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Gedankengut aus meinen Wanderjahren

Max Dauthendey: Gedankengut aus meinen Wanderjahren - Kapitel 23
Quellenangabe
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authorMax Dauthendey
titleGedankengut aus meinen Wanderjahren
publisherAlbert Langen
printrun7. bis 9. Tausend
year1913
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
created20090226
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Ich ging meistens nach dem Frühstück, das ich zwischen elf und zwölf Uhr einnahm, und das mein Mittagessen bedeutete, aus dem Gasthaus fort, um dann im Luxembourggarten zu lesen, und trat gegen zwei Uhr in ein Kaffeehaus ein, wo ich immer einige mir bekannte Künstler traf. Manchmal saß ich im Café François premier am Boulevard St. Michel. Da war Verlaines Stammplatz gewesen, der jetzt auf dem Ledersofa unter den mit Blumen bemalten Spiegeln für immer leer blieb.

Der Kellner dort, der den Dichter noch vor einigen Monaten bedient hatte, erzählte, wenn er mir die Zeitungen brachte, gern von seinem toten Dichtergast. Von ihm hörte ich auch über den seltsamen kindlichen Goldhunger, der den verarmten Bohemepoeten kurz vor seinem Tode noch befallen hat.

Freunde hatten Verlaine ein kleines Zimmer gemietet, und dort fanden sie ihn eines Tages, als er seine wenigen Tische, Stühle und Geräte und alles was in dem dürftigen Stübchen sich um ihn befand, liebevoll mit einer ganz gemeinen Goldbronzefarbe bemalte.

Er, der selten Gold in die Hände bekommen hatte, den der Hunger an die Türen der Armenspitäler getrieben hatte, und der in seinem Geist sich so viele goldfeurige Leidenschaftshimmel in die Welt geträumt hatte, wollte auch einmal die irdische Armseligkeit – in der ihn seine stolze reiche Nation darben und verkommen ließ –, ehe er sterbend von ihr schied, sichtbar vergoldet sehen.

Er konnte das Zimmer schon nicht mehr verlassen vor Entkräftung und von stetem Elendsfieber gepeinigt, das seinen Körper zerrüttet hatte. Seine Freundin, die ihn zuletzt pflegte, kaufte ihm einige Flaschen Goldbronze, seinen letzten Wunsch erfüllend. Und halb kindlich, halb spöttisch schmunzelnd, vergoldete er in seiner Stube das graue und abgestorbene Holzgerät, die Stuhlbeine und die Tischbeine. Die blanke Goldbronze mußte dem kranken Dichter den fehlenden Sonnenschein in den dunklen Pariser Dezembertagen vortäuschen, die Frühlingssonne hat der Arme nicht mehr wiedersehen dürfen.

Verlaine starb, und die Pariser Bürger bemerkten seinen Tod kaum. Nur das Studentenviertel, nur die Künstler, erlitten bewußt einen tiefen Verlust mit seinem Hinscheiden.

Sollte man es für möglich halten, daß große Geister so unbemerkt von einer gebildetseinwollenden Bürgerschaft und so ungefühlt leben und gehen können? Das war doch nie bei den Griechen und Römern der Fall, daß ein großer Mann in ihrer Mitte lebte, den nicht auch die ganze Nation gekannt hätte. Die Jagd nach dem Gold heute macht die Bürger geistesblind, blind gegen sich selbst, blind gegen ihre eigenen tiefsten heiligsten Forderungen.

