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Gedankengut aus meinen Wanderjahren

Max Dauthendey: Gedankengut aus meinen Wanderjahren - Kapitel 6
Quellenangabe
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typemisc
authorMax Dauthendey
titleGedankengut aus meinen Wanderjahren
publisherAlbert Langen
printrun7. bis 9. Tausend
year1913
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
created20090226
modified20150521
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Noch ein Schlußwort über die Einführung in diese neue Weltanschauung, die sagt, daß das Leben ein Fest ist und ein Fest sein will.

Ihr erinnert euch wohl alle noch der Zeit, als ihr in der Kindheit noch nichts von Gott oder dem Schöpfer wußtet, von dem man euch später erzählte.

Ich glaube mich noch genau zu erinnern, wie bestürzt ich war, als man mir sagte, daß etwas Stärkeres im Unsichtbaren existieren sollte, ein stärkerer Herr als mein Vater es war, eine stärkere Macht als meine beiden Eltern mir waren. Wie frei war es vorher um mich im Hause gewesen, ehe diese Erklärung der Elternohnmacht über mich kam! Und wie seltsam wurde es mir bei dem Gedanken, daß, wenn ich einmal groß sein würde, vom Vater fortkäme und meine eigene Frau haben würde, ein Gottherr, der schon über meinen Vater regiert hatte, immer noch da wäre, auch wenn meine Eltern tot wären, und daß er ewig wie ein Aufpasser über mir und meiner Frau sitzen sollte, ebenso wie über allen Menschen.

Ich empfand das demütigend. Das Erhabenste in mir fühlte sich gedemütigt; das Erhabenste in mir wollte allein regieren. Das Erhabenste dünkte sich nicht erhaben zu sein, wenn man ihm nicht vertraute, daß es unantastbar wäre. Es fühlte sich beleidigt und erniedrigt, einen Aufpasser über sich haben zu müssen. Es war mir, als dürfte ich mich keinen freien unendlichen Gefühlen mehr hingeben, da meine Unendlichkeit nicht anerkannt wurde, da immer nur von meiner «niedrigen» Endlichkeit gesprochen wurde.

Es war mir wirklich unbequem beim Abend-, Morgen- und Mittagsgebet mit der Bitte um tägliches Brot immer zu einem Herrn, der an einem aller Vorstellung entrückten Ort wohnen sollte, aufzuschauen; einen Fremden aufsuchen zu müssen, ich, der ich so voller Vertrauen geglaubt hatte, was ich nötig habe, schenke mir mein Vater, und dafür schenke ich ihm meine Liebe und werde leben, wie er es wünscht und werde später mir selber helfen können.

Für das Brot, für den Rock, für die Wohnung, für Gesundheit und Wohlergehen, für die meine Eltern sorgten, dankte ich bereits meinen Eltern. Nun sollte ich jeden Abend noch einmal danken und ebenso morgens und mittags, einem Herrn, von dem man sagte, daß er alles, was ich von meinen Eltern erhielt, diesen gegeben hatte. Diese waren also Schwächlinge und konnten sich nicht helfen, so dachte das Kind für sich.

Meinen Eltern zu danken, erschien mir selbstverständlich, und ich tat es gern. Aber wenn meine Eltern von einem fremden Herrn und Schöpfer etwas angenommen hatten, so hatten sie bereits gedankt. Die ganze Beterei war mir zuviel Dankerei und zu viel Bitten und Bettelei.

Warum schaffte mein Vater nicht alles selbst an, was er brauchte? Warum mußte er immer alles von einem Gottherrn annehmen, und ebenso meine Mutter, da doch beide arbeiteten? Und warum zeigte der fremde Herr sich mir nicht? Es war mir unverständlich, was seine ewige Unsichtbarkeit für einen Sinn haben sollte.

Es hieß, er könne mich fortwährend sehen, nur ich könne ihn nicht sehen. Ich gewöhnte mir danach an, mich blitzschnell im Zimmer umzusehen, um zu erfahren, ob jener Herr nicht hinter mir stünde und ich ihn ertappen könnte.

