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Gedankengut aus meinen Wanderjahren

Max Dauthendey: Gedankengut aus meinen Wanderjahren - Kapitel 32
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authorMax Dauthendey
titleGedankengut aus meinen Wanderjahren
publisherAlbert Langen
printrun7. bis 9. Tausend
year1913
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
created20090226
modified20150521
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In Athen wurde uns dann bekannt, daß draußen ein einsames verlassenes kleines Klostergebäude am Fuße des Hymättos liege. Dieses hieß Cäsaria. Jenes Haus war einmal in ältester Zeit unter Kaiser Hadrian ein Lustschlößchen gewesen. Später ist es ein Kloster geworden. Das Gebäude war jetzt noch Eigentum eines großen Klosters in Athen. Wir mußten in jenem Kloster die Schlüssel für Cäsaria holen. Wir wollten das Haus besichtigen, das man mir verpachten sollte.

Der kurze Augenblick in jenem großen griechischen Kloster, in dem wir die Schlüssel verlangten, ist mir unvergeßlich.

Nach einem viereckigen sonnigen Hof hin lagen die offenen Zellen der Mönche. Große schattige Bäume standen mächtig und ruhig bei den Zellentüren. Die dicken Stämme der Bäume waren wie große Urnen anzusehen. Aus diesen quollen die Blätterkronen, als wüchse der Friede hier Blatt an Blatt aus der Erde.

Die Zellentüren standen offen, und ich sah in jedem kleinen weißgetünchten viereckigen Raum ein Betpult und ein schmales Bett. An der Wand hing ein Holzkreuz, und in einer Nische stand ein Wasserkrug. Köstliche heilige Einfachheit herrschte hier.

Einige Mönche mit langen grauen Bärten saßen im Hof unter den Bäumen und lasen, und ein alter stattlicher Mönch mit weißem Haupthaar und weißem Bart gab uns vertrauensvoll die Schlüssel.

Wie schade ist es, dachte ich, daß wir Künstler nicht in solcher Einfachheit mit unseren Frauen leben wie die Mönche hier. Diese leben wie jene drei Frauen, die ich im Peloponnes mit ihren Flachskunkeln in der Hand, im Frühlingstag arbeitend, unter einem Ahornbaum, in der Haustür und am Brunnen fand, und die mir wie an den Quellen der Ewigkeit sitzend erschienen sind.

So müßten wir Männer, in äußerer Einfachheit den Mönchen ähnlich, und unsere Frauen, jenen drei Rockenspinnerinnen ähnlich, im herrlichsten Frieden leben können, zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit, den Vorbildern aller Götterbegriffe ähnlich, wenn wir uns zur edelsten Bedürfnislosigkeit entschließen könnten.

Sauberkeit und Ordnung am Körper, in der Kleidung und im Hause müßten die Grundbegriffe bleiben bei täglicher Arbeit. Und die Quellen des Weltallfriedens und der künstlerischen Freuden wären dann unerschöpflich.

Welche festliche künstlerische Beobachtung des Weltalls, welch festliches Miterleben mit Pflanzen, Tieren und Menschen wäre jenen Menschenherzen möglich, jenem Mann und jener Frau, die in solch äußerster Schlichtheit ihr tägliches Leben führen wollten!

Später, auf meiner Weltreise, traf ich diese Schlichtheit in Asien bei Millionen Menschen, sowohl im warmen Indien, als in dem in gemäßigter Zone liegenden Japan. Überall fand ich diese möbelleeren, aber von künstlerischen Gedanken erfüllten, kleinen Wohnungen, in welchen als erster Schmuck die peinlichste Sauberkeit herrschte und die feinfühligste Lebensordnung.

Zwischen leeren Wänden saßen in jenen Ländern gefühlvoll fleißige und allem Weltalleben klug nachfühlende Menschen. Und die Leere der japanischen Zimmer war so reich wie die Leere des blauen Himmels es ist, die nie langweilt.

Die Japaner hatten die Maße der Höhe, Breite und Tiefe ihres Hauses klug und fühlend um die Menschenfigur ausgedacht, so daß das Zimmer wie eine Schachtel zum Verpacken eines köstlichen Kunstwerkes wurde, eine Schachtel, die gerade so viel Raum bietet, als der Gegenstand Schutz braucht.

Das kleine Gebäude von Cäsaria lag bei einer winzigen Kapelle. Die stammte noch aus den ersten Jahren des Christentums. Die Kreuze und die Bilder darinnen waren ungemein liebevoll, einfältig und rührend kindlich gläubig gearbeitet. Das einstöckige Haus neben der Kapelle wurde von einigen Hirtenfamilien bewohnt. Aber hier herrschte Verwahrlosung überall. Die Dielen waren so zerrissen, daß man durch die Stockwerke hindurchsehen konnte, und das Gesindel, das da hauste, war nicht vertrauenerweckend. Die Hirten beim Hause trugen Gewehre über den Schultern, Revolver und Dolche in den Gürteln. So standen sie zwischen ihren Herden und schossen nach Vögeln und Feldmäusen und benahmen sich bei unserem Erscheinen, als müßten sie uns mit ihren Büchsen das Echo vom Hymättosgebirge hören lassen.

Hinter dem Haus zog ein ungeheurer Bergabhang hinauf, der seit Jahrhunderten schon abgeholzt war und kahl und sonnenverbrannt in die Lüfte starrte.

Einige Schritte von der Türschwelle fort, unter dürftigen Laubbäumen, sickerte aus einem alten marmornen Widderkopf eine Quelle. Dort bei einem großen alten Trog knieten Weiber, alte Männer und Kinder; die wuschen unter viel Geschnatter und Geschimpf ihre Wäsche.

Es führte kein eigentlicher Weg zu diesem Haus. Wir hatten von der großen Landstraße quer durch Felder einen Pfad suchen müssen. Ich hatte geglaubt, ein einsames einfaches leeres Klosterhaus zu finden, und war erstaunt über die uns mißtrauisch begrüßende, verwilderte Hirtengesellschaft, die da büchsenknallend und freche Reden führend, das verwahrloste Haus wie eine Räuberhöhle erscheinen ließ.

Da war kein Garten, kein Wald in der Nähe, nur dürftiges Buschwerk war da und ein heißer steinerner Bergabhang und flache Felder davor. «Wollen Sie hier auch nicht bleiben? fragte mich mein Reisegefährte. «Nein», sagte ich, «hier erst recht nicht.» «Was wollen Sie dann tun?» –

Die Frage war leicht gestellt, aber ich mußte in meiner Brust einen schweren Kampf kämpfen, um die Antwort zu finden, die ich mir selbst geben sollte. Ich kam mir gedemütigt vor, weil ich so viele Pläne gemacht hatte, und weil nun alle meine Gefühle und Gedanken, wenn ich aufrichtig zu mir war, nichts mehr von jenen Plänen wissen wollten. Mein Herz drängte nur heftig nach der Vereinigung mit meiner Frau und mit meiner Heimat.

