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Gedankengut aus meinen Wanderjahren

Max Dauthendey: Gedankengut aus meinen Wanderjahren - Kapitel 5
Quellenangabe
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authorMax Dauthendey
titleGedankengut aus meinen Wanderjahren
publisherAlbert Langen
printrun7. bis 9. Tausend
year1913
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
created20090226
modified20150521
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Und nun, ehe ich endlich jenen seltsamen Augustnachmittag beschreibe, muß ich noch eine Erklärung abgeben.

Jeder Mensch hat nur zwei Hände bekommen, zwei Augen, zwei Ohren, zwei Nasenlöcher und im Halse zwei Röhren, eine für die Luft- und eine für die Speiseaufnahme. Alle diese Zugänge zum Körper bedingen ein bestimmtes Körperleben, ein bestimmtes Sinnesleben, das, so lange wir als Menschen leben, unverrückbar der Ausführung unseres Lebenswerkes und unseres Lebensfestes bestimmte Grenzen setzt.

Das Lebenswerk und das Lebensfest würde natürlich anders ausfallen, anderen Erlebnissen unterworfen sein, wenn wir zum Beispiel mit einem Leib eines Vogels, mit Flügeln, Schnabel und Fußkrallen geboren wären. Ebenso wären wir, als Blume oder Baum festgewurzelt, als Stein festliegend oder als Wasser fortfließend, als Feuer auflodernd oder als Rauch fortschwebend, einer anderen Lebensbewegung, einer anderen Lebenstätigkeit, einem anderen Lebenswerk und einem anderen Lebensfest hingegeben.

Da aber jedes Lebewesen nicht bloß der Weltnähe, sondern auch der Weltferne angehört, da unzertrennbar voneinander das Gefühl der Weltnähe und das Gefühl der Weltferne in jedem Atom vereint wohnen, sowohl im Rauchatom, als im Feuer, als im Wasser, wie in der Blume und im Baum, ebenso wie in der Menschengestalt, so sind im Grunde alle Lebewesen eine Kraft, eine Schöpfung.

Festliche Ruhe, festliche Tätigkeit, an ihnen hat jedes Atom teil, ebenso an der Lust der Weltferne wie an der Lust der Weltnähe. Die Gestalten des Lebens gehören sowohl der Weltnähe, welche Tätigkeit bedeutet, und zugleich der Weltferne, welche eine Erhebung über das Leben bedeutet, an.

Die Gestalten sind die Geschöpfe, das Gefühl der Weltferne in den Gestalten ist der Schöpfertrieb, das ewige Leben.

Mit unseren jeweiligen Sinnen können wir immer nur ein Leben leben, ein Fest feiern, das sich in der Weltnähe abspielt. Aber von der Weltferne aus, zu der wir uns stündlich über unser endliches Leben erheben können, weil wir im letzten Urgrund bei ihr untrennbar wohnen, können wir bei gründlicher Vertiefung alle endlichen Leben überschauen oder uns in sie hineinversetzen, ohne unsere eigene Gestalt, in der wir augenblicklich arbeiten und Feste erleben, sterben lassen zu müssen.

Wenn es in der Bibel heißt: siehe, die Stimme Gottes sprach zu ihm im Traum, oder wenn Buddha sagt: ich ging in einem Traum von Leben zu Leben, so ist das nicht ein außer uns stehender Gott und Schöpfer, dessen Stimme wir gehört haben wollen, oder der uns im Traum von Leben zu Leben geführt hat, sondern: es ist die Weltferne in uns, die zur Weltnähe in uns spricht.

Wir sind es, die im Traum zu uns selbst sprechen. Wir sind es, die uns im Traum und in der wachen Ahnung Bilder, gewesenes und kommendes Leben zeigen können.

Wir selbst, vermöge der Schöpferkraft in uns, die von der Weltferne aus zur Weltnähe spricht, sind allwissend.

Unsere Weltferne steht nicht bloß über uns, sondern sie lebt im Mittelpunkt aller Weltleben überhaupt.

Wir fühlen, wie die Radien eines Lebens tun, den Mittelpunkt und die Peripherie des Kreises zugleich. Alle Leben finden sich zusammen in der Weltferne auf einem Punkt, sowie alle Radien sich im Mittelpunkt des Kreises treffen. Auf der Peripherie, in der Weltnähe, leben alle Leben voneinander getrennt in der Welt der tätigen Erscheinungen.

