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Gedankengut aus meinen Wanderjahren

Max Dauthendey: Gedankengut aus meinen Wanderjahren - Kapitel 31
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authorMax Dauthendey
titleGedankengut aus meinen Wanderjahren
publisherAlbert Langen
printrun7. bis 9. Tausend
year1913
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
created20090226
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Am nächsten Morgen, als wir bei Sonnenaufgang zeitig aufbrachen, war ich dem Räuberabenteuer dankbar, daß es mich wenigstens in Gedanken auf die Schatten des arkadischen Einsamkeitslebens hingewiesen hatte. Und befreit von dem Ansiedlungsplan sah ich fröhlich in die taufrische Frühhelle.

Das alte verwitterte Bergstädtchen lag rosig verklärt auf seiner wagehalsigen Höhe. Es sah aus, als bewohnten es nicht geplagte alltägliche Menschen, sondern Menschen, die fliegen könnten, wenn sie die goldglänzenden Scheiben ihrer Hütten über den Bergabhängen öffneten. Wie eilfertige Schwalben, festlich und fröhlich, schienen diese Menschen auf dieser Berghöhe zu sein, so wie es die Vögel immer im Vergleich zu erdgebundenen vierfüßigen Tieren sind.

Ferne Bergspitzen gen Süden hin, drüben über den lilablauen Abgründen des Gebirges, lagen im Morgennebel wie blaue Inseln und schienen unser Kommen in ihrer Unwirklichkeit zu erwarten.

Wenn wir auch nichts zu essen und nichts zu trinken bekamen und seit unserem Ausritt aus Olympia noch kein warmes Mahl gesehen hatten, so merkten wir doch noch nicht, daß uns irgend etwas fehlte. Mein Reisegefährte hatte sich vom Führer einen Kranz getrockneter Feigen kaufen lassen, und diesen hängte er über den Arm. So zum Morgenimbiß Feigen kauend, ritten wir auf neuen Bergwegen weiter. Die Bäume wurden immer spärlicher, und die Steinblöcke wuchsen immer reicher in die Luft.

Wir hatten jetzt außer dem Hotelführer noch einen jungen griechischen Hirten als Führer dabei, der mit seinem langen Holzstab in der Hand – an welchen oben eine Muschel geschnitzt war – vor unseren Pferden aufrecht und wegkundig einherschritt und uns über die Bergpässe führte.

Kein Haus, kein Dorf, keine Menschenansiedlung war auf viele Meilen zu finden. Gegen Mittag trafen wir nur im Gestein an einer altgriechischen Quellenfassung, wo das Wasser aus einem weißen marmornen Löwenkopf sprudelte, zwei Hirten bei großen Hammelherden. Diese arkadischen Hirten hatten keine anderen Kleider an als die Felle ihrer Hammel, die sie mit Hanfstricken um die Brust und um die Beine gebunden trugen.

Sie hatten aus Rohren selbstgefertigte griechische Panflöten in der Hand, und sie verwunderten sich so wenig über unser Erscheinen, so wenig wie die Steine und die Quelle es taten, für die sie ihre Flöten spielten. Diese jungen Hirten trugen dieselbe allwissende Geste zur Schau, so wie sie das Wild im Walde, der Vogel in der Luft, der Fisch im Wasser zeigten, die sich nicht vom natürlichfestlichen Weltallzusammenleben getrennt haben.

Der Mensch der Städte, der da, nur mit seinesgleichen beschäftigt, auch nur seinesgleichen als lebenswürdig betrachtet, hat diese Geste verloren. Diese beiden in Schaffelle gewickelten Gestalten aber lebten mit der Sonne, mit dem Regen, mit ihren Tieren auf du und du. Und unser Erscheinen bei ihnen, jenen reichsten Armen, die sich Besitzer des Weltallgebäudes nennen könnten, die mit mehr Welt leben als jeder Städter, brachte kein Überraschtsein, keine Verwunderung hervor.

Sie machten uns, sich ruhig erhebend, auf ihren Steinen an der Quelle Platz, und sie setzten sich, einen Gruß murmelnd, ein wenig weiter fort in die Sonne, ohne uns neugierig zu betrachten.

Nach einer Weile, während wir den alten tausendjährigen Löwenkopf an der schön umfaßten Quelle bewunderten und uns am eisigen Wasser erquickten, waren die beiden Hirten, als wir uns wieder aufrichteten, spurlos aus den Steinfeldern verschwunden. Wir hörten nur noch die Hammelherde über eine ferne Geröllböschung fortziehen, deren Steine unter den vielen Füßen rasselten.

Einige hundert Schritte von jener Quelle stand auf der steinigen Höhe eine einsame prächtige Tempelruine. Sie wurde der Tempel von Bassä genannt. In der Nähe des Tempels ragte hier und da ein uralter Eichenstumpf auf. Es waren das nur hohe Stammstummeln ohne Äste, und sie bildeten wahrscheinlich in alter Zeit, als jener Tempel noch jung war, den Eichenhain um das Heiligtum.