Wir gaben die Schlüssel von Cäsaria dann wieder im Kloster ab. Der weißbärtige Mönch nickte, als er hörte, daß ich nicht daran denken wollte, dort zu wohnen, und er fand es ganz in der Ordnung, daß ich wieder nach Hause reisen wollte. Herrlich friedlich war es in mir nach diesem Entschluß. Auf dem Rückweg vom Kloster nach Athen beleuchtete die Abendsonne vor uns den fernen Akropolishügel. Der lag goldrötlich über den blauschattigen Feldern und verdunkelte sich mehr und mehr, als wollte er vor meinen Augen verschwinden und wollte sich in einen fränkischen Hügel in den Marienberg, der das Schloß über der Stadt in Würzburg trägt, verwandeln.

Von den Bergwänden des Hymättos hallten Käuzchenschreie und Eulenrufe in der Abenddämmerung.

«Eulen nach Athen tragen», fuhr es mir durch den Sinn.

Ich hatte, wie das Sprichwort sagt, gehandelt. Die Eulen waren meine unruhig flatternden Pläne gewesen, die ich umsonst nach Athen getragen. Ich ließ sie jetzt für immer fortfliegen, und sie riefen mir von Cäsaria zum letztenmal nach. Aber ich kehrte ihnen den Rücken und ging im weichen Staub der Landstraße weiter.

Dabei machte ich in meiner Zufriedenheit die Wahrnehmung, daß jener alte Staub der athenischen Straßen einen wunderbar süßen Geruch hat. Wie Wohlgeruch aus alten Räucherurnen, so stieg ein Duft von der Erde hier auf. Ich fragte mich, ob sich der Staub am Boden hier noch an jene Abende erinnert, da die Griechen köstliche Rauchopfer vor den edlen Menschengestalten ihrer Heimatgötter auf den Hausaltären anbrannten. Nirgends auf der Welt fand ich wieder, daß der Erdstaub so süß, getrockneten Blumen ähnlich, duftete wie hier auf den Landstraßen um Athen.

Befreit vom Ballast unmöglicher Pläne, kam ich jetzt nach Athen reicher zurück, als ich fortgegangen war. Ich nahm mir nun vor, nur noch einige Tage die Schönheiten Athens zu sehen, und dann auf kürzestem Weg nach meiner fränkischen Heimat, nach Deutschland zurückzukehren. Dort wollte ich meine Frau erwarten, und dann würden wir endlich in der Heimat unsere Heimat finden.

Ich besuchte am nächsten Nachmittag noch Eleusis, denn dort waren alljährlich zum Osterfest alte Ostertänze auf dem Marktplatz zu sehen. Eleusis ist nach einer kurzen Bahnfahrt von Athen aus erreichbar. Die Bahn läuft am Meer entlang neben der alten heiligen Straße der Pilger.

Als wir nachmittags durch die kleine Provinzstadt wanderten, hing an verschiedenen Häusern das gebratene Osterlamm an einem Nagel am Türpfosten. Der Hausherr stand daneben mit einem Messer und schnitt Bratenstreifen ab, die er unter seiner Familie austeilte.

Aus einer Tür trat ein Hausvater freundlich lachend auch an uns Fremdlinge heran und reichte jedem von uns ein Stückchen Lammbraten zum Ostergruß. Wir mußten es aus seinen Händen annehmen und es mit den Händen zum Munde führend verzehren, wie es nach uraltem Brauch die Landbewohner in Griechenland tun, die keine Tischgeräte anwenden, ähnlich wie es bei uns einst im Mittelalter noch Sitte war.

Vor allen Türen saßen die Leute in Gruppen und aßen fröhlich das Osterfleisch. Es hatte sie alle das festliche Osterlicht auf die Straßen gelockt. Munter und unterhaltend lachten, plauderten und grüßten sich die Nachbarn vor den kleinen Häusern.

Gegen zwei Uhr versammelten sich auf der einen Seite des Marktplatzes die jungen Mädchen der Stadt, auf der anderen Marktseite die jungen Männer. Die Mädchen hatten die Haare in zwei lange Zöpfe geflochten, und die bänderdurchflochtenen Zöpfe reichten ihnen bis auf die Fersen. Viele bunte Seidenbänder waren in die Zöpfe geschlungen, und mit eingeflochtenen schwarzen Roßschweifen waren die Zöpfe auch künstlich verlängert worden.

Jedes Mädchen faßte mit gekreuzten Händen nach den Händen ihrer beiden Nachbarinnen, und ebenso taten die Burschen. Und nach einer uralten Melodie, die die Mädchen und die Burschen sich zusangen und beantworteten, bewegten sich die beiden breiten Reihen von jeder Seite des Marktplatzes einander entgegen, und die vielen Füße tanzten langsam, rhythmisch vor und zurück, je nach dem Takte des einfachen Liedes.

Das Lied war feierlich und leicht klagend, und seine Melodie bewegte sich nur in ein paar Tönen. Aber die wunderbare Einförmigkeit und Einfachheit des uralten Tanzes und des Osterliedes, das schon die Väter und Vorväter bei der Wiederkehr des Frühlings hier auf dem Marktplatz getanzt und gesungen hatten, war unergründlich festlich stimmend auch für die Ohren eines Fremden.

Ich nahm das Lied als Abschiedsgruß von Griechenland in meinen Ohren mit nach Deutschland. Und ich summte es noch lange gern vor mich hin auf den Feldwegen daheim, als meine Frau und ich uns wieder zusammengefunden hatten und auf dem Gut bei Würzburg wohnten, am Nikolausberg, wo einst meine Mutter gestorben ist.

 

Es war im Mai 1898, als ich dann nach langen Irrfahrten in der mir angeborenen Heimat gelandet bin. Zwei Jahre waren wir, meine Frau und ich, von Hotel zu Hotel und von Land zu Land gezogen und hatten es noch nie zusammen erlebt, auf altem Erinnerungsboden zu wohnen, in eigener Küche ein nach persönlichem Geschmack hergerichtetes Mahl auf dem Feuer zu haben, am häuslich gedeckten Tisch zu essen und vor den Türen Wege zu gehen, die nicht ins Unbekannte, ins Unklare führten.

Hier kannte ich die Ziele eines jeden Feldwegs und jeder Landstraße. Ich konnte meiner Frau unterwegs berichten, was uns erwartete, wenn wir vom Haus am Berg aus nach Osten, nach Westen, nach Norden oder Süden gingen.

