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Gedankengut aus meinen Wanderjahren

Max Dauthendey: Gedankengut aus meinen Wanderjahren - Kapitel 30
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authorMax Dauthendey
titleGedankengut aus meinen Wanderjahren
publisherAlbert Langen
printrun7. bis 9. Tausend
year1913
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
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Am frühen Morgen, als das Schiff kurz vor Sonnenaufgang im schattigen Wasser an der Küste entlang glitt, stand das Parnaßgebirge, mit silbrigem Schneeglanz am Gipfel, morgengrau in der frischen Aprilluft. Auf diese Berge hatte ich die lange Nacht gewartet. Hier hatten die griechischen Dichter den Sitz des Dichtergottes Apollo und den Sitz der Freundinnen der Künstler, der neun Musen, hingeträumt. Und was die Künstler träumten, das glaubte ehemals ihr Volk, und es träumte es nicht bloß nach, sondern es lebte es nach. –

Der heilige Ort Delphi liegt auf der halben Berghöhe, den Blick gerichtet zum Musensitz, den Blick gerichtet zum Parnassos, zum Sitz des Dichtergottes.

In Itea, wo morgens das Schiff landete, fanden wir Maultiere und einen Führer. Und wir ritten durch den kleinen Ort, der, weltverloren, vergessen und unberührt, von keinem Reisenden besucht werden würde, wenn nicht die Anziehung der großen Reste großer Künstlerträume, die Anziehung der Ruinen Delphis, einzelne Freunde Griechenlands nach Itea bringen würde.

Außer kleinen Eidechsen am Wege und Ölbaumanpflanzungen begegneten wir, im Morgen hinreitend, nichts als Steinen. Das Klettern unserer bepackten Maultiere schien kein Ende zu nehmen. Und der alte graubärtige Führer, der den Weg in allen seinen Lebensjahren hier geklettert war, hatte uns Fremden nichts zu sagen und auch nicht seinen Tieren, die er nur mit einem Zungenschnalzen manchmal aufmunterte. So ritten wir denn in diesem Schweigen, das zwanglos und natürlich war, nicht bloß den Berg hinauf, sondern wir kamen mit den hufeklappernden Tieren und mit dem verwitterten Alten unmerklich in die Jahrhunderte zurück. In den zwei, drei Stunden, die der Ritt beanspruchte, legten wir die Wegstrecke von zwei bis dreitausend Jahren zurück, mühelos und einfach.

Auf der breiten gepflasterten heiligen Wallfahrtsstraße, am Bergabhang, bei Felsblöcken vorbei, bei Aprilwolken, die unter uns hinschwebten, waren wir dann, als das neue Dorf Kastri oben mit unscheinbaren Hütten auftauchte, längst nicht mehr in unserem Zeitalter. Und in der dünnen Bergluft schien das Blut in uns zarter und war in den Adern mehr Lebensgeist geworden als Lebensblut.

Am Wege sahen wir einige Schachte in den Felsen. «Felsengräber», sagte der Führer. Und er zog aus seiner Tasche einen kleinen Ring aus Eisenbronze, der mit Plattgold vergoldet war. Es war ein Fingerring, den er in einem Grabe dort gefunden hatte.

Wer hatte ihn getragen? Ein Apollopriester? Oder eine der liedersingenden Frauen im Dienste des Gottes der Dichtung?

Ich kaufte dem Alten den Ring ab. Ein zweitausendjähriges Körperchen war in meine Hand gekommen, auf dem weiten Wege der Vergangenheit eine erste körperliche Begegnung mit der Vergangenheit. Und ich sah das alte Ringlein als einen Willkommgruß Delphis an.

Das Bergdorf Kastri, das da oben liegt, war erst kürzlich, vor einigen Jahren, aufgebaut worden. Die Leute hatten früher auf entfernteren Felsen gewohnt, auf den grün umwachsenen Schutthügeln, unter denen das von verschiedentlichen Erdbeben und Bergstürzen zerstörte und verschüttete alte Delphi gelegen, ehe man die Ausgrabungen begonnen.

Wir hatten eine Empfehlung an den griechischen Vorsteher der Ausgrabungsarbeiten. In seinem Hause bekamen wir dann gegen Bezahlung Wohnung und Beköstigung wie in einem Gasthaus. Er führte uns am Nachmittag zum neuen Dorf hinaus auf der breiten heiligen Straße hin, die früher mit Tausenden von Bildsäulen geschmückt war. Die Kunstwerke waren dann von den römischen Kaisern geraubt und nach Rom und nach Byzanz fortgeschafft worden.

Nach einem Weg von zehn Minuten kamen wir an einen gewaltigen, sanft ansteigenden Berghang, und vor uns lag auf der ansteigenden Ebene, unterhalb einer mächtigen Bergwand, das neuausgegrabene ungeheure Trümmerfeld der vielen delphischen Tempelruinen. Da lagen auch aufgedeckt und gut erhalten mit ihren ansteigenden Sitzreihen die Amphitheater. Da standen noch die weißen marmornen Sessel der delphischen Priesterinnen im Theater; sie waren mit feinen weißen Löwenklauen und mit feinen kleinen Löwenköpfen geschmückt.

Der Rundtempel, in welchem die Pythia, auf dem Dreifuß sitzend, in tiefer Betäubung übersinnliche Gesichte hatte und Orakelworte sprach, war eingestürzt wie die anderen Tempel. Aber in der Mitte des guterhaltenen Tempelrundsteines starrte noch der rötliche Felsenstein aus dem weißen Marmorrund. Und da waren noch die Erdspalten phosphorgrün, aus welchen einst die Schwefeldämpfe gestiegen, die die Priesterin in den Götterschlaf versetzt hatten.

Und viele Dinge, die ich längst vergessen hatte, waren wie selbstverständlich dort noch am Leben. Da war auch noch die eisige heilige Quelle, und ihr Eishauch, aus der Felswand kommend, war noch wie vor Tausenden von Jahren belebend, und das Quellwasser tropfte auf die Steine wie flüssiger Kristall.

Da war, gut erhalten, das große Stadion, viele hundert Fuß lang, mit den Sitzreihen am Berg an der Felswand hingedehnt.