Hier mag auch am Steinboden einst Rasen und Erde gewesen sein, aber die Stürme der Jahrhunderte hatten die Felsenplatten von Erde reingewaschen, und der Berg schien wie mit nackten Knochen bedeckt. Und wie ein zerbrochenes Knochengerüst stand die Tempelruine, von der Sonne silbrig gebleicht und dachlos, auf der Gebirgshöhe.

Die Säulenreihen zeigten noch starke klare Form und waren noch jung und stolz in ihren Linien. Hinter den Säulen aber, im Tempel, lag ein wüstes Durcheinander von kantigen und brüchigen Blöcken, die einst der Giebel und die Dachplatten gewesen sind.

Von der Tempelschwelle aus hatten wir eine mächtige Fernsicht gegen Süden bis zu den letzten Ausläufern des Peloponnes und bis zum Mittelmeer hin. Da drunten in mächtigen Tälern, wo üppige Pappelgruppen, Platanenwälder und Wiesenflächen mit blaudunklem Grün und goldgelbem Grün wechselten, ging im Morgenlicht ein ferner Regen, mit herrlicher lila Bestrahlung der Bergwellen, über dem weiten Peloponnes nieder. Und wir freuten uns auf den Abstieg zu den laubreichen Tälern.

Über einem fernen Stein tauchten die Gesichter der beiden Hirten nochmals auf, und der eine blies auf seiner Panflöte. Die Morgenluft brachte uns, als wir fortzogen, kleine Stücke einer lieblichen weltvergessenen Melodie noch lange über die Höhe nach.

 

Von nun an änderte sich nach einigen Meilen beim Hinunterklettern der Weg. Wir verließen die Kahlheit und kamen in erdreicheres, belaubteres Gebiet. Manchmal erschien an den Abhängen, hinter üppigen, gelbblühenden Ginsterbüschen, der neugierige Kopf eines langbärtigen Ziegenbockes, der zum jungen Birkengrün über die Büsche hinaufschnupperte. Es war, als sähe uns ein behaarter Faun mit spitzen Ohren und schlauem Auge, halb von den Büschen verdeckt, an. Dann verschwand das neugierige zottige Bocksgesicht wieder hinter gelben Ginsterblüten.

Zugleich trafen wir hier und da einen Hirten auf seinen Stab gestützt am Wege oder eine Hütte. Und beide, Haus und Mensch, standen totenstill. Nur ihr fortrückender Schatten lag neben ihnen am Wege in der Sonne als einzige Bewegung ihres Lebens.

Der Tempel von Bassä ist die bedeutendste Ruine, die zwischen Olympia und Kalamata den Landschaftsweg schmückt. Auch die alten Stadtmauern von Messaene besuchten wir von Kalamata aus, aber sie geben nicht denselben entzückenden Eindruck wie der in der Verschollenheit einer kahlen silbrigen Gebirgshöhe unerwartet dastehende silbrige Tempel von Bassä.

Wir kamen am gleichen Abend zu einer Hirtenhütte, die auf dem Trümmerfeld einer verlassenen Stadt bei ein paar kümmerlichen Ölbäumen stand. Hier sollten wir übernachten. Hier war es, wo man uns das dürftige Huhn briet, das nach zwei anstrengenden Reisetagen der erste warme Bissen war, den wir zu uns nahmen.

Die Hütte bestand aus zwei höhlenartigen Räumen. In dem einen Raum kauerte die Hirtenfamilie in der Nähe des Feuers. Nur ein Stein am Fußboden war der einfache Herd. Der Rauch zog zum Fensterloch oder zum Türloch ins Freie.

In dem hinteren fensterlosen Raum wurden uns zum Schlafen Pferdedecken auf den gestampften Erdboden gelegt. An einem Holzspan, der zwischen die Mauersteine gesteckt war, hing ein ölgefülltes Eisennäpfchen. Darinnen brannte mit dünnem Rauchflämmchen ein Docht. In den Winkeln standen ein paar alte Ziegenkrippen und einige Futtersäcke.

Die Einfachheit gefiel mir außerordentlich. Der harte gestampfte Fußboden unter den Pferdedecken war zwar für die vom Ritt müden Glieder nicht verlockend. Doch lag eine Weihe, ein göttlicher Armuternst in dem Häuschen, in dem es keinen Tisch, keinen Stuhl und kein Gerät gab.

Der armen Hirtenfamilie war die Mutter Erde im wahrsten Sinne Mutter vom Geburtstage an bis zum Sterbetage. Die Leute hockten bei der Erde, sie aßen bei der Erde, sie kochten bei der Erde und schliefen bei der Erde. In einem Haus, in dem man nichts besaß als das Leben und die Erde, hatte ich bisher noch nie übernachtet.

Es war Friede und leises Plaudern am Abend bei den Leuten, die da im Herdrauch auf ihrer Türschwelle hockten und unserem Führer zuhörten. Von der toten Stadt, die draußen rund um die Hütte lag, stand keine Säule mehr aufrecht, stand keine Mauer mehr, und die tausendjährige Sonnenhitze und die kalten Nachtfröste hatten die Stadtreste längst wie mit Hämmern zu Steingeröll zermürbt. Hier und da ragte am Rand eines Steinfeldes ein kümmerlicher Baum auf, oder es lag da eine andere Hirtenhütte ebenso arm wie die, welche uns aufgenommen hatte.

