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Gedankengut aus meinen Wanderjahren

Max Dauthendey: Gedankengut aus meinen Wanderjahren - Kapitel 27
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authorMax Dauthendey
titleGedankengut aus meinen Wanderjahren
publisherAlbert Langen
printrun7. bis 9. Tausend
year1913
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
created20090226
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Als im Frühjahr 1897 meine Erbschaftsangelegenheiten so weit geordnet waren, daß ich mein Vermögen erhalten konnte, befiel mich von neuem der Schrecken vor der Zukunft. Von den Zinsen meines Erbteils konnte ich mit meiner Frau nicht leben, und wenn das Kapital aufgezehrt war, hätte ich wieder der Not entgegensehen müssen. Und dieses wollte ich doch verhindern.

Ich hörte wieder aufmerksamer dem immer noch pläneschmiedenden Amerikaner zu. Diesem hatte ich erklärt, daß ich seit jener Reise nach Petersburg und seit der Heimfahrt zur Beerdigung meines Vaters mir klargemacht habe, daß ich niemals ohne meine Muttersprache, ohne Deutsch sprechen zu hören, mich auf die Dauer irgendwo fest niederlassen könnte. Es sei mir bewußt geworden, daß ich nicht lange mehr im Ausland leben könne und nicht daran denken könne, Deutschland für immer zu verlassen und mich in anderssprechenden Ländern anzukaufen.

Da schlug der Amerikaner mir vor, wir sollten alle nach den Südstaaten Nordamerikas ziehen, nach Neukarolina. In diesen Ländern gäbe es überall Deutsche, und es würde mir nicht schwerfallen, öfters Deutsch sprechen zu hören, wenn ich Sehnsucht danach hätte. Das Klima wäre dort äußerst günstig für leichte Gartenarbeit.

Aber mir wollte der Vorschlag immer noch nicht gefallen. James aber sagte, er würde jedenfalls nach den Südstaaten Amerikas reisen und sich dort mit seiner Frau niederlassen. Er wollte zugleich in London und Neuyork in Zeitschriften einen Aufsatz veröffentlichen, der den Vorschlag enthalten sollte, daß junge verheiratete Künstler aller Nationen sich auf einem Stück Land zusammenfinden sollten.

Sie sollten zusammen eine Arbeitsteilung vornehmen, wie es in Ordensniederlassungen früher der Brauch gewesen. Jedes Künstlerehepaar sollte ein kleines Arbeitshäuschen erhalten, und man sollte den halben Tag über mit den Händen arbeiten und die andere Hälfte des Tages künstlerisch tätig sein. Es sollten sich so Maler, Musiker und Dichter zusammenfinden. Des Abends sollten die, welche Lust nach Gesellschaft hatten, im Sommer auf einem Rasenplatz, im Winter in einer Halle zusammenkommen, Sportspiele spielen, Musik hören, Theateraufführungen und Vorträgen und Vorlesungen von Dichtungen beiwohnen.

Der Amerikaner wollte amerikanische Mäzene ausfindig machen, die Geld zum Bau von Bibliotheken und zum Bau nützlicher bescheidener Gebäulichkeiten, zum Bau von Werkstätten und so weiter, hergeben würden. Die Gedichtwerke sollten in der Vereinigung jener Künstler auf kleinen Handpressen selbst gesetzt und selbst gedruckt werden und unter den Mitgliedern zur Verteilung kommen. Bei Jagd, Fischerei und Gartenarbeit sollte der Körper Tätigkeit finden, und damit sollte zugleich auch von allen Künstlern für den gemeinsamen Unterhalt gesorgt werden.

Es war eine selbstverständliche Gewissenhaftigkeit vorausgesetzt, eine gewisse Lebensreife und die Bedingung, daß nur verheiratete Frauen und Männer, also nur Paare mit ihren Kindern, Aufnahme finden könnten. Wie das gemeinsame Leben einer solchen Künstlervereinigung sich dann entwickeln würde, das sollte man der Zukunft überlassen. Es sollte kein Zwang im Zuziehen und Fortziehen herrschen, und man wollte mit frohen Hoffnungen das beste für Kunst- und Körperleben erwarten.

Es war aber dabei nicht geplant, daß die Künstler alle zusammen in einem Dorf wohnen sollten. Man hoffte, daß die amerikanische Regierung ein größeres Stück unbewohntes Land zur Verfügung stellen würde, und daß einige Millionäre sich finden könnten, die das amerikanische Kunstleben heben wollten, indem sie dort den Künstlern Heimstätten schaffen würden.

Jeder Künstler sollte entfernt von den anderen wohnen, der eine an einem Fluß, der andere an einem Wald, der dritte auf einem Berg. Nur am gemeinsamen Versammlungsplatz sollte man sich sprechen und sich uneingeladen nie im Arbeiten stören.

Dieser Plan war von dem Amerikaner ausführlich ausgearbeitet worden. Und er veröffentlichte dann auch in Neuyork und London den Aufsatz über die amerikanische Künstlerkolonie, den ich ins Deutsche übersetzte und einer deutschen Monatsschrift schickte.

