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Gedankengut aus meinen Wanderjahren

Max Dauthendey: Gedankengut aus meinen Wanderjahren - Kapitel 25
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authorMax Dauthendey
titleGedankengut aus meinen Wanderjahren
publisherAlbert Langen
printrun7. bis 9. Tausend
year1913
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
created20090226
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Ich gab den Inhalt dieser Dichtung deshalb hier an, um an die Gedankengänge zu erinnern, die durch jenes Buch gehen. Man wird erkennen, wie sehr dieses Gedicht aus den Gefühlen und Gedanken jenes Lebensabschnittes hervorgegangen ist, aus dem Leben meiner jungen Ehe und aus dem Verkehr mit dem okkultistischen amerikanischen Ehepaar. Aber im tiefsten Grunde natürlich war das Epos von meiner festlichen Weltanschauung beeinflußt worden.

Dieses Epos «Phallus», ebenso wie die «schwarze Sonne», deren Entstehung ich schon früher beschrieb, das Buch «Ultraviolett», das Drama «Sun» und das Drama «Sehnsucht» waren Arbeiten, die ich vom fünfundzwanzigsten bis zu meinem dreißigsten Jahre schrieb.

Außerdem hatte ich in jenem Jahre 1896 von Gedichten einen kleinen Band liegen, den ich teils im Herbste 1894 geschrieben hatte, teils stammen die meisten dieser Gedichte aus dem Jahr vor meiner Verheiratung. Dieses Bändchen von ungefähr hundert Gedichten war mir ein kleines Heiligtum. Es waren darin meine ersten Liebeslieder, und ich hatte mir vorgenommen, sie nie zu veröffentlichen. Ich schämte mich, meine innigsten Gefühle anderen zum Lesen zu geben, und ich sagte zu meiner Frau, daß diese Liebesgedichte erst nach meinem Tod erscheinen dürften.

Ich wünschte Dichter zu sein, aber wollte nicht nach der öffentlichen Anerkennung streben, da die Anerkennung von ihr, der ich meine Gedichte schrieb, mich reichlich zufriedenstellte. Die bedichtete Liebe gehört nicht in die Öffentlichkeit, so dachte ich damals. Liebe ist jedes Menschen innerste Herzensangelegenheit, meinte ich. Und wenn ich aufgefordert wurde von Zeitschriften und Zeitungen, eines der Liebesgedichte zu senden, antwortete ich nicht.

Denn meine Liebe hatte noch die Schamhaftigkeit des jugendlichen Alters. Sie war noch nicht die Liebe des ausgereiften Mannes. Ich glaubte, daß meine Liebesinnigkeit von der Welt belächelt werden könnte. Ich hatte noch nicht die Weisheit im Fleisch, daß man die Welt in sich besitzt, und daß das Echte, das einen bewegt, alle Echten auch bewegt, und daß alle in der großen Welt von der gleichen Innigkeit der Freuden leben und von den gleichen Qualen der inneren Leiden.

Wer seine Freuden oder Leiden in einem Kunstwerk wiedergeben kann, in einem Musikstück, in einem Bild oder in einem Gedicht, der gibt damit im letzten Grunde nicht sich, nicht seine Innigkeit, nicht seine Erschütterungen, sondern er gibt die Gefühlswelt aller. Darum ist es eine falsche Schamhaftigkeit, Gedichte oder Kunstwerke, die aus dem Liebesinhalt eines Lebens stammen, vor der Öffentlichkeit verbergen zu wollen.

Damals war meine Zurückhaltung nur insofern gerechtfertigt, als der Band Gedichte, den ich «Reliquien» nannte, zu meinen Jugendgedichten zu rechnen ist. Ich versuchte bei diesen Gedichten in den ersten Anfängen eine neue Form und Kürze, die ich erst später sicherer handhaben konnte. Und ich wollte weder die Innigkeit, noch die Neuheit belächeln lassen.

Wieviel muß ein junger Künstler mit sich selbst durchkämpfen! In der Dichtung kann nicht einmal ein Freund den Freund beraten. Keinen Freundesweg, keinen Schulweg, keinen Staatsweg, nur den eigenen Lebensweg, nur den eigenen Verantwortungsweg kann der junge Künstler beim Schaffen gehen.

 

Bei all dieser Verantwortung des innerlichsten Berufes wird dem jungen Dichter nicht einmal äußere Hilfe zuteil, keine Erleichterungen, die ihm der Staat auf Reisewegen verschaffen könnte, keine Erleichterungen durch Staat und Vaterstadt. Den jungen Dichtern, auf die später einmal nach Hunderten von Jahren die Nation angewiesen ist, zurückzuschauen, und die sie als die Förderer ihrer Geistesschätze und ihrer Herzensbildung den Kindern und Kindeskindern nennen, wird von ihrer Nation bei Lebzeiten keine Sorgfalt zuteil.

Keine Hand rührt sich im Staatshaushalt, die heranwachsenden Dichter zu pflegen, die innerlich ganz aufgenommen sind von ihrer geistigen Entwicklung und von ihrem vertiefteren Empfindungsleben, in dem sie untertauchen müssen, von der Oberfläche des Alltags fort. Niemand bedenkt, daß Dichter nicht daran denken können und auch nicht daran denken dürfen, Geld mit ihrer Kunst zu verdienen, um ihrer künstlerischen Entwicklung nicht zu schaden.