Die Hähne, die im Gutshof krähten, waren Heimathähne, deren Laute ich mit mir in der Fremde herumgetragen hatte. Und immer, wo ich auf den Reisen in den Wanderjahren einen Hahn hatte krähen hören, war das Bild jenes Gutshofes in mir aufgestiegen. Und Hahnenschreie, wo ich sie auch hörte, hatten mir immer zugerufen, heimzukommen in die Vaterstadt, dorthin, wo ich einst sprechen, gehen, denken, handeln und träumen gelernt hatte. Die Häuser kannten mich alle noch, sie, die mit ihren Fensterscheiben immer am gleichen Fleck standen und die Menschen betrachteten, die in ihnen heranwuchsen und von ihnen fortgingen.

Wenige von den Fortgehenden aber waren wiedergekommen, und wenige nickten ihnen zu.

Ich fühlte bei meinen Wegen durch die Stadt, daß diese Häuser, die mir bei meinem Kinderspiel und bei meinem Schulweg zugesehen hatten, die meine Jünglingsgedanken mitgedacht hatten, und die mich nun mit meiner Frau zusammen übers Pflaster wandern sahen, daß diese Häuser mein Besitz waren. Sie waren durchdrungen und in Besitz genommen von den Gedanken meiner früher hier verlebten Jahre.

Und als ich nun so hinging, war mir als steckten die verschiedenen Häuser an ihren Ecken, Türen, Gesimsen, Dächern, Hauswinkeln, Dachrinnen, Fähnchen heraus, beschrieben mit bunten Sätzen, alten Gesprächsresten, alten Gedankensätzen und alten Vorsätzen.

Pflichten und Erinnerungen standen dort bunt, mal rot, mal gelb, mal blau hingeschrieben auf die beweglichen Wimpel, die da, nur für mein inneres Auge sichtbar, die ganze alte Stadt reich und lustig schmückten. Da war Kindertorheit und Jünglingsernst, Jünglingstorheit und Mannesernst, Mannestorheit und der Ernst lieber Toten für mich durch alle Gassen verbreitet.

Grundzufrieden war ich dann, wenn ich hinaus vor die Stadt zum Berg zurückkehrte und in der Ferne am Hügelabhang den Giebel des Hauses sah, unter dem meine Frau und ich jetzt lebten. Die Sonne, die wir dort oben auf- und untergehen sahen, kam nicht mehr aus dem Unbekannten, denn auch die Landschaft hier war mein Besitz, sowie es die Gassen der Stadt und die Häuser waren.

Wo überm Maintal, auf fernen Äckern, morgens die Sonne in der Frühdämmerung hergewandert kam, da war ich oft mit meinen Füßen selbst gewandert, und ich kannte die Ortschaften und die Waldstrecken und die Namen der Orte und der Berge so gut wie die Namen meiner Familienangehörigen. Die Sonne kam also nicht aus dem Grenzlosen, Atemlosen, Namenlosen jeden Morgen zu mir.

Ich kannte auch ihren Tagesweg. So weit mein Auge nach Süden und Westen sehen konnte, kannte ich von mittags und bis zum Abend, und bis zu ihrer Untergangsstunde, die Landwege, die Waldwege, die das Himmelsfeuer durchwanderte, so genau wie die Sonne selbst. Und ich wußte, was ihr Licht rundum tagsüber zu arbeiten hatte. Ich kannte die großen Kornstrecken, die verschiedenen Weinlagen, die Obstpflanzungen und die Baumschulen, wo die Sonne überall tüchtig zu tun bekam, um Frucht reifen zu lassen.

Und die arbeitende Stadt im Tal, wo gefahren und gebaut, geboren, geliebt und gestorben wurde, kannte ich innen und außen und wußte, wie die Sonne dort die verschiedenen Straßen zu den verschiedenen Tagesstunden beleuchtete und erwärmte oder mit kühlen Schatten bedeckte.

Ich sah auch über den Bergen dem Mainfluß nach, der, in Windungen fließend, die Sonne auf seinem Wasserrücken spiegelnd, weit bis nach Norden strahlte. Und ich saß stundenlang auf dem Gutshof an der Terrassenecke bei der Fahnenstange, wo ich vor vielen Jahren mit meinem Freunde gestanden, und wo wir wunderlustig gewesen, und freute mich jetzt heimgekommen zu sein aus der Unendlichkeit. Denn ich hatte damals nicht die Liebe gekannt, nur Lebenspläne und noch keinen Lebensbau. Und hier an dieser Terrassenecke, wo ich damals meinen Freund zum Wunderwirken an jenem Augustnachmittag erwartet hatte, wurde mir jetzt klar, daß ich auch körperlich und nicht bloß geistig in meine festliche Weltanschauung hineingewachsen war.

Jeder Morgen, der über der Stadt im Tal aufging, der den Tau auf den Kleefeldern vor dieser Terrasse bläulich aufblitzen ließ, redete nicht mehr vom Gedanklichen des Lebens, nicht mehr von Hoffnungen und Plänen, sondern von der innerlichsten Innigkeit jedes Tages.

Wenn die Giebelfenster des Gutshauses in den Morgenstunden blitzten, wenn die Fliederbäume, die altgekrümmten, an der Terrassenmauer blühten oder abblühten; wenn das Finkenpärchen, das in der großen Kastanie nistete, sein Nest bauend, ab und zu flog, wenn die Pfauenhenne oben am Berg, unter einem Busch versteckt, wochenlang brütete und der Pfau einsam auf der Terrassenmauer stolzierte und schrie, da er Regen erwartete; wenn Türen im Hause zuschlugen, Ketten der Pferde und der Kühe in den Ställen rasselten; wenn nur ein Strohhalm, der vom Einfahren der letzten Ernte vom Vorjahr draußen am Weg an den wilden Rosenbüschen hängengeblieben war, dem Vorübergehenden zuwinkte, – dann war alles das nicht ein zwischen Himmel und Erde geborener vorüberflatternder flüchtiger Augenblick.

Sondern: das Licht und die Schatten, die Geräusche und die Ruhe, die Tagesfarben und die Dunkelheit der Nacht, die Gerüche, die Kälte und die Wärme kamen mir wie Rhythmen der Zufriedenheit meines Herzens vor und kamen mir künstlerisch zum Bewußtsein. Jeder Augenblick brachte die Anfänge von Gedichten, Liedern und Geschichten mit.

Und wenn ich mir nur ein wenig Zeit nahm und in mich hineinhorchte, dann konnte ich ein neues Liebeslied singen, und konnte es ihr, der geliebten Frau, bringen, die, ohne daß sie mit den Lippen oder mit den Augen danach fragte, mit dem Herzen darauf wartete.