Viele Künstler suchten damals Neuland, und in jenen Jahren gründete sich die Worpsweder Vereinigung, die aber nur ein Zusammenwohnen in derselben Landschaft, aber nicht, um freie Lebensmöglichkeit zu erlangen, ein Zusammenarbeiten kennt.

Der Drang nach Vertiefung und Abwendung von der Geschäftshast und Geschäftsgier und vom geschmacklosen bürgerlichen Unverstand ging als tiefe Sehnsucht damals unter den jungen Künstlern Europas um. Und so war das eigentlich gar nicht so absonderlich, was der Amerikaner vorschlug.

Ich hatte nur den einen Einwand, der war, daß ich am liebsten die Künstlervereinigung auf deutschem Boden gesehen hätte. Aber ich verstand auch, daß übervölkerte Länder wie Deutschland für den Plan nicht geeignet waren, weil man nicht so leicht in unserem verkehrsreichen Lande eine verkehrsfreie Landschaft hätte finden können.

Ein zweiter Grund, der für Amerika sprach, war der, daß amerikanische Millionäre freigebiger sind und leichter ideale Bestrebungen unterstützen würden als deutsche reiche Leute.

Nur hatte ich von jeher einen Widerwillen gegen Nordamerika. Das große Land, in dem die Einwanderer in dem letzten Jahrhundert die eingeborenen Stämme zurückgedrängt oder ausgerottet hatten, und auf dem meine Phantasie keine anderen geschichtlichen Träume fand als die Knabenträume aus dem Buch «Lederstrumpf», dieses Land, das nie große alte Baudenkmäler, nie große geschichtliche Ereignisse aus dem Mittelalter oder der frühesten Vergangenheit für uns aufzuweisen hatte, gab meiner Einbildungskraft, wenn ich mich dort hinversetzte, nur leere unbekannte Wälder und leere ungeschichtliche Grasflächen zu sehen, auf denen sich nichts abspielte als das Geschäftsleben der Eisenbahnzüge, die durchs Land hinliefen.

Als ich von dieser meiner Unlust gegen Nordamerika zu dem Amerikaner sprach, so hatte er einen neuen Vorschlag bereit. Er meinte, wir sollten nach Mexiko. Dort würden wir genug Stimmung finden. Dort gäbe es alte Baudenkmäler der Azteken, wunderbare Ruinen verlassener Indianerstädte in tiefen Wäldern. Auch sei das Klima, das halbtropische, der Gartenarbeit günstig. Man könnte dort leicht Gärten pachten und diese billig von Indianern bearbeiten lassen, wenn unsere Kräfte nicht ausreichen sollten.

Das alte Gold- und Abenteuerland Mexiko, mit der gewaltigen Vergangenheit des Aztekenreiches, fesselte meine Einbildungskraft und Aufmerksamkeit sofort. Und da ich mein geerbtes Geld in Paris leicht und schnell schwinden sah und in der Heimat mir kein Vaterhaus mehr stand, so sagte ich mir, ich müsse für einige Jahre meine Heimatsehnsucht schweigen lassen. Ich hatte früher in Schweden und in London gelebt und dort gedichtet, ich würde also auch in Amerika dichten können. Es würde mir sicher gut tun, meinte ich, einige Jahre ganz zurückgezogen vom alten Europa – das ich, wie ich glaubte, auswendig kannte –, in einem schönen tropischen Lande zu wohnen, mir durch einen Garten Verdienst zu verschaffen und zugleich neue Dichtungen zu schreiben.

Dann, wenn ich mal Heimweh bekäme, könnte ich mit leicht verdientem Gelde später zurückkehren, oder auch wollte ich, wenn ich die Heimat vergessen könnte, in der Fremde bleiben.

Jedenfalls war jetzt, als der Frühling kam, meine Reiselust wieder wach, und es wurde beschlossen, daß wir nach Amerika, das heißt nach Mexiko reisen sollten.

Gedrängt von der unsicheren Zukunft, die mich in Europa erwartete, getrieben von den schlimmen Erfahrungen der Not, die ich erlebt hatte, redete ich mir trotz meiner unstillbaren Sehnsucht nach Deutschland, die mich im geheimen plagte, die Notwendigkeit ein, Europa verlassen zu müssen. Aber ich ertappte mich oft dabei, nachdem ich dem Amerikaner die Mithilfe bei der Gründung seiner Künstlervereinigung zugesagt hatte, daß ich an einer glücklichen Ausführung des Planes stark zweifelte.

Wir machten dann für diese Reise wochenlang Einkäufe in Paris, und die Hundertfrankenscheine flogen aus meinen Händen wie welke Blätter. Es war kein Leichtsinn, der mich zu diesen vielen Einkäufen hinriß. Es war die innerste Sehnsucht, vom angeborenen Europa Andenken und künstlerische Werte mitzunehmen hinaus in die riesenhafte Fremde der Tropenwelt, vor der mir eigentlich im stillen bereits graute.

Mit großen Koffern und Kisten, die all mein Hab und Gut enthielten, reisten wir von Paris zu Anfang Mai 1897 ab. Wir nahmen noch einen Aufenthalt von vier Wochen in der Bretagne, wo wir auf Nachricht von den Amerikanern warteten, welche bereits nach Neuyork vorausgeeilt waren, um ihren Hausverkauf zu ordnen, und welche uns von dort telegraphieren sollten, sobald sie nach Mexiko abreisten.