Viele jener jungen Männer müssen deshalb die verzweiflungsvollsten Stunden und Tage durchmachen. Sie werden bitter davon gepeinigt, mitten in der Welt des Verdienens verdienstlos dastehen zu müssen, trotzdem sie unausgesetzt arbeiten, trotzdem es für sie keine Ruhetage gibt. Ich möchte auch sagen, keine Ruheaugenblicke gibt es für sie, denn des Künstlers Leben ist ein stündliches unausgesetztes Ringen, der inneren Welt schöpferischen Ausdruck zu geben.

Nie sind Künstler in einem Augenblick ihres Lebens ganz frei von diesem Schöpfungsfieber. Denn das Leben des Künstlers bewegt sich im Verhältnis zum Leben der Gelehrten, Kaufleute und Handwerker in fieberhaftem gesteigerten Zustand, und dieser ist viel gesteigerter als der Fieberzustand, in dem ein Erfinder lebt.

Der Erfinder kämpft mit der Gestaltung neuer Wirklichkeit, die Künstler aber müssen neue Unwirklichkeit gestalten.

Verleger und Zeitschriften können einem jungen Dichter nicht viel nützen. Sie sind Geschäfte, die für ihren Vorteil arbeiten müssen. Gedichte werden mit Kleinigkeiten bezahlt und nicht nach ihrer Güte und nicht nach ihrem Inhalt und innerem Wert, nicht wie man Juwelen abschätzt, für die man nach Feuer, Glanz und Schliff die Preise bestimmt.

Und doch benötigt jedes Volk Gedichte und Dichter, wie es Heldentaten und Helden benötigt. Weil der Lebensgeist, die Lebensfreude und der Lebenssinn erst im Kunstwerk seine Krönung findet. Und weil der Nachwelt im Gedicht die Gefühlswelt der Vergangenheit übermittelt werden soll. Kein Volk sollte es vernachlässigen, seinen jungen Künstlern breiteste Lebenserleichterungen zu bieten. Das Volk, das dieses tut, bietet sich dann selbst ein höheres Leben.

Nachdem ich einige Monate verheiratet war, kam das, was ich schon vorausgesehen hatte, daß das Geld, das mein Vater mir im Frühjahr gegeben hatte, rasch zur Neige ging. Denn ich hatte damit Hochzeitsreise und den Sommeraufenthalt in Paris bestreiten müssen.

Und als ich das Gedicht «Phallus» beendet hatte, wußte ich genau, daß jetzt noch niemand dasselbe kaufen würde, und daß das, was man mir vielleicht dafür böte, so wenig sein würde, daß man sich davon nicht viel Lebenstage kaufen könnte. Erst fünf Jahre später nahm dieses Gedicht die Zeitschrift «Insel» für einige hundert Mark.

Diese Ohnmacht, nichts verdienen zu können und doch die Zeit bei unausgesetzter Arbeit zugebracht zu haben, zu wissen, daß ich mich zugleich in fortgesetzter geistiger Weiterentwicklung befand und eine neue Weltanschauung verkörpern wollte, die täglich meine Gedanken und mein Empfinden beschäftigte – alles dieses hätte mich verfinstern müssen.

Wohl wurde ich oft verdüstert. Aber die junge Liebe, die ich erlebte, war zu süß und ließ keine Verbitterung in mich dringen. Ich fühlte nur, daß die Welt nicht in Ordnung war. Und wenn ich mich auch schämte, Freunde und Verwandte um Weiterhilfe immer wieder von neuem angehen zu müssen, so sagte doch mein Inneres: es wird sich ganz von selbst eines Tages beweisen, daß die Hilfe, die man mir gab, nicht schlecht angewendet war.

Im letzten Grund gab ich die Schuld, daß ich bitten mußte, der ungenügenden Gesellschaftsordnung, in der ich heutzutage lebte, und die jeden jungen, sich entwickelnden Dichter ganz aus dem Auge ließ und ihn zum Bitten und Betteln zwang und ihn dem Mitleid und zufälliger Unterstützung aussetzte. So wie man früher nicht auf das Volk- und Arbeiterwohl bedacht gewesen war, so war man jetzt noch nicht auf das Künstlerwohl bedacht; aber diese Erkenntnis war schmerzlich, je klarer sie mir wurde.

In Petersburg lebten noch Verwandte meiner Mutter und alte Freunde meines Vaters. Und da ich meinem Vater hatte versprechen müssen, als er mir die letzte Geldsumme gegeben, ihn nicht wieder um Unterstützung anzugehen, so dachte ich an meine Verwandten in Rußland.

Traurig war es mir, meiner Frau jetzt erzählen zu müssen, daß ich schon lange Sorgen für die Zukunft in mir trug. Sie hatte stillschweigend angenommen, daß meines Vaters Unterstützung nicht ausbleiben würde, und begriff, als das nicht der Fall war, daß ich nach Petersburg reisen müsse, um von dortigen Verwandten vielleicht eine dauernde Unterstützung zu erhalten. Ich reiste dann nach Rußland, nachdem das amerikanische Ehepaar meine junge Frau aufgefordert hatte, während meiner Reisetage in ihrem Atelier Aufenthalt zu nehmen, wo ich sie also in gutem Schutz wußte. Diese Reise, bei der ich nur fünf Tage von Paris abwesend war, war eine der eigentümlichsten, die ich je erlebt habe. Es war mir ganz bunt und seltsam zumute, aus Frankreich zu kommen, über den Rhein, nach Deutschland, mich verheiratet zu wissen und doch meine Frau, welche Schwedin war, bei Amerikanern im französisch sprechenden Lande zurückgelassen zu haben.