Der arme Dichter rief jenes Gold, das die Bürger von ihm fernhielt, in sein Sterbezimmer, und er zwang den Goldschein, ihm in sein leidendes abschiednehmendes Auge zu sehen. Und als ihn das Gold ungerührt ansah, lächelte er ihm im Sterben zu und versöhnte sich auch mit ihm, seinem Lebensfeinde. Das Gold, nach welchem Verlaine nie gestrebt, hatte ihn vielleicht deshalb, weil der Dichter es nicht verehren wollte, gehaßt. Das Gold, das über alle bürgerlichen Menschen Macht hat, hatte nicht über diesen Helden der Dichtung Macht bekommen, und nur in seiner Sterbezeit spielte Verlaine mit dem Glanz des Goldes wie ein Kind. –

Da ich an jenem Tage, nach dem Versailler Sonntag, keinen von meinen Bekannten im Café François premier getroffen hatte, ging ich in das Kaffeehaus Lilas, das auf der Höhe des Studentenviertels am Boulevard Montparnasse liegt. Dort war immer ein Kreis des jüngsten künstlerischen Frankreichs und des jüngsten künstlerischen Auslandes, nachmittags und abends, anzutreffen.

Ich befand mich auch nicht lange dort, da kam Eduard Munch und setzte sich zu mir. Ich fragte ihn sogleich nach der Adresse einer norwegischen Freundin, jener jungen Stockholmer Dame, die Munch ebensogut wie ich kannte. Ich ließ mir dann vom Kellner eine Postkarte geben und schrieb an jene Dame nach Norwegen, denn bei ihr hielt sich jetzt, wie ich erfahren hatte, die junge Stockholmerin zu Besuch auf.

Ich hatte noch nicht zwei Zeilen und noch nicht die Frage an die Norwegerin, ob die junge Schwedin schon nach Stockholm zurückgekehrt sei, ausgeschrieben, als sich die Glastüre des Kaffeehauses öffnete und Munch neben mir erstaunt ausrief: «Nein, sehen Sie, da kommt sie ja schon selbst.»

Verblüfft sah ich auf und sah wirklich sie, zu der ich so ungeduldig in diesem Augenblick nach Skandinavien hingedacht hatte, unter der Tür eintreten. Ihr Gesicht, das ich gestern ganz fern am Ende der Versailler Baumgänge im Frühlingswinde in meinem Geist hatte aufwachen sehen, kam mir nun vervielfacht aus den breiten Spiegelwänden, aus allen Ecken und Enden der Glaswände des Pariser Kaffeehauses beweglich und lebend entgegen.

Ich sah mich mit einemmal wie umringt von allen den Sehnsuchtsbildern, die ich mir von jenem Mädchen gemacht hatte. Und es stand in der Mitte aller dieser Spiegelgesichter wie der warme Kern aller meiner Sehnsüchte, und erstaunt reichte es mir über den Marmortisch die Hand zur Begrüßung.

Die junge Schwedin war mit ihrer norwegischen Freundin kurz entschlossen nach Paris gekommen. Sie war nach der raschen Verlobung und Entlobung dieses Winters unruhig, müde und fliehend vor sich selbst und ratlos geworden.

Sie kannte schon Europa von früheren Reisen. Ihr Vater hatte sie, als sie achtzehn Jahre alt war, nach der Schweiz gebracht in ein Pensionat, wo sie fremde Sprachen gelernt hatte. Ein Jahr später war sie mit mehreren Freundinnen durch Italien gereist, nach Rom und Neapel, und sie war dort eifrig durch die Bildersammlungen gewandert, teils weil sie dieses unterhalten hatte, teils weil sie ihren Vater beim Heimkommen mit dem Gesehenen unterhalten wollte. Auch Paris hatte sie besucht und dann London. Und später war sie in England auf dem Lande einige Zeit in einem Pfarrhaus in Pension gewesen. Alles dieses wußte ich, und ihr plötzliches Erscheinen in Paris war mir erklärlich, da ich auch wußte, wie gern und leicht sie reiste. –

Am dritten Tage unseres Wiedersehens schien es mir endlich an der Zeit zu sein, ihr zu erzählen, warum ich ihr die Gedichte, welche meine Liebe erklärt hätten, in Stockholm nicht gegeben hatte. Ich wollte ihr sagen, daß ich nicht gewagt hatte, um sie zu freien. Aber jetzt hätte ich eingesehen, daß mir nichts Schlimmeres begegnen könnte, als von ihr getrennt zu leben.