Ich habe den Namen jener staubgewordenen Stadt vergessen und will nicht in Büchern nachschlagen. Ich will nur das, was noch von dieser Reise in meiner Erinnerung lebend haftet, wiedergeben und nicht mehr.

Die Pferdedecken, in die wir uns nachts zum Schlafen eingewickelt hatten, kratzten uns. Und auch die Erdmutter, die wir immer mit unseren Stiefelabsätzen getreten hatten, wollte uns auf dem Fußboden nicht so ruhig schlafen lassen wie die Hirten, die die Erde zeitlebens barfuß mit weichem Schritt gestreichelt hatten. Es war mir beim Liegen auf dem Fußboden, als teile die Erde meinen vom Ritt müden Knochen harte Püffe aus.

Vorher waren in diesem Raum die Hühner eingesperrt gewesen, und die zurückgebliebenen Hühnerflöhe machten sich nun mit blutdürstigem Vergnügen über uns Fremdlinge her.

Dazu rauchte das Öllicht so schrecklich, daß wir Kopfschmerzen bekamen und zu ersticken meinten. Wir waren noch zu ungöttlich für diese göttliche Armut, in die wir so plötzlich aufgenommen worden waren. Und der Körper, der immer langsamer als der Geist ist, wollte die Kasteiungen dieser Nacht nicht willig ertragen und wurde störrisch.

Ich hatte meine Taschenuhr neben dem Reisebündel, das mein Kopfkissen war, auf den Fußboden gelegt, aber in dieser Hütte schienen die Stunden nicht wandern zu wollen. Sie blieben hocken, und die Uhrzeiger vergaßen fortzurücken. In dieser Armut war ein ewiger Stillstand an Stelle der Zeit zu spüren.

So wie es kein Hausgerät gab, schien auch hier keine Uhr nötig zu sein. Die Nacht war eine einzige große Stunde und der Tag eine einzige große Stunde, die saß bei der Armut, auf dem leeren gestampften Erdboden, beharrlich zwischen den vier leeren Wänden der Hütte. Und deshalb war es gleich, was man in dieser Zeitlosigkeit erlebte.

Und da wir nicht schlafen konnten und einer den anderen sich in seinem Hüttenwinkel herumwälzen hörte, riefen wir uns zu, daß es vernünftiger wäre, in der Mondnacht weiterzureiten. Lieber wollten wir am Tage versuchen, ungeplagt von Rauch und Hühnerflöhen, auf einer weichen Wiese in frischer Luft zu schlafen und die Nachtruhe nachzuholen.

Die Hirten, die noch nicht ihr Lager aufgesucht hatten, staunten nicht, als wir im schönen Mondschein weiterreiten wollten. Nur unser Führer, der eben schlafen gehen wollte, brummte ein wenig. Wir ritten um Mitternacht von der Hütte fort. Die schöne erfrischende Nacht machte uns eine Weile munter, aber das Mondlicht schläferte die Augen bald wieder ein. Und als wir das Steinfeld der untergegangenen Stadt verlassen hatten und unter Baumschatten an einem Bergabhang ritten, wußte ich bald nicht mehr, wie ich meine Augen vor Müdigkeit offen halten sollte.

Der Mond schien den Schlaf durch die Baumblätter zu schicken. Die weißen Milchflecken des Mondlichtes am Weg, durch die wir ritten, waren wie ein über uns ausgegossener Schlaftrunk. Und der Schlaf duftete aus den Büschen und sank aus den ruhenden Bäumen herab auf uns, und zeitweise fürchtete ich, vom Pferde zu fallen, denn der wiegende Gang des Tieres erhöhte die Schlaflust.

Wir hörten aus einer Schlucht herauf, an der wir entlang ritten, ein ununterbrochenes Rauschen. Ich wußte nicht, kam das Geräusch von einem Wasser oder vom Wind im Laub. Es war da im Finstern ein Lärm in einem Tal, der ununterbrochen neben uns lebte. Der Weg senkte sich mehr und mehr, und bald sah ich durch die Zweige ein breites Bachbett; das andere Ufer lag in Finsternis, unbeleuchtet vom Mond.

Das Wasser vor mir schien endlos breit zu sein. Das schnelle Wasser sprang über Felsenblöcke und zeigte viele buckelige Strudel, die im Mondlicht silberschäumend kreiselten.

Die Luft wurde immer frischer und feuchter, und dann stand mein Pferd still. Der Weg endete vor dem wilden Wasser. Der Führer, der hinter uns zurückgeblieben und wahrscheinlich auch im Gehen halb eingeschlafen war, kam auf mein Rufen herabgerannt und sagte, daß wir das Wasser durchqueren müßten.

Dann rief er durch die hohlen Hände über das Wasser hinüber: « Compatriot!» Drüben sah ich bald Feuerschein aufleuchten, als wenn man die Türe eines im Innern brennenden Hauses öffnete.