Und als meine Mutter, wie ich fünf Jahre alt war, starb und man mir sagte, sie wäre jetzt zu dem fremden Herrn gegangen und sie hätte es dort viel schöner, da konnte ich das gar nicht fassen. Was tat sie denn bei ihm, da doch mein Vater und ich sie so nötig hatten?

Und als man mir antwortete: nichts ist beständig, nichts ist wirklich, da hatte ich oft das Gefühl: vielleicht ist das Nebenzimmer schon verschwunden, während ich mich im anderen Zimmer befinde. Und ich sah vorsichtig durchs Schlüsselloch, ob das Nebenzimmer noch da wäre. Denn das verstand ich: seit meine Mutter verschwunden war und weder zum Frühling noch zum Sommer, noch zum Herbst, noch zum Winter wiederkehrte, und ihr Bett leer blieb am Morgen und am Abend, und ihr Platz am Eßtisch leer blieb am Mittag und Abend, und ihr Platz am Nähtisch am Nachmittag, und ihr Platz am Klavier leer blieb in der Dämmerstunde, und ihr Platz in der Küche leer war am Herd und im Flur, am Wäscheschrank und im Sommer unter dem großen Nußbaum und auf der Gartenterrasse, – da sah ich ein, es hatte sich etwas Unfaßbares ereignet.

Und ich dachte: jener unsichtbare Herr ist doch mächtiger als mein Vater. Sonst hätte mein Vater meine Mutter von ihm zurückgefordert, und es würden ihre Plätze nicht alle leer geblieben sein. Und diesem Herrn, der die Mutter mir und die Frau meinem Vater genommen hatte, dem sollte ich morgens, mittags und abends weiter danken! Das war die reine Heuchelei, die man mich da lehrte.

Es steckte danach eine tiefe Furcht in mir vor dem unsichtbaren Ort, an dem jener fremde Herr wohnen sollte, und Furcht vor dem Unsichtbaren selbst. War es wirklich so schön dort bei ihm, wie es alle sagten? Ja, warum blieben wir denn dann alle hier? Warum folgten wir denn nicht sofort meiner Mutter nach?

Und wie konnte man sagen, daß sie es jetzt schöner habe, wenn sie meinen Vater nicht hatte und uns Kinder, die sie liebte? Konnte sie es dann wirklich bei dem Fremden schöner haben und glücklich sein? Meine Mutter war für mich bei diesen Gedanken auf einmal nicht mehr meine Mutter, sondern eine kühle, fremde Dame, die dort hingegangen war, wo man sich besser unterhielt, und die wahrscheinlich meinen Vater und uns Kinder über besserer Unterhaltung vergessen hatte.

Aber das glaubte ich nicht. Ich stampfte auf und weinte zornig und warf mich schreiend auf den Zimmerboden und wollte zu meiner Mutter gebracht werden. Und als mein Vater gerufen wurde und er mich aufhob und mich auf seinen Schoß nahm und mir mit Tränen in den Augen versicherte: «Deine Mutter hat uns nicht vergessen»; da stieß ich unter Schluchzen hervor: «Warum holst du sie denn nicht endlich?» Und mein großer starker Vater mußte wimmernd zugeben, daß es einen Stärkeren und Größeren gäbe als ihn, der die, die er einmal zu sich gerufen habe, nicht mehr hergeben wollte.

Für einen Augenblick sank da die Hochachtung für meinen Vater in meiner Kinderbrust von tausend auf null Grad. Eigentlich wollte ich meinem Vater nun nicht mehr gehorchen. Der Unsichtbare war stärker als er, und meine Mutter war bei dem Stärkeren. Ich wollte mich nur an den Unsichtbaren halten, weil auch meine Mutter zu ihm hielt.

Aber nun geschah das noch Unverständlichere, etwas, das mich ganz verwirrte, das alle meine Begriffe auf den Kopf stellte: mein Vater, der doch jenen Unsichtbaren, der ihm die Frau genommen hatte, hätte hassen müssen, wie ich folgerte – er faltete meine kleinen Hände in seinen großen Händen und sagte: «Laß uns zusammen zum Herrn beten. Dann kommen wir der Mutter näher.»

