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Gedichte

Achim von Arnim: Gedichte - Kapitel 22
Quellenangabe
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typepoem
authorAchim von Arnim
titleGedichte
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
seriesAchim von Arnims Werke
editorReinhold Steig
volumeDritter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091115
projectidc4abe48c
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An Bettina

Aus ihrem Braut- und jungen Ehestande.

1

Frankfurt am Main 1808

Zuweilen tat mir das Heiz so weh,
Als ob es wär' gesprungen,
Und wenn ich dann recht in mich geh,
So hat mir das Ohr geklungen.
Was klingt das Ohr, was schlägt das Herz
So laut an die großen Glocken?
Es treibt der Himmel im Herzen Scherz,
Da ist der Verstand erschrocken
Und schiebt es wohl auf die Witterung
Und auf die vergangenen Zeiten,
Wer liebt, der ist noch im Himmel jung
Und schauet die Erden von weitem.

2

Lieben und geliebt zu werden.

Heidelberg 1808

Lieben und geliebt zu werden
Ist das einzige auf Erden,
Was ich könnte, was ich möchte,
Was ich dächte,
Daß es mir noch könnte werden,
Lieben und geliebt zu werden.

Lieben und geliebt zu werden
Lehrt ihr mich, ihr muntern Herden,
Wenn gehörnte Böcklein springen,
Muß ich singen:
Lieben und geliebt zu werden
Wünsch ich mir, es wird mir werden.

Lieblich um geliebt zu werden
Treibt des Abends Gold die Herden
Mit dem frohen Sängergruße
Zu dem Flusse;
Könnt' ich meinen Sinn erkühlen,
Auszuströmen, auszufühlen.

Liebend auch geliebt zu werden,
Ach wer trüg' da nicht Beschwerden,
Seht die Stiere scharf sich drängen;
Leichte Gänge!
Streitend möcht' ich für sie sterben,
Für sie leben, sie erwerben.

Liebe, die ich lieben werde,
Ich der glücklichste der Erde,
Und sie muß mir bald begegnen,
Mich zu segnen;
Denn noch nie mit süßerm Schallen
Schmetterten die Nachtigallen.

Liebe tritt mir bald entgegen,
Wie dem Frühling warmer Regen,
Grüne Blätter und von allen
Tropfen fallen:
Und kein Tropfen soll verkommen,
Warum war ich doch beklommen?

Liebend um geliebt zu werden.
Lauscht der Wald dem Tritt von Pferden
Kommt Sie da? Ich hör im Düstern
Vögel flüstern!
Nein, es jagen sich die Füllen,
Kinder lieben nicht im stillen.

Lieb ich um geliebt zu werden,
Still genügen mir Gebärden,
Vor mir leise reden, lachen,
Sie umwachen!
Mein vertrauter Lustgefährte
War' der Traum auf ihrer Fährte.

Liebend um geliebt zu werden
Reis' ich um die grüne Erde;
Ach wo wird der Blick mich finden,
Der mich bindet?
Und an welchem frommen Herde
Bleib ich um geliebt zu werden?

Lieben und geliebt zu werden,
Lieblich Dasein, lieblich Werden,
Heimlich Wesen und verstohlen,
Wo sie holen?
Ach in welchen öden Mauern
Mag sie lauern, mag sie trauern.

Liebend gleich geliebt zu werden,
Letzte Abendröt' beschere,
Löse auf der roten Schleifen
Himmelsstreifen:
Sinkt des Auges helle Wonne,
Mir im Herzen steigt die Sonne.

Wie mein Auge sich verklärte,
Alles flüchtet, was beschwerte,
Wie auf Wiesen Lüftlein zittern
Hell zu flittern:
Flitterwoche wird mein Leben;
Wird dann hell in Nacht verschweben.

Liebend so geliebt zu werden,
Ach zu arm ist diese Erde,
In die Lüfte muß ich küssen,
Sie zu grüßen:
Nur der Überfluß der Sterne
Gibt mir Zeichen aus der Ferne.

Liebend wieder g'liebt zu werden,
Lieget ruhig, liebe Herden,
Laßt euch nicht im Schlafe stören,
Mich zu hören!
Hört, ich muß nur Luft mir machen,
Singend in das Feuer sehn und wachen.

3

Die Uhr der Liebe

Wie die Stunden rennen
Mir an Liebchens Seit',
Auf der Zunge brennen
Lieb' und Heimlichkeit;
Soll ich ihr bekennen,
Was im Herzen brennt,
Und wie soll ich nennen,
Was sie noch nicht kennt?

Herz, sei doch zufrieden,
Sie still anzusehn,
Würden wir geschieden,
Müßtest du vergehn;
Schweige, noch hienieden
Ward es nicht so schön,
Daß in sel'gem Frieden
Zweie sich ansehn. –

Wie die Stunden schleichen
Fern von ihm verbracht,
Gib ein einzig Zeichen,
Sternenhelle Nacht,
Gib ein einzig Zeichen,
Ob er wieder liebt,
Frühling will verstreichen
Und kein Zeichen gibt.

Und die Sterne lachen
Mich zum Hohne an,
Und der Mondennachen
Mir nicht helfen kann;
Ruhlos treibt der Nachen
Durch die Sterne hin,
Herz, auch du mußt wachen,
Schlafen wär' Gewinn.