Wenn ich ihr auch noch nichts zu bieten hätte als meine Liebe und meine Lust, ihr zeitlebens Liebeslieder zu schreiben, so meinte ich doch, es würde der Kampf gegen die Armut das kleinste Übel sein.

Durfte doch der Amselmann das Amselweibchen besingen! Und wurden sie nicht beide satt dabei und konnten ans Nestbauen denken?

Und diesen Mut wollte ich mir jetzt nehmen, und das Mädchen, das ich liebte, wollte ich mir nicht mehr entgehen lassen, wollte nicht mehr getrennt von ihm leben.

Ich stieg deshalb am dritten Tage mittags in einen Wagen und fuhr in das entfernte Stadtviertel, wo die junge Dame in einer Pension wohnte, und wo sie für einen Monat ein Zimmer genommen hatte.

Ich holte sie dort ab, und wir gingen miteinander fröhlich plaudernd zum Frühstück, und danach schlenderten wir durch die Louvresammlung und kamen zuletzt auch vor die große Bildsäule der Venus von Milo, die im Erdgeschoßgewölbe des Louvreschlosses einen Raum für sich hat.

Der heilige wunderbare marmorne Frauenleib, der da hochaufgerichtet, stolz und göttlich allen Menschen zum Wohlgefallen geschaffen schien, machte uns beide verstummen. Ich mußte an den Dichter Heinrich Heine denken, der sich als Todkranker vor dieses Bild hatte hintragen lassen und der mit den Fingern sein Augenlid öffnen mußte, das schon gelähmt war, um nur nochmals vor seinem Tod die Venus bewundern zu können, für die er so viele Strophen gesungen hatte. Den kranken Dichter, den halbtoten, erquickte noch einmal die Schönheit, die ein griechischer Künstler vor mehr als zweitausend Jahren geschaffen hatte!

Nach zweitausend Jahren ist jene Kraft heute noch wirksam, mit der die Künstlerhand den Marmor geformt, mit der ein menschlicher Geist, mit der ein Mensch einen Göttinnenleib und eine Götterkraft geschaffen hatte!

Sind wir Menschen dann nicht Schöpfer, Schöpfer am Weltall, wenn wir nach zweitausend Jahren noch mit unserer Hände Werk und mit dem Werk unseres Herzens ferngeborene Geister begeistern können und ihnen Lebensmut und Lebensherzlichkeit einflößen können, ihnen sogar noch Götterkraft in der Todesstunde geben können? – Die griechischen Götter vergingen, aber der griechische Künstler lebte fortwirkend über seine Götter!

Ich schickte ein kurzes Stoßgebet zum Liebesgeist, der vor zweitausend Jahren den Marmor geschaffen hatte. «Segne mein Vorhaben!» bat ich. «Großer Geist, wenn du ewig des Lebensfestes höchster Festgeist gewesen bist, steh mir bei. Laß mich nicht mutlos werden. Segne uns beide!»

Oft habe ich später an den seltsamen Zufall denken müssen, daß uns unser Weg ganz absichtslos in den Louvre und vor die Venus geführt hatte. Der Anblick der starken Liebesgöttin und die starke Künstlerkraft, die aus dem Marmor jahrtausendestolz zu uns redete, beschleunigte mein Vorhaben, und ich sagte der lang Begehrten meinen Herzenswunsch.

Einige Stunden später stellte ich bei einem Abendbesuch bei James und Theodosia, den Amerikanern, meine Braut vor. Diese freuten sich und triumphierten, weil sie mir vorausgesagt hatten: das, was man stark und aufrichtig, im Innersten seines Wesens, wünscht, zieht man zu sich heran und schafft so selbst seinem Wunsch die Erfüllung.