Ich ließ ihn beten und ließ ihn meine Hände falten und sah ihm mit offenem Munde zu, wie er sich demütig gegen jenen unsichtbaren, gewalttätigen Herrn benahm. – Und wenn ich damals schon gewußt hätte, was Narren und ein Narrenhaus sind, so würde ich vielleicht gedacht haben: wir sind vor jenem Herrn alle zu Narren geworden. Und unser Haus, in welchem früher mein Vater und meine Mutter emsig und klug gewaltet hatten, das ist jetzt ein Narrenhaus geworden. –

Aber wie einfach, glückselig und menschenwürdig wäre mir die Welt erschienen, wenn man dem Kind, auf die Frage, woher alles kommt – die jedes Kind einmal an seine Eltern stellt – die tiefnatürliche Erklärung gegeben hätte: «Liebes Kind, alles ist seit Ewigkeit da. Nicht bloß wir sind deine Eltern, alle Dinge sind deine Eltern, so lange du klein und unbeholfen bist. Achte gut auf alle Dinge. Alle haben dir etwas zu sagen, alle können dir irgendwie helfen. Wir, die du deinen Vater und deine Mutter jetzt nennst, wir, wenn wir scheinbar von dir fortgehen und du uns eine lange Zeit nicht sehen solltest, wir bleiben doch in allen Dingen, die du siehst, um dich.

Wir Menschen alle und alles Leben können die Gestalten verändern, wenn wir es müde sind, Menschen, Tiere oder Pflanzen gewesen zu sein. Aber wir gehen niemals fort, niemals ganz fort von dir, von der Welt. Vielleicht wird deine Mutter eine Wolke, vielleicht wird dein Vater ein Blitz, vielleicht werden wir Singvögel, vielleicht werden wir zusammen eine Blume in einem Blumentopf an deinem Fenster. Vielleicht werden wir ein paar Mondstrahlen, vielleicht ein paar Sonnenstrahlen. Vielleicht sind wir ein Stück Brot, das du ißt, vielleicht ein Schluck Wasser, den du trinkst, vielleicht eine Uhr, die neben dir tickt, vielleicht ein Haus und ein Garten, in dem du wohnen wirst.

Denn sieh, es wird nichts um dich geben, was wir nicht werden können, und es gibt nichts um dich, was nicht so innig, so gut und lieb Freund zu dir sein kann, wie wir es jetzt zu dir sind, während wir am Tisch und am Bett bei dir sitzen.

Und du kannst überall zu uns kommen und nah bei uns sein. Denn, sieh, du bist so gut wie wir in und bei allen Dingen zu Hause und sollst dich darum vor keinem Leben fürchten. Und kommt eine giftige Schlange in den Garten, und sie beißt dich, und du willst nicht sterben, du willst noch Mensch bleiben, dann wird die Schlange keine Macht über dich haben, und jemand wird dir von dem Gifte helfen können, vielleicht dein Vater, vielleicht ein Freund, vielleicht du selbst.

Bist du aber wirklich der Menschengestalt müde, vielleicht durch eine tiefe Trauer, vielleicht durch ein so tiefes Unglück, daß du dein Unglück in anderer Gestalt vergessen möchtest, oder durch das Alter deiner Gestalt müde gemacht, dann wirst du von selbst die Gestalt ablegen können, ohne dir Gewalt antun zu müssen. Und dann werden alle Dinge ringsum dir wieder helfen, eine neue Gestalt anzunehmen, die dir gut behagt. Aber ein Kind, wie du, wird noch kaum den Wunsch bekommen können, die Gestalt schon zu wechseln. Denn sieh, so wie alle mit dir festlich sein wollen, so wirst du auch erst in Menschengestalt festlich gewesen sein wollen, ehe du dich danach sehnen willst, zu verschwinden und neu zu erscheinen.

Deine Menschengestalt haben du und wir alle mit Fleiß und Sorgfalt aufgebaut. Das Licht hat deine Augen ausgedacht, der Schall, die Musik und die Menschenstimmen und alle Stimmen überhaupt haben deine Ohren ausgedacht. Und es ist kein Ding in der Welt, das nicht teil hat, irgend etwas an deinem Leibe ausgedacht zu haben.