«Dort ist eine Mühle», erklärte der Führer, «und die Müllerknechte werden uns hinüberholen.»

Es war nicht gerade behaglich, mitten in der Nacht durch ein angeschwollenes, unbekanntes Frühlingswasser reiten zu müssen, wenn man den Weg am Tage noch nie gesehen hatte.

Unsere Rufe waren beantwortet worden, und nachdem sich die Stimmen eine Weile gegenseitig, über das Wasserbrausen weg, zugeschrien hatten, erschienen Männer im Mondschein, bis zu den Hüften mitten im Wasserschaum stehend, und sie winkten und schrien von neuem.

Wir ritten vorwärts, den Pferden die Zügel freigebend, da die Tiere die Furt suchten und behutsam die unter den Schaumstrudeln liegenden Übergangssteine mit den Hufen fanden. Indessen schrien die Müllerknechte, und die Felsen echoten, und die Wasserwirbel johlten und zischten betäubend. Es war als ritten wir durch einen überkochenden Hexenkessel.

An den mondhellen Stellen sah ich neben mir die rasende Flut vorbeischießen. Dann empfingen uns die Müllerknechte bei den tiefsten Strudeln und stemmten sich gegen die Pferde und schoben diese und uns, die wir mit hochgezogenen Beinen im Sattel saßen, da das Wasser bis an den Sattel reichte, durch die nächtige Wasserwildnis.

Drüben empfing uns die vorweltlichste Mühle. Die Mühlenhütte war niedrig, aus mächtigen Eichenstämmen roh zusammengefügt, und drinnen im einzigen Raum prasselte ein mächtiges Feuer und brannte lichterloh. Um die Flammen saßen Männer, die uns zunickten.

Diese Mühle mit dem brüllenden Wasser vor der Tür, am gestampften Boden das hochwallende prunkvolle Feuer darinnen, das mit ungeheurem Leben den Raum füllte, die alten verwitterten Müllerknechte, alles zusammen erinnerte mich mit einem Male an Odysseus Abenteuer bei den Zyklopen.

Die Nacht draußen unter der offenen Tür, mit dem hochgehängten Mond, mit der johlenden Wasserstimme, schien einer der einäugigen Zyklopen zu sein, der jeden Augenblick hereinkommen konnte, um am Feuer niederzusitzen und einen von uns Menschen, die wir hier als Gefährten des Odysseus Unterkunft nahmen, zu verzehren.

Nachdem wir unsere Kleider an der Feuerwärme getrocknet hatten, war die Nacht schon am Verschwinden. Und als wir in die Morgendämmerung hinaustraten, um wieder auf den Pferden aufzusitzen, da war alles verwandelt und alltäglich. Da war nichts Besonderes ringsum, als ein mit gurgelndem Hochwasser angeschwollenes Bachbett, ein plumpes hölzernes Mühlenhaus und stumme schattige Baumgruppen davor, die sich vom morgengrauen Himmel abhoben.

Der Zyklopenspuk war verschwunden, das Feuer fortgeflogen, und wir ritten gemächlich auf einer breiteren Straße unter den Bäumen wieder weiter in die Berghöhen hinauf.

 

Am Spätnachmittag desselben Tages kamen wir noch nach dem Hafenort Kalamata am Mittelmeer. Hier waren dunkle Orangengärten am Meerufer, voll reifer Früchte, reichbeladen wie Apfelbäume im August.

Nach zwei Ruhetagen ritten wir über einen hohen Gebirgspaß, an Abgründen vorbei, in das düstere und kühle Tal von Sparta. Den Spartanern war wenig Sonne gegönnt. Ganz nahe der neuen Stadt, die hauptsächlich aus Kasernen besteht, erhebt sich im Osten und Westen ein mächtiger Bergwall. Die Sonne kommt spät in das Tal hinunter und geht am hohen Nachmittag schon zeitig aus dem Tal fort. Sparta liegt dem heißen Wind von Süden und dem eisigen Wind von Norden offen.

Lachendes Licht und von allen Windrichtungen spielende Lüfte umgeben das Auge Hellas': Athen. Aber wie menschenunfreundlich dagegen das düstere Tal um Sparta.

Die Ritte vorher durch Arkadien und von Kalamata bis Sparta waren mir wertvoller als die anderen Wege nachher, die wir teils im zweispännigen Wagen, teils mit der Eisenbahn zurücklegen mußten.

Der Weg durch Arkadien an den Wiesentälern und dem Strahl der rauschenden Quellen vorbei, und der Aufenthalt bei weltabgeschiedenen Hirten auf den Berghöhen blieben mir so festlich in Erinnerung wie einst Jahre vorher die Frühlingstage und Segelfahrten an der Westküste Schwedens, in Bohuslän, und wie die einsamen Ritte und Wege zu den Aztekenpyramiden und Vulkantälern Mexikos.

