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Gedankengut aus meinen Wanderjahren

Max Dauthendey: Gedankengut aus meinen Wanderjahren - Kapitel 4
Quellenangabe
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authorMax Dauthendey
titleGedankengut aus meinen Wanderjahren
publisherAlbert Langen
printrun7. bis 9. Tausend
year1913
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
created20090226
modified20150521
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Um das Jahr 1890 hatte ich heimlich angefangen, manches kleine Gedicht zu schreiben, kleine balladenartige Gedichte, Empfindungsergüsse, die sich in nichts unterschieden von den tausend Reimereien, die jeder ein wenig gebildete, schreib- und lesefähige Mensch zustande bringen kann, und die man nicht Gedichte nennen darf, nicht Dichtungen. Reimverfasser dieser Art sind vom wirklichen Dichter, der den Namen Dichter mit Würde tragen darf, so weit entfernt, wie es ein Schaukelpferd, ein Spielzeug, vom Schulpferd und Rennpferd ist.

Ich wußte, daß mir viel fehlte, aber wußte keine Richtung zu finden. Da lernte ich in dieser Zeit einen jungen Studenten kennen, mit welchem ich nach der Tanzstunde, die wir damals besuchten, manche Stunde nachts plaudernd in den Straßen der Stadt spazieren ging oder in einem Kaffeehause saß.

Unsere Bekanntschaft war dadurch entstanden, daß jener junge Mann, der Medizin studierte, mich ganz unvermittelt gefragt hatte, ob ich schreibe. Die Frage erstaunte und verblüffte mich. Und der Frager sagte, als ich zustimmte, er habe an meiner Kopfform erkannt, daß ich künstlerisch tätig sein müsse, daß ich mich mit Phantasiearbeit beschäftigen müsse.

Ich vertraute ihm an, daß ich einige Verse geschrieben hätte, aber daß ich das noch keine Dichtung, keine Phantasiearbeit nennen könne. Aber seit dieser Frage unterhielten wir uns öfters, und er versuchte mich, da er zum Philosophieren neigte, für die Gedankenwelten der verschiedenen Philosophien zu begeistern.

Meine Empfindungswelt kam mir zwar reicher vor als alte Gedanken, über die wir zusammen sprachen. Aber ich hörte doch gerne seiner mir fremden Welt zu, ließ mir von ihm Schopenhauer vorlesen und hörte seine Erörterungen an, in denen er manches Mal die Wortfechterei der ganzen Philosophie verhöhnte. Ich las ihm dagegen den Schriftsteller, den ich damals mir als Vorbild gewählt hatte, den Dänen J. P. Jacobsen, vor, und ich war erfreut, daß jener junge Philosoph, meiner Begeisterung für Jacobsens «Niels Lyhne» beistimmte und auch auf meine Gedanken einging, so wie es sich für richtige Freunde gehört. Jeder von uns hatte ein waches Ohr für die Empfindungswelt des anderen, ohne seine eigene Welt zu verleugnen oder zu verlassen.

Bei einem Abendspaziergang dann auf dem Steinberg erinnere ich mich deutlich der Augenblicke eines großen Umsturzes, den ein einziger Satz aus dem Munde meines neuen Freundes in mir hervorbrachte. Ich war bisher nicht mehr und nicht weniger fromm und religiös gewesen als andere junge Leute meiner Zeit. Ich war naturehrfürchtig und liebte außerdem die heiligen Personen des Alten und Neuen Testamentes, so wie man alte Familienüberlieferungen liebt, deren Echtheit man nicht bezweifelt.

Ich liebte die Weihnachtsheimlichkeit mit ihrer Mettenstunde, mit ihren Krippenliedern und ihrem Krippenspiel. Ich liebte die Karwoche mit ihrem wehmütigen Karfreitagsleid und wandelte so mit den Festtagen durchs Jahr, denn nur die Kirchenfeste erinnerten mich noch an die Religion, die man mich in der Schule gelehrt hatte.

Gott konnte für mich ebensogut Wirklichkeit wie eine schöne Vorstellung sein. Niemand konnte ergründen, wohin die Toten gehen, niemand konnte ergründen, woher das Leben gekommen war.

Warum sollte es mir daher einfallen, über Gott, der eine uralte Überlieferung war, nachzugrübeln, oder gar diesen Gott abzusetzen. Fragte mich denn jemand, ob ich die Welt haben wollte, wie sie war? Fragte mich denn jemand, ob ich meinen Vater haben wollte, wie er war? Warum sollte ich nicht ebensogut Gott bestehen lassen, da ihn doch die Väter hatten bestehen lassen und deren Väter?!

Auf jenem Abendspaziergang aber auf dem Steinberg, als die Sterne am Nachthimmel wie ein Silberregen glitzerten, kam mir in der Nähe meines immer gedankenvollen Freundes der leichte Ausruf auf die Lippen: «Schade, daß man sterben wird und niemals erfahren wird, wer diese Haufen Sterne geschaffen hat.»

Es war jene Frage, die man so oft nachts an den Himmel richtet, die jeder junge Mensch einmal fragen muß. Eine Frage, die mehr einen leisen Stoßseufzer bedeutet, der aus dem angenehmen Unterbewußtsein kommt, daß das Unerklärliche an der Welt das Köstlichste ist, daß es süß ist, sich in dieser Unerklärlichkeit nur als eine Krume auf dem ungeheueren Welttisch zu fühlen, als eine Wenigkeit, die im Verhältnis zu den riesenhaften Welträumen gar nicht in Frage zu kommen scheint.

Man genießt bei diesem Seufzen in einem Atemzug des Himmels Riesenräume, in denen keine Menschenmacht mitzureden hat. Man genießt sie als eine Freiheit, als ein Aufatmen vom Menschendruck unserer menschenvollen Erde.

Der junge Philosoph antwortete mir, und ich hörte in seiner Stimme ein spöttisches Verachten:

«Wer sagt Ihnen denn, daß die Sterne einen Schöpfer brauchten? Die Sterne sind Atome, die immer waren. Wir können das jedenfalls gerade so gut annehmen, wie wir annehmen, daß sie einen Schöpfer haben sollten. Beweise haben wir weder für das eine noch für das andere Vorstellungsbild.

Die Vorstellung von einem Schöpfer kennt keine Freiheit des persönlichen Ich-Bewußtseins. Während, wenn ich mir vorstelle, daß alles sich selbst schafft und sich selbst vernichtet, das Ich-Bewußtsein gewahrt und erhöht wird.

Es bleibt jedem natürlich überlassen, sich einen Schöpfer vorstellen zu wollen oder nicht. Nur wird der Klügere, der schöpferische Mensch, sich gegen eine solche Vorstellung sträuben, die sein Ich-Bewußtsein von einem Schöpfer abhängig macht. Ich, für meinen Teil, stelle mir lieber vor, daß die Welten sich selbst schufen; da mir scheint, daß diese Vorstellung dem Verstand des Zeitgeistes, in dem ich aufgewachsen bin, mehr zusagt.» – So sprach mein Freund zu mir.

Ich weiß heute nicht mehr, was ich ihm antwortete. Ich weiß nur, daß ich mich zuerst heftig sträubte, auf die uralte Vorstellung von Gott und dem Schöpfer oder Weltgeist, wie mein Vater immer gesagt hatte, kurzerhand zu verzichten und jedem Wesen eigene Schöpferkraft zuzusprechen.

Mein Freund lachte nur und sagte: «Ich nehme Ihnen ja nichts, wenn ich Ihnen zumute, den Schöpfer wegzudenken und an seine Stelle allgemeine Schöpferkraft zu setzen. Ihr Schöpfer ist so unbeweisbar wie meine Atomkraft. Ich setze nur an Stelle des Nichts, an das Sie glauben, ein anderes Nichts.

Ihr Bild vom Schöpfer verhält sich übrigens zu meiner Atomkraft, die ich mir als Urkraft vorstelle, wie ein Ölporträt zu einem Photographieporträt. Das Ölbild ist das künstlerische, aber auch das ungenauere Bild. Die Photographie ist das unkünstlerische, aber das realistisch genauere Bild.»

In den nächsten Tagen war es mir schwer, mit meinem Freunde weiterzusprechen. Ich litt unter dem Verlust, den er mir zumutete, indem ich das künstlerische Bild von Gott und der Schöpfung aus meinem Herzen ausrotten, und an Stelle der alten Überlieferungen mechanische Vorgänge der Atome annehmen sollte, die mir zwar glaubhaft schienen, aber mich stimmungs- und vorstellungsarm machten.