Wir, dein Vater und deine Mutter, wir legten unser Fleisch und Blut zusammen und die Wollust unseres Atems und unsere Freude am Leben. Und ich, dein Vater, gab dir von meinem Mark, von meiner Lebenskraft, und deine Mutter gab dir von ihrer Lebensdemut und ihrer Lebenswärme.

Und als du fertiggebildet warst im Schoße deiner Mutter, da hatte dich deine Mutter neun Monate unter ihrem Herzen getragen. Neun Monate litt sie Beschwerden und neun Monate wünschte sie Tag und Nacht, daß du gut, stark und tätig werden solltest, so wie sie selbst es ist, und dein Vater und deine Brüder und deine Schwestern und alle Dinge, die um dich leben, es sind.

Denn, wenn auch einmal ein Ding dir weh zu tun scheint und dir Trauer oder Schmerz bereiten muß, so mußt du bedenken, daß du auch manchen Dingen wehtun mußt und manchen Trauer bereiten mußt, denn das Leben besteht nicht aus Freude allein, aber auch nicht aus Schmerzen allein.

Das Leben besteht aus dem Wechsel von Freude und Leid, aus Lachen und Weinen, aus Erhebung und Erniedrigung. Und nur durch diesen Wechsel kann es festlich bestehen.

Aber es ist noch eine andere Welt in der Welt, mein Kind. Alle Dinge, zu denen du mit den Händen und Füßen, mit den Augen und Ohren, mit deiner Menschengestalt kommen kannst, alle diese, denen du so dich nähern kannst auf der Erde, sie und du selbst leben noch in einer andern Welt, in einer weltfernen Welt. Und du und wir alle schicken unsere Gestalt auf die Erde, so wie du deine Stimme über den Fluß hinüberschicken kannst, so wie du einen Brief in die Ferne schicken kannst, oder so wie dein Schatten vor dir eilen kann oder so wie der Schatten einer Wolke, die oben am Himmel steht, unten über die Äcker der Erde gehen kann.

Oder wie das Licht der Sonne und des Mondes durch das Zimmer gehen kann, ohne daß die Sonnenkugel oder die Mondkugel selbst durch die Tür in das Zimmer kommen. Oder wie du eine Blume, die stark duftet, im Dunkel riechen kannst und sie also bemerken kannst, ohne sie zu sehen, so leben wir alle in zwei Welten zugleich.

Dort in der weltfernen inneren Welt, dort wohnt die Kraft aller Dinge. Dort wohnt alle unsere Kraft zusammen. Dort gibt es dann nicht Vater, nicht Mutter, nicht Kinder. Dort sind wir dann eine Stärke. Dort sind tausend Männer wie ein Mann, tausend Frauen wie eine Frau, und dort sind Mann und Frau so eng umarmt, daß sie eine Kraft sind, ohne Anfang und ohne Ende, eine starke Schöpfer- und Liebeskraft. Und dort in der Weltferne sind wir in jedem Augenblick, wenn wir uns in uns versenken, wenn wir uns in hohen Gefühlen erheben und erhaben fühlen.

Dieses aber, mein Kind, zu verstehen und zu erfassen, dazu bist du noch zu klein und mußt erst in die Welt der nahen Dinge hineinwachsen, in die Weltnähe. Und bis dahin sollst du bei Vater und Mutter bleiben, bis deine Menschengestalt so kräftig fertiggeworden ist, daß du den Weg zu deiner inneren und weltfernen Welt allein finden kannst.

Aber ganz allein brauchst du dann auch diesen Weg nicht zu gehen. Irgendwo auf der Welt ist heute schon oder wird eine Lebensgefährtin jenes Weges zur inneren Welt für dich von ihren Eltern geboren und auferzogen.