Ein wenig am Berg hinauf, vom Haus fort, steht ein großer stattlicher Nußbaum. Unter diesem Baum saß ich jetzt oft in den Vormittagsstunden und schrieb mir manches Lied auf, und dann kam meine Frau vom Hause her mit einem Körbchen und brachte mir, wie eine Maurerfrau ihrem Maurer, Frühstück auf meinen Arbeitsplatz und setzte sich zu mir unter den Schatten des Nußbaums. Dann aber glaubte ich erst recht nicht mehr, daß irgendein Mensch das Leben anders als festlich ansehen konnte.

In jenen Jahren, die ich im Sommer auf jenem Gut und im Winter in meiner Landeshauptstadt, in München, mit meiner Frau verbrachte, schrieb ich zwei Liedersammlungen, die ich dann als mein erstes reifes Gedichtbuch unter den Titeln «Die ewige Hochzeit» und «Der brennende Kalender» erscheinen ließ. Mit diesem Buch beginnt die Dichtungsarbeit meiner Mannesjahre. Die vorbereitende Zeit der suchenden Jahre war für meine Dichtung beendet, als man das neue Jahrhundert schrieb.

Wenn ich auch noch manche Reise im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts und die Weltreise im Jahr 1905-1906 rund um die Erde machte, so ist doch nie mehr in mir der Gedanke oder der Wunsch aufgestiegen, mich irgendwo für immer in der Fremde fest niederzulassen. Alle weiteren Reisen unternahm ich aus dem Bedürfnis, Länder und Völker zu sehen. Aber die Heimat stand mir bei allen Reisen immer wieder als Endziel vor Augen.

Und die Heimat gab mir die Verinnerlichung und die rechte Lebensandacht. Nur auf den Wegen, auf denen man in der Jugend gewandert, kann man im Mannesalter aus dem Chaos der Eindrücke das Hauptsächliche vom Nebensächlichen trennen, das Wichtige vom Unwichtigen und die künstlerische Linie eines jeden in der Fremde erlebten Eindruckes finden. Die Heimat mit ihrer ernsten und von den besten jugendlichen Vorsätzen durchwärmten Sonnenluft verbrennt die unnützen Stoffe, deren Wichtigkeit und Unwichtigkeit man in der Fremde nur schwer unterscheiden kann.

Man baut auf dem Jugendboden, auf dem man geboren, auf dem man aus dem Unergründlichen, aus dem Unendlichen zur Endlichkeit, sich einst selbst geschaffen hat, am fruchtbringendsten und sichersten das weitere Leben auf, nachdem man sich aus der Fremde genügend Weisheit geholt hat.

Ich erinnere mich noch eines Morgens, da ich mit meiner Frau in dem Atelier in der Rue Boissonade, eben jung verheiratet, in Paris wohnte, als zum erstenmal die Heimatsehnsucht in mir ausbrach. Es war an jenem Hochsommermorgen, an dem ich, früh aufgestanden, allein durch mein stilles Stadtviertel zum Park Montsouris ging, zu jenem Park, in dem ich die beiden vornehmen Japanerinnen eines Morgens antraf.

Auf dem Hinweg beim Bronzedenkmal des mächtigen Löwen von Belfort war an einer Straßenecke in der frühen Morgenstunde ein Geflügelmarkt. In Holzkäfigen eingepfercht, steckten die Hähne und die Hennen ihre roten Kämme zwischen den Gitterstäbchen durch, und einige Hähne krähten im Sonnenschein.

Beim Anblick und bei dem Geruch der Hühner und beim gewaltigen und doch melodischen Krähen der Hähne tauchten die Würzburger Heimatberge vor mir auf.

Und es war mir, als müßte um die Straßenecke der Weg nicht zum Park Montsouris, sondern zu jenem Gutshof führen, wo ich in meiner Kindheit mit meiner Mutter zusammen die ersten Hahnenschreie gehört hatte, wo ich zum erstenmal Korn und Klee hatte wachsen sehen, wo meine Mutter dann gestorben war und mir die Mutter Erde als ihre Stellvertreterin hinterlassen hatte.

Dort in der Ferne bei den Hecken, dort bei Steinbruch und Hügeln, am Kleeacker und am Kornfeld, wo ich als mutterloses Kind gewandert war, fehlte mir meine gestorbene Mutter nie.

Die warme Güte der Äcker, die immer am selben Fleck stillstehenden alten Bäume, die nur ihren Schatten ein wenig wandern ließen, weiche taumelnde Schmetterlinge und summend arbeitende Bienen, gütig duftende Kräutlein, reifende kleine Erdbeeren und reifende Brombeeren, die Lerchen im blauen Himmel, die Finken und Ammern im Gebüsch, die Schnecken am Weg und die weißen Sommerwolken über den Baumkronen am Himmel, die Ameisen, die über meine Stiefelspitzen liefen, die knallende Peitsche des pflügenden Bauers, die wiehernden Pferde im Acker – sie alle waren mir Liebkosungen der Mutter Erde. Sie waren meinem Lebenssinn erquickend und festlich. Im Sonnenschein, im Regen, im Wind, im Gewitter, in allen Stunden und in allen Wandlungen aller Jahreszeiten, war es mir auf dem Heimatberg, als hätte ich in allen Natureindrücken Hunderte von Müttern gefunden, die lieb und zutraulich mit mir plauderten, mit mir spielten, mich belehrten, mir die Zeit vertrieben und mir Lebenslust gaben.

Und bei jenem Hahnenschrei, dem ich in Paris an jenem Morgen bei den hohen Weltstadthäusern nachhorchte, riefen jetzt alle diese hundert Mütter vom Heimatberg aus der Ferne her. Deutlich wie die Sonne in jenem Augenblick über Paris und Würzburg zugleich leuchtete, so deutlich sah ich durch jenen Hahnenschrei von Paris nach Würzburg, von meinen Mannesjahren zu meinen Jugendjahren zurück.

Und ein tiefes Heimweh wurde mir zum erstenmal bewußt. Dieses Heimweh war schon lange irgendwo in meinem Dasein wie eine offene blutende Wunde gewesen. Es war mir, als hätte ich plötzlich Blut an meinen Fingern entdeckt, und wußte jetzt erst, daß ich verwundet war. Und ich erschrak. Seit jenem Hahnenschrei habe ich die Wunde des Heimwehs nie mehr aus den Augen gelassen.

Noch einmal später, auf der Rückreise von Mexiko, als wir bei einem vierwöchigen Orkan die ungeheuren einsamen Wasser des Atlantischen Ozeans kreuzten, riefen mir, wenn der Sturm sich mittags für einige Stunden etwas legte, um am Abend mit doppelter Wildheit einzusetzen, einige Hähne, die bei der Schiffsküche in Käfigen als lebender Mundvorrat eingesperrt waren, mit heiligem Krähen die Heimathügel der Vaterstadt über die Wasserberge her.