So weh ums Herz, dachte ich, muß es den letzten Griechen und Römern gewesen sein, als sie die Tempel schließen und Abschied nehmen sollten von den schönen und vertrauten Bildsäulen ihrer erdachten Göttergestalten und von den Zeremonien, den gewohnten, mit denen sie die Feste dieser Götter feierten, die ihnen von ihren Vätern und Vorfahren seit Jahrhunderten überliefert waren und Familieneigentum geworden waren und persönliches Eigentum und Welteigentum, beinahe wie die Bäume, wie der Himmel, wie der Regen und die Sonne, ohne die sie sich ihre Lebensjahre nicht vorstellen konnten.

Ich hatte in jener Sternennacht, da mein philosophischer Freund meinem Herzen den Umtausch vorschlug, an Stelle des Schöpfers, an Stelle des persönlichen Gottes die verallgemeinerte und wissenschaftliche Atomkraft zu setzen, im bläulichen Zwielicht der Sterne auf die türmereiche Stadt Würzburg vom Steinberg hinuntergesehen, über meine kirchenüppige Vaterstadt hin, und ich trug dieses Bild der vielen Kirchen noch in den nächsten Tagen neben meinen verwirrten Gedanken mit mir.

Und so wie die letzten Griechen und Römer gefragt haben werden, als man an Stelle ihrer Götterreligion den einfachen alleinigen Gott der Christen, den einzigen Weltregenten, setzen sollte: «Wozu waren also alle die Tempel, die da Jahrhunderte gebaut waren, gut? Haben wirklich unsere Väter durch Jahrhunderte nur einem schönen Schein gehuldigt?» So fragte ich mich, wenn ich im Geist das prunkreiche Bild der Kirchenstadt Würzburg vor mich hinstellte und es mit der Öde des Wortes Atom verglich.

Mein Freund, welchen ich absichtlich in den nächsten Tagen mied, und der, wenn ich ihn traf, es ebenfalls vermied, von neuem das Gespräch der Entgötterung meines alten Himmels aufzunehmen, er konnte endlich die Verstimmung, die so sichtlich zwischen uns getreten war, nicht länger unbekämpft lassen.

Zur Abendstunde zwischen sechs und sieben Uhr holte er mich meistens in der Wohnung meines Vaters ab, und wir gingen durch die Stadtanlagen rund um den Ring der Stadt und am Main entlang, bis wir, wieder an den Ausgangspunkt zurückgekommen, uns voneinander verabschiedeten, – wenn der junge Student nicht zum Vorlesen und Klavierspielen für den Abend bei mir eintrat und zu Besuch blieb. Er spielte auch manches Mal mit meinem Vater Schach oder plauderte mit meiner jüngsten Stiefschwester.

Aber in diesen Tagen der Umwälzung der Gottbegriffe in mir forderte ich ihn nicht mehr auf, nach dem Spaziergang zu uns in die Familie zu kommen. Er war für mich jetzt nicht mehr bloß Mensch und Freund, sondern er schien mir ein weltfernes Wesen geworden, ähnlich einem jener Atome voll Atomkraft, das selbstschöpferisch walten konnte. Ich war aber mit dieser persönlichen Atomgöttlichkeit noch zu wenig vertraut, um ihr zu vertrauen.

Und gegenüber den altgeweihten menschlichen Gottesvorstellungen erschien mir mein Freund mit seiner selbstherrlichen Atomkraft wie eine Dynamitpatrone, mit der ich noch nicht umzugehen verstand, und die ich meinem Vater nicht ins Haus bringen wollte. Jedenfalls wollte ich selbst erst über den Ersatz der Atomkraft, die den persönlichen Weltschöpfer verdrängen sollte, klarwerden, ehe der junge Philosoph, vielleicht nach einer Schachpartie, meinen Vater oder meine Schwester in die Atommächte einweihen würde.

Denn wenn auch mein Vater mir immer an Stelle des persönlichen, alttestamentarischen Gottes einen neutestamentarischen geistigen Gott, einen Weltgeist, gesetzt hatte, so war doch diese Vorstellung für mich immer noch poetischer Natur gewesen. Der Weltgeist, der über allem schweben sollte, alles durchdringen sollte, war wie ein Riesenweltadler, der mit seinem Flügelschlag das Leben anfachte, und dessen Flügelschlag man aus dem Leben aller Dinge spüren konnte.

Die Weltgeistvorstellung war für mich bis dahin immer noch eine Einheit gewesen, zu der man aufschauen konnte, die über dem Weltall schwebte und atmete, wie ein großes Welt-Ich. Jetzt sollte aber auf einmal dieser Weltgeist so wenig da sein wie der alttestamentarische, persönliche, menschenähnliche Gott und so wenig wie die griechischen, ägyptischen oder assyrischen Götter.

Jedes Stäubchen, das in der Sonne flog, sollte ein schöpferisches Ich sein und nichts Mächtigeres über sich kennen. Es sollte es selbst sein, es sollte Urkraft sein. Alle Legenden des Weihnachtsfestes, des Oster- und Pfingstfestes, die Poesie der Bibel und der Kirchen sollte ich verlassen und gegen Atomleben eintauschen!

Fast haßte ich diesen Entgötterer, der mir in diesem jungen Philosophen zum Freund geworden war. Es war, als kehrte er meine uralte Vaterstadt aus und kehrte mit den Kirchen die traulichen Winkel, Häuser und Gassen fort, und statt der türmereichen Stadt lag nun am Main eine leere Atomwüste.

Nicht einmal mehr das Bild eines grünen gras- und baumreichen Tales, wie es vor der Entstehung der Stadt am Main gewesen war, konnte ich jetzt dort vor mir sehen. Denn auch die Wälder, die da früher waren, die Gräser, die unschuldigen blumigen Mainwiesen, die vor zweitausend Jahren die Ufer säumten, auch sie wurden ein Atommehl, farblos, formlos.

Und eine grenzenlose Verlassenheit befiel mich bei diesen ersten Anfängen meiner Atomkraftvorstellung, die ich an Stelle der bilderreichen Bibelereignisse und der Schöpfung setzen sollte.

Es war an einem hellen Frühlingsabend, als mich mein Freund wieder einmal abholte. Und auf dem Wege durch die Stadtanlagen sagte ich seufzend zu ihm: «Ich glaube nicht, daß wir uns weiter verstehen.» Er hatte mich nämlich gefragt, warum ich in letzter Zeit so schweigsam sei, ob ich Ärger in der Familie hätte.

«Es ist vielmehr», klagte ich, «ich habe Ärger mit allem, was Sie neulich abends auf jenem Berge mir erklärten. Ich streite in mir hin und her. Wenn ich nachts am Fenster stehe und den mir sonst so altlieben Sternhimmel bewundern will, fällt mir ein, daß das nur ein Haufen Atome sein soll, über dem kein Weltgeist waltet, kein Gottgeist, der versöhnlich dem Ganzen seinen Willen gibt, den Stempel des Guten und des Bösen.

Diese verantwortungslose Atommasse, die ich vor mir sehen soll, stört mich sehr. Bei den Frühlingsblüten der Stadtanlagen sehe ich bald nicht mehr die fröhlichen Farben, das Lila des Flieders, das Goldgelb des Löwenzahns, die weißen Sterne des Schlehdorns, sondern ein gleichgültiges Atommeer arbeitet da rund um mich, dessen Farben keinen Sinn haben, dessen Düfte keine Wollust mehr ausströmen.

Denn wenn der Duft aus den Frühlingsbüschen zu mir kommt, so sind das nur wieder Atome, die meine Atome anrühren. Das ganze Leben wird öde bei dieser wissenschaftlichen Atombetrachtung.»

Mein Freund lachte kurz auf. «Aber das ist ja ein großes Mißverständnis», erklärte er eifrig. «Sie dürfen sich die Atome nicht als Punktmasse vorstellen, die ziellose Kräfte hat. Jedes Atom ist ein Lebewesen und erlebt Freude, jedes Atom erlebt Leid.

Wenn vorher nur ein einziger großer Schöpfer über all den Dingen dastand – die die Menschen fälschlich die toten Dinge nennen –, so tauschen die, die den Schöpfer ausschalten und allen Dingen eigene Schöpferkraft, eigene Verantwortung, eigene Freude, eigenes Leid zusprechen, dadurch eine Welt von Leben ein gegen die Welt der toten Dinge, die vorher den Menschen umgeben sollte.

Vorher, bei der Vorstellung des fernen Schöpfers, den wir überhaupt nie zu sehen bekommen sollten, da waren die Menschen unendlich einsam und sahen sich durch den sogenannten Weltgeist, der über den Dingen schweben sollte, von der Schöpfung unendlich getrennt und lebten in einer eiteln Einsamkeit. Denn die Menschen kamen sich fälschlich unter allen Geschöpfen als die einzigen Erleuchteten vor, da sie ganz allein einen Funken vom Weltgeist, den sie die menschliche Seele nannten, zu besitzen glaubten.