Herz, du könntest träumen
Eine Fahrt so schön,
Sähst zu sel'gen Räumen
In der Nacht Getön;
Nachtigall auf Bäumen,
Dich versteh ich nun,
Willst das Feld nicht räumen,
Kannst darin nicht ruhn.

4

Zur Verlobung

Berlin, am 4. Dezember 1810

Es war ein Abend, sternlos, grau und feucht,
Gleichgültig zog der Wind am Strom entlang,
Und wieder trennen sollte uns der Gang,
Zu dem ich dir so still den Arm gereicht.

O Welt, wie anteillos und doch voll Klang,
O Herz, wie oft getäuscht und nicht gebeugt!
Der Tag, auf den du warst vertröstet, weicht
Und hat verscherzt der Hoffnung ernsten Drang.

Wir schieden schon – da drückt sich Hand in Hand,
Und beide ziehn im Glückstopf gleiches Los,
Uns eint auf freier Straß' ein freies Band,

Daß ich die Hand nun nimmer lasse los,
Das macht des Steines Sinnbild dir bekannt,
Der Ring sei nicht zu klein und nicht zu groß.

5

Zu Neujahr 1811

für ein blühendes Rosenstöckchen

Ein Sternenhauch vom Himmelslauf
Die offne Brust mit Glanz umkühlt,
Ein Frühling neu im Herzen spielt,
Ein neues Röslein blüht darauf;
Du hast es mir ans Herz gelegt,
So bist du draußen, bist darin,
Des Frühlings Kraft sich doppelt regt,
Das Röslein wächst und füllt den Sinn,
Ich schwimme in dem Liebesduft,
Unendlich scheint das Blau der Luft.

Du fragst mich, Stern der Winternacht,
Ob ich von süßem Weine glüh,
O freu dich, wie ich duftend blüh,
Mein blühend Herz beim Röslein wacht,
Gern tät' es sich mit Worten kund
So lebenswarm wie Tropfen Blut,
Doch schließt das Röschen schon den Mund
Und tut da kühlend mir so gut,
Die Augen füllt ein süßer Drang,
O Liebestau, o frommer Dank!

6

Nachtgebet

Aus der Zeit des Harrens

Wann wird die Nacht mir enden,
Wann werd ich wieder wach?
Wann trägt auf goldnen Händen
Auch mich ein Freudentag?
Nur wenn ich auf den Knieen
Zu dir, o Herr, gefleht,
In meiner Tränen Glühen
Hat Hoffnung mich umweht
Und rief zu mir aus tiefer Not:
Mensch, hilf dir selbst, so hilft dir Gott!

Doch als ich aufgestanden,
Vertrauend umgeschaut,
Da fehlt in allen Landen
Dein Licht, dem ich vertraut,
O könnt' ich ewig beten
Zu dir, o Herr, im Geist,
Da würd' auch ich betreten
Das Land, das du verheißt,
Und säh' schon hier des Morgens Keim:
In dir kehrt mein Vertrauen heim!

7

Nach der Vermählung

Im März 1811

Aus einem Briefe Arnims an die Brüder Grimm.

Bis hierher schrieb ich als ein Junggeselle,
Heut sing ich als ein Ehemann,
Schon jenseit einer goldnen Schwelle
In eines stillen Zaubers Bann.
Belebte Nächte, ruhigheitres Tagen
Umgibt mich mit Verwunderung,
O süßer Morgen, fröhliches Behagen,
Wie fühl ich mich in Gott so jung!
O Gott, wie bist du stark in deinen Schmerzen,
In Freuden deine Liebe schön!
Ich kann zu dir aus tieferfreutem Herzen
Wie in den klaren Morgen sehn.

8

Stern

Ich sehe ihn wieder
Den lieblichen SternDer große Komet (Haarstern) des Jahres 1811.
Er winket hernieder,
Er nahte mir gern;
Er wärmet und funkelt,
Je näher er kömmt,
Die andern verdunkelt,
Die Herzen beklemmt.

Die Haare im Fliegen
Er eilet mir zu,
Das Volk träumt von Siegen,
Ich träume von Ruh',
Die andern sich deuten
Die Zukunft daraus,
Vergangene Zeiten
Mir leuchten ins Haus.

9

Vorgenossen, nachempfunden

Vorgenossen, nachempfunden
Waren sonst des Jahres Stunden
Und die Gegenwart so leer,
Trübe Luft auf ödem Meer.

Seit ich dich in steter Nähe,
Mich wie deinen Schatten sehe,
Ach, wie anders Gegenwart,
Stunden, wie von andrer Art!

Keine Zukunft, nichts vergangen,
Gar kein törichtes Verlangen,
Und mein Zimmer eine Welt,
Was ich treibe, mir gefällt.

Selbst bei süßem Müßiggange
Wird mir um die Zeit nicht bange;
Kaum hast du mich angeblickt,
Ist die Arbeit mir geglückt.

Und ein Jahr ist so vergangen,
Und ein Kind, von dir empfangen,
Zeigt des Jahres liebreich Bild:
Großer Gott, wie bist du mild!Das erste Kind, Johannes Freimund, wurde am 5. Mai 1812 geboren.

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