Die tatkräftigen Amerikaner schlugen uns vor, daß wir, wie sie es getan hatten, gleich nach England reisen sollten, um uns dort trauen zu lassen. Das taten wir auch und reisten am nächsten Tage; und am fünften Tage nach dem Besuch bei der Venus im Louvre waren wir schon vermählt.

Bei unserer Trauung herrschte aber eine babylonische Sprachverwirrung. Die junge Schwedin verstand wohl Deutsch, konnte es aber noch nicht sprechen. Ich verstand Schwedisch, konnte es aber nicht sprechen. Und von einem englischen Geistlichen, der weder Schwedisch noch Deutsch verstand, wurden wir in der französisch sprechenden Stadt St. Helier, auf der Insel Jersey, in einer wunderbaren alten englischen Kapelle in französischer Sprache getraut.

Im Seebad Gorey auf derselben Insel, in dem schmucken englischen Fischerdorf, das am Fuße einer alten Normannenburg liegt, wohnten wir während des Monats Mai bis Anfang Juni, von wo wir dann nach Paris zurückkehrten. Denn ich bemerkte mit Schrecken, wie schnell man im Glück das Geld ausgibt.

 

Ich war einige Wochen vorher, ehe die junge Schwedin in Paris erschien, noch in der schrecklichsten Notlage gewesen. Zwei Tage hatte ich fast nichts zu essen gehabt und hatte kein Geld und keine Aussicht, welches zu bekommen. Ich hatte Brief um Brief nach Hause geschrieben, aber mein Vater wußte nichts davon. Man wollte ihn mit meinen Briefen nicht verstimmen, und man legte dieselben, da er nicht wohl war und zu Bett lag, ungeöffnet auf seinen Schreibtisch, einen Brief zum anderen.

Das amerikanische Ehepaar streckte mir endlich das Heimreisegeld vor, nachdem ich schon halb verhungert war. Ich hatte an einem Tag nur für einen Sou eine halbe Semmel gegessen und am anderen Tag nur ein Ei für meine letzten zwei Sous verzehrt und die Hälfte der Semmel vom Tage vorher, die ich aufgehoben hatte. Um meine Kräfte zu schonen, hatte ich mich zuletzt tagsüber aufs Bett legen müssen, weil ich mich nicht durch Gehen im Straßenlärm hungrig machen wollte.

Am dritten Tag konnte ich nicht mehr länger in dieser elenden Weise auf den Postboten warten, und als mich zufällig die beiden Amerikaner besuchten und mich fragten, warum ich nicht ausgehen wollte, gestand ich ihnen meine Hungersnot. Noch am selben Abend begleiteten sie mich, nachdem sie mich gestärkt hatten, zum Bahnhof, und ich reiste zu meinem Vater.

Dieser war müde von den drei Jahre langen Unterstützungen, die er mir gegeben hatte. Er bedachte nicht, daß die Schriftstellerei und die Dichtung mehr Studienjahre in Anspruch nehmen als die Medizin und die Jurisprudenz. Ich erlangte aber dann doch von ihm, nach einer eindringlichen Auseinandersetzung, daß er mir noch einmal einige tausend Mark gab, wofür ich ihm dann versprach, wenn dieses Geld verbraucht wäre, für mich selbst zu sorgen, so daß mein Vater sich danach nicht mehr um mich kümmern sollte. Mit dieser Summe wollte ich sparsam leben und hoffte auf baldige Büchereinnahmen. Ich wollte jetzt in einem Winkel von Paris eifrig schreiben.

Aber weder mein Vater, noch ich, ahnte bei diesem Wiedersehen – das unser letztes war –, daß ich sechs Wochen später verheiratet sein würde. Ich hatte damals keine Ahnung, daß das junge Mädchen, das ich im stillen liebte, nach Paris kommen würde. Und mit nur viertausend Mark in der Tasche hätte ich nicht gewagt, nach Stockholm zu reisen und im Hause des Großkaufmanns um die Tochter zu bitten.