Doch mit der Annahme, daß alle Dinge Selbstschöpfer sind, daß die Atome der sogenannten toten Dinge, die Atome der Pflanzen, die Atome der Tiere, die Atome der Berge, der Meere, der Wolken, die Atome des Lichtes, eben solche beseelten Wesen sind wie die beseelten Atome des Menschen, – bei dieser Annahme ist der Mensch stündlich und täglich von ewigem Leben umringt und braucht nicht erst auf seinen Tod zu warten, um als Seele in ein ewiges Seelenleben überzugehen.

Jedes Atom ist ein ewiges Ich mit Verstand und Gefühl. Tote, leblose, gefühllose Dinge gibt es im Weltall des ewigen Lebens, in dem sich unser Leben abspielt, nicht. Alle Dinge kennen sich, alle Dinge fühlen sich, alle Dinge verstehen sich.»

«Aber», entgegnete ich, «das haben die Dichter schon längst in den Märchen gesagt, in den Märchen, wo die Schneeflocke redet, wo der Frosch am Brunnenrand mit der Königstochter spricht, wo die Vögel im Walde mit den Menschen reden. Der Bach und der Regen und der Wind und der Baum, – alle reden dort. Und dieses Märchen der Dichter, das soll Wahrheit sein?» unterbrach ich den jungen Philosophen.

«Jawohl», sagte er. «Die Dichter sind die einzigen, die von jeher das Weltall in seinem Urbau erkannt haben. Sie fühlten immer die Einheit und Beseeltheit aller Dinge, der lebenden und ›toten‹ Dinge persönliches Leben.»

Wir waren an das Mainufer gekommen, wo die Sonne hinter fernen Waldbergen untergegangen war. Die Hügel lagen da wie Haufen blaugrauer Asche, und die roten Abendwolken standen darüber wie Feuerbrände über Opferaltären.

Noch einmal machte mein Herz, den alten Überlieferungen treu geblieben, einen Anlauf, und es verteidigte die Bilder der Engelschöre, die wir Menschen uns in die Wolken versetzen und das Bild des großen alttestamentarischen Gottes mit dem weißen wehenden Bart, der, in den Sternenmantel der Jahrtausende gehüllt, immer weise richtend, über den Chören der Engel thronen soll, das Gute zu sich ziehend und belohnend, das Böse fortstoßend und verdammend.

Und die Abendglocken der dunkelbeschatteten Stadt, die zu den feurigen Wolken hinaufläuteten, schienen mir recht geben zu wollen. Der schwere Glockenklang, der mit unseren Schritten auch von den Pflastersteinen widerhallte, ging durch meinen Körper und wühlte in meinem Blut alle alten Überlieferungen der Bibelgeschichte auf.

Da wurde meine Stimme ein wenig pathetisch, als ich zu dem jungen Mann an meiner Seite sagte: «Nein, ich kann ihn nicht absetzen, den alten großen Gott. Ich kann mir den Himmel nicht leer denken, nur mit den Atomen der Wolken angefüllt. Ich will Dichter werden, und es muß mein Dichterrecht sein, mir beliebig die Welt mit Gestalten ausfüllen zu dürfen.

Mit Atomkräften – und auch wenn die Atome beseelt sein sollen – kann ich künstlerisch nichts anfangen. Es ist, als rauben Sie, Philosoph, mir aus meinem Puppentheater die Puppen, und als sollte ich nun auf leerer Szene nur mit der Leere der vier Windrichtungen ein Stück aufführen.»

Wieder lachte der junge Philosoph auf, und seine Stimme wurde plötzlich nicht mehr von Gedanken getragen. Sie klang ganz irdisch nüchtern und knapp, wie die Stimme eines Arztes, der einen phantasierenden Fieberkranken anredet.

«Ja, können Sie sich denn nicht selbst genügen? Warum müssen denn die Wolken Arme und Beine haben und Engel tragen? Warum muß denn überall der Mensch den Menschen hindenken in Regionen, wo es keine Menschen geben kann? Warum sollen die Dinge rundum nicht ihr eigenes Leben leben dürfen?»

Lassen Sie doch das Leben aller Dinge einmal zu sich herankommen! Diese Geduld hatte bis jetzt noch keiner von euch Dichtern. Immer müßt ihr gleich alles ins Menschliche verwandeln. Das Weltalleben aber liegt voll von unaufgedeckten Poesien.

Sobald man den Schöpfer absetzt und jedes Geschöpf als seinen eigenen Schöpfer einsetzt, dann wird eine große Fülle von lebenbejahenden, lebenbejubelnden und lebengründenden Dichtungen entstehen.

In den Märchen ließet ihr bis jetzt die Mäuse nur Hochzeit machen wie die Menschen. Ihr stelltet euch dann dabei einen Mäusepfarrer vor, der das Pärchen zusammentat.

Um die Blumen leben zu lassen, müßt ihr ihre Lebensgeister in menschengestaltige Elfen verwandeln. Und über Riesen und Zwerge kommt ihr immer noch nicht hinaus. Immer muß eure Phantasie von kronentragenden Königen, hochzeitmachenden Prinzessinnen und verwunschenen Prinzen handeln.

Dieser abgenützte Plunder mittelalterlicher Lebensbefangenheit, dem wir keine neuen Seiten abgewinnen können, wird von selbst fortfallen, sobald die Weltschönheit, das Weltgefühl und das Weltleben mit dem kleinsten Grashalm, mit dem Schatten eines Blattes, mit dem geringfügigsten Leben, so wie es ist und nicht anders, zu euch reden darf.

Verwandelt nicht immer die Gestalten der Dinge, die an sich selbst jede ihre Schönheit haben. Die Muschel, der Stein, der Staub und ihre Figuren, ihre Lebensbewegungen, wenn sie im Licht aufblinken – alle die Weltalleben an sich selbst sind schön und bieten eine Fülle von Poesie, wenn der Mensch ihre Rhythmen auf sich wirken läßt. Lernt die Abendwolke genießen, so wie sie ist, als ein schwebendes Leben und seht sie nicht als eine erhöhte Kirchenbank für Engel an.

Der Dichter der Zukunft, der dieses fertigbringt, das Weltallleben in seinen wahren Schönheiten, in seinen erregten Lebensäußerungen unverwandelt wiederzugeben, dieses wird der Dichter der neuen Zeit werden, die jetzt anbricht, und die die alte Zeit abstoßen wird, wie ein altes abgetragenes Kleid.»

Ich begann aufzuhorchen. Das war ein Ausspruch! Meine Lust, ein Dichter zu werden, fühlte sich nun in Mitleidenschaft gezogen, und es war mir klar: das, was ich vorher an Versen geschrieben hatte, war nur eine weiche Schwärmerei und eine Schwelgerei auf altromantischen ausgetretenen Wegen gewesen.

Ich wußte zwar noch nicht, wohin mich ein Glaubenswechsel führen würde, und ob er mir wirklich einen Ersatz bieten würde. Aber ich war jung genug, um mich von der Lust anlocken zu lassen, alle bisherigen Wege, welche die Dichtkunst der christlichen Zeitspanne überliefert hatte, kühn zu verlassen und einen Sprung ins Unbekannte tun zu wollen.

Götter- und Ritterromantik sollte weit zurückbleiben. Dafür wollte ich die Romantik des bisher unentdeckten Landschaftslebens, das Reden der Dinge an sich, ohne daß sie menschliche Verkörperungen eingingen, ohne daß sie Märchengestalten annehmen sollten, begeistert aufdecken in ganz neuen Dichtungen.

So sicher und bestimmt, wie ich es heute in Worten niederschreibe, kam natürlich nicht jene Eingebung durch meinen Freund über mich. Mein waches äußeres Auge war noch hilflos, aber innere unbewußte Blicke redeten zu meinem Herzen, ungefähr so, wie in früheren Zeiten ein ferner unentdeckter Weltteil einem Kolumbus Unruhe bereitet haben mag und ihn innerlich gerufen hat, zu ihm zu kommen und unbekanntes Land zu suchen, zu finden und der bekannten Welt anzugliedern.

Wir waren am Main entlang gegangen, die Stadt zur Linken, den Main zur Rechten. Und drüben über dem Fluß, aus dem Tal, das der Marienberg, auf dem die alte Festungsburg steht, mit dem Nikolausberg bildet, aus diesem zu fernen Waldhöhen eilenden Tal kam eine Flut von gelbem Abendlicht. Und die Südfenster des Festungsschlosses und die goldenen Kreuze der Kapelle auf dem Nikolausberge gegenüber und der sanfte Mainspiegel darunter schienen zu brennen, als wären dort überall Freudenfeuer angezündet. Und die roten Wolken am Himmel standen zerpflückt über der Stadt wie große rote Blumensträuße, die auf die Dächer niederregneten.

