Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Dauthendey >

Gedankengut aus meinen Wanderjahren

Max Dauthendey: Gedankengut aus meinen Wanderjahren - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/dauthend/wanderja/wanderja.xml
typemisc
authorMax Dauthendey
titleGedankengut aus meinen Wanderjahren
publisherAlbert Langen
printrun7. bis 9. Tausend
year1913
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
created20090226
modified20150521
projectidc11d162d
Schließen

Navigation:

Einige Tage nach diesem Augustnachmittag war ich wieder in unserer Stadtwohnung, als der andere Freund, der Schweigende, zu mir kam und mich fragte, wann ich zum letztenmal den jungen Philosophen gesehen hätte. Derselbe sei nicht mehr ins Kolleg gekommen, auch wäre ihm nicht geöffnet worden, als er den Freund in dessen Wohnung aufgesucht habe.

Auf Nachfrage bei seiner Hausfrau habe diese geantwortet, ihr Mieter liege seit ein paar Tagen zu Bett, wolle aber keine Besuche empfangen, habe auch kein Essen zu sich genommen und wünsche nur in Ruhe gelassen zu sein. Sie gehe deswegen gar nicht mehr an seine Türe, da er jedesmal von drinnen herausrufe, daß er nicht gestört sein wolle.

Das, was ich da hörte, erschreckte mich gewaltig. Ich erzählte in kurzen Zügen dem Schweigenden die Vorgänge des Nachmittags: daß unser Freund mit dem Vorsatz, Wunder zu wirken, zu mir gekommen und noch im gleichen Wahn von mir fortgegangen sei.

«Er muß uns öffnen», sagte ich. «Er darf nicht sich selbst überlassen bleiben, sonst verfällt er in Irrsinn. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät.» Der Schweigende nickte, und dann eilten wir beide nach der Wohnung des jungen Philosophen.

Es war sechs Uhr abends, heller Sommerabend. Und als wir in das altmodische Haus traten, in welchem unser Freund ein Zimmer gemietet hatte, war es in dem großen Treppenraum still, und nur unsere Schritte hallten auf der geräumigen Holztreppe des weiten Stiegenhauses. Mit einigem Staunen sahen wir, als wir den oberen Flur, der durch keine Tür von der Treppe abgesperrt war, erreicht hatten, daß dort auf den Sandsteinfliesen viel Wasser ausgeschüttet war.

Wir dachten aber an nichts Besonderes dabei, sondern meinten, daß dieses durch die Unachtsamkeit eines Dienstmädchens geschehen wäre; denn im gleichen Flur war ein Wasserhahn an der Wand angebracht, mit einem eisernen Becken darunter. Da war es leicht möglich, daß das Wasser im Becken vielleicht übergelaufen war, wenn der Beckenabfluß verstopft und der Hahn nicht zugedreht gewesen.

Vorsichtig über die Wasserlachen steigend, kamen wir zur Zimmertür. Wir klopften, aber wir erhielten keine Antwort. Der Zimmerschlüssel steckte, also mußte unser Freund zu Hause sein. Wir klopften mehrmals und versuchten durchs Schlüsselloch zu spähen, und ich sehe uns da noch heute vor der großen weißlackierten Türe beratschlagen, immer ängstlicher werdend, weil wir nicht wußten, was wir zu tun hatten.

«Vielleicht ist er eingeschlafen», meinten wir dann und wir beschlossen, einen Augenblick auf der Treppe zu warten, denn es ging augenscheinlich etwas Unheimliches vor. Das sagten uns immer eindringlicher die großen Wasserflecken, die, wie es mir auf einmal schien, ganz von selbst anwuchsen und sich immer mehr über die Steinfliesen ausbreiteten. Wir stiegen über die Wasserseen zurück bis zur breiten Holztreppe. Dort standen wir zaudernd und warteten, an das Geländer angelehnt. Endlich setzten wir uns auf die oberste Stufe und überlegten.