Als wir Arkadien verlassen und später von Sparta einen Wagen genommen hatten, um die berühmten Ruinen von Thyrinx, Epidaurus und Mykene zu erreichen, fühlte ich mich wieder den gutbürgerlichen Menschen zurückgegeben, nachdem wir bisher in Arkadien von den edlen Armutgöttern der Hirten mit nur Luft und Sonnenschein genährt worden waren.

Wir wohnten von nun ab wieder in kleinen griechisch-europäischen Gasthäusern, wanderten in Tripolitza, dem gewerbetreibenden Provinzstädtchen, durch die lange Gasse der Leinwandhändler, durch die Gasse der Kupferschmiede, durch die Gasse der Töpfer und durch die Gasse der Seiler. Jede Gasse war von einem Handwerk bewohnt, und die Meister jeder Gasse, die da in ihren kleinen offenen Werkstätten arbeiteten, waren sich gute Nachbarn.

Sie saßen wie eine Gemeinde in ihrer Gasse, und jede Gasse hatte einen anderen Handwerkergott über sich, für den die Meister und Gesellen in Ehre und in Zucht arbeiteten, und der ihnen Käufer und tägliches Brot ins Haus schickte.

Hier lebten die Menschen für die Menschen, wie Würmer bei den Würmern. Ihre Arbeit adelte sie, ihre Herzen waren gut, aber sie waren lebensgeängstigter und lebensgeknechteter als die Herzen jener weltfernen Hirten in Arkadien, die sich mit der Mutter Erde begnügten ihr Leben lang und der Erde nichts gaben und ihr nichts nahmen als den menschlichen Herzschlag vom ersten Lebenstag bis zum letzten.

In bedürfnisloser Seligkeit waren die Hirten Arkadiens freie Männer in ihrer Armut, während die Handwerker in Tripolitza, die mit einem Auge nach den Käufern spähen mußten und die nur mit dem anderen bei der Arbeit blieben, in ihren Gassen nur mit halbem Herzschlag, nur mit halber Ruhe an der Erde saßen.

Mein Herz sehnte sich bald nach der feierlichen Armutsstille, nach der sorglosen Bedürfnislosigkeit Arkadiens zurück. Aber dann wurde es von großen Ruinen getröstet, die es auf der Weiterreise mit alter festlicher Vergangenheit unterhielten.

Bei dem Städtchen Nauplia, in dessen Nähe einst die alte Burg von Thyrinx gelegen, bestiegen wir die Reste der grimmigen Feste, deren Mauern aus so ungeheuren Felsblöcken gebildet sind, daß man heute noch nicht versteht, wie jene Zyklopenmauern haben entstehen können. Hier waren keine Säulen, keine schönbehauenen Bildwerke. Hier war nur die irdische Kraft der Männer Trotz und der Männer Stärke vergangener Zeiten zu bewundern.

Und auch in Mykene, wo noch das Löwentor an der Burg des Agamemnon steht und die Grundmauern der Säle und Kammern auf leichter Anhöhe bei einer sonnigen sandigen Ebene lagen, war Trotz und Kraft in den Steinmauern, die von unendlichem Machtbewußtsein der Menschen sprachen, die zu allen Tagen sich untereinander das Leben abtrotzen mußten, und sich immer leichter gegen die Elemente und gegen wilde Tiere wehren konnten als gegen das Raubtier Mensch.

Von Nauplia ritten wir in zwei Tagereisen nach Epidaurus hin und zurück. In einem lieblichen Hügelwinkel lagen noch die schönen weißen marmornen Mauern der Hallen und Säulengänge und die Badebecken des alten Heil- und Badeortes der Griechen, der Gott der Ärzte, der Gott Äskulap, hatte hier seinen Weiheort, wo einst warme Quellen die Kranken Griechenlands herbeilockten.

Der kleine Bergwinkel war mit weißem Marmor bepflastert. Die Ruinen leuchteten, wie aus Schnee gebildet, unter dem jungen Grün vieler Bäume, die den Ruinenplatz umgaben.

Da waren noch die Wandelgänge für die Genesenden; die Säulen waren zwar umgestürzt, aber die Pflasterplatten noch gut erhalten. In den Nischen standen noch die marmornen Halbrundbänke, auf denen die Kranken geruht haben. Und jeder Bank gegenüber stand ein mächtiger Marmorsockel, darauf sich einst eine Bildergruppe aus Marmor befunden hat, deren Anblick die Sterbenden und die Genesenden erquicken konnte.

Immer gingen in diesem Lande die Künstler als oberste Herren allen Lebensbetätigungen zur Seite. Dem Menschen, der in Delphi seelische Erhebung gesucht hatte und Heilung von seinen Sorgen, waren die Kunstwerke dort am Wege vom Meer zur Parnaßhöhe, so wie die Kunstwerke hier in Epidaurus, wo die Körperkranken am warmen Erdenatem Linderung der Körperschmerzen suchten, Tröster und Beglücker des Menschenherzens gewesen.

Die Festlichkeit, die jedes Künstlerherz angeboren mit auf die Welt bringt, umgab feierlich nicht bloß Athen, die Hauptstadt des Geistes, sondern auch die nationalen Wallfahrtsorte Griechenlands, Delphi, Olympia und Epidaurus.

