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Annette von Droste-Hülshoff: Gedichte 1844 - Kapitel 65
Quellenangabe
pfad/droste/1844/1844.xml
typepoem
authorAnnette von Droste-Hülshoff
titleGedichte 1844
booktitleGesammelte Werke, Band II: Gedichte
year1948
publisherLiechtensteinverlag, Vaduz
editorReinhold Schneider
pages7-232
correctorreuters@abc.de
senderbelmekhira@hotmail.com
created20010426
firstpub1844
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Das Autograph

Pst! – St! – ja, ja,
Das mocht' eine Pracht noch heißen,
Als ich am Ärmel sah
Die goldenen Tressen gleißen!
Wie waren die Hände weiß und weich,
Wie funkelten die Demanten!
Wie schwammen drüber, so duftig, reich,
Die breiten Brüsseler Kanten!

Das waren Bilder und Lockenpracht,
Wie mähnige Leun in Rahmen!
Das Vasen! wo in der Galatracht
Spazierten schäfernde Damen!
Und, o, das war eine Blumensee,
Ein farbiges Blütengewimmel!
Das eine berauschende Äthernäh'
Von heißem südlichem Himmel!

Pst! – St! – ich duckt' in meinem Fach,
Pst! still wie Vögel im Nest,
Und ward am Gitter die Brise wach,
Dann ruschelt' ich mit dem West.
O, o! der war auch ein Vagabund:
Von Bogen flog er zu Bogen,
Hat aus der Siegel Granatenmund
Säuselnde Küsse gesogen.

Pst! – drunten, hart an meiner Klaus'
Ein Tisch auf güldenen Krallen;
Und wispelte ich zu weit hinaus,
Ich wär' auf den Amor gefallen;
Der stand, einen Köcher in jeder Hand,
Wie sinnend auf lustige Finte,
Das Haupt gewendet vom stäubenden Sand,
Und spiegelte sich in der Tinte.

Sieh! drüben der Türen Paneele, breit
Geschmückt mit schimmernden Leisten!
Wie hab' ich geflattert und mich gefreut,
Wenn leise knarrend sie gleißten!
Dann kam das Ding ein Mann? ein Greis?
Nie konnte ich satt mich schauen,
Daß seine Lockenkaskaden so weiß,
So glänzend schwarz seine Brauen!

Schrieb, schrieb, daß die Feder knirrt' und bog,
Lang lange schlängelnde Kette,
Und sachte über den Marmor zog
Und schleifte sich die Manschette.
Das summt' und säuselte mir wie Traum,
Wie surrender Bienen Lesen,
Als sei ich einst ein seidener Schaum,
Eine Spitzenmanschette gewesen.

Pst! – stille, – sieh, ein Andrer! – sieh!
Wie schütteln des Schreibers Locken!
Er beugt und schlenkert sich bis ans Knie,
Schlürft und schleicht wie auf Socken.
Ha! Es zupft mich, ich falle, ich falle!
Da liege ich hülflos gebreitet,
Und über mich die tintige Galle
Wie Würmer krimmelt und gleitet.

Licht! Leben! durch die Fasern gießt
Gleich Ichor sich der Menschengeist;
Wie's droben tönt, die Spalte fließt,
Gedankenwelle schwillt und kreißt.
» Viva!« ein König wird gegrüßt
Es fault im Mark, die Rinde gleißt.
Und Schiffe, schwer von Proviant,
Ziehn übers Meer vom Nordenstrand.

Ich zittre, zittre; jenes Fremden Auge,
Lichtblau und klar, ist über mich gebeugt;
Ob es den Geist mir aus den Fasern sauge?
Ich weiß es nicht, sein Blinzen sinkt und steigt,
Ein Auge scharf wie Scheidewassers Lauge!
Er streicht die Brauen, faßt die Feder leicht
Nun schlängelt er nun drunten steht es da:
» Theodor' il primo, re di Corsica.«

Pst! still! – der König spricht, Denar, halt Ruh!
Was schaukelst dich, was klimperst du?

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