Wie muß es hier einst den jungen Kämpfern hochgemut zu Sinn gewesen sein, wenn sie mit gepflegtem Körper und gepflegtem Geist, mit leiblichem und geistigem Mut den Lorbeer Apollos errungen haben. –

Von der Höhe des Stadions hat man bergabwärts einen vollständigen Überblick über das ungeheure, von silbrig weißen und bläulich grauen Steinmassen dicht bedeckte Trümmerfeld, welches vom alten Delphi einen immer noch gewaltigen Eindruck gibt.

Man stelle sich im bayrischen Gebirge, vielleicht bei Partenkirchen oder Mittenwald, auf einer mehrere Kilometer großen, hoch gelegenen Bergmatte eine eingestürzte Tempel- und Theaterwelt vor. Nirgends sind Städte oder Dörfer rund um diese Bergeinsamkeit sichtbar, nur die Wolken des Himmels steigen aus den Schluchten auf, am Rande dieser verlassenen Trümmerwelt. So einsam, weltentrückt liegt Delphi. Nur aus einem Taleinschnitt blinkt in der Tiefe, wie eine große Silberbarre, ein Stück des Meeres aus den Abgründen herauf. Vor den fernen und vor den nahen Bergen stehen Wolken wie weiße Marmorrampen und lassen über sich neue Berghöhen im Himmel erscheinen. Höhen, die, von der Erde durch Wolkenfelder abgeschnitten, im Sonnenhimmel wie Erdinseln schweben. Aber die Stufen der Luftrampen der Wolken verschieben sich langsam, und die Nähe verschwindet, und neue unsichtbar gewesene Berge enthüllen sich, wie herbeigetragen auf neuen Wolkenfeldern. Unmögliches und Wirkliches arbeitet in der Höhe um Delphi vor dem Menschenauge. Erdstreifen werden zu Himmeln, und Luftreiche werden Erdreiche.

Aus dem großen Bergschlund, in welchen die Delphimatte am Rande des Ruinenfeldes, zwischen Ölbaumwäldern, Kastanien, Platanen, Eichen und Birken abstürzt, aus diesem dunkelgrünen Abgrundkessel ziehen die Wolken in Ballen wie ein gärender Urschaum weiß aus dem Talschlund.

Diesen Abgrund nannten die Griechen einst den Nabel der Erde. Hier, sagten sie, hing einst die Erde bei ihrer Geburt mit dem Mutterleib des Himmels eng zusammen, und hier am Rande des Nabels der Erde war deshalb den Menschen das Mutterweltall näher als irgendwo auf der Erde.

Ich konnte mir beim Anblick der sich immer verwandelnden, die Berge verzaubernden und die Berge erscheinen lassenden dampfenden Wolkenwelt gut vorstellen, daß hier das Volk sich einst fortgerückt fühlte, und daß es sich bei den Wolkenstufen fernen Leben, fernen Zukunftsdingen nahefühlen mußte.

Denn das auf- und niederwogende Wolkenheer, in welchem unsichtbare Hände zu arbeiten scheinen, wie Hände von tausend Künstlern, die da im Himmel Heerscharen von schimmernden Kunstwerken gestalten, dieses immer arbeitende Gewölk um Delphi entzückte die phantasievollen Griechen so sehr, daß sie weiße Massen Marmor über Marmor jahrelang herbeischleppten, und daß sie silberweiße Tempel und Schatzhäuser und silberweiße Amphitheater und die silberweiß gepflasterte, breite, heilige Straße auf dem Meilenfeld des Bergabhangs wie ein weißes Wolkenfeld entstehen ließen.

Nur die Erdbeben und die herabstürzenden Bergwände und die Raubgier fremder Eroberer konnten die ragenden, weißen Tempel und diese leuchtenden Tempelstraßen in ein Trümmerfeld verwandeln, das jetzt hell aufgelöst vor mir lag wie ein Bergnebel, der sich verflüchten wollte.

Ich fand da Säulenreihen, die sahen von der Höhe des Stadions wie Reihen hingezählter Mühlsteine aus. Denn die Säulen jener Tempel waren nicht aus einem langen Stein gebildet, sondern aus Rundsteinen, die ähnlich wie Münzen aufgebrochener Geldrollen, jetzt nach dem Umstürzen auseinandergerollt waren. Säulen, die zwei Männer kaum umfassen könnten, lagen zu Dutzenden auf den Treppen und auf den entblößten, noch schön geglätteten Steinfußböden der einstigen Tempelhallen.

Der Glaube an den Gott der Dichtung, an Apollo und an die neun Musen hatte hier Tausende von Händen von Geschlecht zu Geschlecht bei atemloser Arbeit rege gehalten. Der Glaube an die Notwendigkeit der Dichtungskraft, Glaube an die menschenfreundlichste Kunst und an die erhebendste Lust schuf diese Marmorbauten.

Keinem anderen Gotte als dem der Dichtkunst hatte man in dem griechischen Lande eine so mächtige Stätte bereitet, eine Stätte weltfern und himmelnah, bei den Füßen der Wolken, bei den Füßen der Sonne, bei den Wangen des Äthers und beim Nabel der Erde.

Herrlicher als alle Tempel und Theater, herrlicher als die dreißigtausend Bildsäulen, die Delphi geschmückt haben sollen, war hier in Delphi auf der Berghöhe für die Menschen die Himmelsnähe gewesen, und die Erdtiefe, die sich ins Unbegrenzte, ins innere und äußere Leben der Welt, dem Menschenherzen zu öffnen schienen.

Diese Bergmatte, die zweitausend Fuß über dem Meere liegt und hinter der das Parnaßgebirge noch viele tausend Fuß höher mit senkrechten Bergwänden ansteigt, sie horcht wie eine gewaltige Muschel zum Himmel, als horche hier ein ungeheures Ohr zu den fernen Planeten und Sonnen.

Die nahe graue Silbermasse des getürmten Parnaßgebirges konnte den Gebeten und den Inbrünsten der Pilger ein inneres Echo geben. Diese sonnenbeleuchtete hohe Gesteinswelt führt den Blick zu überirdischen Festigkeiten und gab den Herzen der Delphiwallfahrer Vertrauen auf die jedem Leben eigenen überirdischen Kräfte.

Das Menschenherz, das auf der Höhe in Delphi schneller schlug und in der klaren Luft leichter atmete, kam sich unbebürdet vor und war, den Verwandlungen der Wolken nachträumend, eigenen Verwandlungen, Kräftigungen und Lebensstärkungen leichter zugänglich.

