Seht, ich biete ihnen Futter
Mit dem Mund beim Wiedersehn,
Küssend nähr ich sie als Mutter,
Ihre Flügel mich umwehn.

Seht, die Ziege kommt gesprungen,
Auferzogen einst mit mir;
Kennt ihr sie? die kleinsten Jungen
Hüpfen auf das alte Tier;
Bleibt und sehet rings den Frieden,
Auch das Reh sich mir gesellt,
Seht das Paradies hienieden,
Eh die Sünde in der Welt.«

Dieses Wunder lockt die Reiter,
Und sie sehn den Geist nun an,
Ihre Augen werden heiter,
Und sie nahn sich Mann für Mann;
Tief ins Herz durch Lederkoller
Dringt des Blickes Tränenschmuck,
Aller Augen schimmern voller,
Heinrich bietet Händedruck:

»Ja, das ist die kleine Anne,
Zehen Jahre es nun sind,
Ich war schon gereift zum Manne,
Sie war noch ein lieblich Kind.
Doch wir hielten stets zusammen,
Und das Kind war mir so gut;
Weil aus einem Haus wir stammen,
Lag es uns schon in dem Blut.

So beim letzten Erntefeste
Bringt sie mir zuerst den Krug,
Achtet nicht der ältern Gäste,
Ich ward aus dem Kind nicht klug,
Das, zur Jungfrau schnell verwandelt,
Durst verwandelt in den Kuß;
Bald ein Kuß ist eingehandelt,
Weil den Krug sie schützen muß.«

»Ja, du nahmst mir, statt zu trinken,
Zweimal Küsse ab mit List,
Und im Tanz dein frohes Winken
Sich doch nimmermehr vergißt.
Heinrich, das ist nun vorüber,
Gegenwärtig ist die Not,
Ach, dein Kuß löscht Durst im Fieber,
Tränen netzten hier mein Brot.

Mir der Taufstein sammelt Regen,
Dort der Pfuhl, der tränkt mein Vieh,
Doch euch gnügt nicht dieser Segen,
Für uns wen'ge reicht er nie.
Hört, ich hoff euch zu entdecken,
Wo der alte Brunnen stand,
Den der Schulze ließ verstecken,
Daß der Feind ihn nimmer fand.

Holz und Erd' ließ drauf er decken
Und dann starb er an der Pest,
Feuer flog aus allen Ecken,
Als nun kamen fremde Gäst';
Denn sie merkten wohl die Tücke,
Daß der Brunnen zugedeckt;
Ich blieb einsam krank zurücke,
Alle andern flohn erschreckt.

Nur ein Zeichen ist mir blieben,
Heinrich, ach! das weißt du nicht,
Denn ganz heimlich war mein Lieben,
Nur die Not heut aus mir spricht:
Wenn ich Wasser sollte holen
Von dem Brunnen, unverwandt
Blickte ich zur Kirch' verstohlen,
Wenn die Türe offen stand.

Heinrich saß da; zwar verschwunden
Ist der Stuhl im Kirchenbrand;
Doch ich hab ein Kreuz gebunden,
Dort gesetzt mit treuer Hand;
Denn wie konnte ich noch glauben,
Dich auf Erden je zu sehn?
Auf dem Kreuze sitzen Tauben;
Heinrich, geh, dort mußt du stehn.«

Wie er zu dem Sitz sich stellet,
Geht sie mit den andern fort;
Manches Bäumchen ward gefället,
Eh sie schaut den rechten Ort;
Doch nun kniet sie plötzlich nieder,
Ruft mit ausgestreckter Hand:
»Ja, nun seh ich Heinrich wieder,
Seht, wir stehn am Brunnenrand.

Spaten habt ihr auf dem Pferde
Mitgebracht zum Gartenbau,
Werfet ab die Rasenerde,
Hohl es klingt, und Holz ich schau;
Ihr seid stark; wer sollte meinen,
Daß ihr solche Balken hebt?
Wonne! seht das Wasser scheinen,
Wie's zu uns im Blicke bebt.

Dankt dem Herrn, der ihn erhalten,
Diesen Brunnquell reich und voll,
Jeder muß die Hände falten,
Dies Gebet vom Herzen quoll;
In der Kirche liegen Ketten,
Wohlverwahrt bei Heinrichs Stuhl;
Auch den Eimer tät ich retten,
Holt ihn her vom Wasserpfuhl!«

Wie der feste Eimer steiget
Vollgefüllet hoch empor,
Sich die Abendsonne neiget,
Und es singt der ganze Chor
Das »Allein Gott in der Höhe«,
Und bei diesem ersten Trank,
Sich verlobend zu der Ehe,
Heinrich Annen fest umschlang.

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