Und es war mir, als läge mitten im Urweltgebrause des Ozeans irgendwo ganz nah das freundliche sonnenbeleuchtete Maintal mit den Türmen der Vaterstadt und mit den Weinbergen. Ich glaubte bei den Hahnenschreien, das Schiff könne mitten im Sturm jeden Augenblick friedlich zu Hause landen.

Ich vergaß immer wieder die ungeheuren Meilenstrecken, die zwischen mir und Europa lagen, und ich und die Heimat waren einander so nah, wie es mir meine Hand vor meinen Augen war, sobald mitten im Sturmtag jene Schiffshähne krähten.

Süße Zuversicht erfüllt den, für den es kein anderes Weltall gibt als das Herz. Im Herzen gibt es nicht Raum und nicht Zeit, sondern nur herznahes Gefühl. Über Raum und Zeit fort zeigt dir dein Herz deinen ewigen Besitz.

Als ich in späteren Jahren einsam um die Erde reiste und meine Frau in Europa zurücklassen mußte, da war nicht ein Tag, nicht eine Stunde in den sieben Reisemonaten und auf den sieben Meeren bei allen Wundern der Welt, an denen mir nicht mein Herz überall das Gesicht und die Gestalt von ihr zeigte, die ich vermißte.

Überall in der Fremde deutete das Herz zuerst auf seinen Besitz, und dann ließ es erst meine Augen die Bilder der Fremde wie mit vier Augen genießen, mit den Augen von ihr, die in der Heimat zurückgeblieben, und mit meinen reisenden Augen. –

 

Wenn ich jetzt morgens oder abends auf meinem Berg stehe, kann mir die Sonne keine entwurzelnde Sehnsucht mehr von Osten herbringen, und sie zieht meine Augen abends nicht nach Westen über unbekannte Grenzen in die Leere fort. Ich bin zufrieden, endlich in der Heimat angekommen zu sein.

Ich sehe gern in mich hinein, wie in einen Brunnen, auf dessen Spiegel ganz unten das Bild der Sonne wie eine Mondscheibe tanzt. Und neben ihr tanzen auch am Tage alle Sterne. Und ich kann in meinem Innern nicht mehr Tag und Nacht voneinander trennen. Es sind alle Zeiten und alle Räume in der Lebensseligkeit des Heimgekehrten.

Die Nachtstunde, die den Fluß unter meinen Fenstern lauter rauschen läßt, ist nicht dunkler als die Mittagsstunde, die die Glocken über der Stadt läuten läßt. Der Wintertag, der den Schnee ans Fenster treibt, ist dir nicht kälter als der Sommertag, der das Kornfeld gilbt, sobald du angekommen bist beim innersten Wesen aller Dinge, bei der Schöpferkraft des Liebesgefühls, das die Krone aller Gefühle ist.

Du dachtest zum Beispiel, die Sonne scheint, und du und deine Geliebte, ihr möchtet in das Grüne unter die Bäume gehen. Aber es regnet im nächsten Augenblick, und, unter der Türe stehend, streckst du die Hand aus und fühlst die Regentropfen. Du weißt aber bald nicht mehr, daß du den Wunsch hattest, unter die Bäume zu gehen, weil die Wolken den Wunsch hatten zu regnen, und die Sonne den Wunsch hatte auszuruhen, und weil du nichts Lieberes unter den Bäumen gesehen hättest als die Augen jener, die du liebst, und die mit dir auf der Türschwelle steht.

Aug' in Aug' mit ihr quält dich nichts. Und ihr laßt beide wunschlos den Regen fallen, denn keine anderen Wege sind von Wichtigkeit und von äußerstem Wert als der Weg von Blut zu Blut bei Zweien, die sich lieben.

Diese Wunschlosigkeit in der Liebeslust und in der Heimatlust zu erkennen, zu pflegen, zu erhalten, das hat Lebenssinn.

Wenn zwei Liebende sich befriedigen, werden ihre Sinne überall allgegenwärtig im Weltall. Auch wenn die beiden ihr Haus nicht verlassen, auch wenn sie an dem kleinsten Erdfleck Seite an Seite leben. Sie sind überall allgegenwärtig und allklug, weil sie Besitzer der Urkraft des Lebens sind, der Liebeskraft, aus welcher das Weltall entsprungen und aus welcher alle Leben immer wieder entspringen.

Seit ich diese süße Weisheit erfahren, wendete sich mein Sinn in der Dichtung dem Besingen und Preisen dieses edelsten und schöpferischsten Gefühls aller Gefühle zu.

Die mir liebsten Gedichte, die ich von anderen Dichtern lese, sind die Gedichte, die das erhöhte Gefühl, das Liebesgefühl, mit seinen tausend und aber tausend Stimmungen, gesteigert aus Sehnsucht, Zweifel und Erfüllung verkünden und die zugleich die Natur besingen.

Als ich von Griechenland zurückgekehrt war, kam mir eine kleine neue Ausgabe der Geschichten von ‹Tausendundeine Nacht› in die Hände. Ich hatte einige der Geschichten früher schon in Sammelbänden gelesen, aber niemals gewußt, daß in diese Geschichten die schönsten Liebeslieder eingestreut sind. Denn man hatte in den früheren Ausgaben jene kurzen Lieder nicht mitgedruckt.

Diese kleinen arabischen Lieder aus ‹Tausendundeine Nacht› wurden dann meine Lehrer. Ich mußte sie lesen und immer wieder lesen und sie ihr, die ich liebe, immer wieder vorlesen. Und dann wurden die Verse noch schöner, wenn ich sie von Herz zu Herz hinsagte. Dann waren sie nicht bloß geistvoll, rhythmisch und innig. Dann waren sie wie von ihr und mir geboren. Dann hatten sie ihre und meine Augen und hatten Menschenhände und Menschenstimme und waren nicht mehr kleine gedruckte Gedichte, sondern wurden lebende Wesen.

Wie die Amsel, die auf die Fensterbank geflogen kommt, die vorher irgendwo unsichtbar gesungen hatte, und die von der Fensterbank sich einsingt in die Menschenbrust, wo ihr Lied wohnen bleibt, so zahm wurden die kleinen Gedichte, und so wunderbar verschwanden sie in uns und sangen dort fort und fort.

Aus den kleinen Reclambänden von ‹Tausendundeine Nacht›, in welchen ich diese schönsten, nur den Liebenden verständlichen Lieder, die mit der Liebe leiden und jubeln können, gefunden hatte, schnitt ich alle diese Gedichte heraus und klebte sie in ein dauerhaftes, in Leder gebundenes Buch.