In Berlin, am Bahnhof Friedrichstraße, als ich dort kurzen Aufenthalt hatte, umarmten mich von allen Seiten aufs stürmischste deutsche Erinnerungen. Meinem Ohr, das so lange Schwedisch, Französisch und Englisch gehört hatte, war die geliebte deutsche Muttersprache wie Musik. Jedes Wort am Bahnhof der deutschen Hauptstadt schmeckte mir wie Honig und Milch, schmeckte nach Süße und Einfachheit.

Mein Gehirn war nicht bloß von Sorgen, sondern auch von der Fremde übermüdet. Das fühlte ich jetzt erst, wo die Heimatlaute ohne Gehirnanstrengung in mein heißes, von der Fremde gerädertes Herz wie Tau fielen.

Du hast ein Land, sagte mein Blut. Du hattest vergessen, daß du ein Volk besitzt, Heimatgebräuche, Heimattraulichkeit, Heimateinfachheit voll Selbstverständlichkeit, ein Volk, dem du angeboren, angewachsen bist, das du nicht abschütteln kannst, das du bis in den Tod als deinen Besitz fühlen sollst. So wie dein Körper dir gehört, gehört nur das deutschsprechende Volk, nur das deutsche Wesen dir. Nur auf deutschem Boden gehen deine Füße sicher. Nur in deutscher Luft atmet deine Brust frei auf. Nur bei deutscher Landschaft wirst du echt dichten können.

Aber so klar, wie ich dieses heute schreibe, wurden mir damals die auf mich einstürmenden Gefühle nicht bewußt. Ich hegte noch den Wahn, soweit Eisenbahnen, europäische Sitte und europäische Gedanken reichen, müßte auch ich mich als Künstler überall zu Hause fühlen können, überall dichten können. Denn die früheren Jahre der Familienenge lagen noch in meiner Erinnerung wie ein Zellengefängnis, in das ich noch nicht wieder hätte zurückkehren können. Die weite Welt schien für mich noch das Notwendigere zu sein und das Nützlichere für meine Weiterentwicklung.

Aber ich war doch erstaunt, daß ich solche Süßigkeit in meinem Blut empfand, als ich auf dieser Reise von der französischen Sprachgrenze fort nach Deutschland gekommen war. Und es tat mir weh, daß ich allein war und meiner Frau nicht Deutschland und Berlin und deutsches Wesen zeigen konnte.

Doch der schöne Heimatrausch war kurz. Der Zug flog noch in der Nacht von Berlin nach Königsberg. Und am nächsten Mittag, als in Eydtkuhnen an der Grenze struppige russische Packträger, mit roten Hemdblusen, weiten Pluderhosen und schweren Stulpstiefeln angetan, meine Koffer durchs Zollamt trugen und ich den großen kupfernen Samowar in der Bahnhofwirtschaft dampfen sah und ich auch der mir bereits aus einer früheren Reise und aus Familienerinnerungen bekannten russischen Art wieder begegnete, konnte ich nur schwer aus der alten Heimathaut in die russische neue Haut schlüpfen und mich anderen Gebräuchen anpassen.

Doch sagte ich mir dabei, alle die wechselnden Bedrängnisse wollte ich gern ertragen, wenn ich dann danach, mit Zukunftsunterhalt versorgt, von Petersburg nach Paris beruhigt zu meiner Frau zurückkehren könnte. Und ich hielt mich nur an diesen Gedanken.

Mein Schrecken war aber groß, als ich in Petersburg hören mußte, daß die Schwester meiner Mutter, die ich besuchen wollte, in einem der letzten Monate gestorben war. Auf ihre Hilfe hatte ich gehofft, denn die anderen Verwandten standen mir nicht so nah und hatten für sich selbst zu sorgen.

Ich hatte die weite Reise unternommen, weil ich wußte, daß langes Briefschreiben meine Lage nicht so gut würde auseinandersetzen können. Und nun war diese Reise umsonst! Man hatte mich vom Tod meiner Tante nicht benachrichtigen können, da man meine Adresse nicht gewußt. Ich erfuhr nun den Tod der mir lieben Verwandten erst bei meiner Ankunft in Petersburg. Damit war aber auch alle Hoffnung auf Hilfe tot.

Ich blieb kaum zwei Tage in Rußland. Dann fuhr ich wieder von einem Ende Europas nach dem anderen Ende, nach Paris zurück.