Anfangs Juni erhielten wir das Telegramm und fuhren von der Bretagne nach Southampton, wo wir am nächsten Tag einen Dampfer des Norddeutschen Lloyd bestiegen, der uns nach Neuyork brachte. Dort wechselten wir das Schiff und fuhren mit einem kleineren Dampfer nach Vera Cruz im Golf von Mexiko.

Ich habe diese Mexikoreise in ihren landschaftlichen Reiseeindrücken in meinem Roman «Raubmenschen» so eingehend geschildert, daß ich mir die nochmalige Wiedergabe hier ersparen kann, um dem Leser, der den Roman bereits kennt, nicht mit Wiederholungen lästig fallen zu müssen.

Ich will nur in kurzen Zügen meine Gefühle wiedergeben, die mich nach einigen Monaten zur Rückkehr nach Europa antrieben.

Kaum hatte ich im Golf von Mexiko in Vera Cruz nach einer langen Seereise das tropische Festland unter den Füßen, kaum sah ich die ersten Kokospalmen in einem Baumgang der kleinen Hafenstadt, da wurde mir mit einem Schlage klar: hier werde ich nie ein deutsches Lied schreiben.

Aber du hast doch in England, Dänemark und Schweden gedichtet, meinte der törichte Verstand, der beim Menschen immer das ursprüngliche Gefühl bevormunden will, und der dem Gefühl gegenüber doch immer der beschränktere ist.

Des Verstandes Vorsicht läßt den Menschen nie so tief und innig mit dem Weltallfest verschmelzen, wie es das Gefühl will. Und nur den stärksten Menschen gelingt es, sich gegen den Verstand im Gefühl zu behaupten, und dieses sind dann auch die künstlerischsten Menschen. Das unklare Gefühl greift in seiner Unbewußtheit immer sicherer zu und handelt immer ehrlicher und glücklicher, als der sich brüstende zielbewußte und von seiner Klarheit geblendete Verstand.

Sicher ist, daß das Gefühl bei jedem Künstler die Oberhand behalten muß, und daß der Künstler nur deshalb der schöpferischste unter den Menschen ist, weil er immer das zielbewußte dunkle Gefühl bei seinen Schöpfungen für sich handeln läßt und mit dem Verstand nicht dem Gefühl dreinredet.

Aber, dieses zu tun, kann nur ein Künstler wagen; nur er ist reiner Gefühlsheld. Nur ihm ist ein harmonisches Weltgefühl angeboren, mit dem er, ohne den Verstand zu fragen, festlichere Harmonie erzeugen kann, als sie jemals der größte ausklügelnde Verstand mit aller Berechnung zuwege bringen könnte. Nie sollte deshalb der Verstand nichtkünstlerischer Menschen an Kunstwerken des Künstlers Urteile üben dürfen. Jene Nichtkünstler können mit allem höchsten Verstand nie das harmonische Weltgefühl des Künstlers erfassen, das sein Werk geschaffen hat. Nur wenn jene vertrauend und treu glaubend ihr Gefühl einem Kunstwerk hinhalten, können sie allmählich, mit Selbstbeherrschung und Ausschaltung des unkünstlerischen Verstandes, den Hoheitsgefühlen künstlerischer Schöpfungen nahekommen.

So antwortete damals auch mein Gefühl in Mexiko meinem Verstand: er habe unrecht, zu verlangen, daß ich in Mexiko dichten sollte, weil ich in England, Dänemark und Schweden gedichtet hätte.

«Du verstehst aber auch gar nichts», so sagte das Gefühl zu ihm. «Begreifst du denn gar nicht, daß Skandinavien und England germanische Länder sind, Deutschland ähnliche Länder. Tannen, Birken und Buchen wachsen dort. Die Landschaft und die Sprache jener Länder spricht germanische Laute, hat schlichte germanische Farben. Wolken, Winde und Erde sind sich ähnlich in jenen nordischen Ländern.

Aber in Mexiko riecht es nach Kaffee, Zucker und nach allerhand Drogen, nach Zimt und Pfeffer; die ganze Landschaft riecht wie ein Kaufmannsladen. Und dann, sieh die Formen der Palmen! Sieh diese kopfgroßen Kokosnüsse! Kannst du dir diese Nüsse vergoldet am Weihnachtsbaume vorstellen?

Ach – und Weihnachten! Die schönen lautlosen Schneenächte! Die langen dunklen Wintermorgen! Die ernste dunkelgrüne Tanne! Und die Tannenzapfen daran! Ich hasse diese schwindelnden Kokospalmen, die da gespreizt zum Himmel ragen, als wären sie Pfauenfächer, aufgespannt über dem Haupt eines Großmoguls.

Glaubst du denn, daß ich ohne Singvögel, ohne Rotkehlchen, ohne Finken und Stare, ohne Lerchen dichten kann! Du verstandloser Verstand, der mich hierher gelockt hat. Hier soll ich dichten! Hier, wo über den Dächern statt blinkender Schwalbenscharen ungeheure Aasgeier die Gassen umjagen, Aasgeier, die ich nur aus den zoologischen Gärten kenne. Bin ich je in einen zoologischen Garten gegangen, um über Papageien, Jaguare und Alligatoren zu dichten?