So war ich nach Paris zurückgekehrt und hatte mich ein wenig bei den Spaziergängen im Luxembourggarten von dem letzten Hungerschrecken erholt, als die junge Schwedin erschien und ich nun, ermutigt durch die paar Banknoten in meiner Tasche, mich nicht lange besann und für mein Herz ein Weib wollte, da es ja auch der ärmste Pariser Straßensperling sich erlaubte, ein Weib von der Natur zu fordern. –

 

Von der Englandreise nach Paris zurückgekehrt, mieteten wir jungen Eheleute dann in der Rue Boissonnade, die eine Atelierstraße ist, von einem Amerikaner, der zum Sommer aufs Land gezogen war, ein großes ausgestattetes Maleratelier und ein Schlafzimmer.

Noch einige Zeit konnte ich meiner jungen Frau verbergen, daß die Sorge bald vor unserer Tür stehen würde, und daß ich nicht ahnte, wovon wir dann weiterleben sollten.

Da unsere meisten Pariser Bekannten jetzt im Hochsommer auf dem Lande waren, war unser einziger Verkehr das amerikanische Ehepaar James und Theodosia, die in der Nähe des Eiffelturmes an einer Avenue ein hoch im Himmel gelegenes Atelier mit Küche und Schlafzimmer bewohnten.

Die alten okkultistischen Gespräche wurden bei den Amerikanern wieder aufgenommen. Denn James und Theodosia hatten ihre kabbalistischen und okkultistischen Studien nicht aufgegeben. Beide standen immer noch im regen Briefverkehr mit ihren Londoner Freunden. Eines Tages besuchten wir auch in ihrer Gesellschaft in Neuilly den letzten Abkömmling eines schottischen Königs, der in Paris als Ägyptologe lebte und mit seiner Frau ein hübsches Gartenhaus bewohnte, wo er sonntags eine Unmenge Damen und Herren empfing.

Ich sah bei ihm die Papyrusrollen des ägyptischen Totenbuches, das jener Gelehrte aus den Hieroglyphen ins Englische übersetzte.

Derselbe Gelehrte führte später in Paris den alten Isiskultus wieder ein, und seine Frau wurde Isispriesterin. Ich ersah das viele Jahre später aus illustrierten Zeitungen, die das Bild der beiden mit der Nachricht von der Auffrischung des Isiskultus brachten.

Mit James und Theodosia besuchten wir in jenen Sommermonaten auch öfters die Gewölbe des Louvres, die die großen ägyptischen Sammlungen enthalten. Ich lernte dabei wieder viel Neues aus den Geheimlehren der Okkultisten kennen. Sie erklärten mir, daß es falsch sei, wenn man die großen Porphyrbildsäulen jener ägyptischen Götter, die Tiergestalt zeigen, immer für Tiergottheiten ansehen will.

Diese Steinbilder, halb Menschen, halb Tiere, die da in steifer feierlicher Haltung aufrecht stehen oder sitzen, tragen nur Tiermasken vor den Gesichtern: die Maske eines Ibisvogels oder die eines Schakals oder die einer Tigerkatze. Die Ägypter stellten die Götter gern mit Tiermasken dar, um anzudeuten, daß Tier und Menschen die gleichen menschlichen Regungen besitzen, daß alle Erdenleben ein und dasselbe göttliche Leben erleben, und daß das Unergründliche hinter verschiedenen irdischen Masken auftritt; und daß nicht bloß in der Gestalt des Menschen, sondern auch in den Tieren alle ewigen Gefühle des Weltalle sich vereinigten.

Auch wenn wir die Maske wechseln und im anderen Leben Katze, Schakal oder Ibis werden, haben wir dieselben ewigen Gefühle in uns. Deshalb wurden bei den Ägyptern Tiergesichte von Menschengestalten getragen und umgekehrt. Die Sphinx zeigt einen Menschenkopf auf einem Tierleib. Menschen und Tiere gehen im wechselnden Weltalleben ineinander über.