Im Mittelpunkt, in der Weltferne, zu der wir uns in jedem Augenblick erheben können, sind wir Besitzer und Überschauer des ganzen Weltalls, gleichwie der Kreismittelpunkt mit allen Radien Fühlung hat. Auf der Peripherie aber, wo sich unser Gestaltenleben abspielt, dort entsteht die körperliche Weltnähe, das Fest des endlichen Lebens, während zugleich unsere Weltferne in ewiger Ruhe, im Mittelpunkt des Lebens, die Erscheinung aller Leben, die wir im Augenblick oder nach Jahrhunderten erleben, immer um sich kreisen läßt, betrachtet und das Fest der Ewigkeitsruhe genießt.

Wir sind also in jedem Lebensaugenblick da und fort von uns. Und wenn unser endliches Leben aufhört, so hört doch nie unser Mittelpunktsleben im Weltall auf. Wir nehmen vom Mittelpunkt aus sofort neue Fühlung mit einem neuen Punkt auf der Peripherie.

Unerschöpflich ist das Leben in der Peripherie, unerschöpflich die Schöpferkraft unseres gemeinsamen Mittelpunktes im Weltall. Da wir immer Weltnähe und Weltferne, Peripherie und Mittelpunkt in jeder Sekunde zugleich erleben, so sind wir alle allwissend, allgegenwärtig, allfühlend.

Wir tragen immer in uns alle jene göttlichen Eigenschaften, die wir, früher unaufgeklärt, immer nur einem Schöpfer über uns zusprachen.

Wir Menschen waren bisher nicht mutig genug, uns unseren gewaltigen Lebensinhalt, den, daß wir Mitbesitzer der Weltallschöpfung, der Weltallgedanken, der Weltkraft sind, klarzumachen.

Wir hielten uns nur für ohnmächtige Peripheriewesen, nur von der Weltnähe lebend. Wir trennten uns unaufgeklärt, in unseren Worten und Gedanken vom großen Schöpfungsfest. Wir wollen nie verantwortlich, nie gründlich den Anlauf zur Selbsterkenntnis unseres ewigen Daseins nehmen.

Es war uns so wie einem, der nur immer seine Füße sieht und seine Hände und seinen Unterleib, der sich aber nicht einzugestehen wagt, daß er auch einen Kopf besitzt, weil er diesen Kopf bisher nicht sehen konnte und deshalb nicht an das Empfinden glaubte, das ihm sagte, er besitze einen ihm unsichtbaren Kopf, der für ihn denkt, riecht, schmeckt, hört, sieht, das heißt wahrnimmt.

Aber nun haben wir den Mut, wir Menschen von heute, zur Erkenntnis.

Es bleibt uns nichts anderes übrig, als endlich zu erkennen, daß der Weltkopf, den wir fühlen, aber nicht sehen, nicht einem Schöpfer über uns gehört, sondern uns selbst.

Wir haben bei der neuen Erkenntnis nichts getan, als endlich vollständig unsere Weltallgestalt festgestellt.

Wir glauben jetzt ganz unserem Gefühl, das uns schon im Christentum als Mitbesitzer der Weltferne, des Weltkopfes, erklärte, indem es uns den vagen Begriff Seele einräumte. Aber man setzte über diese Seele damals noch eine Weltseele, einen Weltschöpfer. Die Seele aber ist unsere Weltferne, die nichts über sich erlebt, auch keinen Weltschöpfer. Denn sie selbst ist schon im Vollbesitz der Ursprungskraft, der Weltallruhe und der Schöpferkraft.

Wir Menschen sind, wie alle Leben, Schöpfer und Geschöpf, von uns geschaffen und von allen und jedem Leben des Weltalls. Und wir sind zugleich Mitschöpfer von allen und jedem Leben des Weltalls.

Mancher wird nun vielleicht nach den vorangegangenen Erklärungen töricht sagen: wenn wir behaupten, die Schöpferkraft eines Weltschöpfers zu besitzen, müßten wir dann nicht unser Leben fortwährend bewußt ändern können? Es müßte uns ein kleines sein, aus Steinen dann Brot zu machen oder uns im Magen satt zu fühlen, wenn wir es nicht sind, oder Berge fortwandern heißen, Wasser in Feuer verwandeln usw. Es müßte uns leicht sein, so könnte ein Tor sagen, ein willkürliches Spiel mit den Lebensgestalten und Lebenserscheinungen zu spielen.