Du hast mir immer von warmer Luft und schönen Blumen erzählt, die ich in den Tropen finden würde. Und ich bin dir gedankenlos gefolgt, denn du wolltest nicht darauf hören, wie ich in meinen Herzkammern schluchzend Tag und Nacht in Paris bettelte: geh nicht aus Europa fort! Es gibt ein Unglück, du verlierst nur dein Geld! Es kostet dich dein Vermögen, und du hast nichts davon.

Aber du natürlich, du warst der Verstand, der mich zurückwies, und nanntest mich gefühlsduselig und sagtest, man muß sich im Leben hart machen. Man muß nützlich sein können und muß nicht immer das Gefühl reden lassen. Nur dann kommt der ganze Mensch vorwärts, wenn der Verstand das Gefühl beaufsichtigt. So sagtest du, Verstand, zu mir.

Oh, hätte ich nur den Mut gehabt und dir diese Reise verboten, wie ich immer dir gebiete, wenn du mir ins Dichten hineinreden willst. Das weißt du, beim Dichten durftest du mir noch nie hineinreden. Beim Leben ließ ich dich manches Mal mitsprechen. Eigentlich aber traute ich dir auch da niemals recht.

Du, Verstand, mußt es noch lernen, mehr schweigender Teilhaber in meinem Menschenleben zu sein. Sonst zerstörst du uns beide.» –

Nach diesem Gespräch meines inneren Lebens öffnete ich meinen Mund und sagte zu meiner Frau:

«In diesem Lande bleibe ich nicht lange. Ich möchte schon am Ende der Woche abreisen. Am liebsten möchte ich gleich aufs Schiff zurückkehren. Denn dieses hier ist kein Land, um deutsch zu dichten. Das sagt mir mein Gefühl.»

Es war mir, als hätte ich nun schon meine Pflicht getan, indem ich mit Amerika einen Versuch gemacht und gelandet war und Europa den Rücken gekehrt hatte, wie ich es dem Amerikaner versprochen. Und es kam mir schon nach den ersten hundert Schritten am Land vor, als wäre ich nun ledig, aller heiligen Verstandespflichten und dürfte nun wieder meinem Gefühl gehorchen und gleich nach Europa umkehren.

Wir fuhren aber doch noch von Vera Cruz nach der Hauptstadt Mexiko. Ich erwartete dort auf der Post Briefe mit der mexikanischen Adresse des amerikanischen Ehepaars zu finden. Aber es war keine Nachricht da, und ich wußte nicht, was ich nun im fremden Erdteil tun sollte.

Ich wendete mich an den deutschen Konsul und erkundigte mich über die Landesverhältnisse. Er meinte, das Innere des Landes sei sehr gefährlich für Fremde. Es lebe da spanisches Gesindel in Indianerdörfern, und wenn die bei einem etwas Geld vermuten, könne man bei jedem Spaziergang leicht aus dem Hinterhalt erschossen werden. In diesem ordnungslosen Lande kräht kein Hahn nach einem Toten. Den Mörder fände man niemals. Es gäbe zu viel Morde hier. Und die Polizei hätte zu viel tun, wenn sie alle Morde verfolgen wollte, die sich draußen in abgelegenen Gegenden ereigneten.

Würden wir aber trotzdem im Lande Gärten bebauen und unbehelligt leben wollen, so müßten wir wenigstens zusammen zehn Männer und zehn Frauen sein, und auch dann wäre es sehr gefährlich, wenn wir die Landessprache nicht sprächen und nicht der katholischen Religion angehörten. Denn die Spanier wären in Religionsfragen sehr streng und fanatisch.

Ich mußte für mich lachen, als ich diese Aufklärung auf dem Konsulat empfing. Der Gedanke war uns vor der Reise nicht gekommen, erst schriftlich anzufragen. Die ganze Reise war nun umsonst. Es war mir aber doch angenehm, daß der Amerikaner noch nicht angekommen war, denn nun würde ich schnell wieder abreisen können, dachte ich.

Ich hatte es auf einmal so eilig, nach Europa zurückzukehren, als erwarteten mich dort die hellsten Freuden. Meine Frau aber meinte, wir sollten doch erst ein wenig in Mexiko Ausflüge machen, das Land betrachten und die Ankunft der Amerikaner abwarten.

In den nächsten Tagen begegneten wir James und Theodosia auf der Straße. Sie waren schon lange da und hatten uns überall gesucht. James hatte sogar einen Empfehlungsbrief an den Präsidenten Porfirio Diaz mit sich. Als meine Frau ihnen sagte, wir dächten wieder an die Abreise, waren sie sehr erstaunt. Nachdem ich ihnen dann erzählt hatte, wie sehr der deutsche Konsul mir vom Bleiben abgeraten, fanden sie die Warnungen übertrieben. Ich aber blieb dabei und sagte:

«Lieber bin ich Steinklopfer, Straßenkehrer und Bettler an den Kirchentüren in Europa, als daß ich in einem Land bleibe, dessen Natur, dessen Palmen und Vulkane, dessen Agavenpflanzungen, Zuckerrohr und Kaffeebäume mir niemals ein deutsches Lied geben werden.»