Da ist keine Grenze gezogen zwischen dem Empfindungsvermögen der beiden. Mensch und Tier, beider Körper, leben vom Hunger und von der Liebe, sie erleben beide die höchsten Weltallfestlichkeiten Geburt, Liebe und Tod. Und beide erleben Weltunergründlichkeit. Mensch und Tier erschaffen sich aus der gleichen Wirklichkeit und der gleichen Unwirklichkeit. Mensch und Tier gehören der Endlichkeit und der Unendlichkeit an, da sie dem Weltalleben angehören, das ein festliches Verwandlungsspiel aus unendlicher Kraft bedeutet, worin sich alles mit unendlichem Geist erschafft. Deshalb ist kein Tier von Natur geistloser als der Mensch. –

Ich hörte sehr gern solchen Erklärungen über die ägyptischen Kunstwerke zu, den Erklärungen über das Symbol der Schildkröte, über das Symbol des Skarabäuskäfers und über viele andere Gestalten des Tierreiches, die der Ägypter tausendfach nachgebildet hat, um sie immer als Gleichnisbild der Ruhe oder als Gleichnisbild der Seelenwanderung vor Augen zu haben. Ähnlich wie die Christen sich das Lamm und die Taube als Lebensgleichnisse in den Kirchen dargestellt haben.

Nicht bloß hoher Geist sprach aus den ägyptischen Kunstwerken; es wirkte ebenso erhebend die edle vereinfachte Linie, in der die ägyptischen Künstler Menschenkörper und Tierkörper in Porphyr, Granit und Alabaster dargestellt hatten. Mit kluger Beherrschung arbeiteten einst ägyptischer Meistergeist und Meisterhände ernst und mit gemessener Ruhe, so wie der Strahl der senkrechten Sonne, die steil über dem Nil steht und nur des Menschen wichtigste Lebenslinie an Körper und Seele groß beleuchtet. Bei solcher Feierlichkeit der Lebensauffassung verstummen alle nebensächlichen Fragen des Alltags, und nur der reine stolze Weltallfestlichkeitsgedanke strömt von den Kunstwerken auf den Beschauer. –

Wenn ich dann von den Louvregewölben wieder hinaus auf die Pariser Straßen kam, nachdem wir uns lange in die ägyptischen Bildwerke vertieft und uns an ihnen ergötzt hatten und die Festlichkeit unsers eigenen Daseins bestätigt erhalten hatten vom festlichen Lebensgefühl ferner Jahrtausende, so konnte ich mich mit meiner jungen Frau, die sich gern mit mir in alles vertiefte, was mich künstlerisch erregte, zuerst nicht gleich zurechtfinden in den Gegenwartsstraßen von Paris.

Wie läppisch kamen mir zum Beispiel an den Möbeln, die da in den Schaufenstern standen, die Rokokolinien vor. Flüchtig wirkend wie Straßengeschwätz im Vergleich zu den ägyptischen monumentalen Hausgeräten. Im Vergleich auch zu den edlen griechischen Geräten, die strengen Zweck und zarte, nur angedeutete Grazie und eine leichte kluge natürliche Ausschmückung gezeigt hatten, und die wir ebenfalls vorher im Louvre bewundert hatten.

Ich hätte am liebsten die Augen geschlossen und wäre mit meiner Frau durch die Jahrtausende zurückgeeilt und hätte mit ihr am liebsten das untergegangene Theben am Nil und das verschwundene Athen Homers aufgesucht. Denn wir nahmen die Liebe, die wir jetzt erlebten, hoch, festlich und feierlich, und das Glück des Körpers wünschte auch das Glück des Geistes.

