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Gedichte

Achim von Arnim: Gedichte - Kapitel 47
Quellenangabe
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typepoem
authorAchim von Arnim
titleGedichte
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
seriesAchim von Arnims Werke
editorReinhold Steig
volumeDritter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091115
projectidc4abe48c
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Reime zu einem Gemälde

Arme Seele
Ach gnäd'ger Herr, wie ist's gekommen,
Daß ich im Himmel bin aufgenommen?
Bin keiner Tugend mir bewußt,
Und was ich tat, geschah in Lust;
Es muß dabei ein Irrtum sein,
Ich gehöre sicher wo anders hinein!

         Der Herr
        Du Simplex! sei doch damit zufrieden,
        Willst du denn lieber dort höllisch sieden,
        Als hier im Schatten bei kühlen Früchten
        Dich ausruhn von den ird'schen Geschichten?
        Viel Fragen macht auch viel Antwortgeben,
        Sei froh, daß du zogst ins himmlische Leben.

Arme Seele
Mit Nichten, das war nie meine Sach',
Mich einzudrängen in ein Gefach,
Dem ich nicht völlig gewachsen war;
Erst machet mir, Herr, das alles klar,
Womit ich diesen Himmel verdient,
Sonst geh ich hinaus, des bin ich erkühnt.

         Der Herr
        Sei nicht so kurz ab, du sollst gleich wissen,
        Warum wir dich ungern im Himmel missen.
        Wer kann auf Erden was Sonderlichs tun?
        Doch mochtest du auch nicht träge ruhn,
         Gingst deines Wegs, ließest andre sprechen
        Von hohen Planen und menschlichen Schwächen,
        Du hast so manches nicht angerührt,
        Womit sich andre als trefflich beschmiert;
        Hast alles so willig ganz unterlassen,
        Wozu dein Ingenium nicht täte passen;
        Hast niemals dich gegen mich verstellt,
        Hast gebetet als Mensch, wie das Hündlein bellt;
        Bist niemals mir in den Weg getreten,
        Mit plumpen Fäusten ein Schicksal zu kneten:
        Genug, du bliebst, wie ich dich geschaffen,
        Du bliebst ein Mensch unter himmlischen Affen.

Arme Seele
Das nenne ich alles noch Kleinigkeit,
Ich stehle mich nicht in die Seligkeit.

         Der Herr
        Wo ich ein Kleines dir aufgetragen,
        Da hast du nicht höhnisch dich überschlagen;
        Du hast es vollbracht, als wär's das Größte,
        Und hast gewendet daran das Beste:
        Den vollen Willen, den ganzen Verstand
        Und jeden Strahl, den ich dir gesandt.

Arme Seele
Das ist wohl etwas, ich laß es gelten,
Doch wollte es jeder auf Erden schelten
Und nannte es schier ein Kinderspiel,
Was ich durchdacht mit ganzem Gefühl;
Das Kleinste im Schaffen rein zu halten,
Kostet mehr, als die größten Lügen gestalten;
Doch was ich mit stillem Fleiße vollbracht,
Das wurde von allen Narren belacht.

         Der Herr
        Ich hab dich knapp gehalten in Ehr',
        Du warst es zufrieden, nun hast du mehr,
        Hast mehr auf Erden, als du je verlangt,
        Sieh hinab, wie dort dein Wohnsitz prangt!
         Denn sieh, das Kleinste ist groß geworden,
        Um deine Hütte sammeln sich Horden,
        Um deinen einsamen Altarstein
        Erhebt sich ein Münster mit hohem Schein;
        Wo du die Kerne der Früchte gesteckt,
        Ein freudiger Wald die Erde bedeckt;
        Wo du dir einsam Muscheln gesucht,
        Da flaggt die beschiffte Hafenbucht;
        Es streitet die Welt um den heiligen Ort
        Und glaubt sich da näher der Himmelspfort',
        Und wer nur ein Wörtlein von dir verkündet,
        Der meint, er habe dich selber ergründet,
        Sie streiten sich, wie du jedes gemeint,
        Was sonst sie verwarfen als ungereimt.

Arme Seele
Es ist doch gar ein seltsam Geschlecht,
Es ist wohl nur dumm, es ist doch nicht schlecht!
Doch freu ich mich, daß ich's überstanden;
Es tat mir leid, als ich mißverstanden,
Doch weher tut's mir, daß ich überschätzt,
Daß meine Dummheit jetzt andre ätzt,
Daß mit dem Guten das Böse bleibt,
Daß Besseres lebt und es nicht vertreibt.
Ich möchte jetzt sichten, mich widerlegen,
Und kann mich nicht zur Erden bewegen.

         Der Herr
        Du wolltest ja nicht zufrieden sein,
        Dich an dem Himmel umsonst zu erfreun!

Arme Seele
Wohl hätt' ich das Fragen hier lassen sollen,
Nun muß ich noch mit der Erde recht grollen,
Die ich mir immer vom Leibe hielt;
So ist nun der Leib und die Seele verspielt.

         Der Herr
        O könnt' ich dir andre Gedanken machen,
        Der Toren auf Erden solltest du lachen.
         Was schiert's dich, wenn du warst ein Prophet?
        Darum dir noch kein Jammer ansteht;
        Was brummst du, daß du ein lieber Sohn?
        Was sprichst du nun deiner Weisheit Hohn?
        Was ärgert dich all das Weltgetümmel?
        Du bist doch einer der besten im Himmel!

Arme Seele
Ich dank euch für dieses gnäd'ge Wort,
Doch nimmt es von mir die Sorgen nicht fort;
Wie wäre mir jetzt ein Vergessen willkommen,
Sonst machte es mich so angst und beklommen.

         Der Herr
        Du hast so oft ums Gedächtnis gebetet,
        Doch sei jetzt das Unkraut all ausgejätet,
        Du machtest dich meiner Liebe so wert:
        Dir sei jetzt ein volles Vergessen beschert.

Arme Seele
Von der ganzen verheißnen Ewigkeit
Ist Vergessen die größte Seligkeit.

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