Da verstanden sie, daß ich nicht bleiben würde und gingen geärgert von uns. Ich war aber erstaunt, daß sie sich ärgern konnten, wo ich doch als Künstler gefühlsehrlich zu Künstlern zu sprechen glaubte. Sie aber maßen mich mit ihrem Verstand, nannten mich launenhaft und begriffen mich nicht.

Sie hatten mir, ehe sie fortgingen, noch das Versprechen abgenommen, daß ich mich wenigstens erst einige Wochen überzeugen sollte, ob ich dem Lande keine Reize abgewinnen könne. Ich sagte, das sei ganz unnütz. Aber ich versprach ihnen, mich einige Zeit umzusehen, trotzdem ich wußte, daß es keinen Sinn hatte. Denn ich hatte beim ersten Blick, bei der Landung in Vera Cruz, begriffen, daß ich meinem Gefühl recht geben mußte, das sich beim Anblick der ersten Kokospalme aufgelehnt hatte, und das mir gesagt hatte, daß ich hier niemals ein deutsches Gedicht schreiben würde.

Ich kaufte mir dann ein Pferd und ritt jeden Tag in die Umgebung der Hauptstadt auf Meilen über die Hochebene hin, wo es nur ausgetrocknete Staubflächen, einige Maisfelder und nur vereinzelte Bäume gab.

Mexiko teilt sich klimatisch in drei Zonen: in das glühende Tropenland am Meer, wo Vera Cruz liegt, in das Halbtropenland, das auf halber Höhe, auf dem Weg nach der Hauptstadt, sehr fruchtbar einen reichen Landstrich voll Plantagen und Haziendas bildet, und dann, als dritter Teil, in die Hochebene, auf welcher die Hauptstadt Mexiko liegt. Diese Ebene wirkt leer im Vergleich zu den beiden anderen tiefer gelegenen Zonen, sie hat zwar auch ein warmes, aber nicht so glühendes Klima und ist nicht so fruchtbar. Diese Hochebene ist staubig und trostlos öde, und ihr Landschaftsreiz besteht nur im gewaltigen Rundblick auf die Vulkanberge am Horizont.

Ich besuchte bald auch die reichen Gärten und Plantagen der Halbtropen, fand dort viele spanische Klöster umgewandelt in neuzeitliche Zuckerfabriken und durchwanderte die Pflanzungen, die üppigen Bananengärten, die Ananasgärten, die Kaffeegärten, die Zuckerrohrfelder und die Baumwollenfelder.

Aber immer begleitete mich auf allen Wegen, mitten in der Tropenüppigkeit, der Gram, daß es nirgends Wiesen mit heimatlichen Blumen gab, nirgends Wälder, die da rauschten. Denn die Urwälder rührten sich nicht. Wie aus Leder geschnitten hingen die schweren Blättermassen in der Luft, und die Bäume standen in der Treibhausschwüle aufgebläht. Da war kein liebliches Geflüster von Halmen und Gräsern. Kreischende Vögel mit grellen Lauten nannte man mexikanische Nachtigallen. Ihre Pfiffe waren wie Lokomotivenpfiffe gellend, so daß einem bei diesem Gejohl die Ohren schmerzten.

Die weißschaftigen Königspalmen standen zwar prächtig da, wie Säulen aus Marmor und Alabaster. Sie verblüfften mich erst; dann aber wußte ich nichts mit den fremdartigen Eindrücken und mit der Verblüffung in meinem Herzen anzufangen.

Jeden Morgen, wenn ich aufgestanden ans Fenster trat – nachdem ich im Schlaf in Europa gewesen war –, schnürte sich mein Herz zusammen, sobald ich statt Europäer draußen Indianer in ihren weißen Hemden und ihren weißen Hosen lautlos durch die Straßen eilen sah. Und die Dunkelgesichter und die fremden Bäume und die spanisch-mexikanische Architektur, alles erzählte mir immer wieder: du bist viele Wochen weit durch einen ungeheuren Ozean von deinem Heimaterdteil getrennt.

Ich hatte Ländlichkeit und tropische Lebensfreude gegen das geschäftliche Europa, gegen den Warenhaussinn europäischer Weltstädte eintauschen wollen und hatte nicht dabei an Abenteuerlust, nicht an die Befriedigung wilder Instinkte, wilder roher Goldgier und nicht an Jagd nach fabelhaftem Glück gedacht.

Aber schon auf dem Schiff von Neuyork nach Vera Cruz war mir das Gesindel, das von der ersten bis zur letzten Klasse das Schiffsdeck füllte, aufgefallen. Da waren nur Glücksjäger, Goldschmuggler, Männer, die sich der harten Arbeitsordnung in Neuyork und den nördlichen Staaten nicht unterwerfen wollten, und die sicher nicht vor falschem Spiel, betrügerischen Geschäften, ja sogar nicht vor Raub und Mord zurückscheuten. Das sah man ihren frechen herausfordernden Gesichtern an, daß sie wie überhitzte Spieler ihren letzten Lebenseinsatz auf Abenteuerreisen gewagt hatten.