Ihr wirst du, wenn du willst, begegnen, sobald du groß genug bist und du tätig genug bist, um sie von ihren Eltern empfangen zu können, und wenn du weise und kräftig genug bist, um deinen Ernst mit ihrem Ernst und deine Lebensfreude mit ihrer Lebensfreude und dein Lebensmark mit ihrer Lebenswärme zusammenlegen zu können. Dann wirst du mit ihr das Lebensfest feiern und mit ihr ein Menschenkind erschaffen, wie wir dich geschaffen haben, damit, das Fest sich fortsetzt.» –

Hätte man mir als Kind, aus einer befreiten Weltanschauung heraus, auf meine Frage, woher das Leben kommt, woher die Dinge und die Menschen kommen und gehen, natürlich und mich zum Leben vorbereitend, also geantwortet, dann wären wir schreckliche Stunden der Qual, schauerliche Mißklänge, unheimliche Dumpfheiten und dornige Verirrungswege erspart geblieben.

Und hätte man noch betont: «Das Leben ist ein weises Fest. Du sollst es klug zu feiern lernen, du sollst es aufmerksam festlich erleben lernen; du wirst an dem Fest beschaulich und tätig, Freude aufnehmend und Freude spendend, gern teilnehmen; du wirst verstehen lernen, daß das Weltfest so mächtig ist, daß es in seinem Wechsel von Freude und Leid ein Spiel von Erscheinungen bedeutet, und daß es deine größten Schmerzen immer in tiefste Freuden verwandeln kann.

Siehe, oft ist das Leben wie eine Schlacht, in der du fallen mußt, um in einer anderen Gestalt wieder aufspringen zu können, um weiterkämpfen zu können. Denn auch eine Schlacht ist ein Fest!

Festlich ist das Leben immer, ob du gehenlernen darfst oder schreiben und lesenlernen sollst. Und wenn du krank liegen mußt, zwischen Schmerzen und Genesungshoffnung, in den Nächten wach liegen mußt, mache dich geduldig, mache dich demütig. Hasse deine Schmerzen nicht. Lerne sie verstehen, denn sie wollen wie die Freuden dir helfen zu einer Verjüngung deines Körpers, helfen zu einer Verjüngung deiner Schöpferkraft.

Sei darum gütig zu deinem Leib, wenn er dich auch plagt, weil er dich verjüngen will. Sei verständig und gehorsam seinen Mahnungen zur Verjüngung. Dann wird dir auch die Krankheit zum Fest, verklärt von der Hoffnung der Verjüngung und Genesung.

Horche immer auf alle Lebensregungen um dich. Denn die Kräfte aller Leben sind in dir. Du kannst alle Leben verstehen, wenn du willst, und alle Leben verstehen dich.

Denn es ist nur ein Schein, daß du getrennt, scheinbar einsam oder verlassen umhergehst. Du bist nicht bloß der Mensch, den du im Spiegel siehst. Du bist zugleich mit deiner inneren Welt in allem Leben, und alle Erscheinungen und Gestalten sind in dir.

Bedenke immer: du hast die größte Macht, und hattest sie seit Tausenden und Tausenden von Jahren, das Fest des Lebens zu feiern, und wirst dein Schöpferfest weiterfeiern, Tausende und Tausende von Jahren ohne Ende.

Durch deine äußere Welt bist du wirklich, durch deine innere Welt unwirklich zugleich. Und durch deine Schöpferkraft verwandelst du die äußere Welt und bleibst doch unverwandelbar in deiner inneren Welt ewig leben.

Und dieses, o Mensch, genießend und festlich zu verstehen, dazu wird dir jeder Augenblick auf Erden Erkenntnis geben, und du wirst es an allen, die mit dir festlich lebend sind, ebenso erkennen, wie an dir, daß du wirklich und unwirklich zugleich bist.

Und wenn dich die Wirklichkeit ermüdet, wirst du an der Unwirklichkeit ausruhen können. Und wenn dich die Unwirklichkeit ermüdet, wirst du zur Wirklichkeit zurückkehren können.

Aber du brauchst nicht zu fürchten, daß du die Menschengestalt, die du augenblicklich angenommen hast, und die dein augenblickliches Kleid im Weltfest ist, daß du diese immer ablegen sollst und sterben sollst, wenn du dich nach Unwirklichkeit sehnst.

Sieh, an jedem Abend legst du mit deinen Kleidern auch deine Gestalt hin auf die Erde und läßt beide ausruhen, damit sie sich nicht so schnell abnützen. Denn du hast beide lieb und gönnst ihnen, Kräfte zu sammeln.