Und die Augen der Menschen, die einst hier zwischen tausend marmornen Kunstwerken wandeln durften, und die Ohren, die die feierliche Musik der Apollohymne – deren Text man, auf Steinen eingegraben, vor kurzem erst wiedergefunden hatte – genießen durften, diese Augen und Ohren fühlten sich unwillkürlich glücklich. Frieden und Schönheit, von Künstlern geschaffen, walteten einst hier und wurden vom Landschaftshintergrund ins Unendliche gesteigert.

Die Wanderer, die einst auf den heiligen Tempelstraßen von Unwirklichkeit erfüllt und erschüttert wurden, stärkten hier beim Sitz der neun Musen ihr Herz, das mit Sorgen der Endlichkeit gekommen war. Und von Apollo verwandelt und verwandelt von der Hoheit der neun Kunstfreundinnen, kamen die Menschen zurück von Delphi, als stiegen sie verjüngt und bürdelos vom Himmel nieder zu ihren Menschengeschäften zurück.

So können Kunst und Natur gewaltig trostreich und lebensbestärkend Menschen und ganze Völker innerlich erhöhen.

 

In einem Schuppen sah ich auch den kegelförmigen Marmorblock, der den Nabel der Erde darstellte und der in einem Tempelinnern gestanden. Dieser fast mannshohe Block war schön geglättet und zugespitzt, und rundum befanden sich in seinen Marmor eingemeißelt Vögel, Blumen, Trauben, die fröhlichsten Dinge, die, von der Erde erzeugt, dem Menschenherzen Genuß bereiten.

Mein Reisegefährte und ich, wir waren im Jahr 1898 zwei der wenigen Deutschen, die das neuausgegrabene Delphi zu sehen bekamen. Wir durften aber mit unseren Taschenapparaten noch nichts photographieren und keine Zeichnungen in unsere Skizzenbücher machen. Alles das war untersagt. Am ersten Tag hatte uns der Leiter der noch nicht beendeten Ausgrabungen selbst durch die Ruinen geführt.

An den anderen Tagen, als wir das Ruinenfeld allein besuchten, folgten uns griechische Soldaten, die jeden Fremden als Wache begleiten und streng darauf achten mußten, daß nicht photographiert und nicht gezeichnet wurde. Die Franzosen, die das Geld zu den Ausgrabungen gegeben hatten, und die das alleinige Grundrecht über die Ruinenfelder noch einige Jahre besaßen, ließen damals Fremde nur ungern zur Besichtigung zu. Sie wollten zuerst die ersten Berichte über das neu ans Tageslicht zurückgekehrte Delphi herausgegeben haben. –

In der Nacht in Delphi lag ich auf meinem Kopfkissen mit offenen Augen fast ununterbrochen wach und starrte zu dem weit offenen Fenster meines Zimmers hinaus, wo der Mond wie ein goldener Gott im Himmel saß und die Wolkenfelder, die zu ihm heraufzogen, wie weißen Ton in große Formen zu kneten schien, und der dann diese Bilder zerbrach und zerstreute und unaufhörlich wieder neue Wolkenbilder auftürmte.

Es war heute nicht anders als in den Mondnächten vor zweitausend Jahren, da die Priester und die Pilger zu dem Mond geschaut haben mögen, der da über dem Weltschlund, über dem Nabel der Erde schwebte wie ein Gedanke, der aus der Unergründlichkeit glänzend auftaucht und leuchtet.

Mein Reisegefährte hatte mich am Abend gefragt, ob ich mir hier bei Delphi ein Bauernhaus im Dorfe Kastri bauen oder mieten wollte. Ich hatte nicht gewußt, was ich antworten sollte. Innerlich war ich ergriffen von der Landschaftsherrlichkeit, aber zugleich auch erschüttert von der Fremdheit.

Und als ich jetzt in der Nacht schlaflos und überlegend in die wühlenden Wolkengebilde sah, die draußen wie eine Wolkenvölkerwanderung über den finsteren Bergtälern bald senkrecht zum Mond aufstiegen, bald seitlich vom Mond fortflüchteten, da wurde ich von einem Weinkrampf geschüttelt.

Ich grämte mich, weil ich nicht wußte, wo ich mich niederlassen sollte. Ich war todunglücklich, weil ich auch hier an dem weihevollsten Ort Griechenlands, bei dem Gedanken des immer Bleibensollens auf dieser weltfernen Berghöhe, bei einer toten gestürzten Säulenwelt, bei den Resten einer toten gestürzten Idealwelt, mir heimatlos vorkam.

Es war mir, als wenn ich mir zugemutet hätte, ich sollte mein Haus mitten in einen fremden Friedhof zwischen Grabsteine hinstellen und dort mit meiner Frau dann Liebe und Dichtung pflegen.

Hier in Delphi waren zwar keine äußeren Schrecken wie in Mexiko. Hier waren herrliche Vergangenheitsträume. Hier waren keine Räuber wie in Mexiko, keine goldgierigen. Aber die Vergangenheit war hier gegen mich räuberhaft. Gegen die Größe und Hoheit der ungeheuren griechischen Traumreste, gegen das Geschaffene, das hier bereits aus dem Erdboden alle Kräfte gezogen hatte, hätte ich hier stündlich ankämpfen müssen, dabei hätte ich aber nicht Frieden finden können für mich selbst, nicht Frieden und Kräfte für neue Wege.

Es war hier, als sollte ich in den Grüften bei den Särgen großer Ahnherren frische Luft suchen. Die Erinnerungen waren hier zu stolz und, zu selbstherrlich. Der Stolz und die Herrlichkeit jener künstlerischen Ahnen unserer heutigen europäischen Kunstwelt beklemmten mir die Luft und die Lebenslust meiner Gegenwart und meiner Zukunft. Meine Gedanken wollten auf diesen Wegen hier nichts vom Morgen und nichts vom Werdenden und Zukünftigen wissen. Sie wurden immer zurückgerollt statt vorwärts, und sie weilten in verklärter tausendjähriger Vergangenheit und befanden sich dort wie in einem hypnotischen Zustand.

Ich war verzweifelt, da ich einsah, wenn Delphi mich nicht zum Bleiben locken könne, dann würde mich wahrscheinlich kein anderer Platz in Griechenland zum Niederlassen locken.