In den Bäderanlagen in Epidaurus waren noch die Röhrenleitungen und auch die großen gemauerten Wasserbecken sichtbar und gut erhalten, in denen viele Kranke zugleich hatten baden können. Es standen da noch Steine mit Inschriften sowie Altäre.

Aus Fürsorglichkeit für die Kranken waren da keine Treppenstufen bei den Tempeleingängen angebracht. Damit die Bahrenträger die Schwerkranken, ohne sie zu stoßen, auf ihren Betten in den Tempel bringen konnten, waren, statt der sonst üblichen vier, fünf Tempelstufen, schräg gelegte Steinplatten aus Marmor, da, die sanft zur Höhe der Tempeleingänge anstiegen.

Unter einigen Bäumen nahe der Anlage befand sich noch das herrliche, besterhaltenste Theater Griechenlands, dessen Sitzreihen, kühl und vor der Sonne geschützt, hier im Bergwinkel in lauschigem grünen Hügelversteck zu beträchtlicher Höhe anstiegen.

Dieses Theater sah wie neu aus, als hätten die Zuschauer gestern erst ihre Plätze nach einer Vorstellung verlassen. Und doch weilten zweitausend Jahre hier im Halbrund bei mir, als ich dort auf den Marmorstufen saß. Diese Sitzreihen hatten viele Menschengeschlechter in der Ferne vorüberwandern fühlen, seit das letzte Wort von dem Altar gesprochen wurde, der da unten, festlich gebildet von Künstlerhand, in der Mitte der marmornen Bühne stand.

Wo ist das Gebäude, dachte ich, das Theater, in Berlin, in London, in Petersburg, in Paris, in Neuyork, das nach zweitausend Jahren noch wie neu wirken würde? Das so edel, einfach und erhaben in seiner Einteilung, in der Vereinigung von Zuschauerwelt und Darstellerwelt ist, daß es noch ein Vorbild sein kann künftigen Theatern?

Mein Reisegefährte sprach unten auf dem Steinplatz der Bühne bei dem Altar einige Sätze, und ich verstand oben auf der fernsten Sitzreihe in dem muschelförmigen Halbrund auch das schwach geflüsterte Wort.

Ich glaube, daß die Einheit des angewendeten Materials im griechischen Theaterrund – denn es ist zum Bau nur Stein verwendet worden – den Klang melodisch und ungestört zu einem einzigen Hall für das Menschenohr sammelt. Auch der einheitliche Holzbau in chinesischen und japanischen Theatern fördert den Schall, der nicht zerstückelt und zerstört klingt. Während unsere Theater, die eine Zusammensetzung aus Eisen, Holz, Stein, Kalkbewurf bilden, den Schall, der von der Bühne kommt, nicht einheitlich weiterschwingen können.

Ich glaube, daß diese Einheit des Materials wichtiger ist als alle akustischen Berechnungen. Man stelle sich vor, daß wir uns eine Ohrmuschel zusammensetzen würden aus Steinchen, Eisenteilen, Ton und Holzstückchen. Wie unmöglich würde der Klang in diesem Ohr einheitlich gefaßt werden können!

Als ein großes Ohr ist aber der muschelartige Zuschauerraum jedes griechischen Theaters gedacht, dessen Halbrundform ganz unerläßlich ist unter freiem Himmel, wo die Geräusche der Bäume, der Winde und des Naturlebens das Bühnengespräch noch besonders beim Auffangen des Schalls stören können. Unsere menschliche Ohrmuschel aber ist auch nichts anderes als ein amphitheaterartiges Halbrund aus einheitlichem Material, das vom Lebensdrama den Schall aufnimmt.

An dieses mußte ich immer denken, so oft ich in Griechenland, in Delphi, in Olympia, in Epidaurus und in Athen eines der großen alten Theater besuchte und mich die gute Schallverteilung in dem weiten steinernen Halbrund unter offenem Himmel immer wieder zum Staunen brachte und zum Vergleichen aufforderte mit heutigen europäischen Theatern. –

Wir ritten von den Bäderanlagen noch einige Stunden weiter fort in ein Fischerdorf am Meer, wo wir übernachteten. Als wir gegen Abend in den Ort kamen, hing an einigen Türpfosten an einem Nagel ein frischgeschlachtetes Lamm. In der Hauptgasse an mancher Tür stand der ländliche Hausherr bei seinem Osterlamm. Es war Karfreitag und der Lammbraten für das Osterfest wurde überall vorbereitet, und die Familie, die Kinder und die Frauen, stand andächtig und spielend und plaudernd um den Vater, der das geschlachtete Tier abhäutete.

Unser Reiseführer, der neben den Pferden herlief, erklärte uns, daß die Landleute hier nur einmal im Jahr Fleisch zu sehen bekämen, zum Osterfest. Man kann sich leicht die Erwartung vorstellen, mit der die Augen der Familienmitglieder das geschlachtete Lamm am Türpfosten betrachteten.

