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Gedichte

Henrik Ibsen: Gedichte - Kapitel 32
Quellenangabe
typepoem
authorHenrik Ibsen
booktitleGedichte
titleGedichte
publisherS. Fischer Verlag
seriesHendrik Ibsen sämtliche Werke - Volksausgabe in fünf Bänden
volumeBand 1
editorJulius Elias, Paul Schlenther
year1907
translatorEmma Klingenfeld, Max Bamberger, Christian Morgenstern
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070807
projectid5966446a
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Offener Brief

(An den Dichter H. Oe. Blom)

Christiania, 1859.

Als Asgards Stunde nah und näher rückte,
Als Balder tot war und, ein stumpfer Greis,
Großvater Odin Lidskjalfs Kissen drückte
In seiner schlummernden Einherier Kreis,
Als selber Tor vergaß des Methorns Preis
Und Brage blöd' sich auf die Harfe bückte, –
Rief Wala: »Weh', die Welt ist in Gefahr!«
V. Wiehe reist, – und H. Ö. Blom sagt wahr.

Du bist die Wala, Weiser ohne Gleichen;
Dein Leiern läßt uns trübste Zukunft sehn;
Du kündest metrisch, welche sichern »Zeichen«
Voran dem Heringszug der Roheit gehn;
Vor Nachtunholden, die schon lauernd stehn
(Mit Horn und Rüssel), machst du uns erbleichen; –
Doch was du sahst, vom Flügelroß begnadet,
Erschien am siebenten in »Morgenbladet«.

Du bangst vor einem Ragnarök, das schon
Vorm Tore droh' mit der »barbaries« Elend.
Mag der Gedankenschweif noch, ob auch schwelend,
Am Korpus deines Liedkometen loh'n;
Doch glaub' mir, alle Musen schelten schmälend
Dein Bilderfeigenblatt den reinen Hohn.
Drum laß, als Skalde, unsre Kunst in Frieden.
Mach' Prosa; Verse sind dir nicht beschieden.

An deinen Früchten sollst du kenntlich sein;
Drum laß dich lieber nicht auf Glatteis locken!
Du bildest auf Geschmack so viel dir ein, –
Und »paarst« doch Mutter Norge unerschrocken
Mit einer von des Thespiskarrens Doggen,
Ja, daß dich Gott verdamme, gleich mit zwein!
Ein Einfall eines Hundes, faul im Keime;
Ein Hund von einem Einfall, nichts für Reime!

Du singst, man soll ein Rollenfach doublieren,
Doch Lieder will das Volk für seinen Kampf.
Du fabelst Tag und Nacht von »remplazieren«;
Dein Auge blendet, Freund, des Teetischs Dampf;
Dein Hippogryphe zeigt doch sonst Manieren;
Was quält er uns mit Lehrgedichtsgestampf?
Ein Schloß mit Turm und Zinnen lädt zu nahn ein;
Was schlägst du rückwärts und bergab die Bahn ein?

Es kam einmal aus Pyramidennächten
Ein Leichnam balsamiert ans Tageslicht.
So stolz sah sein versteinertes Gesicht!
Es wußte längst nichts mehr von Sonnenprächten;
Voll Andacht noch vor längst bankrotten Mächten,
Empfand's den Zauber neuen Lebens nicht,
»Ein Lächeln herb« der Mumie Mund umgrollte,
Voll Höhnens, – weil die Zeit nicht still stehn wollte.

Ganz ebenso begannst du diesen Streit.
Du willst die Zeit mit Macht in Schlummer zwingen,
Du härmst dich, hörst du Lebensstimmen klingen,
Du wünschst dir wieder Grabesdunkelheit;
Und gabst doch guten Klang zu deiner Zeit
Und schufst so manchem Schönheits-Lichtelb Schwingen,
Daß er ein Mehrer deines Reiches werde!
Doch nun – verleugnest du die eigne Erde.

Allein zurück zu deinem Wahr-Geunke
Von Ragnarök, der fälligen Feuersbrunst.
Auf, grübelt, sinnt, ob Edler ob Halunke, –
Was essen wir, ging aus das Fleisch der Kunst?
Der Heimat Borkenbrot verlor die Gunst,
Da hilft nun Tränen- nicht noch Gallentunke.
Doch da die Kunst Weltbürg'rin, wie zu lesen, –
So holt doch eine Truppe – Japanesen!

Ja, war' nur nicht die Dänenkönigsstadt
Allein berechtigt, – doch da hängt die Harke!
Denn wie Madeiras Most, im Bauch der Barke,
Aus Pantschwein Vollwein wird im Kattegat,
Erhebt nun jeden Herrn von Käseblatt
Die bloße Überfahrt zur feinsten Marke;
Und der als Schneider galt in Kopenhagen,
Wird hier auf Händen wie ein Gott getragen.

's wär' deine Schuld, wenn ich, ein strenger Drost,
Nun jeden Pfuscher nähme vor die Feder,
Und stäche los auf jeden Humbugreder,
Der ausschänkt deinen Dry-Madeiramost.
Ob der Kothurn nicht würde altes Leder
Und 's edle Fleisch der Götter Hausmannskost,
Begänn' man analytisch aufzufransen
Den Kranz des wackern Prochoristen Hansen?

Doch spar'n wir dies auf einen spätern Gang;
Ich spreche wohl einmal zu Zeit und Muße
Bei jenem Wunder vor mit ernsterm Gruße,
Von dessen nahem Fall dein Weltschmerz sang.
Kein Streit um irgend eines Mimen Rang!
Es sei dein Lied allein, worauf ich fuße:
Du sprichst von einem Ragnarök, das drohn soll; –
So ist es also Walhall, was da loh'n soll.

Denn Walhalls Fall geht Ragnarök voran,
Das lernten wir von unserm ersten Lehrer.
Andhrimner lebt noch (das weiß jedermann)
Und gilt noch heut als wackrer Hungerwehrer
(Für Werktagsmägen), war die Kost auch schwerer,
Die einst dem Koch der Asen Gunst gewann.
Einherier läßt Kritik die Walstatt decken,
Doch nur zum Schein, – das Publikum zu schrecken.

Was aber ist aus Thor und Mjölnir worden,
Dem Thor, der des Gebirges Wand zerspleißt
Und Freyja heimführt zum erfreuten Norden,
Indes der Troll sich feig den Bart zerbeißt?
Und wo ist Freyr, der nach des Winters Morden
Die Flur in Birkengrün sich hüllen heißt?
Und wo der Idunsapfel? Im Vertrauen, –
Ich kann nur eine faule Birne schauen.

Der Apfel fehlt, da liegt der Hund begraben,
Und Balder geht von uns vielleicht schon März;
Sieh, darum wird es bald sein Ende haben,
Trotz Pfeilschuß, Keulenschlag und Schall von Erz.
Ergib dich drein, entdeck' dein Schneiderherz,
Näh' Totenhemden den gefallnen Knaben;
Denn wisse, – Götter, die wir nicken sehen,
Sie weckt nichts auf; sie müssen untergehen.

Doch sei getrost du! Ragnarök wird enden,
Schon dämmert hinter Bergen neues Licht;
Schon tagt's der Zeit verjüngtem Angesicht,
Schon will sich Nacht zu Morgen mächtig wenden.
Du wirst noch stehn in Tagessonnenbränden,
Wo nächtlich hielt der Blitz sein Strafgericht; –
Du wirst noch sehn: Der höchste aller Himmel
Ist Walhall nicht, – der ist das junge Gimel.

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