Sehr niedergeschlagen, reiste ich nochmals durch Deutschland, als wäre es ein fremdes Land. Eilig flog ich durch deutsche Meilen und durfte nirgends aussteigen. Und es war mir seltsam, sowohl in Königsberg, als auch in Berlin und Köln, überall auf jedem Bahnsteig, wieder denselben Gesichtern der Schaffner, der Zeitungsverkäufer, der Kellner zu begegnen. Dieselben Menschen standen da, überall, wo ich zwei Tage vorher vorübergekommen war, in ganz Europa noch wie am selben Fleck. Aber ich war nicht mehr derselbe. Ich hatte die fremde russische Welt in mir, den Schrecken der Todesnachricht, die Qualen der Enttäuschung, die Angst vor der Zukunft und fremde Petersburger Bilder. Ich war drei Tage durch drei große Völkerheimaten gereist, zuerst hoffnungsfröhlich, und kam nun verzweifelt denselben Weg zurück. Der Weg war derselbe. Auch ich als Wanderer war äußerlich derselbe. Aber mein Herz hatte auf diesem riesigen europäischen Weg noch mächtigere Wege durch viele innere Welten zurückgelegt und war nicht bei mir.

Ich hatte zuerst die Heimatsehnsucht erfahren, das Heimatentzücken. Ich hatte dann ferne Verwandte wiedergesehen, Vergangenheiten besucht, war Toten begegnet. Ich hatte in neuen Familien Neugeborene gefunden, die eben erst ihr Leben anfingen, die harmlos und hoffnungsvoll anzusehen waren, wie ich es auf der Hinreise gewesen. Ich hatte auch gealterte, enttäuschte Gesichter gesehen, sowie ich selbst jetzt gealtert und enttäuscht geworden.

Als ich in Paris wieder auf dem Bahnhof ankam, waren für die große Stadt auch nur ein paar Tage vergangen. Hier hatte sich nichts am Stadtbild geändert. Dieselben Zollbeamten, dieselben Gesichter überall, dieselben Gewohnheiten und derselbe Lärm auf den Straßen.

Doch ich kam von neuen Gesichtern umgeben in diese Stadt zurück, mit Gesichtern von ganz Europa, die aus mir heraussahen, die aus mir sprachen, und die doch niemand an mir bemerken konnte. Ich schien mir dabei, als ich ein paar Stunden später am Abend mit meiner Frau und den Amerikanern über die Straße ging, gar nicht von dieser äußeren Welt hier fortgewesen zu sein.

Ich war auch nur äußerlich in Paris angekommen. Innerlich war ich noch lange nicht da. Und ich wußte auch, daß ich innerlich nie wieder ganz ankommen würde. Erfahrungen und innere Erlebnisse verwandeln einen Menschen rasch und gründlich. Und man verwandelt sich nie wieder zurück. Bei manchen Erlebnissen kreist das Blut schneller als Sonne und Erde, und das Herz eilt beiden im Altwerden voraus.

Oftmals habe ich später dasselbe wieder erlebt, aber nie so auffallend wie bei dieser Blitzfahrt, bei der ich binnen einer knappen Woche zweimal Europa durchquerte. Trotz aller persönlichen Enttäuschung bewunderte ich aber die Kraft unserer heutigen Zeit, die es einem einfachen Menschen ermöglicht, solche Reisestrecken in Kürze zurückzulegen.

Wenn man bedenkt, welche Zeitdauer früher ein Reisewagen zu Goethes oder Luthers Zeit nahm, so war diese meine Europafahrt, äußerlich angesehen, nur ein Reisespiel. Innerlich waren aber die Entfernungen mit solcher Schnelle fast unmöglich zu bewältigen. Ich war noch wochenlang nach dieser Blitzfahrt wie betäubt und fürchtete noch nachträglich an einem Gehirnfieber von den Folgen der äußeren und inneren Erschütterungen zu erkranken. –

Jetzt kamen bittere Tage. Ich erinnere, daß wir uns einmal nur aus etwas Stärkemehl, mit heißem Wasser aufgebrüht, und mit dem Zusatz von ein paar Krumen Kakao, die wir als Rest in einer Kakaobüchse fanden, zum Mittagessen einen braunen Brei in einem kleinen Töpfchen über einer Spiritusflamme anrührten. Wir versuchten dabei zu lachen und zu singen, trotzdem unser Blut ganz dünn vor Lebensangst war. Und als die Spiritusflamme ausging, weil der Spiritus nicht mehr gereicht hatte, konnte dieser braune Kleister, der nicht fertig gekocht war, nicht einmal unsere Nahrung werden. Es wurde uns übel, als wir davon versuchen wollten, und wir hungerten lächelnd weiter, immer hoffend, daß die Türe aufgehen müsse. Wenn wir auch nicht einen lieben Gott erhoffen konnten, der uns persönlich Hilfe brächte, und wenn auch kein Abgesandter des deutschen Volkes zu erwarten war, so glaubten wir doch, es müsse irgendein lieber Mensch hereinkommen, und hofften dieses gern.

In dieser Not kam aber auch wirklich ein unerwarteter Helfer. Wir bekamen ein Telegramm aus Havre, daß mein Freund, der junge Philosoph, der eben als Schiffsarzt aus Japan zurückkam, nachdem er vorher in Brasilien gewesen war, in einer Stunde in Paris ankommen würde.

Er kam und half dann, ohne sich zu verwundern. Und als er am nächsten Tag wieder abreiste, weil sein Schiff von Havre weiterfuhr, hatten wir wenigstens für einige Zeit wieder das Hungergespenst verschwinden machen können.