Wer so fragt und so spricht, hat aber nicht begriffen, daß die Weltferne und die Weltnähe sich in uns ewig das Gleichgewicht halten. Das heißt, ein unsinniges Spiel mit sinnlosen Verwandlungen in der Welt der sinnlosen Erscheinungen, in der Welt der sinnvollen Weltnähe, ist durch das Gegengewicht der ewig weisen und ewig ruhenden Weltferne in uns unmöglich gemacht. Die Weltferne in uns läßt die Weltnähe keine chaotischen Zuckungen machen. Wir selbst stehen ewig weise über der Torheit.

Das ewige Wechselleben in der Weltnähe wird in Zucht und Gleichgewicht gehalten durch die unerschütterlichste Ruhe der Weltferne in uns.

Denn als Schöpferkraft wirken immer zwei Regungen: erstens die verankerte Ruhe und Betrachtung, die das Überschauen vermittelt, und zweitens die Tätigkeit, geleitet von jenem Überschauen, die das Lebenswerk oder Lebensfest gestaltet und in Szene setzt.

Aber wenn Ruhe und Weisheit an unserer Tätigkeit beim Lebenswerk teilnehmen, – wie kann dann überhaupt Böses geschehen, da doch die weise waltende Weltferne in uns von unserer Weltnähe unzertrennlich ist? Man sollte meinen, Böses könnte nie möglich sein.

Nun müßt ihr, die ihr das fragt, einen Standpunkt so hoch einnehmen, daß ihr auch die hohe Antwort auf diese Frage verstehen lernt.

Bis jetzt nahmt ihr Menschen meistens alle an, daß das Leben eine Plage ist. Die Asiaten sprechen von der Lebensqual und von dem Fluch aller Leben. Die Abendländer sprechen vom Jammertal, von der Hoffnung auf Erlösung und, wenn es hoch kommt, von der Lebensaufgabe, die man zu vollenden habe.

Darüber hinaus hat sich noch kaum eine Lehre erhoben, keine Lehre der beiden Erdhälften.

Das Leben ist aber ein Fest und soll ein Fest sein. Das Leben ist auch dem Elendsten immer festlich gewesen.

Bedenkt doch, daß die Süße des Lebens in euerer Vorstellung das Paradies hat entstehen lassen, daß sie den Mohammedanern lustige Gärten vorgaukelt voll sinnenfroher Frauen, den Christen einen melodischen Himmel voll singender Harmonien und den Asiaten das große selige Ruhebett des Nirwana.

Wie festlich teuer ist uns Menschen alles Erleben, wie köstlich festlich! Wir schaffen uns Bilder vom Leben noch über den Tod hinaus, um das Erleben nie zu entbehren.

Das Leben ist ein so gewaltiges Fest, daß nur, wenn wir uns bereitwillig die höchste Schöpferkraft und damit zugleich die höchste Verantwortung zuerkennen, wir das ganze Fest genießen können. Sonst wird es uns gehen wie einem Dörfler, der nie Musik, nie Bilder, nie Tanz, nie Geist und Anmut gesehen hat und der beim Eintritt in einen festlichen Gesellschaftssaal alle für Narren halten würde, die sich dort rhythmisch bewegen. Er wäre zuerst geblendet vom Fest und würde nichts als einen Wirrwarr sehen. Er würde an der Schwelle stehenbleiben und höchstens ausrechnen, wieviel Umstände das ganze Fest dem Wirt und den Eingeladenen gemacht hat.

Und derselbe Dörfler, in ein Theater geführt, würde, wenn er auf der Bühne mitspielen sollte, linkisch oder frech werden. Und da ihm der Überblick über das Stück fehlte, das zu spielen wäre, und über die Gestalt, die er darin zu verkörpern hätte, würde er sich geärgert fühlen, wenn er sich nicht einzufügen gelernt hat, wenn er keine Lust zum Spielen mitgebracht hat.

Und er würde die Festvorstellung, bei der er mitwirken sollte und bei der er Freude geben und Freude ernten sollte, verwünschen und sie als eine Plage verfluchen. Und er würde vielleicht seine Gestalt und seine Rolle wegwerfen aus Unverstand, und weil er keine Ahnung hat, daß er zu einem Fest, zu einer Lust beitragen soll.

Er würde jammern, unglücklich sein. Und wenn er ein ernster Mann ist und ein entschlossener Mann, so wird er höchstens die Rolle auf Zureden aufnehmen und weiterspielen und immer von seiner Aufgabe sprechen, aber nicht von einem fröhlichen Werk oder gar von einem Fest.