Da war keine Ruhe bei ihnen und natürlich auch von künstlerischem Lebenssinn und inniger Lebensbetrachtung kein Gedanke in ihrer Nähe.

Denselben Gesichtern und Gesellen begegnete ich dann zwischen Vera Cruz und Mexiko auf der zweitägigen Eisenbahnfahrt, auf dem Weg nach der Hochebene und in der Hauptstadt Mexiko überall. Die Gold- und Silberminen Mexikos, die in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Hunderttausende angezogen hatten, aber jetzt reichlich geplündert waren, lockten immer noch die goldlüsternen ordnungslosen Geister aus dem Norden Amerikas.

Wenn auch viele von jenen Männern das Goldsuchen aufgegeben hatten und Besitzer von kleinen Haziendas geworden waren, so waren die Landesverhältnisse nicht friedlicher geworden. Das sah man der Ausrüstung aller Männer an, daß sie immer noch gegen Mord, hinterlistige Überfälle, heimtückischen Totschlag und gegen Raubgier nicht bloß in entlegenen Winkeln des Landes, sondern auf den offenen Hauptstraßen, sogar mitten in der verkehrsreichen Hauptstadt Mexiko, anzukämpfen hatten.

Ein Revolver genügte ihnen nicht in der Gürteltasche. Auf der Juwelierstraße und Hauptstraße der Stadt Mexiko standen die schwer bewaffneten Gruppen morgens, mittags und abends beisammen, als wäre die Straße ein Räubermarkt. Die Männergürtel waren bepackt mit Revolvern und Waffen aller Art. Die großen breitrandigen Filzhüte, die Sombreros, die die Gesichter halb verdeckten, gaben jedem einzelnen das Aussehen von einem Rinaldo Rinaldini.

In den Trambahnwagen und in den Eisenbahnwagen, abends auf dem Korso und beim Billardspiel in den Kaffeehäusern begegneten einem die mit Revolvern und Waffen bespickten Gestalten überall. Sie waren immer mit Waffen drohend beladen, als kämen sie eben von Raubzügen zurück oder als hätten sie sich zu einem Raubplan verabredet.

Wir, die wir von dem lebhaften, aber doch gesitteten Pariser Boulevardleben, nur mit Sonnenschirm und Spazierstock bewaffnet, friedvoll und natursehnsüchtig in jenem Lande angekommen waren, verwunderten uns nicht wenig über die abenteuerliche Haltung der Leute hier und über ihr räuberisches Aussehen.

Mit dem Totschläger in der einen Hand, den Revolver im Gürtel und eine brennende Laterne in der anderen Hand, so standen nachts in Gruppen die Polizisten an den Straßenkreuzungen. Und jeden Donnerstag war unter den Bäumen der «Avenue des Columbus» Musterung über das Heer der Polizisten.

Eine der aufregendsten Polizeigreueltaten ereignete sich während meines Aufenthaltes.

Ich erlebte es, daß neunzehn Polizisten, bestochen und überredet vom verbrecherischen Polizeioberhaupt selbst, einen Häftling, der im Nationalpalast eingesperrt war, am Nachmittag des Nationaltages in seiner Zelle mit neunzehn Messerstichen niederstießen.

Das Polizeioberhaupt war mit jenem verhafteten Mann verbrecherisch verbunden gewesen. Jener Gefangene hatte dem Polizeipräsidenten früher einmal Gift verschafft, damit dieser einen Abbé aus dem Wege schaffen konnte. Jener Abbé, der auch wirklich von ihm vergiftet wurde, war der Beichtvater einer reichen jungen Mexikanerin gewesen, die der Polizeipräsident hatte heiraten wollen. Aber der Abbé, der auch der Beichtvater des Polizeipräsidenten gewesen, hatte jene Dame vor der Heirat gewarnt. Auf diese Warnung hin hatte sie ihre Verlobung mit dem Polizeipräsidenten gelöst.

Jener Mann, der dem Polizeipräsidenten das Gift zu jenem Mord verschafft hatte, erpreßte danach von ihm unausgesetzt große Schweigesummen. Als der Polizeipräsident nicht weitere Erpressungsgelder zahlen wollte oder konnte, drohte jener, den Mord an dem Abbé dem Präsidenten der Republik mitzuteilen und den Polizeipräsidenten durch diese Enthüllungen zu vernichten.

Am Vormittag des mexikanischen Nationalfestes, im September, als der Präsident der Republik, Porfirio Diaz, an der Tribüne vorfuhr, von welcher er die Truppenschau abhalten sollte, drängte sich jener Mann, der das Polizeioberhaupt beim Präsidenten der Republik anzeigen wollte, durch die Zuschauermasse und hielt, um die Aufmerksamkeit des Präsidenten und seiner Generale auf sich zu lenken, einen faustgroßen Stein in der gehobenen Hand, als wolle er Porfirio Diaz erschlagen.