Während wir noch in die Haustiefe zur Treppe hinunter, horchten und immer hofften, der junge Philosoph möge ausgegangen sein und würde plötzlich nach Hause kommen, da fuhren wir auf einmal beide gleichzeitig in die Höhe, denn das Wasser, das wir aus dem Auge gelassen hatten, hatte uns am Treppenrand erreicht, und wir sahen staunend, daß es jetzt wie ein fließender Bach von Stufe zu Stufe hinunterlief.

Wir sahen beide unwillkürlich nach der weißen Zimmertür und verstanden nun, daß die Unmenge Wasser aus dem Zimmer unseres Freundes kam.

«Was ist das wieder für ein Streich?» entfuhr es dem Schweigenden.

Das bewegliche Wasser, das da neben uns das einzige Leben im Treppenhause war, blickte uns an und sagte uns: «Es ist ihm nichts Schlimmes geschehen, und ihr braucht euch nicht zu ängstigen. Er macht nur neue Wunderversuche.»

Jetzt hörten wir auch, daß einige Gefäße im Zimmer, Eimer und Waschschüssel, klirrten, als würden sie zur Seite gerückt. Unsere Laune heiterte sich auf. Wir klopften nun lebhafter an die Türe und riefen lachend, daß wir eintreten wollten.

«Es ist offen», rief drinnen die Stimme unseres Freundes.

Rasch drückten wir die Türe auf, und nun wurden wir noch mehr erstaunt. Wir sahen eine Wasserfläche, weit ausgebreitet über den ganzen Zimmerfußboden, vor uns. Und in seinem Bett, mit dem Augenglas auf der Nase; lag der junge Mann mit feuerrotem Kopf und vergnügt lachend.

Er erklärte uns, daß er noch einmal Versuche gemacht hätte, sich und diesmal auch das ganze Zimmer vollständig zu isolieren, damit er dadurch neue Elektrizitäten in seinem Körper ansammeln könne, die er heute nacht zum Aufstieg in den Vollmond brauchen wollte. Er sagte auch, er habe tagelang nichts gegessen, sondern nur Zigaretten geraucht und sich Kaffee und Tee bereitet.

Als wir durch das Wasser hindurch zu ihm an sein Bett traten, sahen wir erst, daß er im Gesicht seltsam zerschunden war. Er hatte sich die Backenknochen, die Stirnecken, Nase und Kinn so sehr mit dem Taschentuch gerieben, daß diese Stellen wie offene rote Wunden leuchteten. Und umgeben von diesem Kranz von Röte, glänzten unheimlich funkelnd seine Augengläser.

Aber das Vergnügen, daß wir ihn lebend antrafen und auch scheinbar noch bei Verstand, überwog den Schrecken dieser Eindrücke, und wir versuchten mit Lachen und Scherzen und Plaudern seine Wundersucht ins Komische zu ziehen und sie als harmlos und spaßhaft hinzustellen, und brachten es auch fertig, ihn zu überzeugen, daß diese Nervenüberspannung, hervorgebracht durch Hungern, Rauchen und Teetrinken, ihn nur schwächer und nicht stärker mache.

Er befahl uns zwar mehrmals, ihn allein zu lassen, vorgebend, er wolle schlafen. Aber wir ließen uns nicht so leicht abweisen. Da wir nun ins Zimmer eingedrungen waren, wollten wir es nicht so bald wieder verlassen, bis wir ihn gesund und vernünftig gemacht hätten.

Wir riefen das Dienstmädchen. Ihr sagten wir, der Wasserhahn wäre offen gewesen, und das Wasser wäre von draußen hereingeflossen. Daß der junge Philosoph selber Eimer um Eimer geholt und in sein Zimmer ausgegossen hatte, das wäre ihr natürlich nie eingefallen auszudenken. Aber man sah es ihr an, daß sie auch nicht verstehen konnte, wie das Wasser von draußen hereingeflossen war.

Während viele Hände nun die Flut hinausbeförderten und der junge Mann im Bett sich ärgerte, daß man ihn nicht in Ruhe ließ, lief einer von uns fort und kaufte Essen ein, und wir überredeten den Freund, Nahrung zu sich zu nehmen, was er dann auch tat. Wenn er von Wundern reden wollte, fingen wir beide an, der Schweigsame und ich, zu schmunzeln und dann zu lachen. Und besonders der Schweigsame verstand es gut, mit gesundem Spott des andern ungesunde Wunderlust lächerlich zu machen.