Und wenn du einmal groß bist und größere Tätigkeit hast, als ein Kind sie hat, und größere Kräfte hergeben mußt und deshalb auch wieder größere Kräfte und größere Ruhe sammeln mußt, ob du nun als Mann oder als Weib geboren bist, sieh, die Nächte können dann nicht länger gemacht werden, um dir größere Erholung zu geben. Aber die Ruhe um dich kann tiefer gemacht werden.

Dann wirst du, um tiefste Ruhe zu finden für deine männlichen Kräfte, oder ein Weib wird, um tiefste Ruhe zu finden für ihre weiblichen Kräfte, die Arme ausbreiten, und Mann und Weib, die sich lieben, werden sich im Dunkeln umarmt niederlegen, und ihre Körper werden sich einander wie ihre Lippen den tiefen Kuß der Liebe geben, und sie werden das Lebensfest der Liebe feiern.

Und sie werden für Augenblicke tiefer ausruhen können als je, so tief, als hätten sie ihre Gestalt wie im Tod abgelegt.

Dann in der Liebesumarmung finden sie sich nicht bloß in der Weltnähe wieder und nicht bloß in der Weltferne, sondern sie sind in ihrer Schöpferkraft eins geworden, in der Schöpferkraft, in der sie am Tage getrennt gearbeitet hatten auf Erden.

Und das ist der tiefste Augenblick des Weltallfestes jedes Lebens und der höchste eines ganzen Lebens zugleich. Dann, in diesem Liebesaugenblick, ist in beiden, im Mann und in der Frau, tiefste Ruhe der Ewigkeit und höchstes Schaffen der Ewigkeit tätig.

Aber sieh, es ist noch ein Ausruhen möglich und eine Einkehr in deine Unwirklichkeit, wenn dich die Wirklichkeit ermüdet, ohne daß du sterben mußt und die Gestalt wechseln sollst.

Wenn der Mann das Weib nicht gefunden, noch nicht gefunden oder wieder verloren hat, oder wenn beide sich vorbereiten wollen, die sich gefunden haben, zum Liebesfest, dann sind Leben da, Schöpfungen, die jeden an die Schwelle der inneren Welt führen können.

Das sind die Werke der Künstler, Lied und Gedicht, ein Bild, eine Bildsäule und die Musik, Aussprüche der Weisheit und stille Betrachtungen, die du mit offenen Augen, offenen Ohren, offenem Herzen empfangen sollst.

Ein Gedicht, ein Gemälde, eine Bildsäule, ein Musikstück – das sind Leben, die sich dir zum Wechsel bieten, zum Ausruhen von der Wirklichkeit und zum Vorbereiten für dein Fest der Lebenstätigkeit und für das Fest der Liebe.

Diese künstlerischen Schöpfungen sind in die Tagestätigkeit gestreut wie die Träume in die Nachtruhe. Alle Kunstwerke erinnern dich am Tage an dein inneres Leben, sie sind in den Tag gestreute Ewigkeitsbilder des inneren Lebens, während deine Nachtträume Augenblicksbilder deines äußeren Lebens sind, in die Nachtruhe gegeben.

Kunstwerke und Träume, beide sind Echos zweier entgegengesetzter Welten; Kunstwerke sind Echos der inneren Welt; Träume sind Echos der äußeren Welt. –

Nun geh, mein Kind, lerne zuerst die Regeln und die Festregeln. Denn jeder Gestalt auf Erden sind andere Festregeln geboten, damit das ganze Weltspiel ein Fest bleibe und kein Chaos werde.

Lerne die Regeln des äußeren Lebens, das sind die Staats- und Gesellschaftsgesetze deiner Zeit, kennen, und die Ahnungen der Regeln des inneren Lebens werden bereits in dir dämmern, bis du erwachsen bist und dich dann in die Gesetze des inneren Liebeslebens vertiefen kannst und Überblick erhältst über das große herrliche Fest, das wir alle im Weltall feiern, in dem wir alle zusammen Schöpfer und Geschöpfe bedeuten, und neue Gesetze und Wandel schaffen, wenn wir reif geworden sind.» –

 

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