Ein General warf sich dem Heranstürmenden entgegen, ebenso taten andere Herren der Umgebung und die Polizisten. Man fesselte den Mann, welcher laut rief, er habe große Enthüllungen über die Polizei zu machen. Man sah den Polizeipräsidenten selbst, der den Mann fortschleppen ließ, rasch mit dem Gefangenen in einen Wagen steigen und nach dem Nationalpalast fahren. Der Polizeipräsident hatte seine Wohnung im Nationalpalast, wo der Häftling eingesperrt wurde.

Nach der Truppenschau kehrte Porfirio Diaz unter dem Jubel der Menschenmassen und von den Leuten von allen Balkonen herab begeistert begrüßt, durch die Hauptstraße, die Calle San Francisco, an der Spitze der Truppen in die Stadt zurück. Die Zeitungen brachten in Extrablättern noch mittags, während des großen Nationalfestessens, die Nachricht von dem glücklich abgewendeten anarchistischen Anschlag eines Verrückten auf den Präsidenten der Republik.

Ich selbst war bei der Truppenschau gewesen und hatte mit eigenen Augen an dem beflaggten Platz der Stadt den Überfall auf den Präsidenten mit angesehen.

Am Abend war großes Feuerwerk vor dem Nationalpalast, wo Musikbanden spielten. Hunderttausende von Indianern, die auf dem Platz vor der Kathedrale Bananen brieten und Maiskuchen buken und dort auf dem Rasen um kleine Kohlenfeuer hockten, sangen während der ganzen Nacht zu ihren Mandolinen alte wehmütige Indianerweisen, Überlieferungen aus der Aztekenzeit.

Ich ging mehrere Stunden auf dem Festplatz umher, saß unter den Bäumen und freute mich an den malerischen Gruppen, an den sanften friedlichen Liedern und an der Schlichtheit und Einfachheit des Eingeborenenvolkes. In weißen Leinwandkleidern, in weißer Hose und weißem Hemd die Männer und in blauen Leinwandröcken und in schwarze Tücher gehüllt die Frauen, so lagerten die Indianerscharen auf dem Rasen und vergnügten sich sanft und harmlos. Sie waren wie Gazellenherden, die in einer Nacht im Mondschein vergessen dürfen, daß sie von Jägern, Hunden, tödlichen Gewehren und eisernen Waffen am Tage umringt, gehetzt und mitleidlos gejagt dahinleben müssen.

Gegen Mitternacht, als ich heimging, hörte ich einige Schüsse fallen. Der Schall kam von der Richtung des Nationalpalastes, welcher ein langes einstöckiges Gebäude im spanischen Jesuitenstil ist. Ich kümmerte mich aber nicht um das Schießen und ging nach meinem spanischen Hotel. Ich sah noch, als ich den Platz verließ und in die Seitenstraße bog, daß Scharen von Polizisten aus allen Straßen nach dem Nationalpalast liefen, und daß auch die Massen der auf dem Rasengarten des Platzes friedlich gelagerten Indianer sich erhoben hatten und sich gegen den Nationalpalast hinbewegten, angezogen, wie es schien, von den Schüssen, deren Echos ich noch in den Ohren trug.

In jenem Lande aber, wo man den ganzen Tag mit Pistolen bewaffneten Männern begegnet, schien es mir nichts Absonderliches zu sein, wenn ein kleiner Streit ausgebrochen war, bei welchem geschossen wurde, oder daß ein kleiner Überfall stattgefunden hatte. Und da es nicht weise ist, sich unter Streitende zu mischen, vermied ich es, neugierig zu werden, und schlenderte nach Hause.

Am nächsten Morgen hatte ich das kleine Ereignis vergessen und dachte erst daran, als alle Zeitungen berichteten, daß in der Nacht jener Anarchist, der den Präsidenten bei der Truppenschau angefallen hatte, in dem Haftzimmer im Nationalpalast von einer eindringenden Menschenmenge gelyncht worden sei. Neunzehn maskierte Männer wären in das Gebäude eingedrungen, gefolgt von tobenden Menschenmassen, und die neunzehn Maskierten hätten mit neunzehn Messern – die sie in dem Leichnam stecken ließen – den Verhafteten im Haftraum niedergestoßen. Auf einem Zettel, den sie zurückließen, stand das Wort «Lynchjustiz» geschrieben.

Die Pistolenschüsse aber, die ich gehört hatte, waren um Mitternacht vom Polizeioberhaupt selbst vom Balkon des Nationalpalastes abgegeben worden. Man sagte, als die neunzehn maskierten Mörder in den Palast drangen, hätten sie den Polizeipräsidenten, der noch allein spät in seinem Amtszimmer tätig gewesen, aufgefordert, ihnen den Weg zum Haftzimmer zu zeigen, da sie im Namen des Volkswillens, im Namen der Nation, den Häftling, der am Morgen bei der Truppenschau das Leben ihres geliebten Präsidenten der Republik bedroht habe, lynchen wollten.

Der Polizeipräsident habe auf dieses Ansinnen nicht eingehen wollen. Doch als sich die Mörder nicht hatten abhalten lassen und selbst den Weg zum Haftlokal gesucht und gefunden hatten, sei das Polizeioberhaupt auf den Balkon gesprungen und habe seinen Revolver in die Nachtluft abgefeuert, um die auf dem Platz das Nationalfest feiernde Volksmasse aufmerksam zu machen und sie zur Hilfe herbeizurufen.