Ich war froh, als der Wundermann endlich mitlachte, und als er, nachdem er gegessen und Bier getrunken hatte, wieder Schlaflust bekam, die er seit Tagen künstlich vermittelst Tee und Tabak von sich ferngehalten. Er mußte uns versprechen, zu schlafen und nicht mehr an Wunder zu denken und im Bett zu bleiben, bis wir ihn am nächsten Tag wieder besuchen würden.

Das tat er auch wirklich, und er schlief noch, als wir ihn am nächsten Mittag um zwölf Uhr wieder aufsuchten. Dann war seine Rede wieder vernünftig, und nur noch die roten Flecken in seinem Gesicht, die erst nach einigen Tagen verschwanden, erinnerten an die fieberhafte Wundersucht, die ihn beinahe um Verstand und Leben gebracht hätte.

Nach diesen Erlebnissen mit dem jungen Philosophen war mir eigentlich das Sprechen mit ihm über Atomkraft und über die neue Weltanschauung verleidet, und es war mir lieb, daß mein Freund, der erst vorhatte, den Ferienkurs in Würzburg zu besuchen, sich entschloß, zu den Ferien heimzureisen, um in der Universitätsstadt, in der er geboren war, Ferienkollegs zu belegen.

Als das Wintersemester begann und er wiederkehrte, war er wieder derselbe ruhige und stilldenkende gesetzte Mensch, als den ich ihn immer gekannt hatte. Er hatte dann auch viele Kollegs zu besuchen, und sein Studium nahm ihn derart in Anspruch, daß er nicht mehr so ausschließlich der von ihm auf Physik und Chemie angewandten Lehre der Atomkraft nachgrübeln konnte. Aber das will nicht sagen, daß er die neuen Gedanken beiseitegelegt hatte. Er holte sie immer wieder vor und ließ sie nicht los und legte sie auch ein Jahr später in einem Manuskript nieder; nur auf plumpe Wunderversuche ließ er sich nie mehr ein.

Wenn ich ihn manchmal nach Jahren wiedersah, in dieser oder jener deutschen Stadt, wo er als Assistenzarzt weilte, und auch dann, als er später selbständiger Arzt geworden, so war seine Atomkraftlehre immer mit neuen Erklärungen chemischer und physikalischer Vorgänge weitergediehen, und er hat diese Lehre niemals aufgegeben, sondern sie immer mehr vereinfacht und ausgearbeitet.

Doch die Anwendung der neuen Weltanschauung auf das Gesellschaftsleben der Menschheit und auf das einzelne Menschenleben kam ihm als etwas so Selbstverständliches vor, daß er sich nicht weiter Mühe gab, darüber etwas niederzuschreiben.

Mir aber, in meinem Schriftstellerberuf, bildete sich die neue Weltanschauung zu einer Mündigkeitssprechung der Menschheit aus. Und die Zeit von 1890 bis heute, vor allem die Zeit von 1890 bis 1900, war für mich eine fortgesetzte Entwicklung zu einem neuen Menschentum hin auf Grund der neuen Weltauffassung, von der ich heute fest überzeugt bin, daß sie dazu da ist, die Menschheitsideale von morgen zu schaffen, denn das Weltfestlichkeitsgefühl liegt im Menschen eingeboren, es ist keine Lehre, sondern ein natürlicher Zustand, den jeder an sich erkennen kann.

Ich habe diese Weltauffassung in der Dichtung angewandt und habe sie bewußt und unbewußt bei allen Begegnungen mit Dichtern, Künstlern und geistigen Zeitgenossen aus mir sprechen lassen.

Meine festliche Weltauffassung wurde mir aber oft als Oberflächlichkeit oder Leichtsinn ausgelegt. Um nun endlich ganz verstanden zu werden, in Werken und Handlungen, will ich die Entwicklungsjahre jener Zeit weitererzählen und die Zeitspanne, in der die neue Umwandlung am auffallendsten bei mir zutage trat, im nächsten Abschnitt dieses Buches schildern.

 

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.