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Annette von Droste-Hülshoff: Gedichte 1844 - Kapitel 75
Quellenangabe
pfad/droste/1844/1844.xml
typepoem
authorAnnette von Droste-Hülshoff
titleGedichte 1844
booktitleGesammelte Werke, Band II: Gedichte
year1948
publisherLiechtensteinverlag, Vaduz
editorReinhold Schneider
pages7-232
correctorreuters@abc.de
senderbelmekhira@hotmail.com
created20010426
firstpub1844
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Sit illi terra levis!

So sonder Arg hast du in diesem Leben
Mich deinen allerbesten Freund genannt,
Hast mir so oft gereicht die hagre Hand,
Hab' ich gelächelt, mag mir Gott vergeben.
Die Schlange wacht in jedes Menschen Brust,
Was ich dir bot, es war doch treue Gabe,
Und hier bekenn' ich es, an deinem Grabe,
Du warst mir lieber als ich es gewußt.

Ob ich auch nie zu jenen mich gesellte,
Die lachend deine Einfalt angeschaut;
Des Hauptes, das in Ehren war ergraut,
Verhöhnung immer mir die Adern schwellte,
Doch erst, wo aller Menschen Witz versiegt,
Ein armer Tropfen in Ägyptens Sande,
Hier erst erkenn' ich, an der Seelen Brande,
Wie schwer des Auges warme Träne wiegt.

Sah ich sie nicht an deine Wimper steigen,
Wenn du dem fremden Leide dich geeint?
Hast du nicht meinen Toten nachgeweint,
So heiß, wie deines eignen Blutes Zweigen?
O! wenn ich in der Freude des vergaß,
Mit bitterm Herzen muß ich es beklagen;
Denn, von des Schicksals harter Hand geschlagen,
Wie gern ich dann in deinem Auge las!

Noch seh' ich dich im Hauch des Winterbrodems
Herstapfen, wie den irren Heidegeist,
Wenn Tropf' an Tropfen deiner Stirn entfleußt,
Hör' noch das Keuchen deines armen Odems.
Es waren schlimme Wege, rauh und weit,
Die du gewandelt manche Winterwende,
Um des Altares heil'ge Gnadenspende
Zu tragen mir in meine Einsamkeit.

O, manchem Spötter gabst du ernst Gedenken,
Wenn höhnend deine kleine Hab' er pries,
Für schlechtes Ding dir Tausende verhieß,
Und du nur glücklich warst, ihn zu beschenken!
So wert war dir kein Gut, so ehrenreich,
Daß du es nicht mit Freuden hingegeben!
Dann sah man deine Lippen freundlich beben
Und zucken wie das Dämmerlicht im Teich.

An deinem Kleide, schwarz und fadenscheinend,
War jeder Fleck ein heimlich Ehrenmal,
Du frommer Dieb am Eignen! ohne Wahl
Das Schlechteste dir noch genugsam meinend.
Mann ohne Falsch und mit der offnen Hand,
Drin wie Demant der Witwe Heller blinken,
Sanft soll der Tau auf deinen Hügel sinken,
Und leicht, leicht sei dir das geweihte Land!

Schlaf sanft, schlaf still in deinem grünen Bette,
Dir überm Haupt des Glaubens fromm Symbol,
Die Welt vergißt, der Himmel kennt dich wohl,
Ein Engel wacht an dieser schlichten Stätte.
Auch eine Träne wird dir nachgeweint,
Und wahrlich keine falsche: »Ach sie haben,
Sie haben einen guten Mann begraben,
Und mir, mir war er mehr« mein wärmster Freund!

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