Der künstlerische Lebensernst, der einst hier gelebt hatte, gab mir aus den delphischen Ruinen deutlich eine Offenbarung: nur in deiner engsten Heimat wirst du künstlerische Kraft finden! Nicht im Auswandern, sondern im Heimkehren liegt dein Heil! –

Und als der Morgen kam und meine verzweifelte Gedankenwelt in meiner Stirnhöhle stiller wurde, so wie der Wirbel von Hell und Dunkel da draußen im Wolkenhimmel stiller wurde, sagte ich mir: ich will jetzt nur noch nach Arkadien auf die andere Seite des korinthischen Meeres hinüberreisen. Vielleicht finde ich dort in einer schönen Landschaft, wo keine Ruinen den Geist ablenken, ein Landhäuschen, wie ich es mir immer, in ländlicher Stille fern von der Kultur, erträumt habe.

Nach jener durchkämpften Nacht konnte ich dann zu meinem Reisegefährten sagen, daß ich nicht in Delphi bleiben könne, und daß ich mich nicht weiter mit der Hausfrage und Niederlassungsfrage hier in Delphi abgeben wolle.

Den ganzen Tag vorher hatte ich immer beim Wandern durch die Tempel meinen Reisezweck aus dem Auge verloren, und nur als wir abends die Ruinen verlassen hatten und ins Dorf Kastri zurückgekehrt waren, hatte ich mich wieder an den eigentlichen Sinn meiner griechischen Wanderung von meinem Reisekameraden erinnern lassen müssen. Dann erst, durch das Erinnern, war im Abend Unruhe über mich gekommen: für welchen Erdenfleck soll ich mich entscheiden? Soll ich wirklich meine Heimat hier in Delphi aufschlagen? – Nun aber nach der gedankenstürmischen wachen Nacht wußte ich, daß ich weiterreisen und weitersuchen wollte.

So hatte ich auch bereits in Athen mit mir viele Selbstgespräche geführt. Denn jeden Schritt, den ich in Griechenland bisher getan, tat ich nicht wie ein Vergnügungsreisender, sondern immer wie ein Auswanderer, der heimatlos eine Heimat sucht.

Ich beneidete oft meinen Reisegefährten, der neben mir sorglos und frühlingsfröhlich eine schöne Studien- und Vergnügungsreise machte, während ich, voll Enttäuschungen von Mexiko kommend, die ernsten Gedanken um meine Lebenssorge und die Sehnsuchtsgedanken nach meiner Frau immer zwischen den Zähnen zerbiß, als kaute ich an einer bitteren Wurzel, die ich verschlucken sollte und nicht verschlucken konnte. –

Wie wir wieder auf den Maultieren hinunterreiten sollten nach Itea, war mir nach kurzer Strecke das Sitzen auf dem bepackten Tier, das mühselig und vorsichtig abwärts stieg, zu langweilig. Ich sprang ab und lief voraus über das vieltausendjährige Pflaster der heiligen Straße. Es war mir dann, als lachten meine Schritte fröhlich, weil ich nicht oben in Delphi bei dem alten Ruinenfeld geblieben war, und weil ich nicht mehr daran dachte, mich in jener Fremde niederzulassen.

Und die riesigen alten Quaderplatten der Straße, über die vielleicht einmal Homer nach Delphi gewandelt war, und die unter seinen Schritten geklungen hatten damals, wie heute unter unseren Schritten, besprachen sich mit meinem Herzen, während ich eilig bergabwärts schritt.

«Deine Füße sind nicht hier gewachsen und nicht dein Leib», sagten die Steine der heiligen Straße zu mir. «Darum wird auch das Brot des Landes deinen Hunger nicht sättigen können, und das Wasser des Landes wird deinen Durst nicht löschen können, und die Luft des Landes wird dir keine Ruhe bringen können, dir Fremden. Männer erstarken nur im Lande ihrer Väter. Sie sollen mutig wandern, aber der Weg des Mannes soll von der Heimat zur Heimat zurückführen.»

«Ihr Steine habt recht», sagte mein Herz. «Ihr fühlt zart und fein wie nur warmes Blut fühlt, und ihr redet wahr und aufrichtig wie nur gutes Blut redet.»

«Dann soll auch diese Reise umsonst sein?» schrie mein Verstand dazwischen. Und es war mir, als gäbe mir der Schreier einen unsichtbaren Schlag ins Gesicht, so daß ich rot und blaß vor Scham wurde. «Soll dein Geld unnütz verreist sein? Sollen dich deine Freunde für einen Narren erklären? Nein, wir kehren nicht um! Blut und Herz sind immer weichlich unverständlich. Wir müssen hier in diesem Lande jetzt ein Haus finden. Haben nicht Tausende die Heimat verlassen? Der Verstand eines Menschen von heute darf nicht heimatsehnsüchtig empfindsam sein. Ich bin härter als ihr alten Steine. Und diese Füße sollen vorläufig noch nicht daran denken, zur Heimat zurückzulaufen.»

«O unheiliger Verstand von heute!» rief es aus den Pflastersteinen der heiligen Straße. Und mein Herz schwieg erschüttert.

So kämpfte und wogte es in mir. Kein Weg machte mich müde in meinen Gliedern, aber die Unklarheit über meine Zukunftswege machte mich müde in meinem Herzen und am ganzen Leibe.

 

Ein Dampfschiff brachte uns dann am Nachmittag hinüber ans andere Ufer der Meeresenge, und von dort fuhr uns ein Zug nach Patras. Aber hier muß ich einen kleinen erlebten Scherz erzählen, der das griechische Volk gut kennzeichnet, das geneigt ist, immer in der Unbegrenztheit der Phantasie zu leben.

Am Schalter des kleinen Bahnhofs, an dem wir Fahrkarten nehmen sollten für den Zug, der von Athen erwartet wurde und der uns nach Patras bringen sollte, fragten wir – uns in französischer und englischer Sprache verständigend – den Schalterbeamten, ob wir, anstatt mit diesem Zug zu reisen, der erst in einer Stunde von Athen hier erwartet wurde, nicht mit einem früheren Zug fahren könnten.

Der Beamte nickte eilfertig und höflich. «Das ginge schon.» Wir waren erstaunt und konnten nicht begreifen, warum er es uns nicht gleich gesagt hatte, daß es einen früheren Zug gab. Wir forderten natürlich nun für den früheren Zug Karten. Ungefähr nach zehn Minuten könnte der Zug abgehen, sagte der Beamte. Er würde uns dann die Karten auf den Bahnsteig bringen.