Aber der Geist unserer Jahrhunderte, sagte ich mir, der Geist der alten Weltanschauung heutzutage, verfolgte, haßte und beschimpfte den Körper, da er sich ihn mit einer Erbsünde belastet vorstellte. Der Menschenleib war wegen seiner Vergänglichkeit vom christlichen Geist immer verächtlich und herablassend behandelt worden. Aber die Glückseligkeit, die der liebende Körper geben konnte, schien mir vollkommen glücklichmachend zu sein. Wogegen man das nicht vom Zeitgeist sagen konnte, der immer hochmütig mit zukünftiger Seligkeit handelte.

Man war in meiner Jugendzeit in den Bürgerkreisen noch argwöhnisch gegen die selbstverständlichsten Forderungen des lebenden Körpers. Und man schämte sich in den Familien seiner natürlichen Liebesforderungen. Man gestand sich wohl ein, daß das Herz liebebedürftig sei, man sprach von der Zusammengehörigkeit der Seelen. Aber man wollte gern die Regungen des Körpers bei der Liebe übersehen wissen. Man fand aus falscher Scham des Leibes natürliche Lebensbedingungen sündhaft.

In meiner Jugendzeit waren fast alle Mädchen bleichsüchtig. Und ich erinnere mich, daß man sie mit den verschiedensten Medizinen gesund machen wollte. Aber das gesündeste Mittel, das darin besteht, dem gereiften Körper die unerbittlichen Forderungen der Sinne zu befriedigen, indem man die jungen Menschen so früh wie möglich, sobald es ihre körperliche Sehnsucht fordert, sich verheiraten läßt, dieses kam gar nicht in Frage. Man tat, als wäre der Körper nur ein Seelenquäler.

Wenn der Körper sich nicht krank meldete, wußte man von seiten der Erzieher damals während der Erziehungsjahre gar nichts von ihm. Man sprach nur eindringlich zu dem jungen Menschen von der Seele, vom Gemüt und vom Herzen. Und diese an und für sich erhabensten Dinge wurden durch die übertriebene Anrufung dem Heranwachsenden so lästig gemacht, daß ein junger, körperlich reif werdender Mensch die Worte Seele, Gemüt und Herz zu verachten begann, ehe er noch ihren Sinn begriffen hatte.

Denn diese Worte, die eigentlich erst dem reifen zufriedengestellten erwachsenen Körper in aller Innigkeit und Erhabenheit beim Erleben verständlich werden, wurden den Kindern, sowohl in der Religion von den Lehrern, als in der Familie von den Eltern, so reichlich zugeteilt, daß ihnen die Ohren damit vom Schall dieser schönen Worte übel vollgestopft waren.

Und wurden jene Menschen dann älter und reif, so steckten ihnen die Ohren immer noch voll vom leeren Wortschwall, und sie wollten keinen Anschluß an den Inhalt dieser Worte haben. Sie verlachten oder wichen allen tieferen Werten des Lebens, allen tieferen geistigen Erkenntnissen aus und fanden es überflüssig, davon zu sprechen. Denn man hatte von der Schulbank her und von der Familie her den Menschen mit zu frühem Hinweisen auf geistige lebenswerte vor hohen Worten Ekel eingeflößt. Der verachtete Körper rächte sich später und griff stürmischer und rücksichtsloser und, aus dem Gleichgewicht gebracht durch langes Darben, heftig nach dem Wirklichkeitsleben, und fern von geistiger Vertiefung entschädigte man sich für die zu frühe und überüppige Seelenlehre der Schul- und Erziehungsjahre.

Die Jahre, die man, eingesperrt in den Gefängnissen der Schule beim Auswendiglernen geistestötender Plappereien, fern von den vier belebenden Jahreszeiten, beinahe unterirdisch eingekerkert, hatte verbringen müssen, und die weiteren Jahre, die da in gemütstriefenden Familienkreisen bei falscher Scham fortgesetzt werden mußten, entnervten die heranwachsenden jungen Männer und jungen Mädchen meiner Zeit.

