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Gedankengut aus meinen Wanderjahren

Max Dauthendey: Gedankengut aus meinen Wanderjahren - Kapitel 24
Quellenangabe
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authorMax Dauthendey
titleGedankengut aus meinen Wanderjahren
publisherAlbert Langen
printrun7. bis 9. Tausend
year1913
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
created20090226
modified20150521
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Das Grauenhafte an der heutigen unvollkommenen Lebensfestlichkeit wurde mir stärker bewußt, wenn ich so mit meiner jungen Frau durch Paris ging und wir sehr zufrieden und glücklich waren. Wie erstaunt sieht der Alltag den Glücklichen und Festlichen an, der Alltag, den die europäischen Menschen sich künstlich geschaffen haben.

In der natürlichen festlichen Weltalleinrichtung aber gibt es niemals einen Alltag. Da ist auch jede Arbeit eine Lebensfestlichkeit. Es gibt da nur lautere und stillere Festlichkeiten im Weltall, aber nirgends einen Alltag. Der Schlaf noch ist eine stille Festlichkeit und das Sterben auch.

Seht die Vögel an, wenn sie ihre Nester bauen. Seht die Tiere im Walde an, wenn sie ihr Futter suchen, die Rehe und Hasen, wie vergnügt sie es tun, wie leicht und lächelnd und doch wie tiefernst dabei, ernster als der gezüchtetste Mensch und lächelnd wie nur der wohlerzogendste Mensch.

Sagt nicht, daß nicht das wildeste Tier lächeln kann. Das Wildschwein, das mit seinen Jungen spaziert, grunzt behaglich und plaudert mit seinen Kleinen, und das zwinkernde Behagen seiner Augen ist sein Lächeln, das so herzlich aus des Wildschweins Lebensfestlichkeit kommt, wie das Menschenlächeln einer Menschenmutter, die ihre Kinder spazieren führt.

Als ich um die Erde reiste, erstaunte mich immer wieder an Asien, daß ich dort keinen Sonntag fand. Zuerst war mir das seltsam. Aber welcher Gebildete in Europa hat nicht das Gähnen gelernt am Sonntag, weil ihm eine Ruhe aufgezwungen wird, nach der sein Körper nicht verlangt hat. Man hat Arbeitslust, und man soll alle sechs Tage an einem Tag plötzlich nicht arbeiten. Man fühlt oft gerade den Drang und den Geist, am Sonntag glückliche Geschäfte abzuschließen, und man darf sich nicht beschäftigen.

Dieses verblödende Sonntagsfeiern, das eigentlich nur eine Angewohnheit, aber kein Festbedürfnis ist, fällt auf der anderen Erdhälfte bei den buddhistischen Asiaten in Indien, China und Japan weg. Und wenn ich mir vorstelle, jeder Mensch bei uns dürfte die Ruhe unserer europäischen zweiundfünfzig Sonntage, die Ruhestunden dieser Tage, in Minuten oder Stunden nach eigenem Gutdünken über das ganze Jahr hingestreut genießen, dann würden viele Nervenkrankheiten, viel Hast und Übereilung, die Europa an den Abgrund früher Entnervung führen werden, und die jetzt schon einzelne Völker vor die Frage der Entvölkerung gestellt haben, fortfallen und einer ruhigeren Einsicht, einer ruhigeren Beschaulichkeit und einer ebenmäßigeren sanfteren und stündlich festlicheren Daseinsfreude Platz machen.

Etwas anderes ist es, wenn die Menschen, um ihre Gemeinschaft untereinander zu spüren, und ihre Gemeinschaft mit der Natur zu genießen, natürliche Jahresfeste feiern wollen. Es gibt genug natürliche Jahresfeste: Vaterlandsfeste, das Fest der Sonnenwende, die Feste der Frühlingswiederkehr, das Fest der Wiederkehr des Lichtes, die Feste verschiedener Blütezeiten in Wald und Feld, Vollmondfeste und Feste bei der Stellung besonderer Sterne, Feste bei gewisser Planetennähe und Erntefeste. Diese Feste, davon sich auch einige in der alten Weltanschauung finden, bieten genügende natürliche Ruhetage im Jahr, genügende im Weltalleben begründete Feste.