Wir fanden es etwas eigentümlich, daß man uns nicht gleich die Karten geben konnte, aber wenn man viel reist, wundert man sich nicht mehr laut, und so schwiegen wir, nickten und gingen dann plaudernd auf dem Bahnsteig auf und ab.

Nach zehn Minuten, als der Mann noch nicht kam und auch kein Zug sichtbar wurde, plagte uns Ungeduld. Wir warteten noch eine Weile und gingen dann zum Schalter. Dort nickte uns der Beamte wieder zu und sagte, er hätte die Berechnung gleich fertig.

Wir begriffen nichts. Aber da wir in fremden Sprachen redeten, glaubten wir, weiter geduldig sein zu müssen, und gingen wieder auf dem Bahnsteig auf und ab.

Kurz darauf suchte uns der Beamte auf. Er hielt ein Aktenpapier in der Hand und las davon ab, daß der Fahrpreis für den Zug nach Patras vierhundertundfünfzig Francs betragen sollte. Wir möchten das Geld hinterlegen, sagte er freundlich. Dann würde er die Wagen von der nächsten Hauptstelle telegraphisch bestellen, da hier keine Wagen für einen Extrazug vorrätig wären.

Wir sahen einander erstaunt an und mußten natürlich hell auflachen. Der Grieche hatte geglaubt, wir wünschten einen Extrazug zu nehmen, weil wir vielleicht zu vornehm wären, um auf den Athener Zug zu warten. Denn fremde Reisende wurden damals, da nur wenig Ausländer in Griechenland unterwegs waren, entweder für reisende Prinzen oder für amerikanische Milliardäre angesehen. –

Der Hausdiener unseres Hotels in Athen, der öfters Reisegesellschaften durch den Peloponnes führte, hatte uns seine Visitenkarte an den Hausdiener des Hotels in Olympia mitgegeben, denn dieser war ebenfalls Reiseführer.

Am nächsten Morgen kamen wir von Patras aus, wo wir übernachtet hatten, in Olympia an. Dort nahmen wir den empfohlenen Führer und Maultiere und ritten durch die Landschaft von Arkadien nach Süden gegen Kalamata. Eine Tagreise vor Kalamata verabschiedete sich der Führer, der uns drei Tage begleitet hatte, und an seine Stelle trat ein griechischer Bauer, der uns nach Kalamata brachte, wo ein dritter Mann ihn ablöste und uns über den Gebirgspaß, immer noch auf Maultieren, nach Sparta führte.

In Sparta ruhten wir zwei Tage und nahmen dann einen Wagen nach Tripolitza. Dieser Ort ist eine Stadt mit türkischgriechischer Bevölkerung. In Tripolitza übernachteten wir und fuhren am nächsten Tag nach Nauplia und von dort nach Epidaurus, wo wir wieder übernachteten und am Tage darauf mit einem Wagen nach Nauplia zurückkehrten. Von Nauplia führte uns ein Eisenbahnzug nach Mykene, wo wir nur einige Stunden beim Löwentor, im Palast des Agamemnon und am Grab der Klytämnestra weilten. Dann fuhren wir mit der Eisenbahn, ohne auszusteigen, über Korinth nach Athen zurück.

Wir waren zwei Wochen auf dieser Rundreise von Athen nach Delphi und durch den Peloponnes unterwegs gewesen, als wir zum Osterfest am Athener Bahnhof ausstiegen.

 

Meine Aufmerksamkeit hatte sich hauptsächlich, als wir nach Olympia kamen, in Gedanken auf Arkadien gerichtet.

Die dunkelgrauen Ruinen von Olympia liegen versteckt, von kleinen grünen Anhöhen eingeschlossen, und die Landschaft umher hat nicht das Großzügige, nicht das Erschütternde, nicht das sich unaufhaltsam Verwandelnde wie die von kreisenden Wolkendämpfen umwanderte hohe Gebirgsmatte von Delphi. Aber gewaltig, irdisch trotzig und machthaberisch lagen in Olympia, beim lieblichen Herahügel, die wuchtigen Säulen des Zeustempels. Und da stand auch noch der mächtige Sockel, der einst das herrliche Laokoonbildwerk getragen, das jetzt in den Sammlungen des Vatikans in Rom steht.

Außer den machtvollen Gebäuderesten, die in dem kleinen Hügeltal durch die deutschen Ausgrabungen aufgedeckt lagen, war um Olympia nichts Reizvolles zu finden. Und ich sehnte mich, fortzureisen von den grauen trüben Steinmassen, die nicht festlich leuchteten, und die in lieblicher Landschaft Träumern glichen, die sich auf grünen Rasen hingelegt haben und gutmütig mit dem Erdboden verschmelzen wollen und, von gütigem Grün und Sonne zugedeckt, davon träumen, Erde zu werden.

In dem kleinen Hotel, das das einzige Haus in Olympia war, saßen an einem Ende des langen Mittagstisches neun deutschsprechende Professorenfrauen. Sie waren auf einer Italienreise von Brindisi herübergekommen und hatten zusammen einen Abstecher nach Griechenland gemacht.

Damit wir den neun, unaufhörlich redenden Frauenzungen nicht preisgegeben wären, unterhielten wir uns, am anderen Ende des Tisches sitzend, in raschem Pariser Französisch. Ich muß aber gestehen, auch dabei war wieder nur mein Verstand Tyrann über mich. Mein Herz wimmerte und lechzte nach den deutschen Heimatlauten, die vom anderen Ende des Zimmers kamen. Und ich wäre gern zu den neun alten Damen hingerückt, wenn auch ihre Zungen unausgesetzt wie Strickstrumpfnadeln bei der Sprecharbeit klapperten.

Ich war schon ganz müde von dem Suchen in der Fremde nach einem Haus. Meine Ohren horchten darum entzückt auf deutsche Frauenworte. Ich hatte deutsche Frauen seit der raschen Reise nach Petersburg, seit dem kurzen Aufenthalt am Berliner Bahnhof Friedrichstraße, seit dem Begräbnis meines Vaters und seit der Rückkehr von Mexiko, nun fast ein Jahr lang, nicht mehr unverfälscht sprechen hören.