War all das Licht umher meine Feststimmung, die aus meinem Herzen in den Raum hinausgetreten war? – Jedenfalls fühlte ich mich wie ein König, gekrönt von dem Entschluß, Herr über ein großes unbekanntes Reich zu werden. Und so wie der Abendstrahl dort aus dem Tal die mir so altgewohnte Stadtumgebung verwandelte und in zündendem Licht zeigte, so daß ich für einen Augenblick kaum das alte Heimatpflaster mehr erkannte, so durchstrahlte mich der zündende Gedanke einer geistigen Umwandlung, die jetzt in mein Empfindungsleben einziehen sollte, vom Scheitel bis zur Sohle, als brächte dieser Augenblick mir neues Blut.

Der junge Philosoph an meiner Seite glaubte, daß mich neue Zweifel bestürmten, und seine Stimme schlug plötzlich wie in volle Verachtung um, als er kurz zu mir sagte:

«Und übrigens ist es gar nicht wahr, daß, ehe wir in jener Sternennacht auf dem Steinberg auf Atomkraft zu sprechen kamen, Sie sich noch immer einen Gottvater mit einem weißen Bart vorstellten oder Engelsscharen auf den Wolken oder Ähnliches.

Sie haben längst nicht mehr glauben können, daß menschenähnliche Wesen den luftleeren Weltraum bevölkern können. Sie leisten mir nur jetzt Widerstand, weil Sie sich noch nicht in den Reichtum der neuen Welt, die sich Ihnen darbietet und in die Verantwortung, die Ihr Ich als eigener Schöpfer auf sich nehmen soll, hineinfinden können.

Das ist aber nur Gewohnheitssache. Die neue Welt, in welcher jedes Geschöpf Selbstschöpfer ist und keinen anderen Übersichstehenden anerkennt als sein eigenes Gefühl und seinen eigenen Verstand und als Richtschnur die Erfahrungen, die es aus den Widerständen des Lebens sammelt – diese Welt scheint einem zuerst etwas schwieriger zu sein, weil sie verantwortungsreicher ist.

Man muß seine eigene Schuld auf sich nehmen, aber auch die Freuden werden nicht mehr Geschenke, sondern eigene Errungenschaften. Man ist nicht mehr Geschöpf, das auf Gnade und Ungnade Knecht eines Herrn ist, sondern man ist Herr geworden, eigener Herr seines Lebens und aller zukünftigen Leben.

Niemand, der die neue Weltanschauung annimmt, kann sich mehr mit Schwäche entschuldigen, denn jeder glaubt dann an die unendlichen Schöpferkräfte, die er in sich hat, die wir aber bisher nur dem einen Schöpfer zusprachen.

Sehen Sie die anbrechende Nacht! Sie verhüllt Ihnen nichts mehr vom Augenblick an, wo Sie die Sonnen nicht höher setzen, als sich selbst. Die Nacht birgt in ihrem Dunkel keine anderen Schrecken, als die, die Sie in sich selbst tragen.

Die Nacht ist nicht besser und nicht schlechter als alles Licht. So wie Sie, im Urbegriff genommen, nicht besser und nicht schlechter sind als ich und alle anderen Menschen. Niemand ist Herr und niemand ist Knecht.

Wir bieten jeder dem Leben schwache und starke Kräfte an, je nachdem wir müde oder weniger müde, krank oder gesund sind. Jeder schafft sich, angemessen den Kräften, die er verbraucht, seine eigene Welt. Jeder ist Schöpfer seiner eigenen Freuden und seiner eigenen Sorgen.

Die Kräfte rundum antworten nur auf Kräfte, die zu erwecken jeder ein eigener Schöpfer sein muß. Wir sind nicht Sklaven, nicht Gut und Besitz eines einzigen höheren Wesens. Wir besitzen alles und uns besitzen alle.» –

Wären Lawinen von den Bergen mit Donner heruntergekommen, hätten die Berge zu wandern begonnen, und hätte der Mainfluß, an dessen Ufer wir gingen, sich senkrecht aus seinem Bett aufgerichtet und wäre als heißer Geiser in den Himmel gerauscht – ich hätte mich nicht betäubter fühlen können als jetzt von den Erkenntnisworten, die da mein Herz anredeten.

Mein vom Altgewohnten fast gedankentot gemachtes Herz, das da in den wuchernden Überlieferungen wie in Bergen von Efeu eingesponnen gelegen, erwachte aus einer Finsternis, die ihm liebgeworden war. Vorher war es wie in Dornen eingewickelt gewesen, die es nie ganz hatten aufatmen lassen.

Und nun war ein Brand in mich hineingefallen. Und die alten staubigen liebgewordenen Lasten des Gedankengestrüppes der Jahrhunderte flogen wie leichte Asche fort, und durch den Aschenregen ahnte ich bereits, daß nun ein ewiger Tag anbrechen würde, ein Tag ewiger Kräfte, ein Tag von befriedigendem, ewigem Wechsel, begleitet von einer Unermüdlichkeit und fern aller Wehleidigkeit.

Große handelnde Freuden und große handelnde Schmerzen würden über mich kommen, und nicht mehr jene verschleierten mitleiddurchtönten Augenblicke, nicht mehr jene Unluststunden, die mich bisher ein willenloses Werkzeug nennen durften eines höheren Willens über mir.

«Wir besitzen alles, und uns besitzen alle.» Dieses war das Wort, mit dem man Herzen und Berge öffnen konnte. Keine Angst vor dem Tode, kein Drang nach Reichtum und Gold, keine Angst vor Armut und keinen Drang nach Eitelkeiten läßt dieser Ausspruch mehr aufkommen bei dem, der ihn voll erfaßt: «Wir besitzen alles, und uns besitzen alle.»

Man arbeitet für alle, und alle arbeiten für einen. Unter diesem Losungswort lebten seit Jahrtausenden alle Weltatome und waren alle zusammen Schöpfer dieser Schöpfung, und auch ich war nur im Leben, um Mitschöpfer an der Schöpfung zu sein.

Und mit mir war es der Hügel dort über dem Fluß, die Wolke am Himmel, der Fluß, die Stadt mit ihren Gassen, die Menschen und die Tiere, die Schwalben, die jetzt da im Abend pfeifend in den Äther schossen, die Wälder in der Ferne, in denen die Sonne fortgewandert war, meine Hand, das Holz meines Spazierstockes in der Hand, der Pflasterstein, über den ich ging, die Blütenblätter der Linden, die vor mir im Winde von den Bäumen flogen, – sie alle mit ihren Atomen sind mit mir Schöpfer und Geschöpfe, sagte ich zu mir.

Der verdammende Bibelspruch: «Im Schweiße deines Angesichts sollst du arbeiten, und dein Acker wird Dornen tragen», – dieses Spruches Fluch wird ohnmächtig werden auf den Äckern derer, die sich nicht mehr zu Sklaven und zu aus dem Paradies Verstoßenen stempeln wollen, die sich der Erde Mitschöpfer nennen, Mitschöpfer an der Weltallarbeit und an der Weltallfreude. Denn nicht mehr Knechte sind nach dieser Erkenntnis an der Arbeit, sondern Herren ihrer Lust, Herren ihrer Sorge. –

Ich war still stehen geblieben und hatte über den Main gestarrt und hatte meinen Freund neben mir vergessen. Und wie ich meine Blicke hob, stand in der Richtung nach dem Steinbachstal, wo auf Meilen sich der Guttenbergerwald hinstreckt, ein großer funkelnder Stern, die Venus.

Und die Liebe? Wird deine neue Weltanschauung auch der Liebe den richtigen Wert geben? Es war mir, als spräche das eine feine Stimme aus dem blitzenden Punkt dort vom Himmel herab.

Ich wußte damals noch nichts von der Liebe und konnte mir nicht sogleich antworten.

Leben allein ist wenig, wenn es nur dem Erhaltungstrieb zuliebe geschieht! Ich hatte mir aber, solange ich zurückdenken kann, immer vorgestellt, daß das Liebesgefühl zu erleben das Lebenswerteste sein müßte.

Nicht die Sättigung des Magens, nicht das Wettrennen um das tägliche Brot, nicht einmal den Dichterruhm und nicht die Dichterunsterblichkeit wünschte ich zu erreichen, wenn ich dabei auf das Erleben des Liebesgefühls verzichten müßte.

«Alles wirst du stärker erleben, als es je eine Zeit erlebt hat. Verstehst du denn nicht: vom Augenblicke an, wo du keinem Weltphantom huldigen mußt, wirst du deine Huldigungen allen Lebensregungen unverkürzt zukommen lassen. Die Anbetungsstunden und Andachtsstunden, die dich aus deinem eigenen Ich entfernten, wirst du nun zu Anbetungsstunden und Andachtsstunden aller Lebensgefühle machen.