Und diese Gedichte, deren Dichter tot und verschollen sind, deren Namen ich nicht kenne, deren Lebenszeiten ich nicht kenne, waren meine Lieblingsgedichte in jenen Jahren. Jene toten Dichter und die von ihnen geliebten Frauen gingen als gute Freunde bei uns umher, und ich versuchte ihnen nachzutun und zu dichten in ihrem Sinn kurz und eindringlich. –

 

In Japan gilt ein gutes Gedicht als höchste nationale Leistung in Friedenszeiten. Von Japan, wo der Kaiser und die Kaiserin jährlich mit dem Volk sich um einen Preis in der Dichtung bewerben, von Japan, das unsere Maschinenkunst und unsere Kriegskunst angenommen hat, können wir Europäer diese Friedenskunst erlernen.

Kunstwerke bedeuten dort Heldentaten in Friedenszeiten. Mit möglichst wenig Worten in der Dichtung eindringlich viel sagen, mit möglichst wenig Linien und Farben viel in der Malerei ausdrücken, mit wenig Tönen in der Musik Unendliches geben – dieses hätten wir in der nächsten Zukunft von den Künstlern des Ostens zu lernen.

Auch die Art, wie Kunstwerke zu genießen sind, und daß sie nur in einer Art genossen werden können, dies wollen wir von jenen lernen, die seit Hunderten von Jahren die Künste inniger pflegten als wir.

Ein Gedicht des Kaisers wird in Japan fünfmal vorgelesen, ein Gedicht der Kaiserin dreimal, ein Gedicht eines Bürgerlichen zweimal.

Wenn ich dieses berichte, so bin ich nicht der Meinung, daß gerade diese Unterschiede nachahmenswert sind. Sondern ich will nur darauf hinweisen, daß ein Gedicht nicht vom einmaligen Vorlesen, wie es bei unseren öffentlichen Vorlesungen geschieht, verstanden oder voll aufgenommen werden kann. Wie man den edlen Wein langsam auf der Zunge kosten muß, um seine Blume festzustellen, so ist es mit einem edlen Gedicht, es will langsam und nachdenklich aufgenommen sein. Und zum langsamen Kunstgenießen muß das europäische Publikum erst erzogen werden.

Zweimal und mehr muß jedes gute Gedicht gelesen werden, ehe sein Sinn und seine Schönheit im Herzen des Zuhörers keimen können. Ein gutes Gedicht kann immer wieder anders und neu, innerlich und äußerlich, im Gefühlssinn und im Wortlaut genossen werden. Ein Gedicht ist unerschöpflich, unergründlich wie das Himmelsblau, wie das Meerblau, wie ein Menschenauge, wie ein Sternhimmel. Bei allen diesen Leben können wir von unendlichen Lebenswerten träumen, so auch bei dem Gedicht und bei jedem Kunstwerk, wenn wir es langsam und öfters auf uns wirken lassen. –

Ich erinnere, daß man mir einmal, als ich Kind war, kleine Holzformen geschenkt hatte, die, in feuchtem Sand gepreßt, hübsche Sandkuchen gaben. Diese Sandkuchen bereitete ich auf einem Brett und freute mich ihrer Figuren. Aber wie erstaunt war ich, daß die Figuren, sobald die Sonne das Brett beschien, in kleine Sandhäufchen zerfielen.

Ich fand diesen Zerfall unerhört, und er grämte mich jedesmal bitterlich. Wenn die Figuren noch so schön scharf geschnitten in Schneckenform und Sternform vor mir lagen, nach ein paar Stunden waren sie in formlose Sandhäufchen zerkrümelt.

Ich sann damals vergebens darüber nach, wie ich die Form im Sand festhalten könnte. Meine Lust und meine Kraft waren gründlich beleidigt von der unüberwindlichen Vergänglichkeit, die mir da beim Spiel entgegenarbeitete, ohne daß ich sie hindern konnte.

Und ich grübelte nach und meinte, es müßte da doch etwas geben, was nie zerfallen dürfte, etwas, das ewig seine Form behalten müßte. Und ich sagte mir, daß ich, wenn ich groß sein würde, keine Arbeit tun möchte, die zerfallen könnte. Ich wollte mich nicht von der Vergänglichkeit kränken lassen. Wenn meine Arbeit, die ich mit aller Lust getan, spurlos verschwinden sollte, so würde mir das Leben keinen Spaß machen.

Derart grübelte ich als Kind betrübt vor dem kleinen Sandhäufchen, aber ich wußte nicht, was ich tun müßte, und was von allem auf Erden immer unzerstört fortdauern könnte.

Als ich erwachsen war, fand ich, daß von allem das Liebesgefühl das Unvergänglichste und Ursprünglichste ist und bleibt. Das Weltall verjüngt sich immer wieder durch Liebe. Liebe ist die Schöpferkraft des Alls. Wenn du von Liebe singst, können die Menschen der kommenden Zeiten dein Lied miterleben, und das Lied wird nicht veralten, sobald du es vom tiefsten Gefühl durchdrungen dichtetest.

So wie du ein vielhundertjähriges kleines Liebeslied von Walter von der Vogelweide, das Lied ‹Tantaradei›, heute noch beim Lesen erlebst, als dichtete es nicht ein Toter, sondern dein Herz, so werden alle Lieder, die das tiefe Liebesgefühl besingen, warm bleiben wie ein lebender Körper, auch wenn das Herz, das das Lied gesungen, längst ein Häufchen zerkrümelter Staub ist. Solche Erkenntnisse waren in anderen Zeiten unnötig, weil sie Selbstverständlichkeiten gewesen sind. Die Menschen anderer Jahrhunderte haben sich nie über die Liebeskraft Gedanken machen müssen und nie der Liebe Schöpferkraft betonen müssen.

Aber dieses war anders im letzten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts, wo man achselzuckend von Liebesdichtern, Liebesliedern und von jeder selbstverständlichen Liebesinnigkeit sprach. Die Menschen damals und viele auch heute noch meinten, das Liebesgefühl wäre dichterisch so gründlich ausgebeutet worden, daß man nicht mehr darüber dichten, nichts mehr darüber sagen könne.

Denn viele schlechte seichte Romane und weichliche, aber nicht leidenschaftsstarke Liebeslieder waren in der letzten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts so reichlich verbreitet worden, daß man derartige Bücher und Gedichte gut genug für schwache Frauen fand, aber nicht ausreichend zur Erquickung für den Mann.

Der Wert jener schwächlichen Liebesliteratur war aber im letzten Grunde für Männer wie für Frauen, welche vom Gedicht echte Empfindung und keine Empfindsamkeit erwarteten, gleich Null. Und so verbreitete sich die irrtümliche Ansicht, daß die Liebesdichtung sich ausgelebt habe.