 

Ich besuchte in jener Pariser Zeit 1896/97 auch öfters das eben erst eröffnete Museum Guimet, das beim Trocadero liegt, und darin ein reicher Franzose ungeheure Schätze asiatischer Kunst angesammelt hat. Chinesische und japanische Kunstgewerbegegenstände waren da und große Götterbronzen, viele vergoldete Buddhas, auf riesigen vergoldeten Lotosblumen sitzend, und wunderbares asiatisches Lackgerät für Haus und Tempel, ebenso eine reiche asiatische Bilder- und Porzellansammlung.

Hier erwachte die Lust zu meiner späteren Weltreise zum erstenmal, als ich mich sehnte, des Friedens jener Völker teilhaftig zu werden, die da im kleinsten nicht bloß Nützliches tun, sondern nützlich Schönes, die als Buddhisten mit allem Weltallleben festlicher verkehren, weil sie sich nicht höher stellen wollen und sich nicht hochmütig besser zu sein dünken als die mitlebenden Lebewesen des Alls.

Ich sehnte mich, jene Völker aufzusuchen, die so gesittet und klug denken und sich jahrhundertelang künstlerisch geschult und bereichert haben und künstlerischen Verkehr übten mit allen Weltalldingen durch beschauliches Sichvertiefen in die Natur. Jene Völker waren nicht bloß den Menschen, sondern auch den Pflanzen und den Tieren vor ihren Fenstern und Türen vertrauliche Kameraden geworden, da sie herzliche Bewunderer sind allen Lebens.

Die Volksmassen der Europäer haben es hingegen hauptsächlich nur zu wissenschaftlichem Ergründen und Bewundern des Lebens gebracht. Über die Wissenschaft hinaus, zur Kunst, zur künstlerischen Vertiefung, wohin alle Leute in Japan und China durch ihre buddhistische Weltauffassung gekommen sind, davon sind unsere breiten Volksmassen noch weit entfernt.

Nur eine Schar von künstlerisch Gebildeten und nur die Künstler weisen in Europa von Jahr zu Jahr mehr darauf hin, mit dem Weltalleben künstlerischen festlichen Verkehr zu pflegen, was seit der Heidenzeit bei uns nicht mehr der Fall gewesen ist.

 

Das Atelier in Paris, in dem meine Frau und ich wohnten, lag in einer Sackgasse, in welcher sich viele Ateliers befanden, und wo fast nur Künstler und Künstlerinnen hausten, Amerikaner, Franzosen, Deutsche und Skandinavier. Dieser glasbedeckte Raum lag in einem freundlichen sauberen Gartenhof und grenzte mit der Rückwand an einen großen Klostergarten, dessen Bäume wir nachts durch die Wand rauschen hörten, und dessen singende Vögel uns morgens beim Erwachen ihre frohen Gedanken gaben.

Die Mauer jenes Klostergartens lief außen am Boulevard Raspail entlang. Sie war hoch, und ich habe nie in diesen Garten hineinsehen können. Er ist für meine Augen unsichtbar geblieben und baute sich nur vor meinen Ohren in der Sonnenstille des Tages und in der Sommerstille der Nächte auf.

Im Atelier war hoch oben unter der Decke ein kleines Luftfenster, das nicht größer war als die Blätterhand einer Kastanie, und durch dieses handgroße Viereck leuchtete die Sonne durch das Kastaniengrün herein zu uns und gab einen Schimmer der Gartenwelt.

Nur draußen auf der Straße konnte man die Laubkronen der uralten hohen Ulmen über der langen Mauer sehen und die Singvögel, die von Krone zu Krone flogen. Dieser Garten hinter jener Mauer war in jenem Sommer, den wir in dem heißen Paris verbrachten, nur eine Sommerfrische für unsere Ohren.

