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Gedankengut aus meinen Wanderjahren

Max Dauthendey: Gedankengut aus meinen Wanderjahren - Kapitel 3
Quellenangabe
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authorMax Dauthendey
titleGedankengut aus meinen Wanderjahren
publisherAlbert Langen
printrun7. bis 9. Tausend
year1913
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
created20090226
modified20150521
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Da ist ein Augustnachmittag, der sich zuerst an mich herandrängt, und der wegen einer Stunde, deren Gedanken die Welt des Unmöglichen erstürmen wollten, sich bedeutungsvoll aus der Reihe der Jahre vorschiebt. Aber voraus springen noch ein paar starke Augenblicke, die der seltsamen Stunde Vorläufer waren.

Es war in jener Zeit, als ich gegen meinen Vater noch nicht auszusprechen wagte, daß ich Schriftsteller werden wollte, teils aus Scham, diesem allerpersönlichsten Wunsch laute Worte geben zu müssen, teils aus Verlegenheit, weil ich nicht wußte, wie man Schriftsteller oder gar Dichter werden sollte.

Denn die Weltordnung will es, daß keiner das Dichten erlernen kann. Und es wird auch nirgends, auf keiner Schule der Welt, versucht, diese Kunst zu lehren.

Wohl bedarf der Dichter der Schulung, aber die muß er sich selbst erringen und selbst geben. Seine Hochschule und Werkstatt, in der er arbeitet, ist sein Herz.

Keine von den anderen Künsten erfordert so sehr die Hochschule des Herzens wie das Dichtertum. Und ich behaupte, daß dem jungen Dichter in seinen Entwicklungsjahren das schwerste Los der Welt zuteil wird.

Er ist da wie eine Raupe, die unter Würmern kriecht. Während die Würmer aber Würmer bleiben, soll die Raupe ein Schmetterling werden.

Und wenn der junge Dichter auch ahnt, daß ihm Flügel wachsen, – sein Herz, das keine Beweise hat, muß schweigen, muß zweifeln, muß in die Einsamkeit flüchten, muß der Familie, den Freunden, die seine Ahnungen, seine Hoffnungen, seine Pläne nie ganz teilen, entfliehen. Er muß sich dem Rufe der Undankbarkeit, der Untreue, der Wetterwendigkeit aussetzen, wehrlos gefoltert von den Anklagen, die er zu Wäldern von Dornen anwachsen sieht, durch die er hindurch soll.

Den jungen Dichter können keine Lehrer zur Dichtung leiten, keine Bücher, keine weisen Männer, keine klugen Frauen, kein Zorn der Welt, kein Haß der Welt. Er erreicht in seiner Kunst nichts durch Verbindungen, durch Empfehlungen, nichts durch das Erbe seiner Väter, nichts durch das Vermögen oder den Rang der Familie, er ist bloßgestellt, auf sich angewiesen, auf sich selbst beruhen müssend, aus seiner Unerfahrenheit heraus immer an sich selbst glauben müssend, immer ein einzelner, ein in und über den Dingen stehend Geborener, – ein weltferner Kamerad.

Er muß drei Welten bewältigen: die Welt des äußeren Miterlebens, die Welt der inneren Beschaulichkeit und die Welt seiner geistigen Schöpfungen und soll sich immer in und über den Dingen behaupten.

Und aus diesem ewigen «Von Natur aus anders sein müssen» als die anderen, daraus erwachsen dem jungen Dichter die Berge voll Dornen, und die Kammern des Lebens scheinen ihm oft mit Folterwerkzeugen angefüllt.

Der Dichter ist auch nie alt und nie jung zu nennen. Er ist, so lang er lebt, Kind, Mann und Greis in einer Person.

Die Kindernatur gibt ihm immer wieder neues Vertrauen zum Mitleben. Das Weltbetrachten und das «Über den Dingen stehen», das ihm angeboren ist, gibt ihm schon in jungen Jahren die Ruhe, die Tiefe und die Weisheit des Greises. Und seine Schöpfungen machen ihn zum tatkräftigen Mann, zum Erzeuger hoher ewiger Werte.

Der Dichter wird innerlich fertig geboren. Er entwickelt sich innerlich nie. Sein Herz ist ein Diamant, der nicht feuriger und nicht blinder wird.

Er ist von allen Menschen der Mensch, der im Gleichgewicht geboren wurde; in jenem Gleichgewicht, das die anderen erst durch Leben und Alter erlangen, oder es nie erlangen, aber diesem Gleichgewicht bewußt oder unbewußt zustreben. Denn jedes echte Gedicht muß aus einer Herzensmelodie geboren werden, und eine Melodie ist nur entstehungsmöglich dort, wo Harmonie, das ist Gleichgewicht, herrscht.

Ein Dichterherz ist das harmonischste Herz der Welt. Und deshalb können im letzten Grunde die Wälder und Berge aus Dornen, die Lebenskammern, die voll Folterwerkzeuge starren, dem jungen Dichter nichts anhaben. Er ist der Mann im Feuerofen, er ist der Mann in der Löwengrube, er kann wie Dante die Kreise der Hölle und die Kreise des Himmels durchwandern. Er ist der Unverletzbare, er ist der Prophet, der auf dem Feuerwagen in den Himmel fährt. Er ist der Gesetzgeber, der die Lebensgesetze aus erster Hand der Schöpfung empfängt. Er muß sich plündern lassen wie Hiob und wird doch sein hohes Lied anstimmen und über seinen Tod noch weitersingen ohne Mund, über die Jahrtausende wie Homer.

Seht dagegen die anderen Menschensöhne an! Allen, die auf den Erdstraßen arbeiten, ist ihr Weg bekannt. Alle erhielten Schule und Führer, Lehrer und Gesetze für ihren Beruf, nach denen sie sich richten konnten, um rechtschaffene Meister zu werden.

Der Handwerker hat seine Lehrjahre und seine Meister, die ihn unterweisen. Der Geschäftsmann hat seine Handelsschule und das Geschäft, die ihn zur Selbständigkeit vorbereiten. Die Ingenieure und die Architekten haben ihre Hochschulen, die Ärzte, die Richter, die Geistlichen, die Lehrer finden ihren Bildungsweg an Lehrschulen und Universitäten. Den Offizieren, den Diplomaten, – allen ist ihr Lebensplan vom Staate und im Staate eingerichtet.

Ja, selbst den anderen Künstlern, den Bildhauern, Malern, Musikern, stellt der Staat heute Akademien und Konservatorien zur Verfügung. Er erteilt ihnen Titel und Ränge. – Für alle geistigen Arbeiter, die sich dem Gesamtwohl der Nation widmen, hat der Staat einen Platz, ein Auge, eine freigebige Hand, eine Würde übrig. Nicht so für den jungen Dichter.

Die einen stört das Kindliche an der Dichternatur, das alles miterleben möchte. Die anderen stört das Greisenhafte an der Dichternatur, das tiefe und aufrichtige Betrachten und Sichversenken in die Lebenszustände. Und die Dritten macht das kühne Männliche kopfscheu, das in der Dichternatur unerschöpflich sprudelt, und von dem man keinen Weg voraussehen kann, und das die Bürgerruhe verblüfft, schwindlig macht und abschreckt. Die Vorsichtigen sehen den Dichter unvorsichtig auf einem geflügelten Rosse reiten. Während der Bürger Pferde artig auf der Erde rennen und am Abend müde sind, rauscht über sie fort, noch unter den Sternen, der Dichter als unermüdlicher Sehnsuchtsreiter. –

 

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