Einige Wochen später, im Herbst 1896, sagte uns eines Tages ein Telegramm, daß mein Vater gestorben sei, und nun reiste ich zum erstenmal mit meiner Frau nach Deutschland.

Ich muß aber noch berichten, daß in jenen schweren Pariser Sorgentagen sich in mir immer mehr und mehr der Gedanke entwickelte, daß ich mich mit meiner jungen Frau vor der so anstrengenden und kostspieligen und, wie mir immer schien, unnützen europäischen Kultur zurückziehen wollte, um irgendwo als Landmann oder Gärtner, in der Natur, in einer Landschaft, meinen Unterhalt zu suchen. Und ich machte jetzt oft mit dem amerikanischen Ehepaar Pläne dieser Art.

Die beiden Amerikaner hatten öfters im Sommer in weltentlegenen Bretagnedörfern gewohnt, hatten dort manches Mal ein kleines leeres Fischerhäuschen gemietet und waren genügsam mit wenigem Hausrat ausgekommen. Sie fanden, daß Fischnahrung und Brot zum Leben vollkommen ausreichend wären. Man könne vielleicht nebenbei Geflügelzucht als ständige Erwerbsquelle anlegen und wäre dann nicht angewiesen auf Kunsthändler und Verleger und auf Bitten um Unterstützung bei Freunden und Verwandten.

Der Gedanke leuchtete mir ein. Es schien mir, als müßte es nicht so unmöglich sein, auf diese Weise, wenn auch bescheiden, so doch endlich sorgenfreier zu leben. Ich wollte den Aufenthalt am Meer und die Einsamkeit in großer Landschaft, auch bei anspruchsloser Nahrung, mit Freuden wählen, wenn ich dadurch sorgenfrei werden würde und künstlerisch unabhängig arbeiten könnte.

Wir sagten uns, wir könnten mit Büchern und Zeitschriften, die wir uns kommen lassen wollten, in einer Fischerhütte geistig an der Welt beteiligt bleiben und würden körperlich frisch bleiben durch einige Landarbeit, und würden dann freie stolze Künstler sein können, die nicht mehr von Gnaden leben müßten und dann auch nicht unter Demütigung der geldverdienenden Kreise zu leiden hätten.

Früher, wie ich noch nicht meine Lebensgefährtin gefunden, hatte ich nur vorübergehend die Landeinsamkeit vertragen. Herzunzufriedenheit und Blutunruhe hatten mich immer wieder zum Suchen nach Menschen in die Städte und unter Menschen zurückgetrieben. Jetzt aber, da mein Herz und mein Blut zufrieden waren, fehlte mir nichts als Ruhe vor äußeren Sorgen, damit ich meine volle Kraft der Dichtung widmen konnte; denn die Heimatsehnsucht glaubte ich überall überwinden zu können.

Nach langen Besprechungen schlug ich den Amerikanern vor, nicht nach der rauhen Bretagne zu gehen, sondern in ein wärmeres Klima, wo die Früchte der Erde uns unter leichterer Landarbeit den Lebensunterhalt geben würden, und wo wir dann mehr Zeit für die künstlerischen Arbeiten behalten würden.

Wir dachten an den Genfer See, wo es üppige Gärten gibt und Weinland. Aber die Erdarbeit schien dort zu hart für uns Künstler zu sein und zu viel Zeit zu beanspruchen. Dann dachten wir an die Riviera, an Korsika, Spanien oder Sizilien. Und der Amerikaner schlug amerikanische Südstaaten vor, und seine Frau, Theodosia, die in der Nähe von San Franzisko geboren war, schlug Kalifornien vor als das leichteste Arbeitsland und als bestes Land für Gartenfrüchte.

Wir wollten uns nun eine kleine Reisesumme verschaffen, dann Land in Pacht nehmen und fleißig sein. Sowohl wir zwei Männer als die beiden Frauen dachten mit Garten-, Haus- und Künstlerarbeit in einer schönen Landschaft, wo Wald, Wasser und gutes Klima wären, unsere Lebenstage ruhig verbringen zu können, fern von überreizter Kultur, fern von der die Kunstarbeit so störenden Geschäftsgier unserer Zeit.

Der Amerikaner hatte in Neuyork zwei kleine Häuser, von deren Rente er bisher knapp leben konnte, so daß er wenigstens nicht mit der äußersten Not zu kämpfen hatte. Er wollte nun versuchen, diese Häuser verkaufen zu lassen. Sein Großvater, mütterlicherseits, hatte die Tiffany Glasfabrik in Neuyork gegründet und war ein reicher Mann, und von ihm erwartete James später ein größeres Erbe.

Ich selbst war hauptsächlich dieser Landankaufspläne wegen, um zu ihrer Ausführung eine größere Geldsumme von meinen russischen Verwandten zu erhalten, nach Petersburg gereist. Wir hatten dann nach dem Fehlschlagen dieser Reise von neuem wochenlang darüber nachgedacht, wie wir die Anlagesumme für einen dauernden Landaufenthalt erlangen sollten, als wir plötzlich die Nachricht vom Tode meines Vaters erhielten.

So sehr mich die Todesnachricht erschütterte, so war doch ein Aufatmen in mir, das ich damals aber nicht gleich bewußt fühlen wollte. Denn ich fand es häßlich und gemein, daß der Tod meines, mir so lieben alten Vaters mich in meiner bedrängten Lage aufatmen machen sollte.