Manchmal stand ich frühmorgens um fünf Uhr auf, von dem Rauschen des unsichtbaren Gartens aus dem Bett gelockt, und ging allein auf dem leeren breiten morgenfreundlichen Boulevard Raspail nach dem eine halbe Stunde von unserer Wohnung entfernt liegenden Park Montsouris. Dieser liebliche Mäusebergpark ähnelt sehr einer japanischen kunstvollen Gartenanlage.

Es befindet sich dort ein großer glänzender künstlicher See, von künstlichen Hügelwegen, sprudelnden Quellen und kleinen Schluchten umgeben. Auf dem pflanzenreichen Wasser tummeln sich viele hundert verschiedene Wasservögel, bunte chinesische Enten, afrikanische rosa Flamingos, schwarze australische Schwäne und silberblaue Möwenarten der Polarmeere. Der Garten hatte damals nur wenige hohe Bäume, aber viel blühendes Buschwerk.

Eines Morgens bemerkte ich dort ein vornehmes Gefährt, das am Gitter stand, aber ich beobachtete es nicht besonders. Als ich dann hoch oben auf den Hügelwegen spazierte, sah ich auf der gegenüberliegenden Seite des Sees zwei Frauen auf einer Bank mit heraufgezogenen Beinen nebeneinander sitzen. Ich stand halb verdeckt hinter einem Goldregenstrauch und blieb erstaunt stehen, um durch mein Hervortreten auf den offenen Weg nicht die Aufmerksamkeit der seltsam kauernden Frauen auf mich zu richten.

Ich war um diese frühe Stunde gewöhnlich der einzige Spaziergänger im Garten. Außer dem alten grauen Invaliden, in dessen Obhut die Parkbewachung lag, der mich schon kannte, und dem ich öfters beim Füttern der Wasservögel zusah und mit dem ich manchesmal plauderte, war sonst kein Mensch zu sehen.

Die beiden Frauen hatten keine Hüte auf und waren so schlicht und schmucklos gekleidet, daß ich sie im ersten Augenblick für junge Fabrikarbeiterinnen hielt, die da frühmorgens auf dem Wege zur Fabrik, mit häuslicher Näharbeit beschäftigt, eine Weile den blühenden Park genießen wollten.

Dann sah ich aber mit Erstaunen, daß die Frauen, die dort lautlos, wie zwei graue Mäuschen, mit hochgezogenen Beinen auf der Bank saßen, zwei vornehme Japanerinnen waren. Und der Invalide erzählte mir später, es seien Damen der japanischen Gesandtschaft, die mit ihrem Wagen zur frühen Morgenstunde den Park öfters aufsuchten, und die lautlos, jede mit einer Seidenstickerei in der Hand, ein Stündchen hier verbrachten. Die Kleidung einer jeden von ihnen war ein unauffälliger japanischer Kimono aus schiefergrauer Seide. Die Köpfe der Frauen waren schön frisiert, und außer dem schwarzen glänzenden Haarknoten trugen sie keinen Kopfschmuck.

Hätten sie nicht nach asiatischer Sitte mit heraufgezogenen Beinen auf der Bank gesessen, sie wären mir gar nicht aufgefallen, und ich hätte sie von weitem für zwei schlichte Frauen aus dem Volk gehalten. Unauffällig verschmolzen diese stillen Wesen mit dem Morgenleben der Gartenwelt.

Diese vornehmen Damen aus der hohen japanischen Aristokratie waren nicht auffälliger in ihrer Kleidung und in ihrem Gebaren als die Amseln oder die Tauben, die im Rasen ab und zu flogen. Eine zufriedene vornehme Einheit trennte bei ihnen nicht Körper und Kleidung voneinander. Ihre schlafrockartigen Kimonos waren für die Körper schlichte Behälter, wie das Federkleid es für die Vögel, wie das Fell es für die Tiere ist. Die asiatischen Kleider waren gütige und selbstverständliche Hüllen für den Leib, die in großzügiger Linie die Gestalt nur andeuteten, die Glieder schützten, aber nicht allen Körperlinien nachliefen. Es war nur Selbstverständlichkeit und keine Selbstgefälligkeit in dieser klugen Kimonokleidung, die, wie es schien, sowohl auf der Straße als hier im Garten, sowie im Hause, vor allem Schlichtheit, edle Nützlichkeit und vornehme Haltung betonte.

