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Annette von Droste-Hülshoff: Gedichte 1844 - Kapitel 74
Quellenangabe
pfad/droste/1844/1844.xml
typepoem
authorAnnette von Droste-Hülshoff
titleGedichte 1844
booktitleGesammelte Werke, Band II: Gedichte
year1948
publisherLiechtensteinverlag, Vaduz
editorReinhold Schneider
pages7-232
correctorreuters@abc.de
senderbelmekhira@hotmail.com
created20010426
firstpub1844
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Der kranke Aar

Am dürren Baum, im fetten Wiesengras
Ein Stier behaglich wiederkäut' den Fraß;
Auf niederm Ast ein wunder Adler saß,
Ein kranker Aar mit gebrochnen Schwingen.

»Steig auf, mein Vogel, in die blaue Luft,
Ich schau dir nach aus meinem Kräuterduft.«
»Weh, weh, umsonst die Sonne ruft
Den kranken Aar mit gebrochnen Schwingen!«

»O Vogel, warst so stolz und freventlich
Und wolltest keine Fessel ewiglich!«
»Weh, weh, zu viele über mich,
Und Adler all, brachen mir die Schwingen!«

»So flattre in dein Nest, vom Aste fort,
Dein Ächzen schier die Kräuter mir verdorrt.«
»Weh, weh, kein Nest hab' ich hinfort,
Verbannter Aar mit gebrochnen Schwingen!«

»O Vogel, wärst du eine Henne doch,
Dein Nestchen hättest du im Ofenloch.«
»Weh, weh, viel lieber ein Adler noch,
Viel lieber ein Aar mit gebrochnen Schwingen!«

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