Nervenkrankheiten aller Art brachen in Massen aus. Das Wort Hysterie tauchte auf, und wie ein Aussatz fraß diese Krankheit der Nerven um sich und befiel viele gesundgeborene Menschengeister. Die natürlichen Sinnentriebe des herrlichen und klug durchdachten Menschenkörpers, die die Erzieher bei übertriebener Seelenzucht und übertriebener Mast des Geistes einfach ableugneten und für sündige, menschenunwürdige teuflische Triebe erklärten, die nagten, von falscher Weltanschauung vergewaltigt, verzweifelt in der Einsamkeit am klaren Geist vieler junger Menschen.

Und die vorher herzlichen und natürlichen Triebe arteten dann in herzlose Sinnensucht aus, die doppelt heftig in der Unterdrückung wucherte. Und die Unschuld der Natürlichkeit und der Empfindung, in der jeder Mensch und jedes Lebewesen sich im Weltall geschaffen hat, und die Gesundheit der jungen Menschen wurden durch die Sinnenunterdrückung angegriffen.

In allen Großstädten fand ich, daß die Entnervung in schreckenerregendster Weise in jenen Jahren unter den jungen Menschen aller Stände überhandgenommen hatte. Viele Männer, die mit siebzehn, achtzehn Jahren körperlich männlich entwickelt waren, ebenso viele Mädchen, die schon mit sechzehn und siebzehn Jahren reif zur Mütterlichkeit waren, und die eine natürliche kluge einfache Freude zum Leben mitbrachten, wurden auf den ewigen Schulbänken und in verlogener Familienunterdrückung matt gemacht und übermüdet vom Warten.

Ihre Körper welkten bleichsüchtig, weil ihr körperlicher Liebessinn hungern mußte. Und weder nützte den jungen Mädchen die Sorgfalt der Familie, noch den jungen Männern die Pflicht des Berufes, diese konnten nicht die seelische Überreiztheit von den körperlich darbenden jugendlichen Naturen abwenden.

Das Drama «Jugend» von Max Halbe wurde deshalb in den neunziger Jahren mit so großer Begeisterung aufgenommen, weil es eines der echtesten Zeitdramen war. Die einander begehrenden jungen Leute sahen sich in diesem Drama in ihren natürlichsten Forderungen und in ihrem unnatürlichen Leid widergespiegelt.

Und noch grimmiger und beinahe in grotesker Tragik bedichtete damals die Seelen- und Körperqualen der reifwerdenden jungen Menschen in seinem Drama «Frühlingserwachen» Frank Wedekind. Nur war man in den Bürgerkreisen jener Jahre noch nicht an Selbsterkenntnis so weit vorgeschritten, daß man das Erwachen des jugendlichen Körpers zur Liebe und die daraus entstehende Tragik zwischen Schulzwang und Körperdrang begreifen und ernst nehmen wollte.

Wedekinds tragischstes Drama fand erst zehn Jahre später die große Anerkennung, die ihm gebührte. Beschränkte Polizeiverbote, die dem starken Künstler Wedekind so viel grimmiges Unrecht getan haben, wurden dann endlich aufgehoben, und das erschütterndste Schulkinderdrama, das erschütterndste Erzieher- und Schülerdrama, das jemals geschrieben worden ist, durfte endlich seine aufklärende Wirkung von der Bühne auf die Öffentlichkeit ausüben. –

Im Mittelalter hat man vielen Erwachsenen das Leben zur Hölle gemacht, indem man viele unschuldige Menschen in Massen für Hexen und Zauberer erklärte, weil man Körperlichkeit haßte und verfolgte. Und in meiner Zeit hatte man der Jugend die Jugend zur Hölle gemacht. Die Erwachsenen hatten sich mehr oder weniger zu Sinnennatürlichkeit befreit, und die Menschen verbrannten nicht mehr Unschuldige als Hexen und Zauberer. Aber die ermüdenden Schulen, die man eingerichtet, der Schulzwang und der Erzieher Unverständnis aller jugendlichen sinnlichen Regungen gegenüber, sie waren eine Hölle für die Jugend geworden.

 

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