Ich habe dann jene Damen nicht wiedergesehen. Vielleicht hat es sie verscheucht, daß sie sich im Park nicht mehr allein wußten, aber ich habe dasselbe Bild später oft in Japan wiedererlebt. Sowohl in der Eisenbahn dort als im Geschäftsleben war es die Unauffälligkeit, die die wohlanständige japanische Frau kennzeichnet. Nur die Teehaustänzerinnen, die das Bürgerstadtteil verlassen haben und ein eigenes Stadtteil in Japan bewohnen, das abends für die Besucher geöffnet wird, nur diese tragen auffallende feuerbunte Kleider, die mit Blumen in Gold und Purpur bestickt sind. Und auch die kleinen Kinder läßt man in kunterbunten Kleidern eine äußerliche Lebensfreude öffentlich zur Schau tragen.

Der gebildete Mensch, der das innere Leben reich in Gemüts- und Seelenfarben erlebt, wird den äußeren Farbenbehang gern vermeiden.

Nur das Kind, das noch nicht reif für das Innenleben ist, und jene Frauen, die ihr Leben daran setzen, allein den Sinnen zu schmeicheln, die sollen zu den Farben greifen. Aber die häusliche und im Gleichgewicht zwischen Geist und Körper lebende Frau wird immer die Schlichtheit dem grellen Auftreten vorziehen. –

Damals, nach meinen häufigen Besuchen in den Louvresammlungen und in der asiatischen Sammlung Guimet, kam mir die Sehnsucht, Ägypten und Griechenland zu besuchen, Indien, China und Japan. Griechenland bereiste ich dann im zweiten Jahr meiner Verheiratung. Die anderen Länder sah ich erst zehn Jahre später. Aber es war mir in all diesen zehn Jahren, bis ich die Weltreise in meinem achtunddreißigsten Lebensjahre ermöglichen konnte, ein stetes Bedürfnis, von asiatischen Ländern zu hören. Von den Ländern, aus denen wir alle unsere Weisheit und künstlerische Kultur erhalten haben, von jenen Ländern, die von jeher ihren Hunger nach Kunst so selbstverständlich befriedigt haben wie den Hunger ihres Magens. Künstlerische Schönheit gehört bei den Asiaten zum Leben wie das tägliche Salz, ohne das der Mensch nicht leben kann. –

Teils angeregt durch die Kraft der Liebe, teils angeregt durch die Gespräche kabbalistischer und okkultistischer Art schrieb ich in jenem Sommer 1896, wo ich, eben verheiratet, in jenem Atelier in Paris wohnte, das Epos «Phallus». Auch diese Dichtung zähle ich noch zu meinen Jugendschriften.

Dieses Gedicht schildert, wie der Riese Zeit und die Riesin Leben, nachdem sie neun Jahre sich geliebt hatten, den jungen Gott Phallus schufen, den Gott der männlichen, lebenfortpflanzenden Kraft. Der junge Gott, von den Menschen verkannt, wandert durch die Straßen der Städte der menschenüberfüllten Welt und findet die Menschen in Kleidern aus Sorgengarn gekleidet und mit Mützen aus Maulwurfsfellen über den Ohren. Und sie wohnen in Backsteinhäusern, deren Steine aus dem Staub untergegangener Völker gebacken sind, und die Menschenasche der Jahrhunderte, die sich auf den Wegen der Erde angesammelt hat, erstickt die Geister und Gedanken der kommenden Geschlechter.

Da tritt Phallus, nackt und herrlich geformt, unter diese im Menschenstaub lebenden sorgengrauen Menschen. Die frische Weisheit der Quellen, die starke Kraft der Wurzeln aller Bäume, die Härte aller Metalle der Erde, die Brunst der Tiere und der Geist des Himmels haben den jungen Gott großgezogen, als ihn Vater und Mutter liegengelassen, wo sie ihn geboren.