Als wir am nächsten Morgen früh um drei Uhr in Olympia vom Hotel fortritten, vom Führer begleitet, um tief in den Peloponnes hineinzuwandern, tat es mir leid, daß die neun Professorenfrauen noch schliefen und ich nicht mehr zum Abschied die neun deutschen Frauenstimmen hören durfte, die zwar so gar nicht zu der griechischen olympischen Stimmung der Tempelruinen hingehörten, die aber meinem Herzen ein wenig den Heimathunger und den Heimatdurst besänftigt hatten.

Es war in der ersten Hälfte des April, als wir durch den Peloponnes ritten. Aber außer den unzähligen Anemonen, deren es feuerblaue, rosenrote, rosige und schneeweiße gab, fanden sich im jungen Gras der kühlen Wiesen noch keine anderen Blumen. Diese farbigen Anemonen, deren schwarze Staubfädengruppe aus der hellen Blütenkrone wie eine dunkle große Pupille in einem Auge aufsah, betrachteten uns von allen Wegen in dem Peloponnes, auf den Berghöhen und im Talgrün.

Diese jungen Anemonenblumen, die vielleicht erst eine Woche alt waren und vielleicht nach einer dritten Woche schon verblüht sein würden, hatten einen unergründlichen Festblick und beleuchteten mit ihrer kurzen Lebensfreude die mühseligsten Höhen, die unsere Bergpferde erklettern mußten. Mir schien aber, die jungen Blumen kannten alle Freuden der Welt. Sie freuten sich in ihrem dreiwochenkurzen Leben mehr, als die Menschen sich in einem hundertjährigen Dasein freuen können.

Den Blicken dieser frohen Anemonen verdanke ich es, daß ich nicht in bittere Verzweiflung über mich selbst geriet. Denn mein Auge wurde immer salzig, wenn ich an meine ferne Frau dachte, die so weit von mir fort, in Schweden, am äußersten Ende Europas, im Norden weilte, während ich hier am äußersten Ende Europas, im Süden, auf einem Pferd kaum auf der Erde ritt. Denn der Boden unter den Hufen des Tieres, das mich trug, gehörte kaum noch der Gegenwart an. Er war das verschollene Vaterland eines untergegangenen großen Volkes.

Ich ritt hier nicht im April im Jahr 1897. Ich ritt hier im April eines Jahres, das Hunderte von Jahren vor Christi Geburt vor mir blühte. Auf den Wegen erzählten die wochenjungen Anemonen von den Augen der jungen Griechen und Griechinnen, die einst in jedem vierten Jahr von allen Teilen des Peloponnes, im Festjahr und zu den Kampfspielen, nach Olympia gezogen waren.

Die Urmutter Erde gibt alle ihre Erinnerungen ihren Blumen am Wege mit. Und der Himmel, unter dem sich die Blumen für ein kurzes Hochzeitsfest erschlossen haben, das ihnen Geburts-, Liebes- und Todesfest zugleich ist, bestätigt die Erinnerungen, die der Himmel mit der Erde austauscht. Nichts ist vergessen, was da, an die Erde antönend, vorübergewandelt ist, auch nicht der Blick eines Auges, der eine Blume am Boden streifte. Alles lebt ewig im All, unversunken und erwachend, wenn es sich gerufen fühlt.

So wie die Graswege jetzt hier unter hohen Ahornhainen, unter schönen hochgeschwungenen Platanen, bei blendendweißen stattlichen Birkenstämmen, mit den vielfarbigen Scharen der Anemonen bevölkert waren, so war auch der Weg selbst nicht einsam. Überall kamen unserem Geist die Geister fröhlich wandernder Griechen aus der Vergangenheit entgegen. Menschenleer war die Landschaft, aber hoheitsvoll seelenbevölkert.

Ein paarmal kamen wir an echt arkadischen Wiesen und Quellen vorüber. Da war eine Quelle, die sprang als mannsdicker Silberstrahl von einem kleinen haushohen Hügel in weitem Bogen und freiem Sprung von grüner Höhe auf die blumenbedeckte Wiese. Dieser köstliche Wasserstrahl kam erquickend und lebendig in die weiche Wiesenstille, und es würde uns nicht verwundert haben, wenn hier bei der Quelle und den Blumen Quellnymphen und Baumnymphen sich aus dem Gras erhoben hätten und in rhythmischen Tanzreigen unter dem arkadischen Frühlingsblau vorübergezogen wären.

Am Wege trafen wir selten ein Haus. Aber wenn wir zu einem der kleinen weißgekalkten Bauernhäuschen kamen, herrschte dort ideale Armut und patriarchalische Einfachheit. Der Hausherr, ein schlichtgekleideter Landmann, verbeugte sich unter der Tür. Er konnte uns kein Mahl bieten, auch nicht für Geld, denn er selbst lebte nur von Brot und Milch und getrockneten Feigen.

Ein Gläschen wasserfarbener Mastichabranntwein war alles, was wir kaufen konnten. Aber wir hatten Brot und Feigen, etwas Schinken und kaltes Huhn von Olympia in den Reisetaschen mitgenommen; wir saßen vor dem Hause nieder unter den hohen glitzernden bauschigen Silberpappeln am grasigen Wegrand und dachten selbst kaum daran, das wenige zu essen, das wir bei uns hatten.

Denn die kräuterduftende Luft hier, die Luft aus den grünen Bäumen und die Luft aus der kühlen Frühlingserde und aus dem kühlen Frühlingsgras erquickte uns festlich das Herz, und wer von dieser Luft kostete, kam sich frisch genährt vor. Diese Luft ließ im Magen keinen Hunger aufkommen.

Niemals bin ich wieder tagelang so anstrengend gereist, und niemals habe ich tagelang so wenig Nahrung zu mir nehmen müssen. Und am Abend jener Tage war ich nicht müde. Es war, als würden wir hier vom Himmel unsichtbar mit Nektar und Ambrosia genährt.

Einmal ließen wir uns abends in einer Hirtenhütte, wo wir die Pferde eingestellt hatten und wo wir übernachten sollten, ein Huhn auftischen. Der Hirte briet es uns am Spieß über einem kleinen offenen Feuer, das auf einem Stein am gestampften Erdfußboden brannte. An dem mageren Huhn war aber nichts zu essen. Es hatte nur Knochenröhren und am Feuer gedörrte Stoppelhaut zu bieten. Doch war ich von den wenigen Bissen schon übersatt. Es war, als nährte einen schon der Geruch des Feuers, der an dem dürren Huhn haftete.