Heute nach so langer Zeit weiß ich es aber, wenn ich auch als Sohn vom Verlust tief getroffen wurde, als Künstler fühlte ich, daß das Schicksal auf irgendeine Weise mir zu meinem weiteren Weg hatte verhelfen müssen. Aber es schaudert mich doch heute noch, daß mein Schicksal mir, der ich so sehr an meinem Vater gehangen hatte, nur durch seinen Tod helfen konnte.

Ich frage das deutsche Volk, dem ich angehöre, in dessen Land ich geboren bin, und in dessen Sprache ich meine Bücher schreibe: ist es nicht erschütternd, daß ein Künstler nicht auf gütigem Wege, nicht auf staatlichem und auf dem Gemeindewege, die Erleichterung seines Lebensunterhaltes erhalten kann? In einer Nation, wo so viele tausend Beamte das Brot des Staates essen und auf Kosten der Nation leben können, weil sie ihre Arbeit im Dienste der Nation tun, sollen auch die Künstler leben können.

Die Künstler, die ihrer Nation dienen, werden nur manches Mal mit Ehren und Geschenken belohnt, wenn sie alt geworden sind. Aber wie viele junge Künstler, die in den nächsten hundert Jahren unter den Ehrennamen des deutschen Volkes genannt werden können, wie viele werden, im Augenblick während ich dieses niederschreibe, in ähnlicher Weise wie ich es vor fünfzehn Jahren erlebte, aufatmen müssen, wenn der Vater oder die Mutter stirbt. Und sie müssen es als schändlich fühlen, daß sie erst durch den Tod der liebsten Angehörigen, erst durch eine Erbschaft, in die Lage versetzt werden, weiter leben zu können.

Im wilden Hohn, der mich damals über solche Tragik befiel, nannte ich das Erben Menschenfresserei. Denn als ich mein Erbe erhielt, war es mir grauenhaft zu denken, daß ich mich von der Kraft meines toten Vaters nähren mußte, und daß der Dichterberuf mich unter den jetzigen Gesellschaftsgesetzen nicht ernähren konnte. Der Vaterlandsgeist läßt doch seine Kriegsoffiziere nicht hungern, wie darf er die Friedensoffiziere, die Künstler, vernachlässigen und übersehen. Dienen sie ihm nicht erst recht, indem sie dem Geist und der Schönheit dienen, das heißt dem innersten Leben, dem innersten Vaterland, dem Herzen der Nation dienen?

Solange diese Einsicht einem Volk fehlt, ist eine Nation noch unentwickelt und soll sich nichts auf ihre Kulturhöhe einbilden.

In den Tagen, während ich dieses schreibe, werden die hundertjährigen Geburtsfeste zweier deutscher toter Dichter gefeiert. Der eine ist Otto Ludwig, der andere Friedrich Hebbel, und beide lebten in bitterster Not und Verzweiflung.

Wen feierten wir Deutsche, als jene Dichter hungerten? –

Als ich mit meiner Frau zum erstenmal nach Deutschland, nach Würzburg kam, im September 1896, fragte ich mich, ob ich nicht jetzt für immer in der Heimat bleiben sollte. Aber wenn auch mein Erbe zum Lebensunterhalt für eine Person ausgereicht hätte, für zwei reichten die Zinsen nicht.

Und außerdem, so lieb ich meine Vaterstadt auch immer gehabt hatte, konnte ich mir nicht vorstellen, jetzt schon in meinen jungen Jahren mich in der Provinz niederzulassen, in einer Stadt, wo kein neuzeitliches Kunstleben gepflegt wurde.

Mit Ausnahme von der Musik, die es in Würzburg gut hatte, wurden damals Malerei und Dichtung ernstester Art in den gebildeten Kreisen ziemlich nebensächlich behandelt. Vom neuzeitlichen Geist Ibsens, Gerhart Hauptmanns, Björnsons, Strindbergs war in jenen Jahren in meiner Vaterstadt so gut wie nichts zu spüren. Es gab dort keine jungen Schriftsteller, keine strebenden Literaturkreise, keine sezessionistischen Maler wie in München und Berlin.

Die deutschen Provinzstädte lebten hauptsächlich von Viktor v. Scheffels altdeutscher Romantik. Sie glaubten schon Äußerstes zu tun, wenn sie im Theater ein Sudermannsches Stück aufführten. Auch muß man bedenken, daß Zeitschriften wie die «Jugend» und der «Simplizissimus» im Jahre 1896, von dem ich hier spreche, eben erst gegründet wurden. Ihr Geist, der die breiteren Volksmassen in künstlerischer Hinsicht, später auch in der Provinz, auf neuzeitliche Literatur, Zeichner und Maler aufmerksam machte und ihnen etwas neuzeitliches Stilgefühl beibrachte, war noch nicht tätig.

Die Provinzstädte Deutschlands, auch die, welche Universitätsstädte waren, lebten damals von den Klassikern, und ihre Kenntnisnahme von moderner Literatur hörte bei Paul Heyse auf. Es herrschte noch kein geistigkünstlerischer Gegenwartspulsschlag im Leben der kleinen Universitätsstädte.