Und man meinte, daß die Liebesdichter nur Sonne – Wonne und Herz – Schmerz reimen könnten. Diese Ansicht wäre wohl zutreffend gewesen, wenn die Dichter schwache, idealistisch empfindsame Naturen geblieben wären, deren es so viele vor dem Umwerten aller Werte gab, ehe in den achtziger Jahren künstlerische Selbstzucht einsetzte, die sowohl die Musiker und die Maler, wie die Dichter packte und allen europäischen Ländern neues Kunstleben gab. In Deutschland waren es Liliencron, Dehmel, Stefan George, Wedekind, die die Liebe in neuer Weise verkündeten, teils in gesteigerter Leidenschaft, teils in überraschenderer Ausdrucksweise, mit treffenderem und gewagterem neuen Bilderreichtum und mit neuen Vergleichen.

Aber erst dem neuen Jahrhundert blieb es vorbehalten, die neue Liebesnote dieser Dichter und ihre künstlerische Schönheit anzuerkennen. In den zehn Jahren von 1890 - 1900, in welche Zeitspanne meine Wanderjahre fallen, und über die ich hier meine Gedanken niederlegte, kämpften jene Dichtergeister noch um ihren Lorbeer. Die Kritik und die Volksmeinung schlug damals mit Disteln nach denen, die das Liebesfeuer in der Dichtung nicht untergehen lassen wollten, und die die Verkünder der herzlichen Leidenschaft blieben.

Spätere Jahrzehnte werden sich kaum vorstellen können, welches Kämpfen um die selbstverständlichsten Gefühle die Dichter und alle Künstler der neunziger Jahre durchmachen mußten.

Denn unter den Bürgern herrschte damals eine allgemeine Abkehr in der Kunst von den Liebesempfindungen fort. Man wollte nur Tagesfragen bedichtet wissen, Soziales, Politisches, Philosophisches. Und dasselbe forderte man von Roman und Drama, in denen es sich immer um Entwicklung von Problemen und nicht um das Aufeinanderprallen von leidenschaftlichen Gefühlen handeln sollte.

Jetzt neigt die Zeit wieder dem Gedichtelesen zu und dem Leidenschaftlichen in der Dichtung. Die verschiedenen neuen Dichter haben ihre verschiedenen neuen Formen gefunden, und das bedichtete Liebesgefühl darf wieder seinen selbstverständlichen ersten Platz einnehmen, und der bedichtete Gedanke erhält den zweiten Platz, wie es zu allen Zeiten früher selbstverständlich war.

Wäre die Welt immer in harmonischem Gleichgewicht erlebt worden, hätte man nicht Götterlehren über Götterlehren seit Tausenden von Jahren gegründet und eingerissen, dann würde das Menschengeschlecht in festlicher Selbstverständlichkeit das Dasein erleben und immer wieder erlebt haben. Aber Götterfurcht und Menschenfurcht haben das, dem Menschen ebenso wie allen Leben, angeborene Weltfestlichkeitsgefühl getrübt.

Die Menschen haben ergründen wollen, anbeten wollen, hineingeheimnissen wollen, da wo nichts anderes herrscht als das geheimnislose, freie und in sich selbst andächtige Weltallleben, bei dessen Festlichkeit wir alle zusammen Anbeter und Angebetete, Schöpfer und Geschöpf zugleich sind. So wie im Liebesverhältnis zwischen Mann und Frau jeder Anbeter und Angebeteter zugleich ist.

Alle Leben, die ihr um euch seht, die Leben der großen Sterne und der kleinsten Atome, sie schreiben ihre Lebenszeile. Und die Weltallrune, an der alle Leben schreiben, an der wir alle leidenschaftlich mitschreiben, sie zu entziffern, braucht es keiner Wissenschaft – nur Liebesgefühl.

Wer das Liebesgefühl erkannt hat, wer sich als Mann mit seiner Frau als Angebeteter und Anbeter zugleich fühlt, dem offenbart sich die Weltallgeheimschrift in ihrer unendlichen Klarheit, ohne Wissen und ohne Denken, im einfachen herzlichen Festlichkeitsgefühl.

Und die Frau wie der Mann sind in diesem Gefühl gleichwertig klug, gleichwertig weise, und sie gewinnen in der Liebeserkenntnis alles Wissen aller Unendlichkeiten ohne Grübeln.

Die Furcht vor Göttern und die Furcht vor Menschen wird auf der Welt für alle Zeiten überwunden sein, sobald die Menschheit wieder die Weisheit der Weltallfestlichkeit annimmt, die den Völkern im Urzustand bereits Eigentum war. Bei selbstverständlichem Welternst und selbstverständlicher Weltfestlichkeit wird die im Liebesgefühl selbstbewußt gewordene Menschheit nie mehr verarmen.

 

Ich will in einigen Sätzen noch einen Überblick geben zum Verständnis jener Weltanschauung, die ich für die kommende halte:

Die Anschauung von der Weltfestlichkeit befiehlt dir nichts. Sie läßt dich als freigeborener Mensch, nur der eigenen Verantwortung unterworfen, frei handeln, nachdem sie dir festgestellt hat, wer du bist, und gesagt hat: du bist der Besitz aller, und du selbst besitzt alles.

Daraus ziehe dann jeder ernste Mensch selbst die Schlüsse für seine Verpflichtungen und seine Ansprüche an die Lebensfestlichkeit.

Die lebensfestliche Weltanschauung sagt dir: dein Lebensheil liegt in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Dein Heil erwartet dich nicht erst nach dem Tode. Denn du warst, du bist und du wirst ewiger Mitgenießer, Miterleber und Mitschöpfer des Weltalls sein. Du trägst die Ewigkeit in dir. Du bist kein schwaches Geschöpf. Du bist Schöpfer und Geschöpf immer zugleich gewesen und wirst es bleiben in Unendlichkeit.

Du brauchst nicht auf deine Erlösung zu warten. Du hast dich mit allen Leben zugleich selbst geschaffen, und du erlöst dich von Leben zu Leben selbst, von tätigem Fest zu tätigem Fest.

Dein Wesen ist Schöpferkraft; Ewigkeit ist dein Weg; und Seligkeit ist dein Urzustand.

Du nimmst Strafe und Lob von dir selbst und von allen, die mit dir leben, in Empfang. Aber deine Strafe und dein Lob, beide sind nicht ewig, so wie es deine Gestalt nicht ist, in der du Strafe und Lob erlebst.

Du verwandelst dich von Leben zu Leben, denn du willst immer schaffen, und dieses ist deine Lust und deine Seligkeit.