Und auch das Liebesgefühl wird dann von dir reicher bedacht. Du wirst keinen Gott höher stellen als das Herz der Frau, die du auserwählen wirst, und du wirst auch in ihr, der Geliebten, eine Schöpferin begrüßen, wie sie dich als einen Schöpfer begrüßen muß.

Die Frau hat wie der Mann ihre bestimmte Tätigkeit, in der sie am Weltall mitarbeitet, die, wenn sie auch nicht deiner Tätigkeit gleicht, doch ebenso wertvoll und dem Weltbau unentbehrlich notwendig ist, wie das, was du leistest.» – So redete ich mit mir.

«Sind Sie nun beruhigt?» fuhr mein Freund fort, als ich ihn lächelnd ansah und in meinem Innern keine Abweisung mehr fand für die neue Empfindungswelt, die er mir anbot.

«Es leuchtet mir ein», sagte ich, «daß die alte Welt, die Bilderwelt der Kirchen und Bibelideale, von den Künstlern so ausgeschöpft ist wie ein Jahr, das ausgereift und längst abgeerntet worden ist. Ich ahnte aber vor unserer Aussprache noch nicht, woher neue Ideale kommen sollten, neue Felder der Phantasie.

Aber noch stehe ich bei Ihren Worten auf keinem sicheren Boden. Ich muß mich zuerst einleben in das, was Sie mir enthüllten.

Ich wünschte, daß die Begeisterung, die vorhin sich meiner beim letzten Sonnenstrahl, der dort aus dem Tal kam, bemächtigte, anhalten möchte. Ich fürchte aber, wenn ich Ihnen heute «gute Nacht» gesagt habe, werden in den nächsten vierundzwanzig Stunden aus der alten noch nicht abgestorbenen Kirchenwelt alle Zweifel wieder auf mich einstürmen.»

«Das macht nichts», sagte der junge Philosoph. «Sie werden noch oft zweifeln müssen. Ich glaube aber, ich kann alle Ihre Zweifel verjagen. Übrigens wird das nicht einmal nötig sein. Ich glaube, Sie selbst werden sie verjagen. Denn da Sie Dichter werden wollen und nicht auf abgeleierten Wegen gehen wollen, wird die Sehnsucht, einen neuen Weg zu finden, Sie von selbst der neuen Weltanschauung entgegentreiben.

Dafür ist mir gar nicht bang. Jeder, der vorwärts will, muß jetzt diesen Weg gehen. Und da die Welt nicht stehenbleibt und auch nicht rückwärts geht, werden alle Menschen von morgen diesen neuen Weg gehen müssen, da es für das Menschengeschlecht keinen anderen Weg gibt, als den Weg fortgesetzter Aufklärung.

Auch die Dümmsten werden zuletzt mit fortgerissen werden und werden mitgehen müssen, da die jetzt kommende Zeit der Menschheit einfach keinen andern Weg zum Vorwärtsgehen übrig läßt, als diesen einen Erkenntnisweg, der da heißt: wir alle sind Schöpfer an der stets fortschreitenden Schöpfung, die wir Leben nennen. Über dem Einzelnen gibt es keinen einzelnen Schöpfer, sondern wir selbst besitzen alles, und alle besitzen uns.»

Diese Spaziergangsstunden waren dem Augustnachmittag vorausgegangen, von dem ich jetzt weiterfort erzählen will, und der dann zur Folge hatte, daß ich mich dann äußerlich beinahe von meinem Freunde lossagte, obgleich ich ihm innerlich ein treuer Freund war.

Man muß bedenken, daß wir beide blutjung waren, er nur einundzwanzig Jahre alt, ich nur dreiundzwanzig.

Es ist gerade dieses Alter, in dem man als Jüngling die meiste Zeit und den größten Drang hat, eine Weltanschauung zu suchen, die einem ein Leitfaden durch das Labyrinth des Lebens werden soll.

Diese Jahre sind die Brutjahre der Ideale, da man noch von keiner Meisterschaft in irgendwelcher Tätigkeit in Beschlag genommen worden ist. Man läßt sich leicht von Menschen anziehen und leicht abstoßen. Man ist noch nirgends für immer fest verkettet, man ist in jenen Jugendjahren wie ein Samenkorn im Wind, das weiterfliegt und noch keinen Wurzelplatz gefunden hat.

Man sollte nun meinen: nach jener Aufklärung, bei der wir uns beide zu unseren äußersten Geistesgrenzen erhoben hatten und gleichsam über der Erde im Äther des Weltraums gesprochen hatten, hätte es nie mehr für uns möglich sein können, in alltäglichen Dunkelheiten unterzutauchen.

Aber so, wie ich das Gespräch jenes Abendspazierganges hier niederschrieb, ist dasselbe nicht in Wirklichkeit gesprochen worden. Sein Sinn und seine Bedeutung waren wohl dieselben. Aber die Einheit des Gedankenganges stand nicht so geradlinig vor uns. Alles wurde schwankender, im unklaren Plauderton, ausgedrückt, und ich gebe heute, nach dreiundzwanzig Jahren, mehr das Gespräch unserer Geister wieder als das ungelenke und unbeholfenere Gespräch unserer Lippen, das ich natürlich nicht behalten konnte.

Das Endergebnis jenes Abends war, daß ich den neuen Aufklärungen meines Freundes keinen hartnäckigen Widerstand oder eigensinnige Taubheit, welche gleichbedeutend mit Dummheit gewesen wäre, mehr entgegensetzen konnte oder wollte. Im Gegenteil: ich verfiel in einen neugläubigen Übereifer, und diesem allein schreibe ich auch jene verhängnisvolle Probe zu, mit der wir die neue Weltanschauung, ganz unsinnig, äußerlich prüfen wollten.

Wie eine Belastungsprobe bei einer neuen Brücke gemacht wird, so derb gedachten wir auch einen raschen äußerlichen Beweis von der Macht der neuen Weltanschauung liefern zu können.

Ich hatte meinem Freund gesagt: «Angenommen, daß der Mensch gleiche Schöpferkraft hat wie der Schöpfer, den wir uns früher über das Weltall gesetzt vorstellten, dann kann ich recht gut verstehen, daß die Wunder, die Christus tat, wenn er lebenden Leibes zum Himmel gestiegen ist, Wasser in Wein verwandelte, Lahme gehen machte, Blinde sehend und Tote auferstehend, – daß eigentlich diese Wunder von jedem Sterblichen geleistet werden könnten.»

Diese Frage warf ich Monate nach jenem Frühlingsabend auf, nachdem ich, losgetrennt von meinen alten Überlieferungen, sozusagen zwischen der alten und neuen Welt vagabundierte. Denn, wenn auch der Geist rasch an der Schwelle einer neuen Erkenntnis steht und blitzartige Aufhellungen genossen hat, – bis der Leib sich an das neue Licht gewöhnt, hat es noch gute Weile.

Alles, was ich an Dichtungen zu schreiben anfangen wollte, neigte noch nach der alten Seite hin, und mein Geist sagte mir, daß ich noch nicht in den Sinnen reif sei, um schon sofort ein Gedicht oder eine Dichtung auf dem Weg der neuen Weltanschauung zu schaffen.

Darüber war ich unglücklich, denn nichts war mir von jeher widerlicher gewesen als Tatenlosigkeit. Seufzer stiegen in mir auf und heimliche Vorwürfe gegen meinen Freund, der mir alles, was jahrhundertelang niet- und nagelfest gewesen war, gelockert hatte.

Ging ich an den schönen, alten, ehrwürdigen Kirchen vorbei, so sagte ich mir jetzt: es wohnt gar kein Gott darin. Und die Priester dort und die Andächtigen schauen zu einer Leere auf, als ob sie ein leeres Loch in der Luft anbeten.

Und ich bemitleidete alle Menschen, alle, die mir begegneten, von meiner Familie angefangen bis zur Obrigkeit des Landes. Sie alle schienen mir bedauerlich, da sie eine große Null als ihren Herrscher ausgerufen hatten.

Es ging mir wie in jenem Märchen, in dem es heißt, daß ein König bei einem Festzug im Hemd durch die Straßen gegangen ist und es allen Leuten bei Todesstrafe verboten war, zu sehen und zu sagen, daß der König nur ein Hemd anhabe. Denn der König behauptete, ein kostbares Gewand anzuhaben, und niemand durfte dieser Behauptung widersprechen. Bis endlich aus der schweigenden Menge ein kleines unschuldiges Kind, das einen Königsmantel sehen sollte, wo keiner war, harmlos ausgerufen hat: «Aber der König hat nur ein Hemd an. Er hat ja gar keinen Mantel an!» –

So ging es mir jetzt den Menschen und den Kirchen gegenüber. Ich hätte gern in alle Kirchentüren hineingerufen: «Ihr guten Leute, die ihr da kniet, steht doch auf und geht heim und versäumt die Zeit zur Arbeit nicht und versäumt die Zeit zur Liebe eurer Frauen nicht und versäumt nicht die Zeit zur Bewunderung der Welt, von der ihr Mitschöpfer seid. Es ist gar kein Gott im Himmel, nur Luft und Leere; jeder von euch ist sein eigener Gott.»