Es hatten sich auch noch keine literarischen Gesellschaften in den akademischen Kreisen gebildet. Und deshalb mußten die jungen Künstler sich in den großen Städten in Paris, München, Berlin zusammenhalten, um im neuen Geist zusammenzustehen gegen die bürgerlichen Vorurteile, die neben dem sogenannten Klassikergeist keine neuzeitlichen Lebensschönheiten aufkommen lassen wollten.

Die jüngsten Künstler jener Zeit waren verraten von ihrer eigenen Nation. In den Schulen und in den meisten Zeitungen, in allen Bürgerkreisen, selbst beim Adel, der sonst immer zu den Künstlern gehalten hatte, war man aufgebracht gegen den Wirklichkeitssinn, der sich in der Kunst der neunziger Jahre ausdrückte, der die Stirn hatte, auch das Häßliche lebensbedeutend zu finden, der auch den Armenstand, den Arbeiterstand künstlerisch verehrungswürdig fand und ihn mit Liebe in Bild und Wort schilderte.

Der zuerst unter den Künstlern laut gewordene, alles umarmende neue Weltgeist, der die Arbeit und den Arbeiter nicht mehr verächtlich, nicht mehr ekelerregend, nicht mehr abstoßend finden konnte, verblüffte alle sogenannten gebildeten Kreise jener Tage. Sie spotteten, lachten, schimpften auf die jungen, von neuer Weltinbrunst aufgeklärten Künstlerherzen, die stürmisch und mit Recht forderten, daß auch der verachtete Lebensstand, der der Arbeiter und der Armen, der Kunstwürdigung teilhaftig werden sollte. Die Künstler behaupteten, daß eine Schönheit in der Arbeit liege, eine ernste Schönheit in jedem Arbeiter, und daß Schönheit auch bei den Kranken, Armen und Elenden zu finden sei.

Die Jungen wollten das Volk auf diese inneren Schönheiten des Lebens aufmerksam machen. Man wollte ernstlich zeigen, daß hinter äußerer Häßlichkeit sich tiefe Ergriffenheiten verbergen, die künstlerische Erschütterungen hervorrufen können.

Die jungen Künstler wollten das Innenleben der Nation bereichern. Aber die Bürgerkreise, die im Geldverdienen und im Tagesgetriebe der Annahme dieser neuen Kunstideale noch nicht gewachsen waren, wollten sich nicht von ihren alten Schönheitsgrundsätzen, die sie für unerschütterlich hielten, trennen, wollten sich nicht innerlich vertiefen und sich nicht von schmerzlichen Schönheiten der Welt bereichern lassen.

Und doch hatten dieselben Bürgerkreise ihr Leben lang immer ein schmerzliches Ideal, Christus, den Gekreuzigten, vor Augen gehabt. Aber vielleicht gerade deswegen, weil ihnen von Kindheit an gepredigt wurde, daß das Leben ein Jammertal sei, wollten jene Kreise bei den Künstlern eine Erlösung aus dem Jammertal finden.

Und als die Künstler auf die Leiden der Armen und der Arbeiter und auf die Schönheit der Arbeitskraft selbst, wie Uhde, Meunier, Zola und Gerhart Hauptmann es taten, aufmerksam machen wollten, da rief der ganze Bürgerstand entrüstet: «Wir haben keine Kunst und keine Künstler mehr! Die Jungen sind verrückt geworden. Sie wollen uns weismachen, daß Häßlichkeit schön sei. Wir aber wollen uns an der Schönheit erholen. Wir sehen genug Elend im Leben, wir wollen Erlösung vom Elend bei den Künstlern finden.»

Und jene Entrüsteten bedachten nicht, daß die Schönheit und die Festlichkeit des Lebens überall im Weltall zu Hause ist, in den Leiden und in den Freuden, im Schönen und im Häßlichen, beim König und beim Arbeiter und beim Bettler.

Jene Leute jener Jahre lebten das Leben nicht in dem Sinne, wie es gelebt sein soll, mit großem Weltgeistumarmen. Sie hatten sich nur ein Mitleid angezüchtet, womit sie allen Elenden künstlich begegneten. Und dieses Mitleid war ihnen nur Pflicht geworden. Ihr Mitleid war ihnen nicht Natur und Natürlichkeit und nicht Weltallfestlichkeit.

Die Bürger jener Tage ließen nur das halbe Leben gelten. Nur der lichten Seite konnten sie Festlichkeit abgewinnen. Sie sehnten sich nur, vom Leben auszuruhen, wenn sie Kunst genossen. Aber der Ernstseite des Lebens, der Arbeit im Leben, der Arbeitsheiligkeit und der Arbeitsfestlichkeit konnten die Massen der Gebildeten damals keinen künstlerischen Reiz abgewinnen.

Sie haßten das Müssen und die Notwendigkeit der Arbeit. Sie sprangen nicht lebensfroh zu bei der Arbeit. Arbeit war ihnen noch erniedrigend und war ihnen nicht voll Weihe und Lust und war ihnen nicht etwas Selbstverständliches, Natürliches. Sie wußten nicht, wie es dem ganzen Weltall natürlich ist, zu arbeiten.

Die Menschen von damals hatten sich ausgedacht, daß die Arbeit eigentlich ein Fluch wäre, eine Plage, eine Qual, eine Demütigung. Und sie hatten sich furchtbar geschädigt durch diese falsche Auffassung dieses wichtigen Lebenspulses.