Er kommt in der Stadt in das höchste Haus, dessen Wände nach allen vier Windrichtungen sehen. Auf den Treppen und Gängen des Hauses findet er Hunderte von Leichen junger Männer, in deren leeren Augenhöhlen Schwärme von Fliegen nisten.

Phallus steigt über die Leichen der Jugend und tritt in den größten Saal jenes Hauses ein. Dieser Saal ist in der Mitte durch eine Glaswand geteilt, und hinter dem Glase leben die letzten Töchter der Menschen, von den Männern getrennt, in einem Spiegel.

Scharen sterbender junger Männer, die sich die Stirn an der harten Glaswand eingerannt haben, liegen vor diesem Spiegel verblutend auf den Fliesen des Saales.

Phallus sieht staunend die Scharen der Sterbenden, die nicht zu den Töchtern des Landes gelangen konnten, und er sieht auf die letzten Töchter der Menschen, die hinter der Glaswand lächeln und sich schmücken und unberührt bleiben vom Massentod der jungen Männer.

Da schüttelt ein ungeheures Mitleid das Herz des jungen Gottes Phallus, und da er nicht die unzerbrechliche eisige Glaswand zerschlagen kann, die die jungen Männer von den Frauen trennt, so stemmt er seine Arme gegen das Dach des Saales, zerbricht die Decke und ruft die Sonne herein, die dann mit ihrem Weltfeuer den großen Spiegel, in dem die letzten Töchter der Menschheit wohnen, zerschmilzt.

Aber die jungen Mädchen lassen sich nicht durch des jungen Gottes Gewalt fangen. Sie lachen höhnisch auf, und sie machen sich alle unsichtbar. Denn sie hatten das Unsichtbarmachen erlernt, das der Gott Phallus nicht kannte.

Der junge Gott, der schon glaubt, die Töchter des Menschen zu fassen, steht allein im leeren Saal, wo das geschmolzene Glas seine nackten Sohlen verbrennt. Er aber achtet nicht der Brandwunden. Er ruft laut die Töchter der Menschen. Aber diese bleiben unsichtbar und fliehen ihn.

Doch die lebenskräftigen Rufe des Gottes erwecken die Scharen der jungen toten Männer, die auf den Treppen aufstehen und erstaunt den weltkräftigen Gott vor sich sehen. Aber auch sie flüchten alle erschrocken vor seiner Kraft.

Phallus legt sich am Abend auf einen Berg zum Schlafen nieder. Der Berg erglüht von des Gottes Hitze und speit Rauch und Feuer und wird ein Vulkan.

Die Männer beschlossen, den schlafenden Gott zu binden und zu töten. Doch Phallus schläft tief und glühend in glühenden Wolken, und keiner der Menschen kann sich ihm nahen.

Der junge Gott wandert fort über die Erde und besucht alle Geschöpfe. Und er schafft den Wolken Töchter, den Adlern Söhne und den Eichen Töchter, und die Sturmfrau gebiert von ihm Söhne. Er bevölkert mit seinen sagenhaften Gestalten die Erde, und allen seinen Geschöpfen gibt er silbernes klares Blut. Und mit Wohlgefallen begegnet er überall auf den Bergen und in den Wäldern seinen Geschöpfen, die sich vermehren und sich lieben.

Nur die letzten Menschentöchter konnte Phallus nicht zur Liebe bewegen. Das Menschengeschlecht ist am Aussterben. Die letzten Männer der Menschen schlafen einsam an trüben Seen, und einsam in hohlen Bergen liegen die Töchter der Menschen. Aber sie sind alle mit Kleidern aus Sorgengarnen bekleidet und wissen nichts mehr vom nackten Menschenleib.