In Einfachheit lebten die Menschen hier friedlich, und die unbewußte Bedürfnislosigkeit machte ihre Gebärden schlicht und frei von Begierde. Das Meer vor der Türe speiste sie täglich, ebenso der Feigenbaum und das kleine Kornfeld hinter dem Haus.

Außer einigen Holzhockern fand sich fast kein Hausrat bei den meisten Leuten. Der Herdstein am gestampften Fußboden in einer Zimmerecke gab dem Haus das natürlichste Gerät. Ruhe und Wärme kamen von diesem edlen Stein, der in schlichter Nützlichkeit nur eine Aschenhöhlung zeigte, und der seit Homers Zeiten keine andere Form angenommen hatte.

Wie in den japanischen leeren Zimmern, wo nur eine Blumenvase in einem Winkel oder ein Bild der einzige Schmuck sind und nirgends ein Gerät zu finden ist, so war es hier bei den griechischen Landleuten. Eine wohltuende Leere herrschte in den Häusern. Der Sinn der Frauen richtet sich nur auf das Notwendigste, ebenso der Sinn der Männer. Und ihr Auftreten und ihre Rede blieben in dieser Bedürfnislosigkeit würdevoll und einheitlich.

Und diese Griechen im Peloponnes gingen auch, von alter Vergangenheit geadelt, so würdevoll frei und gesittet aufrecht, köstlich harmonisch im Geist und im Herzen, viel edler als das Landvolk in Italien, das erhitzter, begierdevoller und unklarer hinlebt. Unendliche unvergängliche Hoheit sprach aus der Haltung der griechischen Landleute, die ich da am Wege und auf den Türschwellen bei einsamen Bauernhäusern antraf.

Nur einmal fand ich im Gebirge flüchtige Unbescheidenheit, das war auf dem Wege nach Kalamata. Es war in früher Morgendämmerung, nachdem wir die Mühle verlassen hatten, hoch im Gebirge, als wir auf eine Hirtengesellschaft stießen. Mehrere Hirten hausten dort mit ihren Weibern und Kindern in Zelten. Es war noch grauer Morgen vor Sonnenaufgang, als wir, nach einem mühevollen Aufstieg, auf einem öden Geröllplatz jenen Menschen begegneten. Wir hätten gern ein wenig Milch getrunken und beauftragten unseren Führer, bei den Hirten zu fragen, ob sie uns Milch verkaufen wollten.

Es war aber noch nicht gemolken worden, da die Herde noch abseits zerstreut im Gestein schlief. Unser plötzliches Erscheinen machte die Hirten starr. Daß wir vor Sonnenaufgang erschienen, das hat die dürftigen Leute so verwundert, daß sie zum mindesten glaubten, der König von Griechenland wäre mit seinem Gefolge unterwegs. Sie redeten uns mit «Fürst» und «Prinz» an, und glaubten dabei, es würde über ihre Zelte Gold regnen.

Sie forderten für eine kleine Schale Milch, die sie endlich herbeibrachten, Gold und Gold und wieder Gold. Schließlich mußten wir die Leute durch den Führer zurechtweisen und ihnen Vernunft zureden lassen. Sie meinten aber, wenn man aus Athen käme, müsse man vom König kommen, und der König sei Besitzer von goldenen Schlössern, und wohin der König gehe oder ein Königlicher, müsse er auch Gold mitbringen.

Und die Frauen der Hirten, die nur ihre Köpfe aus den Zeltfalten herausstreckten, und die Kinder, wie unter dem Zeltsaum herauskrabbelten, alle begehrten Gold für den Napf Milch. Ich glaube heute, da sie eben aus dem Schlaf aufgewacht, waren sie noch nicht ganz von der Unwirklichkeit zur Wirklichkeit zurückgekehrt.

Denn so lange diese Einsamen lebten, ist sicher noch nie jemand vor Sonnenaufgang, wie aus der Erde gewachsen, vor ihrem Zelte erschienen, geradeswegs aus Athen kommend. Sie begnügten sich jedoch endlich mit einigen Frankenstücken, die sie gern annahmen, wobei sie immer noch das Wort «Gold» murmelten und sich zurückgesetzt fühlten, weil von dem vom Himmel gefallenen Morgenbesuch nur Silber und kein Gold kam.

Aber dann, als wir weiter ritten, und je weiter wir uns von ihnen entfernten, desto fröhlicher dankten sie uns, und ehe wir ganz verschwanden, riefen sie uns lange Danksprüche nach. So kindlich handelten diese Leute, wenn in ihnen unerwartet Begierden erweckt wurden, denen ihr Herz nicht gewachsen war, und die eigentlich nicht ernst gemeint waren. Denn nur ihre Träume schrien nach Gold.

Wir Fremde aber sind für diese weltfremden Hirten keine richtigen Fremden aus dem königlichen Athen gewesen, da wir nicht königliches Gold auf unsere Wege regnen ließen. Jene Hirten wollten ihre Träume erleben.

Es war nur dieses eine Mal hoch im Gebirge, daß wir dem ausgesprochenen Goldverlangen begegneten. Gewöhnlich waren die Anforderungen zufriedengestellt bei landesüblicher Preiseinhaltung.