So vereinsamt, alleinstehend, einer neuen Weltanschauung verfallen, die nur jener Freund mit mir teilte, fühlte ich mich aber nicht wohl, ich, der ich gerne gesellig sein und die Menschen lieben und achten wollte. Und daß mir von allen Menschen niemand übrigblieb als dieser junge Philosoph – mit dem ich mich plötzlich allein, wie von der ganzen Menschheit getrennt, sah, nachdem ich auf seine Gedankengänge eingegangen war –, das plagte mich. Denn ich war jung und wollte gern durch die Menschenschwärme gehen, die Menschheit erlebend und liebend, und wollte ein einfacher Mensch unter Menschen sein und keinen Sonderling vorstellen.

Der junge Student hatte seine Eltern und seine Heimat in einer andern süddeutschen Stadt, und in meiner Stadt kannte er, mit Ausnahme von einigen Mitstudierenden, denen er sich aber wenig anschloß, fast niemanden.

Er arbeitete in seinen Mußestunden an der Atomkraftlehre, die er später niederschreiben wollte, und deren vertieftes Durchdenken und Klarlegen ihm bereits zur Lebensaufgabe geworden war.

Zu Anfang war es wohl wunderschön, wenn wir uns abends trafen und als zwei verkappte Weltumstürzler an den Provinzlern und Kleinstadtleuten vorübergingen. Diese fanden an uns beiden vielleicht nichts anderes merkwürdig, als daß der junge Philosoph untersetzt war, aber im Gesicht eine kluge regelmäßige Linie zeigte, außerdem ein Augenglas trug und auf der Oberlippe einen kaum beginnenden Bartflaum. Und an mir fiel auch nichts auf als der überstarke Haarwuchs auf meinem Kopf. Auch an unserer Kleidung war nichts Aufrührerisches. Mein Freund trug, solange ich ihn kannte, hechtgraue Kleider von einfachstem Schnitt, während ich meistens schwarze Stoffe trug und mich höchstens durch eine etwas gewähltere Krawatte auszeichnete.

Der junge Philosoph war von Haus aus Katholik, ich Protestant. Aber es war selbstverständlich, daß Religionsunterschiede nie zwischen uns zutage traten, da wir uns über jede Religion erheben wollten.

So dachten wir auch, als ein dritter junger Mann, welcher Jude war, sich zu uns gesellte, keinen Augenblick über seine Religion nach und fühlten ihn, nachdem er von dem jungen Philosophen in die neue Weltanschauung eingeweiht worden war, als einen geistesfreien Menschen uns zugehörig. Wenn wir von den neuen Gedankenwegen sprachen, waren wir alle drei wie ein einziger Mensch, der da denkt, fragt und sich Fragen beantwortet.

Das Seltsame war aber, daß jeder von uns dreien aus einer strenggläubigen Familie stammte. Meine Mutter hatte der strengprotestantischen Sekte der Herrnhuter angehört, und in meines Vaters Familie waren viele Oberprediger unter meinen Vorfahren gewesen.

Der junge Philosoph hatte eine äußerst strenge Mutter, die jeden Morgen, Sommer und Winter, ihn und seine Brüder vor dem Schulbesuch in die Frühmesse geschickt hatte. Und jeden Sonntag hatte er die Kirche zweimal besuchen müssen, morgens und nachmittags. Ebenso mußte er jeden Monat zur Beichte gehen, und die äußerst scharfe Mutter, die nie mit schweren Strafen gegeizt, sammelte eifrig die Beichtzettel, die ihr den Beweis des Gehorsams geben sollten, den sie blindlings bei allem, was die Kirche betraf, von ihren Söhnen forderte.

Auch später noch, als mein Freund auf dem Gymnasium war, war sie ebenso streng zu ihm gewesen. Und nachher hatte sie ihn dann erst zum Studium auf die fremde Universität gehen lassen, als er ihr versprochen hatte, den Kirchenbesuch dort fortzusetzen. Und dieser junge Mann, der so aufklärend und auf meine alten religiösen Überlieferungen vernichtend wirkte, er besuchte regelmäßig – um seine Mutter nicht belügen zu müssen, wenn er in den Ferien heimkam und über den Kirchenbesuch ausgefragt wurde – jeden Sonntagvormittag eine katholische Kirche der Universitätsstadt.

Als ich ihn fragte, wie er das fertigbrächte, in die Kirche zu gehen, sagte er: «Es ist mir ganz gleich, ob ich zu Hause auf meinem Zimmer oder in der Kirche über meine Atomlehre nachgrüble. Meine Mutter belügen mag ich nicht, das ist mir unbequem. Und würde ich nicht in die Kirche gehen, so ist diese Frau so stark, daß sie mich nicht weiterstudieren lassen würde. Also tue ich ihr den Gefallen. Ich bin das Nachdenken in den Kirchen schon von Jugend an gewöhnt und habe meine ganze Weltanschauung seit Jahren im Schutz der Kirchengewölbe und der Kirchenstille durchgearbeitet. Ich habe meiner Mutter nur versprochen, in die Kirche zu gehen. Für meine Gedanken in der Kirche aber hat sie mir kein Versprechen abgenommen, und dafür hätte ich ihr auch keines geben können.»

Der Vater meines Freundes, welcher als Direktor einer Fabrik, die auf dem Lande lag, nur des Sonntags zur Familie in die Stadt kam, hatte die Erziehung seiner Söhne dieser etwas gewaltigen Mutter ganz überlassen und war zufrieden, wenn er Ruhe zu Hause fand, und wollte von keinem Streit und keinen Erziehungsangelegenheiten hören. Er hätte dem jungen Mann also nicht geholfen, wenn er in der Kirchenfrage sich an seinen Vater gewendet hätte.

Und so oft ich, der von Haus aus keinen Kirchenzwang kannte, den Freund, wenn er mich Sonntag nachmittag besuchte, fragte: «Warst du heute vormittag spazieren?», da war seine stete und mich immer wieder verwundernde Antwort: «Ich? Nein. Ich war in der Kirche. Das mußt du doch endlich behalten. Ich bin wahrscheinlich unter allen Medizinstudierenden der beste Kirchengänger der ganzen Universität.»

Er sagte das lachend. Und ich schüttelte den Kopf und erstaunte immer wieder. Ich hätte ein solches Gleichgewicht von Beherrschung und Willen nicht aufbringen können, so glaubte ich immer und äußerte das zu ihm.

Da sagte er zu mir: «Tust du denn nicht dasselbe? Du lebst im Hause deines Vaters, bei ihm, der dich nicht Künstler werden lassen will. Und du beugst dich mit Beherrschung seinem Willen und lebst und arbeitest in seinem Geschäft und denkst dabei deine eigenen Gedanken, von denen dein Vater keine Ahnung hat.

Du gehst folgsam in sein Geschäft, aber deine Gedanken sind nicht dort, denn du willst Schriftsteller und Dichter werden. Ich tue meiner Mutter den Willen und gehe in die Kirche, und du tust deinem Vater den Willen und übst einen Beruf aus, bei dem du, so wie ich in der Kirche, ganz anderen Gedanken nachhängst.» –

Der Dritte von uns gehörte einer strengjüdischen Familie an und war aus einer der jüdischsten Provinzen Ostdeutschlands nach Würzburg gezogen. Er studierte ebenfalls Medizin, und der junge Philosoph hatte ihn in einem Kolleg, das sie beide besuchten, und wo sie nebeneinander saßen, kennengelernt. Er hatte ihn mir gelegentlich vorgestellt, und seltsamerweise geschah dieses gerade in dem Augenblick, als ich es etwas eintönig empfand, mit dem jungen Philosophen immer von der Entwicklung seiner Atomlehre zu sprechen.

Denn geleitet vom Studium der Physik und der Chemie, die er eifrig betrieb, da er sie zum Physikumexamen benötigte, hatte der Philosoph jetzt eine Atomlehre aufgebaut. Er behauptete, die Atome aller Dinge, im Eisen, im Holz und so weiter, kreisen ebenso untereinander wie die Planeten um die Sonne und leben wie die Sonnensysteme kreisend.

Überall, wo Leben herrsche, sei dieselbe kreisende Bewegung in den Dingen wie im Sternenhimmel, so behauptete er. Die Weltkörper seien für den Weltraum nichts als Atome von ungeheuren Umfang. Und mit der Annahme vom Kreisen der Atome wäre auch der Magnetismus und die Elektrizität, deren fernwirkende Kraft bisher unerklärlich war, leicht erklärbar. Ebenso wären die Macht der wirbelnden Dampfkraft, das Schwergewicht und die Ausdehnung der Gase durch das Kreisen der Atome verständlich.