Auf dem ganzen Ritt durch den Peloponnes fanden wir bis Kalamata kein europäisches Gasthaus. In der ersten Nacht kamen wir in ein Bergnest, das an einem abschüssigen Gebirgehang mühsam von unseren Pferden erklettert wurde. In der Abenddämmerung, als schon die Sonne untergegangen war, erklommen wir das wilde verwahrloste Bergstädtchen, zu welchem sich selten ein Reisender verirrte. Der Ort hieß Andritzina.

Ein paar Stunden vorher hatten wir auf einer anderen kahlen Höhe, bei einem einzelnstehenden Haus, ein Glas Wein kaufen können. Und wie wir noch dort vor der Haustüre auf- und abstampften, um die im unbequemen Holzsattel taub gewordenen Beine lebendig zu machen, kam ein Reiter, ein düsterer Kerl, auf bepacktem Pferd und stieg gleichfalls vor jener einsamen Haustüre ab.

Während er mit dem Hausherrn, der unter der Türe erschien, mit griechischer Lebendigkeit laute Worte tauschte, die wir nicht verstanden, bemerkte ich, als der fremde Reiter mit der rechten Hand den Sattel seines Pferdes rückte, daß ihm an dieser Hand neben dem kleinen Finger ein sechster lebloser Finger baumelte.

Die Sonne war eben im trüben Bergdunst untergegangen. Der schwarzbärtige, etwas verwilderte Grieche, seine Sprache, die ich nicht verstand, die düstere Abendluft, die Bergeinsamkeit, die menschenleere todstille Landschaft rund um uns, alles das brachte mich auf unheimliche Erinnerungen, auf Geschichten von griechischen Räubereien, wo man europäische Reisende in die Berge verschleppt und sie erst, nachdem man großes Lösegeld gefordert, freigelassen hatte.

Ich trieb unseren Führer zur Eile an, da es mir unangenehm schien, wenn jener Mensch mit dem seltsamen sechsten Finger an der rechten Hand uns wie ein Spuk im heranbrechenden Abend folgen würde. Ich sagte meine Befürchtungen, als wir weiter geritten waren, meinem Reisegefährten, der sich gewundert hatte, daß ich mein Pferd so eilig anspornte. Und wir trieben dann unsere beiden Pferde lebhaft vorwärts, so daß wir den Führer weit hinter uns ließen.

Wir hörten bald auch schon die klappernden Hufe des fremden Reiters, der uns folgte, auf den Steinen des ausgetrockneten Bachbettes, das wir in der Abenddämmerung eben durchquert hatten. Da es nur einen Weg nach Andritzina gab, konnten wir das Reiseziel nicht verfehlen. Immer aber, wenn ich, mich umsah, bemerkte ich zwei, drei Reiter mehr, die über den kahlen Anhöhen im Halbdunkel aufgetaucht waren, und die zuletzt in einiger Entfernung hinter uns einen kleinen Trupp von acht bis zehn Reitern bildeten.

Mein Herz sagte einfach: «Das sind nur Reisende wie wir auch; Handelsleute, heimkehrend von irgendeinem weitentfernten griechischen Marktflecken.»

Aber ich sah unseren Führer nicht mehr. Er schien spurlos verschwunden zu sein. Bisher war er den ganzen Tag neben unseren Pferden mit seinem kleinen, gewandten Bedientenschritt hergegangen.

Nun wurde auch mein Reisegefährte, er, der vorher keine Angst hatte, von meinen Räubervorstellungen angesteckt. Es war zu verlockend, sich auf diesen düsteren, abgeholzten, menschenleeren Höhen, auf welchen selten ein verkümmerter Baum, ein Busch oder eine Agavenpflanze im Abenddunkel stand, Räubergeschichten hinzudenken.

Wir hörten immer in einiger Entfernung hinter uns die Steine klappern und die Reiter, die die Pferde antrieben, schnalzten mit der Zunge. Sonst war in der Weltverlorenheit des dunstigen toten Abends auf diesen kahlen Berghöhen kein Laut zu hören, keine Abendglocke, kein heimziehendes Gefährt. Von Fabriken oder Eisenbahnen war hier natürlich keine Spur.

Der vorsichtige Verstand, der Hausherr meines Körpers, erzählte mir immer lebhafter, was er über das heutige Räuberwesen Griechenlands in den Zeitungen gelesen hatte.

Mein Reisegefährte konnte unseren Führer ebenfalls nicht mehr entdecken, und sein Verschwinden gab uns die Versicherung, daß er wahrscheinlich an jenem letzten Berghaus absichtlich zurückgeblieben war. Es war mir nun klar: der Führer hatte in Olympia räuberische Landsleute von unserem Vorhaben, durch den Peloponnes reiten zu wollen, benachrichtigt. Meistens wird dieser Ritt nur von großen Gesellschaften ausgeführt und selten von einzelnen fremden Reisenden.

Die Räuber hatten wahrscheinlich verabredet, wenn der Abend des ersten Tages hereinbräche, uns einzuholen und abzufangen, um ein Lösegeld zu erpressen. Deshalb war unser Führer, der Hoteldiener, bereits zurückgeblieben, um, im Falle die Sache mißglücken würde, nicht Zeuge der räuberischen Schandtaten gewesen zu sein.

Also faselte mein Verstand ganz ernstlich, indessen mein Herz, das durch sein Gefühl immer allwissend, immer ruhig und gleichmütig war, beschwichtigend vor sich hinmurmelte: «Die friedlichen Handelsleute tun euch nichts. Achte doch auf den wunderbaren sanften dunkelnden Abend, an dem alle Hast der Welt eingeschlafen scheint. Nie mehr wirst du hier in Arkadien reiten. Nur selten kommt man zu einem so schönen Abendritt.

Sieh doch, der Geist der Frau, die dich liebt, geht jetzt an Stelle des Führers neben den Pferden her. Du fürchtest, ihr könntet von rückwärts von den harmlosen Reitern erschossen oder gefangen werden. Die Kraft der Geliebten wird jede Kugel von dir fernhalten, und kein Lasso wird dich einfangen können, weil dich die Liebe begleitet.»

«Schweig», befahl der Verstand dem Herzen. «In einem wildfremden Land, und in einem Land wie dieses, ist es gefährlich, im Abend zu träumen. Im Dunkel, soll man Augen und Ohren doppelt offen haben.»