Noch heute sehe ich gern im Geist die einfachen ländlichen Häuslichkeiten, in die wir in Griechenland am Wege kurze Einblicke bekamen.

Bei Epidaurus saß an einer Landstraße auf der Hausschwelle eine Frau, die von einer mit Hanf umwickelten Kunkel, die sie auf ihre eine Hüfte stützte, den Garnfaden drehte. Auf einer Böschung seitlich vom Hause, unter einem großen Platanenbaum, stand aufrecht eine andere Frau; sie hielt auch eine Kunkel im Arm und arbeitete wie die erste.

Und am Rande eines großen steinernen Brunnentroges, aus dem unsere Pferde getränkt wurden und in den das Wasser aus dem Felsen sickerte, saß eine dritte Frau und hielt gleichfalls eine hanfumwickelte Kunkel und arbeitete. Über den drei Frauen stand der Frühlingshimmel, und der Frühlingssonnenschein machte den Himmel hinter dem Haus und durch die Blätter des Platanenbaumes leuchten, als wäre dort ein gläsernes Fenster, das ins Weltall hinaussah.

Von dem hellen Weltraum draußen kam seligste Einfachheit, weise Lebensfreude, Lebensernst und Lebensruhe; und nicht das Licht allein, sondern diese dreifache Seligkeit beschien und bewachte die drei stillen, ihre Hanffäden drehenden Frauen.

Da war keine Hast, keine Unruhe, kein wild erwartetes Morgen, keine sinnlose Eile um den Brunnen, um den Platanenbaum und um das Haus. Und solche, von unbewußter Menschenweisheit geschmückte, natürlich festliche Landschaftsbilder, fand ich viele auf jener Reise durch den Peloponnes. Sie erquickten den Wandernden mehr als ein erfrischender Schluck Wasser aus der klarsten Quelle.

Wo die Quellen des Weltalls ungestört, fern von gepeitschter Lebensjagd und frei von sinnlosen Bedürfnissen, friedlich rinnen dürfen, dort ist immer für das künstlerische Herz das Weltallfest vollkommen. Denn der Künstler trägt in sich das ursprünglichste Herz und sehnt sich nach harmonischer Ursprünglichkeit auf allen Lebenswegen.

Während ich reitend, von meinem Bergpferdchen herab, solche Bilder, die in Weltallruhe eingerahmt waren, in mich aufnahm, wurde mir zugleich die Sehnsucht nach der Heimat und nicht nach der Fremde von solchen Blicken gestärkt. Ich sah mit Neid, wie die einfachen Landleute alle, ebenso wie die Handwerksleute der Städte, an ihrem Stück Erde hingen, und mit Frieden an der ihnen angeborenen Erdscholle ihr Stück Brot aßen und ihre Hände still bei der Arbeit rührten.

Je mehr ich Einblick bekam in die fremden Häuslichkeiten am fremden Wege, desto mehr wurde in mir der Glaube bestärkt, daß auch mir als Künstler nur die Heimat fortgesetzt Frieden und Kraft geben konnte.

Ich erinnerte mich daran, daß ich auch auf den fränkischen Landstraßen und auch bei den bayrischen Bergen und Seen und auf deutscher Heimaterde überall dieselbe edle Einfachheit der Sitten, dieselbe Arbeitsvertiefung beim Volk, dieselbe Schlichtheit der Gebärden, die Helligkeit alter vergangener Gebräuche und auch edle Bedürfnislosigkeit finden könnte.

Es gibt bei uns auch genug künstlerische Bilder am Wege und ebenso genug unbewußtes Verschmelzen mit dem Weltall. «Du findest es daheim in den Bauernstuben, in den Handwerkerstuben, in den Studierstuben», sagte mein Herz ernst zu mir und zeigte meinen Gedanken warme runde Heimatsbilder, viele und freundliche, buntfarbig wie die verschiedenen Anemonenblumen auf den griechischen Wiesen.

Aber noch schämte ich mich vor mir selbst und vor meinem Reisegefährten, der mich bei jedem Aufenthalt in den griechischen Landschaften, in den Bergen, bei den Ruinen, in den Tälern und am Meere immer gefragt hatte, wo ich mich denn jetzt im Peloponnes niederlassen wollte. Und immer wieder hatte ich antworten müssen: «Hier nicht.»

Und dann waren wir wieder weiter geritten. Ich glaubte zuletzt, da ich schon vorher in Mexiko keine Heimat gefunden hatte, und ich nun einmal in Griechenland war, ich müßte wenigstens eine lange Zeit hier in diesem Lande ausharren, um mich nicht vor mir und meinen Freunden qualvoll lächerlich zu fühlen.

Als wir im Eisenbahnzug am Tag vor dem Ostersonntag nach Athen fuhren, und ich erklärt hatte, nirgends im Peloponnes bleiben zu wollen, sagte ich deshalb, noch einmal mein Herz verleugnend, ich wollte mir in der Nähe von Athen ein Weinberghaus suchen.

 

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