Arbeitet nicht die Sonne und dreht sie sich nicht immer und kommt und geht ununterbrochen? Arbeiten nicht alle Sterne immer, die da kreisen und seit Millionen Jahren ohne auszuruhen arbeiten? Arbeiten nicht alle Pflanzen, die sich aufbauen und blühen und sich nähren müssen? Arbeiten nicht die Bäume, die da Früchte hervorbringen, vom Frühling bis zum Herbst? Arbeiten nicht alle Tiere? Arbeiten nicht die Meere, die ihre Strömungen haben, die Flüsse, die unaufhaltsam vorwärts treiben?

Arbeitet nicht der Menschenleib stündlich mit seinem Herzen, mit seinen Lungen, mit seinem Blut? Und warum wollt ihr Menschen eure Hände lahm liegenlassen und eure Füße nicht rühren, eure Gehirne nicht anstrengen, euer Herz nicht fühlen lassen, da es dem ganzen menschlichen Körper wohl tut, wenn er arbeitet?

Jeder Mensch soll natürlich nur nach seiner Veranlagung arbeiten. Nur dann, wenn er das tut, wozu er sich befähigt fühlt. Nichts soll er versuchen, was außerhalb der Grenzen seiner Fähigkeiten liegt.

Aber im Kreis seiner Fähigkeiten wird er die Arbeit immer festlich und glücklichmachend empfinden müssen. Das Märchen, das die Arbeit als einen Fluch ansieht, das ist ein irreführendes Märchen. Denn ein festliches Dasein ohne Arbeit gibt es nicht im Weltall.

Nur ein Mensch, der das Leben nie vollständig ergründet hat, nur die Menschheit der früheren Jahrhunderte, die nicht wie wir bis zur Erkenntnis der Festlichkeit des arbeitenden Daseins, der Festlichkeit des arbeitenden Weltallebens durchgedrungen war, konnte sich nach Himmeln ohne Arbeit sehnen. Himmel ewiger Ruhe sind Todeshimmel.

Hat es uns jemals geschmerzt, daß wir atmen dürfen? Wenn wir gesund sind, wollen dann nicht Glieder, Blut und Geist tätig sein? Daß kranken Menschen Arbeit schwer ankommen mag, ist selbstverständlich. Ihnen kommt vielleicht auch das Atmen schwer an und das Leben überhaupt. Den Gesunden aber wird immer das Leben ein Weltfest sein, ebenso wird ihnen die Arbeit ein Fest sein, die ein Teil des Lebensfestes ist.

In meiner Jugend war in den reichen Kreisen die Ansicht maßgebend, daß Nichtstun höchste Lebensweisheit und Lebensschönheit sei. Niemand hatte zwar jemals versucht, ewiges Nichtstun zu erleben, aber alle träumten von diesem unmöglichen Ideal, das ein falsches und blödes Ideal war. Denn im fortgesetzten Nichtstun, das fühlt jeder bald, siechen Körper und Geist dahin, und der Mensch verdirbt und verfault und wird Unrat.

Auch die Künstler wollte man damals zwingen, die Schönheit des Nichtstuns in den Kunstwerken zu feiern. Das heißt, man verlangte, daß sie eine ganz platte unmögliche Schönheitsharmonie in Farben und Linien ausklügeln sollten und Ideallandschaften, Idealporträts schaffen sollten, künstliche, unnatürlich ausgedachte Bilder voll verlogener Schönheiten, die ähnlich den wehleidigen Seelenschwärmereien waren, in denen sich in Versen die Dichter einer süßlich romantischen Zeit ergingen.

Bei diesen Kunstwerken künstlichster und ganz unkünstlerischer Natur wollten dann die vom Nichtstun schwärmenden Bürgerherzen vom Alltag, wie sie sagten, bei der Kunst ausruhen.

Daß es aber für den gesunden Menschen keinen Alltag gibt, daß der vernünftige Mensch von der Festlichkeit der Arbeit spricht wie von der Festlichkeit des Genießens, dieses war erst nur den Künstlern jener neunziger Jahre bewußt geworden. Die Bürger litten noch unter dem eingeredeten Fluch der Arbeit.

Es war damals nicht daran zu denken, daß Künstler und Volk, die sich in ihren Forderungen nicht verstanden, sich gegenseitig achten konnten. Der Bürger verachtete den Künstler als nicht ernst zu nehmend, weil der Künstler nicht vom Fluch der Arbeit jammerte, weil er die Arbeit verehrte und seine eigene Arbeit festlich nahm.

Der Künstler wieder verachtete den Bürger, weil dieser von den Kunstwerken nur künstliche, ausgedachte Schönheit ersehnte und nicht die tiefe aufrichtige Weltfestlichkeit nachfühlen wollte, die auch auf der Ernstseite des Lebens, auch bei den Elenden, bei den Armen, bei den Häßlichen und bei den in Ruß und Qualm Arbeitenden, das Menschenherz bereichert und künstlerisch erschüttert.

Innere Schönheit der Lebensernstseite wiedergeben zu können, das war die Errungenschaft der Künstler der neunziger Jahre, die sich verächtlich von althergebrachter Schönheit fort der Wiedergabe neuer Schönheitsoffenbarungen zugewendet hatten.

 

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