Einmal liegt Phallus in einer Nacht schlafend auf jenem rostigen Berg, in dessen Innern die letzten Menschenfrauen wohnen. Sie, die kaltblütig Denkenden, fühlen, wie sich der Berg erwärmt, und denken alle sofort, daß es nur der Gott Phallus sein könne, der in der Nähe ist und die Steine erwärmt.

Sie erschrecken und teilen sich gegenseitig ihre Furcht mit. Phallus aber hört, auf dem Berg liegend, durch den erwärmten Felsen ihre feigen Reden. Zugleich hört er auch über sich das Gespräch eines Adlerknaben, der um die Tochter einer Wolke wirbt, und er hört, wie jeder von beiden stolz erzählt, daß sein Vater der Gott Phallus ist.

Als der Adlerknabe erfährt, daß die Wolkentochter silbernes Blut besitze wie er, will er, daß sie ihm das Blut in ihren Adern zeigen soll. Sie soll mit ihm hinunter ins Tal an den Salzsee kommen, wo die finsteren Männer der Menschen, die letzten, um ein Feuer schlafen. Dort soll sie sich vor das Feuer stellen, damit sie, durchleuchtet, ihm das silberne Blut in ihrem Leibe zeige. Dann wollte er sie immer lieben, immer küssen, wenn sie vom selben Stamme sei wie er.

Und Phallus sieht sich um und sieht, wie überall unter den Geschöpfen, die er geschaffen, rund auf der Erde die Liebe herrscht, nur nicht bei den letzten Menschen.

Und wie der Gott noch auf dem Berge liegt und horcht, stürzt plötzlich einer der Götterboten, mit Namen Hilferuf, herauf vom See und erzählt Phallus, indessen vor Schrecken die Wolken erstarren, daß die metallgierigen letzten Menschen unten am See zwei seiner Geschöpfe, den Adlerknaben und die Tochter der Wolke, getötet haben, um das Silber aus ihren Adern zu fangen.

Phallus springt auf, und unter ihm schreit die erschrockene Erde. Er flucht den letzten Menschen, und sein gewaltiger Götterfluch erschlägt die letzten unsichtbar fliehenden Männer und Frauen. Das Unsichtbarwerden nützt ihnen nichts mehr. Die Menschheit verzehrt eine rächende Nacht.

Dann steht Phallus auf der menschenleeren Erde allein. Sein Fluch hat alles Leben vernichtet. Auch seine Geschöpfe sind zu Asche verbrannt unter dem furchtbaren Fluch.

Phallus weint sechs Tage, sechs Nächte. Seine Träne steht still am siebenten Tag, und Phallus ruht auf verwitterter Erde.

Die Erde gibt ihm ihren weisen Rat. Der Einsame soll sich nach seiner Herzlust ein Weib wünschen, wie es ihm sein Herz befiehlt. Denn einem Herzwunsch müssen die Sonnen gehorchen.

Und Phallus wünscht und ruft seinen Herzschrei ins Weltall. Die beiden Riesen Urklang und Urlicht, die die Sonnenfeuer schüren und die Sterne rollen, und die dem Urleib der Welt dienen, hören am Feuerherd den Schrei, den Phallus auf Rat der Erde, die mit großer Weisheit zu ihm gesprochen hatte, zu den Sonnen gerufen hat. Unter diesem Schrei stürzen betäubt die ältesten Riesen des Weltalls, Urlicht und Urklang, geblendet nieder. Und das Feuer der Sonne schrumpft ein, so daß die Sonne verdunkelt und die Erde aufschreit, weil ihre Tierherden und ihre Wälder sterben.

Phallus bittet die Riesen, ihm das Weib zu geben, nach dem seine Sehnsucht ruft.

Da beraten alle Sonnen, denn sie müssen zittern vor einem echten Herzschrei, und sie müssen antworten. Und sie versprechen Phallus einen neuen Stern zu bauen. Auf diesem wollen sie sein Weib, das sie ihm erschaffen wollen, wandeln lassen. Dort auf dem rundesten Stern soll er sie besuchen. Und sein Weib, geboren aus Himmel und Erde, werde ihm heiter drei Söhne gebären. Die Namen der Söhne sind Bildner, Pfeifer und Träumer.