Unsere armen Pferde aber wußten nicht, ob sie hinstürzen oder fortjagen sollten, weil wir sie so unmäßig antrieben. Hinter uns wurden die Wege immer dunkler. Nur auf der Höhe, auf der die Pferde auf gewundenen Wegen hochkletterten und wo das Bergdorf liegen sollte, das wir aber noch nicht sahen, war noch mattes Dämmerlicht. Es war noch so hell, daß ich meinen Reisegefährten neben mir und die Straße vor mir erkennen konnte. Bergabwärts aber steckten die Reiter hinter uns bereits in Dunkelheit. Nur Stimmen und Pferdehufe folgten uns.

Die Fensterscheiben von steil auf den Bergwänden stehenden fernen Hütten blinkten auf. Unbehelligt kamen wir vorwärts, und bei den ersten Fenstern warteten wir. Ich wunderte mich eigentlich, daß wir noch nicht gefangengenommen waren. Denn jetzt war es für die Räuber zu einem Überfall zu spät, da in diesem Ort, das wußten wir, sogar eine Telegraphenstation war. Also würden wohl auch Gemeindevorsteher und andere anständige Leute da sein, die uns in Schutz nehmen konnten.

Ich hatte mir unterwegs vorgenommen, von hier gleich an den deutschen Konsul nach Kalamata zu telegraphieren und das Telegramm auffällig aufzugeben, damit man wissen sollte, daß wir dort erwartet würden, und damit man uns nicht noch in der Nacht in einer der unheimlichen Herbergen verschwinden lassen könnte.

In der späten Abendstunde gaben wir dann, umgeben von einem Haufen Leute, die zusammengelaufen waren, um uns zu sehen, das Telegramm auf dem armseligen Telegraphenamt ab.

Schon beim Eintritt in das Dorf, als uns hufeklappernd die Pferde der anderen Reiter einholten, rief uns die Stimme unseres Führers an, welcher hinter dem sechsfingrigen Reiter auf dessen Sattel mit aufgesessen war, und den wir so verdeckt in der Dunkelheit nicht mehr hatten erkennen können.

Mein Herz lachte nun mein Gehirn aus, aber der Verstand erklärte immer gesetzt und altklug: «Ehe wir nicht diese Reise durch den Peloponnes beendet haben, sollst du mich nicht verlachen.» –

In einem elenden Zimmer in elendesten Strohbetten übernachteten wir. Der Raum lag im ersten Stocke eines schmutzigen und düsteren Hauses. Durch die breiten Spalten der geborstenen Dielen konnte man in die unteren Räume hinunter auf die Köpfe der Griechen sehen, die dort bei einer Kerze beisammensaßen.

Zu essen gab es nichts. Wir verzehrten altes Brot, das wir noch bei uns hatten; und einige Scheiben getrocknete Zervelatwurst. Dazu tranken wir ein Glas geharzten Landwein, an dessen bitteren Geschmack wir uns nicht gleich gewöhnen konnten.

Die Weinkrüge, in welchen dieser griechische Landwein aufbewahrt wurde, hatten noch die alte Form. Sie waren fast menschengroß, aus rötlicher Tonmasse, bauchig und unten spitz zulaufend, und wurden zur Hälfte in die Erde eingegraben. Wir sahen auf der Reise öfters solche Krüge in den Hausgängen der Bauernhäuser in einer Ecke lehnen, und diese geheiligten altväterlichen Krüge schienen jedes neuzeitliche Bauernhäuschen mit altgriechischem Geist zu weihen.

Das offene Reisigfeuer, das auf dem Herd unter unserem Zimmer in der Herberge im kalten Abend angezündet worden war, schickte uns beißenden Rauch durch die Dielenspalten, und hustend und mit Kopfschmerzen suchten wir unser Lager auf, wo wir bald, von Müdigkeit und Rauch betäubt, einschliefen.

Nach jenem unheimlichen Abendritt, der zwar mehr in meiner Vorstellung als in der Folge gefährlich gewesen, stiegen mir wieder neue Bedenken auf gegen ein Leben in fernen, einsamen, unbekannten Gegenden unter Volksstämmen, deren Sprache, Sitten und Gewohnheiten nicht die meinen waren.

Am Tage, als wir unter den Wiesen und Quellen, unter den Platanen und Pappeln, unter den Birken und Kastanien, bei den tausend Anemonenblumen, bei Morgen- und Mittagssonne hingeritten waren, hatten mich die altgriechischen Geister begleitet, und ihre Festlichkeit hatte mein Herz mutig und zuversichtlich gemacht, so daß ich einige Stunden geglaubt hatte, ich würde mir gern in jener hoheitsvollen arkadischen Landschaft ein einsames Bauernhaus kaufen und hier meine Lebensjahre verbringen wollen.

Aber seit dem Schreckanfall in der Abenddüsterheit, seit der Mann mit den sechs Fingern am Wege aufgetaucht war, bebte der Grund und Boden unter mir hier von Räubervorstellungen, die ich auch in den nächsten Tagen nicht mehr ganz überwinden konnte. Und niemals mehr kehrte in mir das tiefe Verlangen wieder, im Peloponnes bleiben zu wollen. Ich sah ein, wenn schon ein Mann hier auf Schreckensgedanken kommen konnte, wie unmöglich war es dann erst für eine europäische Frau, für meine Frau, mit mir hier in einem einsamen Bauernhaus zu leben und einen Haushalt zu führen.

Die arkadischen Landschaften sahen sich verlockend an, aber die Lebensbedingungen waren zu hart und waren mir auch zu unbekannt. Und ich sagte mir vom nächsten Morgen an: ich will jetzt als Vergnügungsreisender, wie mein Reisegefährte es ist, sorgenfrei über die Berge dieses Landes reiten und nicht mehr dabei an meine Zukunft denken. Ich werde bei meiner Rückkunft nach Athen, vielleicht in der Nähe der griechischen Hauptstadt, ein einfaches Weinberghaus finden, wo ich mit meiner Frau, aber doch nicht weltverlassen, leben kann.

Von diesem Entschluß an war es mir, als legte ich ein schweres Gepäck ab, das ich unsichtbar auf meinem Kopf getragen hatte. Sorgenlasten fielen von mir, mit denen ich in Delphi, in Olympia und in Arkadien bepackt, unter stetem Druck die griechischen Meilen hatte atembeklommen betrachten müssen.

 

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