Und der junge Denker wollte die Vorgänge der Chemie und Physik nun auf die einfachste Weise erläutern und ein Buch ausarbeiten, das von nichts weniger als «vom Wesen aller Dinge» handeln sollte.

Bei diesen, auf die Einzelheiten des mechanischen Lebens eingehenden Übertragungen der neuen Weltanschauung wurde ich unaufmerksam und konnte nicht genau mitfolgen, da sie fern von meinem Gebiet lagen: der neuen Dichtung, der ich zustreben wollte. Und so war mir der andere neue Kamerad willkommen, der als Student dem jungen Philosophen kritischere Einwände machen konnte als ich. Ich war schon ganz überanstrengt von den chemischen und physikalischen Vorträgen, die mir der junge Denker auf allen Spaziergängen gehalten hatte.

Auch war ich, um mir eine persönliche Schriftsprache anzueignen und mir das eingedrillte aufsatzartige Deutsch der Schuljahre abzugewöhnen, auf den Gedanken gekommen, alle Spaziergänger und alle Beobachtungen an Menschen und alle Gespräche mit Menschen aufs knappste zu Hause in Notizbüchern niederzulegen. Und da hatte ich viel zu tun, denn ich sah bald ein, wie viele wichtige Beobachtungen aus der Augenblickswelt, wie viele feine, unauffällige und doch wichtige Menschenzüge und wie viele vorüberflatternde Ausdrücke in der Sprechweise der Menschen mir bisher entgangen waren. Denn so, wie in der Landschaft mir jetzt nichts zu klein war und zu unbedeutend, als daß es nicht eindrucksvoll gewesen wäre, so erging es mir bei den Menschen und ihren Gesprächen.

Bald häuften sich die Stöße von dicken Notizheften bei mir an, und wenn ich manchmal darin blätterte, war ich erstaunt, wie lebensfrisch jedes Erlebnis noch nach Wochen wirken konnte, wenn es in treffenden Worten und mit genauer Beobachtung festgehalten worden war. In diesen Notizbüchern standen natürlich ganz unzusammenhängende Beobachtungen, herausgerissen und niedergeschrieben aus dem Tagesleben.

Es waren das meistens Übungen, wie ungefähr Kinder in der Fibel zuerst Silben lesen und Silben schreiben lernen, ehe sie ganze Worte, Sätze oder Aufsätze bilden dürfen. Ich schulte dabei mein Gedächtnis für die Vorgänge um mich, und zugleich eignete ich mir ein schnelles Fühlen, Auffassen und ein schnelles Bezeichnen jener Vorgänge durch solch tägliches Niederschreiben an.

Diese Notizbücher hatten aber nichts mit einem Tagebuch gemeinsam. Es handelte sich darin nicht um zusammenhängende, fortlaufende Geschehnisse. Ich beschrieb manchmal nur den Gang eines Menschen, der mir zufällig aufgefallen war, oder Gewohnheitsgesten eines Sprechenden, oder nur ein paar Bäume im Regen, das Abendlicht über den Dächern der Stadt, das Windgeräusch in der Nacht in einem Garten und so weiter. Vielleicht manches Mal nur das Gefühl, den der Händedruck eines bestimmten Menschen mir gab, das Gefühl eines Kopfnickens nur oder das eines flüchtigen Blickes, den ich von Vorübergehenden auffing, und der mir tiefe Seelenzustände zu enthüllen schien.

Ich übte mich so in der Kunst, Kleinstes und Flüchtiges in bezeichnenden, nachdrücklichen Worten festzuhalten. Und deshalb wurde es mir allmählich auf den Spaziergängen schwerer, dem jungen Philosophen in allen seinen Gedankengängen über Chemie und Physik zu folgen.

Der neue Freund, den mir der Denker zugeführt hatte, und den ich zum Unterschiede von uns beiden Sprechenden und Erörternden, da er wenig sprach, aber mitempfindend nickte und meist zuhörend war, den Schweigsamen nennen will, – dieser neue Freund war mir jetzt eine wahre Wohltat. Nach den ununterbrochenen Gedankengesprächen der vorausgegangenen Zeit wirkte er durch seine Ruhe und sein teilnehmendes Nicken wie jemand, der da war und doch nicht da war. Und man konnte sich vorstellen, daß, wo er in Gedanken war, es friedlich sein mußte, da er immer irgendeine Melodie leise vor sich hinsummte oder leise pfiff. Der Schweigsame setzte sich auch oft ans Klavier und spielte Chopin oder Grieg, während der Denker, wenn er sich ans Klavier setzte, nicht ohne Beethoven gespielt zu haben wieder aufstehen konnte.

So war der Sommer herangekommen, und nun komme ich in meiner Erlebnisschilderung bald zu jenem seltsamen Augustnachmittag.

Es war notwendig, den Leser mit der Entstehung jenes lebensbestimmenden Grundgedankens bekannt zu machen, der mir von jenem Freund, dem jungen Philosophen, gegeben wurde, da diese neue Weltanschauung, die sich mit der Zeit in mir festwurzelte, dann auch wirklich der Grundton aller meiner Liederbücher und Prosabücher wurde, die in den letzten zweiundzwanzig Jahren entstanden sind. Auch der Binnenreim und meine, die Kritiker immer wieder verwundernde, Heranziehung von wechselnden Vergleichen und Bildern des Naturlebens ist die Folge jenes befreiten Weltblickes und hat den Ursprung in einem Herzen, das sich Schöpfer und Geschöpf fühlt und nicht bloß sklavische Unterordnung unter überlieferte Begriffe kennt.

Viele Kritiker sagten Jahre hindurch, meine Bücher und ich selbst seien nirgends einzureihen. Dieses ist wahr, sie haben recht, da ich jetzt, wenn ich auf meine Bücher zurückblicke, mich, ohne mir schmeicheln zu wollen, den dichterischen Verkünder einer neuen menschenbefreienden Weltanschauung nennen kann.

Meine Gedichte werden oft mit den kurzen gedrungenen Liedern der Asiaten verglichen. Ich habe aber niemals weder chinesische noch japanische Literatur studiert. Ich kenne von diesen Literaturen nur einige wenige Gedichte, die in den letzten Jahren in Übersetzungen zu uns gekommen sind.

Ich erhielt öfters Aufforderungen von Literaturprofessoren, ihnen die Quellen zu nennen, aus welchen ich die japanischen Novellen und Liebesgeschichten entnommen, die ich nach meiner Reise um die Erde 1911 herausgab. Ich muß aber immer wieder und diesmal öffentlich erklären: ich kenne nichts von japanischen oder chinesischen Urtexten. Nur ein weniges, was in Übersetzungen zu uns kam, und das jene Herren viel aufmerksamer studiert haben werden als ich, kenne ich. Auf meiner Reise um die Erde, durch ganz Asien, von Bombay bis Yokohama, war es die vorher vor dem Leser ausgebreitete Weltanschauung, die mich der Seele der Asiaten sozusagen zum Zwillingsbruder machte. Und fühlt man seine Seele mit der Seele eines Volkes verwandt, und decken sich die Weltanschauungen, oder sind sie sich wenigstens sehr ähnlich, so ist es ein leichtes, das ganze Gebärdenspiel einer fremden Rasse, ihre Wünsche, Bedürfnisse und Begierden, auch die Wallungen ihrer Leidenschaften zu verstehen und miterleben zu können, so wie man es zu Hause bei dem vaterländischen Volk tut.

Durch Beobachtungsgabe und Rhythmusverständnis, die mir im Ohr und im Blut von meinen Eltern ins Leben mitgegeben wurden, die ich aber beide durch die Erfassung jener neuen Weltanschauung viel freier schulen und üben konnte, als wenn ich alten Überlieferungen und ausgetretenen Gefühlswegen nachgegangen wäre, sind mir auf meiner kurzen Reise durch Asien die Kulturen der morgenländischen Völker leicht vertraut geworden, so daß viele Kritiker behaupteten, ich müßte jahrelang asiatische Studien betrieben haben vor, während oder nach meiner Reise.

Und das ganze Geheimnis, warum ich Asien nahekam, liegt doch nur in dem Weltallverständnis, das in jenem Satze enthalten ist: wir besitzen alles, und uns besitzen alle, und über uns ist kein anderer Besitzer. Dieser Satz, der der neuen Weltanschauung voransteht, macht einen jeden Menschen zum natürlichen Besitzer aller Lebensregungen, die der Erdball und der Himmel hervorbringen.

Wenn ein Dichter sich von alten beengten Überlieferungen befreit hat und die Freuden und Leiden der ganzen Erde gleich hält seinen eigenen und sich mitbeteiligt fühlt am Lebenszustand aller Rassen, ausgegangen von der engsten Heimat bis zur weitesten Ferne und zurückkehrend zur engsten Heimat, so ist es nicht mehr erstaunlich, wenn demselben dann Gedanken und Gedichte in Fülle zufliegen.