Mit dieser Erklärung ist aber noch nicht erklärt, warum Gutes und Böses da sein können, wenn Weltferne und Weltnähe immer weise herrschen. Der eigenen Schöpferkraft Weisheit in uns ist so hoch, daß sie versteht, daß alle Geschöpfe, alle Handlungen, gute und böse, notwendig sind, um Erscheinungen zu schaffen und Lebenswechsel.

Dem Guten wird deshalb ewig das Böse gegenüberstehen müssen, dem Tag die Nacht, dem Frieden der Krieg, dem Aufbau der Verfall, dem Anfang das Ende. Diese Notwendigkeit sieht die Weisheit der Weltferne in uns ein, und es wird ihr deshalb nicht einfallen, dem Wechsel dieser Gegensätze, der sich in unserer Weltnähe gestaltend und vernichtend ausdrückt, einseitigen Einhalt zu tun und nur Gutes zu schaffen und zu verlangen.

Träte im Peripherieleben, im Leben der Weltnähe, im Leben der Erscheinungen, ewiger Tag ein, ewig Gutes, ewige Freude ohne Schmerz, ewiger Frieden, so würde das den Stillstand des Festes bedeuten, das wir so sehr lieben, und dessen Stillstand ganz unmöglich ist, da unsere ewige Schöpferkraft am ewigen Werke ist.

Ohne Weltnähe wäre keine Weltferne möglich, und beide sind undenkbar ohne die unerschöpfliche Kraft, die jedem Atom innewohnt. Wir sind Besitzer der Allmacht und der Ohnmacht. In diesem Wechsel von Ewigkeit und Endlichkeit befindet sich unser endliches und ewiges Leben in jedem Augenblick.

Wir sind die Weisheit und das Verbrechen an der Weisheit. Wir sind das Gute und das Böse, wir sind der Tag und die Nacht, der Frieden und der Krieg. Alles das besitzen wir, mit all dem handeln wir, und alles das handelt mit uns.

Wir spielen alle diese Kräfte aus, wie der Kartenspieler all seine verschiedenen Karten ausspielt. Jedem Spiel aber liegen Regeln zugrunde. So auch schreibt die Weltferne der Weltnähe ihre Regeln vor, damit das Spiel in Ruhe geführt werden kann. Da die Karten immer wechseln, das heißt, aufs Leben übertragen, der eine mal die, der andere andere Eigenschaften seiner jeweiligen Lebensgestalt einsetzen kann, so wird das Lebensspiel, so wie jedes Kartenspiel, immer wieder anders ausfallen, trotz der feststehenden Grundregeln, die das Spiel regieren.

Wir selbst haben das Schöpfungsspiel erfunden und spielen es, da es unendlichen Wechsel bietet, unendlich weiter. Manche ähnliche Kartenzusammenstellungen kehren zufällig wieder. Das erweckt dann den Schein, als ob ein Spiel wiederkehre. Aber es ist kein Spiel gleich dem andern, kein Leben, das wiederkehrt, ist gleich dem andern.

Um die urewigen Gesetze des Spieles dreht sich der urewige Wechsel des Spieles, und das Ganze ist von der Feststimmung der Spielenden durchdrungen. Wie ein Spiel Scharfsinn fordert, Übung, Ausdauer, Glück, so fordert das jedes Leben.

Der Elendeste aber fühlt noch im elendesten Augenblick, wenn er vielleicht vom endlichen Leben gewalttätig scheidet, die Feststimmung, die auch das endliche Leben der Weltnähe und nicht bloß das unendliche Leben der Weltferne durchschwingt. –

Glaubt mir, ich habe fünfundvierzig Jahre jetzt nicht nur ein Leben auf Rosen gelebt. Ich habe gelitten, gezagt, den Tod gewünscht und selbst durch den Haß und durch das Verfluchen des Lebens hindurch immer noch die Köstlichkeit und die Feststimmung des Lebens schimmern sehen.

Ich habe gehungert und gedarbt. Ich habe gestritten und habe geweint. Ich habe mich ohnmächtig, gedemütigt, in den Schmutz gezogen, verlassen und verloren gefühlt, aber ich müßte mich unehrlich, taub, blind und gefühllos nennen, wenn ich das Leben nicht trotzdem, im Rückblick und im Vorwärtsschauen, in jedem Augenblick als ein Fest ansehen müßte.

Alles dieses hatte ich nötig zu sagen, und es überkam mich die Lust zu dieser Aussprache.

Ehe ich die Geschehnisse aus meiner eigenen Weltnähe weitererzähle, wollte noch einmal meine Weltferne dazwischen reden, und ich mußte ihr das Wort geben.

 

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