 

Sind jemals unter früheren Weltanschauungen Verbrechen, Schlechtigkeiten, Kriege und Kämpfe abgeschafft worden? Nein. – Und so wird auch diese Weltanschauung nicht die notwendigen Verwandlungen, nicht den Lebenswechsel, abschaffen können oder abschaffen wollen. Begierden, gute und böse, werden mit jedem neuen Menschen, mit jedem neuen Tier, mit jedem neuen Lebewesen neu geboren.

Das Wasser, das vom Himmel regnet, verdampft wieder in den Himmel zurück. Es stirbt mit jedem Lebewesen aus dem Leben ein Herd von Begierden. Aber mit jedem Neugeborenen kommt ein neuer Begierdeherd ins Leben.

Das Leben wird nicht besser und nicht schlechter, denn es war seit Ewigkeit festlich in seinem Wechsel von Licht und Schatten, in seinem Wechsel von Schuld und Unschuld eine Festlichkeit.

Aber, wenn ihr Menschen die Verantwortlichkeit des Lebens in Zukunft auf euch selbst nehmt, wenn ihr wißt, daß ihr euch schafft, daß ihr eure Leiden wollt wie eure Freuden; daß es nichts Besseres für euch gibt als das, was ihr schon besitzt, – diese Erkenntnis von der Weltfestlichkeit wird euch das Leben aufmerksamer, inniger, teilnehmender, aber auch sanfter, ruhiger und verzichtender im Wandel von Leben zu Leben genießen machen. Diese Erkenntnis wird euch aufrichten. Denn ihr wißt nun, ihr seid im tiefsten Grund allwissend und allgegenwärtig. Ihr seid der Herr eures Glückes und eures Unglücks. Ihr seid Schöpfer und Geschöpf der Weltschöpfung. Und alle, die ihr um euch seht und hört und fühlt, sind es mit euch.

Welch eine Feststimmung bringt euch dieses Bewußtsein, daß ihr Herr und Genosse der Ewigkeit und aller Leben seid!

Keine tote Welt, keine toten Dinge, keine Einsamkeiten bedrücken euch mehr. Ihr wißt, euer Leben liegt von euch gewünscht, erschaffen und erhalten auf dem Weg der Tätigkeit, der Liebe und der Weisheit, von Leben zu Leben, ewig vor euch.

Wenn ihr nun in euren Zimmern und auf allen Wegen, wo ihr unterm Himmel weilt, wißt, daß ihr sogar mit allen Gegenständen, Gedanken, Eingebungen und Erhebungen, unbewußt und bewußt, austauschen könnt und zugleich wißt, ihr seid von allen Leben, auch von den sogenannten toten Dingen, verstanden und gefühlt, und es wird euch von ihnen geantwortet, – so werdet ihr mehr von euch sehen als je, mehr fühlen und mehr erleben als je, und ihr werdet der Welt mehr Augen, mehr Hände, mehr Ohren und mehr Herzen geben, und auch der sogenannten toten Welt um euch, der ihr früher aus Unverständnis das Leben abgesprochen habt. Und dieses bewußte oder unbewußte Verstehen- und Sprechenlernen mit allen Dingen bedeutet sowohl eine nützliche als eine künstlerische Bereicherung eures Daseins. Unerschöpfliche Lebenseindrücke und Lebenserregungen sind euch damit erschlossen, wenn ihr euch als den Besitz aller fühlt und zugleich wißt, daß ihr alles besitzt.

Jetzt sind es bald dreiundzwanzig Jahre, daß ich diese Erkenntnis mit mir trage. Aus meinen Wanderjahren wird jeder ersehen, wie schwer es mir war, mich an das neue Licht zu gewöhnen, und wie ich das Festlichkeitsgefühl noch nicht besaß, als ich es nur im Geiste aufgenommen hatte, und wie die Erkenntnis vom Fest des Lebens erst allmählich von meinem Körper Besitz ergriff. Mir war es zuerst, wie es Aladdin ergangen ist in jenem Märchen, als der Berg Sesam sich öffnete, und der junge Mann die Haufen von kopfgroßen Edelsteinen vor sich im Dunkeln leuchten sah. Ich wußte nicht, wo ich zuerst zugreifen sollte, bis die Weltanschauung selbst von mir Besitz nahm.

Die da glauben, der Mensch allein führe ein inneres Leben, nur er sei fühlend, nur er sei klug und gerecht, denen erwächst ein Stolz, der blind und unzugänglich gegen die anderen Leben im Weltall macht. Wer sich dünkt, mehr und besser zu sein, edler als die Tiere und die Pflanzen und die Erde und alle Dinge, weil er ein Mensch ist, dieser Mensch hat dadurch, daß er so denkt, den Anschluß an die Welt und an sich selbst, an seinen eigenen Urzustand eingebüßt.

Als Kinder haben wir den Anschluß an die Welt unbewußt mitgebracht. Aber mit zu kurzem Weltverstehen schneiden wir später den Anschluß ab an unsere eigne angeborene Ewigkeit, den Anschluß an die angeborene Weltallfestlichkeit, den feierlichen Anschluß zum Verständnis aller Leben, die außerhalb der Menschheit liegen.

Nichts weiter als den uns angeborenen und nur zeitweise verlorengegangenen Anschluß an das Weltall, an des Weltalls festliches Leben, will ich mit meinem ‹Gedankengut aus meinen Wanderjahren› in den Lesern dieses Buches erwecken und ins Bewußtsein zurückrufen.

 

In den siebzig Tagen und Nächten, während ich das Zimmer nicht verlassen konnte und ich dieses Buch bedacht und geschrieben habe, kam täglich nach Sonnenuntergang der Venusstern, der in diesem Winter ungewöhnlich stark leuchtend war, in das dunkle Fensterviereck meines Zimmers. Der Stern hat mit seinem begeisterten Licht treu zu meinen Gedanken gehalten und mir Kraft und Ausdauer gegeben, sie niederzuschreiben. Der Stern stand wie ein geschliffener Stein im Dunkeln, funkelnd wie das Ziel meiner Gedanken.

Ich stelle mir vor, ich hätte den blitzenden Punkt in einen Ring fassen können und hätte diesen der Frau an den Finger gesteckt, die mit ihrem Leben mein Herz in der Hand hält, dann würde sie nun ans Ende der letzten Zeile dieses Buches den Ringstein, den Venusstern, als Siegel aufdrücken, als Bestätigung der erlebten Wahrheiten meiner Worte.

Möge der Liebesgeist und der lebensstärkende Glanz dieses Sternes durch diese Blätter leuchten und im Namen aller Leben, aller Sterne und im Namen unserer Erde diesem Buch das Geleit geben.

Würzburg, Ostern 1913

Max Dauthendey

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