Nach einigen Tagen aber stellte sich zum größten Erstaunen der Stadt Mexiko heraus, daß der Polizeipräsident selbst diesen Mord an dem Verhafteten beauftragt hatte. Aber man wußte noch nicht, welcher Grund den obersten Polizeiherrn zu dieser Mordtat gezwungen hatte. Der Beweggrund wurde erst später enthüllt.

Die Leute, die auf des Polizeipräsidenten Pistolenschüsse in den Hof des Nationalpalastes geeilt waren, einige hundert Menschen, hatte er durch die Schüsse herbeilocken wollen, und er hatte hinter ihnen die Palasttore schließen lassen. Das Ganze sollte den Anschein bekommen, als wäre der geheimnisvolle Mord vom Volk erzwungen worden und die Polizei selbst überrascht worden vom Volkswillen.

Aber ein Polizist jener neunzehn Polizisten, die von ihrem Oberhaupt überredet waren, erklärte an einem der nächsten Tage, von Gewissensbissen gepeinigt, den ganzen Vorgang auf dem Geschäftszimmer einer der größten Zeitungen der mexikanischen Hauptstadt.

Er berichtete: am Nachmittag des Nationalfestes habe der Präsident der Polizei neunzehn neue Messer kaufen lassen, habe neunzehn der zuverlässigsten seiner Polizisten zu sich ins Zimmer gerufen und ihnen erklärt, sie wüßten doch von jeher, daß der Präsident der Republik nur ungern ein Todesurteil unterschreibe, und daß sie Diaz einen Gefallen täten, wenn sie ein Todesurteil an dem Attentäter vollstrecken würden. Er, der Präsident der Polizei, wolle das Ganze so anordnen, daß der Mord einem Lynchverfahren, von Volksmännern ausgeführt, ähnlich sehen sollte.

Den Bedenken der neunzehn Polizisten setzte er entgegen, daß sich der Präsident der Republik den neunzehn Beamten erkenntlich erweisen würde, wenn sie Porfirio Diaz das Unterschreiben des Todesurteils über jenen Anarchisten ersparen würden. Da jener Mann doch zum Tode verurteilt werden müsse, fiele keine Mordschuld auf die Beamten. Denn sie würden nur mit dieser Tat dem Gesetz zu seinem Recht verhelfen und zugleich dem Präsidenten der Republik eine Gefälligkeit erweisen.

Nachdem die Zeitungen diese Enthüllungen des einen mitschuldigen Polizisten gebracht hatten, war die ganze Bevölkerung der Hauptstadt Mexiko von Entsetzen erfüllt. Der Polizeipräsident wurde verhaftet, ebenso die neunzehn Polizisten. Allmählich kam auch heraus, warum jener getötete Mann dem Polizeioberhaupt im Wege gewesen war, und daß außer der Vergiftung des Abbé der Polizeipräsident noch viele Schändlichkeiten begangen hatte.

Seine Freunde aber sandten ihm in einem ausgehöhlten Kuchen einen geladenen Revolver ins Gefängnis, und er erschoß sich dort, ehe man ihn richten konnte. Die neunzehn Polizisten wurden alle zum Tode verurteilt. Die Zeitungen brachten die Bilder der neunzehn Verurteilten, und Ansichtspostkarten mit den neunzehn Gesichtern der Mörder wurden während meines Dortseins noch überall auf den Straßen verkauft.

In atemloser Spannung hatte die ganze Stadt vierzehn Tage lang die Enthüllungen über diesen außergewöhnlichsten Mord verfolgt. Auch ich las die Berichte über diese unerhörten, schauderhaften Polizeizustände, und ich verstehe recht wohl, daß manche, die meinen Roman «Raubmenschen», darin ich diese Schreckenstat erzähle, gelesen haben, die Wirklichkeit dieses nie dagewesenen Schreckens bezweifeln mochten. Aber diese Ungeheuerlichkeit ist tatsächlich wahr und hat sich während meines Aufenthaltes in Mexiko ereignet und sozusagen vor meinen Augen abgespielt.

Daß Mexiko das Land der mörderischsten Möglichkeiten ist, wurde mir klar. Sobald ich von Juli bis Dezember genügende Eindrücke gesammelt hatte, so daß ich für alle Zeiten wissen konnte, daß ich dort niemals ländlichen Frieden und künstlerische Ruhe finden würde, reiste ich, nachdem ich noch mit meiner Frau eine Rundreise durch den Golf von Mexiko nach New Orleans gemacht hatte, von dort über den Ozean zurück nach Europa, wo wir wieder Anfang Februar in Havre landeten.

Die Rückreise war so stürmisch gewesen, daß unser Schiff überfällig war und in Havre als verloren galt und bereits auf der Verlustliste stand. Von vier Dampfkesseln waren zwei im Sturm unbrauchbar geworden, so daß wir nur mit halber Fahrt vorwärts kommen konnten und statt zwei Wochen sechs Wochen zwischen dem mexikanischen Golf und Frankreich in unendlichen Ozeanstürmen zubrachten.

 

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