Und die Sonne verspricht, Phallus' Söhnen drei Bräute zu senden: Die Namen der drei Bräute sind: Lichtlust, Klanglust, Mär.

Die drei Söhne des Phallus und die drei Töchter der Sonne sollen dann der Erde neue Menschen schaffen, Menschen nach heiligen Maßen, nach Linien der Mutter.

«Und nun, Phallus, freue dich und entzünde die verdunkelte Sonne mit deiner Freude. Komm in den heiligen Garten, wohin alle Straßen der Erde münden, und finde das Ende der schmerzlichen Welt. Dort unter Lauben aus seltsamem Laub finde dein Weib.

Ihre Brüste sind wie ein Paar Honigäpfel, und ihre Augen sind wie zwei dunkle Teiche, auf deren Tiefe das Alter der Erde und das Alter der Sonne geschrieben steht. Ihr Leib aber ist wie ein Garten, und ihre Adern sind heiße Bäume. In ihrem Herzen münden feurig alle Straßen der Erde. Bei ihr findest du das Ende der schmerzlichen Welt.»

Und Phallus betrachtet sein Weib und nennt sie Herzfreude und umarmt sie. Sie gebiert ihm drei Söhne. Als die Söhne heranwachsen, hören sie ein Seufzen und ein Schluchzen im Schlaf in jeder Nacht. Sie klagen dies dem Vater. Er erzählt ihnen, daß das die Erde sei, die sie klagen hören. Die Erde wolle Menschen.

Da verlangen die Söhne, daß der Vater sie zur Erde bringe. Sie wollen der einsam gewordenen Erde wieder neue Menschen erschaffen.

Der Vater aber sagt ihnen: «Wenn ihr einmal zur Erde gekommen seid, könnt ihr nie mehr das Auge eurer Mutter fassen. Nie seht ihr wieder solch rundes Auge.»

Aber die Söhne bestehen darauf, daß der Vater sie zur Erde führe.

Darauf erzählt ihnen Phallus, daß sie dort drei Jungfrauen der Sonne finden werden. Diese Jungfrauen sollen sie zu Bräuten nehmen.

Auch die Mutter umarmt ihre Söhne zum Abschied und gibt ihnen Ratschläge. Sie sagt ihnen, daß auf Erden der Wurm Tod wohnt und die Schlange Unheil. Und sie müßten diesen beiden göttliche Gestalt geben und müßten dem Tod ein Lächeln und die eisernen Sohlen der Notwendigkeit geben und das Unheil als einen in Ketten wandernden Schattenkönig ansehen. Sie werden auch auf der Erde die Mutter Erdlust und ihre vier Töchter finden: Erdfeuer, Fleischlust, Blutbrand und Gürtellos. Sie sollen mit den Töchtern der Erde drei Nächte im Maimond tanzen und drei Nächte im Herbstmond, und weiter ratet die Mutter den Söhnen:

«Und seid ihr auf Erden angekommen, nie backt dort Ziegel vom Staub eurer Brüder, nie näht von Maulwurffellen euch Mützen. Schneller geht nie als im Takt eurer Herzen, aber schaut tiefer als euer Auge.»

Phallus führt die Söhne zur Erde. Dort gibt er ihnen drei Hengste, stählerne Hengste, die vom Urblau geworfen wurden. Sie heißen Eifer. Und Phallus füttert sie mit Blitzen. Auf diesen Hengsten sollen Phallus' Söhne die Töchter der Sonne erjagen, die auf goldenen Stuten vor ihnen fliehen.

Zwölf Monde jagen die Söhne des Phallus hinter den Jungfrauen her, bis sie sie erreichen und die Frauen ihnen fürs Leben in Liebe zu Willen sein wollen.

Und dann wird später geboren: Rundherz, der erste rundherzige Mann, und Rundherz, die erste rundherzige Frau. Und Goldklang und Goldwort. Diese leben bei Bäumen und Tieren glücklich wie Mutter Herzfreude im Urblau. –

 

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