Die meisten Gebildeten heutzutage, die den Schöpfer über sich nicht mehr anerkennen, werden planlos vom Weltgetriebe umhergeschaukelt; die meisten, die die alten Überlieferungen ablegten, gehen ziellos umher, als einziges Ziel nur die Jagd nach ihrem Glück anerkennend. Die Einsicht aber, daß der Wert aller und ihr eigener Wert unzertrennbar voneinander sind und ebenso das Glück aller und ihr eigenes Glück zusammengehören, diese Einsicht haben wohl viele, aber danach zu leben, wird ihnen schwer, weil sie nicht alle Leben als ihren festlichen Besitz und nicht sich als den festlichen Besitz aller Leben anerkennen wollen.

Dieser Besitz beschränkt sich nicht bloß auf die kurzen Menschenjahre, sondern es ist gemeint, daß der Besitz sich auch erstreckt auf alle Zeiten, auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, das heißt, auf alles Leben, dem wir immer angehört

haben, angehören und angehören werden, und auf alle Schöpferkraft im Weltall.

Jedes Menschenleben ist ähnlich einem Künstler. Dieser verfertigt ein Buch, ein Bild, eine Statue, ein Musikstück; und ist eines seiner Werke beendet, so ist damit doch nicht sein Leben beendet. Er beginnt ein neues Werk, aber sein Leben steht hinter allen seinen einzelnen Werken.

So leben wir durch alle Zeiten neue Leben, und hinter allen diesen Leben steht unser eigenes ewiges Leben, das ewige Leben des Weltalls, von dem wir im Innersten Besitzer sind. Aber kein Leben steht über uns, kein Schöpfer und kein Richter; wir selbst sind unser Schöpfer und unser Richter. Diese Anschauung macht frei und verantwortlich zugleich.

Vielleicht wird mir einer zurufen: ach, das ist die Seelenwanderungslehre! Das ist altbekannt und nichts Neues!

Nein, es ist nicht die Seelenwanderung allein, die ich meine. Ich erkläre: wir alle sind längst Besitzer der göttlichen Seelenruhe, des Nichtseins, des Nirwana, wie es die Asiaten nennen. Wir sind aber auch zugleich Besitzer des Seins. Beide Zustände sind untrennbar voneinander in uns verschmolzen. Wir wandern nicht anders von Leben zu Leben, als der Künstler es tut, wenn er ein Werk nach dem andern vollbringt. Der Geist des Schaffenden steht hinter allen seinen Werken in göttlicher Ruhe und Betrachtung. So stehen wir hinter unserem Leben.

Wir sind von Leben zu Leben durch die Jahrtausende wandernd, die Jahrtausende erlebend gegangen, so wie ein Meister von Werk zu Werk tätig ist und doch hinter seinen Werken, Ruhe bewahrend und mit göttlichem Geist die Werke betrachtend, unsterblich lebt.

Und nun will ich an Stelle des Wortes Werk das Wort Fest setzen. Das Elendste unter uns Menschen, das Elendste unter den Tieren und das Elendste unter allen Atomen feiert das Fest seines Werkes, solange es sein Leben liebt. Wenn ihm das Werk nicht mehr genügt, ihn das Fest seines Lebens nicht befriedigt, so legt er dieses Leben fort und wird ein neues beginnen, ein neues Werk, ein neues Fest.

Das heißt, jedes Lebewesen kann sich unbewußt oder bewußt sterben lassen, mit oder ohne Gewalt. Aus der Ruhe seines urewigen Lebensatoms heraus wird dieses Lebewesen die Gestalt, in der es Schöpfer war, z. B. den Körper Mensch, Tier, Pflanze eingehen lassen und sich mit neuer unerschöpflicher Werk- und Festlust, die wir Lebenslust oder Schöpferlust nennen, neue Gestalt geben.

Jeder wird nach dieser Ausführung verstehen, daß diese Art Seelenwanderung, wenn man sie so nennen kann, zwar ähnlich jener bekannten Annahme von der Seelenwanderung ist, aber da sie aus Schöpferlust geschieht und keinen Zwang bedeutet, ist sie mehr, sie ist festlich. Dieser Gedanke ist eine Verschmelzung von christlicher Anschauung und buddhistischer Anschauung.

Jede Halbkugel der Erde gab ihren Geist zum Aufbau dieses Ideales, dieser neuen Weltanschauung. Die Asiaten behaupten, daß wir gezwungen von Leben zu Leben gehen müssen, wenn wir uns nicht durch steten Lebensverzicht von der Lebenswiederkehr bewahren und so durch fortgesetzte Abtötung des Lebenswillens uns zum Nirwana, zur höchsten Seelenruhe bringen. Der Asiate sieht also die Seelenwanderung, das Weiterleben wie eine Strafe an und das Leben wie eine Plage, aber die Seelenruhe, das Nichtsein als das einzig lebenswerte Ideal.

Der Geist des Abendländers dagegen gibt die Lebenslust nicht auf. Er findet es feig, auf das Leben zu verzichten. Er sieht das Leben als eine Aufgabe an, als ein Werk, an dem er arbeitet, und jene träumende Seelenruhe des Asiaten erscheint seinem europäischen Lebenswillen unbehaglich. Und der neuzeitliche Abendländer kann sich unter der Seelenruhe nach dem Tode und ihrer Seligkeit gar nichts vorstellen, da er immer kräftig lebenstätig ist und unermüdliche Lebenstätigkeit über unendliche Ruhe setzt.

Das neue Ideal aber oder die Weltanschauung, die sich ergibt, wenn wir die edelsten Regungen des morgenländischen Geistes und die des abendländischen Geistes zu einer einzigen Lebenserklärung zusammenstellen, dieses Ideal, oder diese Weltanschauung sagt: Wir sind immer ungezwungen Schöpfer und Geschöpfe gewesen und werden es immer sein, das heißt: wir sind immer im Besitz ewiger und endlicher Kräfte gewesen. Jedes neue Leben, das wir erleben, ist uns ein festlich stimmendes Werk, hinter dessen Endlichkeit unsere eigene Unendlichkeit weiterlebt und stets mit Schöpferlust nach neuen Werken und Festen greift.

Wir sind ewige Besitzer der Schöpferkraft seit allen Zeiten. Wir und alle kleinsten und größten Lebewesen sind immer ewige Besitzer einer ewigen Ruhe, die wir nicht erst in einem fernen Nirwana oder Himmel erreichen brauchen. Und wir sind außerdem die ewigen Besitzer des Lebens, des festlichen Wechsels in der Ruhe, dessen Gestaltung wir selbst bestimmen aus unserer unendlichen Schöpferlust heraus.

Christus, der große Weise und große Mensch der weißen Halbkugel, sagte: «Ihr sollt nicht sorgen für den morgigen Tag, das heißt, euch nicht zuviel Unruhe machen. Der Vater im Himmel sorgt für euch wie für die Lilien auf dem Felde.»

Jener Vater im Himmel ist unsere eigene, ewig in uns wohnende und uns gehörende unsterbliche Schöpferlust, die Atomkraft, wie mein Freund, der Philosoph, sagte, deren Ruhe unerschütterlich ist, vor der unser jeweiliges endliches Leben weniger als den millionensten Teil eines Atoms bedeutet. Diese Schöpferkraft wohnt in uns in allen, die mit uns in die Weltallerscheinung treten und am Weltallwerke und Weltallfeste mitarbeiten und mitfeiern. Dieser unserer Schöpferkraft müssen wir uns bewußt werden, um uns nicht bloß als die schwachen Geschöpfe und als Sklaven eines endlichen Lebens oder einer ewigen Seelenwanderung zu fühlen.

Wir streben weder einem Himmel noch einem Nichtsein oder einem Nirwana zu. Das Nichtsein ist uns so gut angeboren wie das Sein.

In unseren tiefsten, erhabensten Augenblicken kehren wir bei unserem Nichtsein ein. Wir fühlen uns dann weltfern. Wir kehren dann in unsere Weltferne zurück, in das Apogäum, wie die Griechen sagten, in das Nirwana, wie es die Asiaten nennen.

Aber wenn wir dann zum Lebensfest und zum Lebenswerk zurückkehren, zum irdischen Atmen, zum Tätigsein und Handeln in irgendwelcher Gestalt, in der wir eben unser Lebensfest feiern, dann hat uns auch stets die Rückkehr entzückt, die Rückkehr von der Weltferne in die Weltnähe.

Denn beides ist unser ewiger Besitz, und keines von beiden wollen wir missen. Die Weltferne ist das ewig festlich Unabänderliche in uns, die Weltnähe das ewig sich festlich Verändernwollende in uns.

 

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