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Gedankengut aus meinen Wanderjahren

Max Dauthendey: Gedankengut aus meinen Wanderjahren - Kapitel 21
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authorMax Dauthendey
titleGedankengut aus meinen Wanderjahren
publisherAlbert Langen
printrun7. bis 9. Tausend
year1913
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
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Über meinen Lebenslauf in meinen Wanderjahren berichtete ich zuletzt von Stockholm, vom Winter 1894, von den Sonntagsbesuchen bei Ellen Key, wo ich den norwegischen Lyriker Sigbjörn Obstfelder, den Dichter der Traurigkeit, kennengelernt hatte.

Eines Tages erzählte mir Obstfelder, er habe bei seiner letzten Sommerwanderung, als er mit seinem Geigenkasten durch die Berge Norwegens zu Fuß gereist war, eine junge schwedische Dame mit ihrer Mutter kennengelernt. Der Vater der jungen Dame sei ein Großkaufmann. Obstfelder war jetzt öfters im Winter in dem Landhaus jener Familie draußen vor Stockholm zu Gast.

Im Laufe des Winters ergab es sich denn, daß ich jene junge Dame durch Obstfelder kennenlernte. Ich traf sie einige Male in einem Stockholmer Lesesaal, wo man für zwanzig Öre stundenlang in einem lautlosen Zimmer Zeitungen aus aller Welt lesen konnte, und wo auch Bücher zu leihen waren. Später war ich dann in ihrem Hause eingeladen und hatte die Familie kennengelernt.

Gleich nach der ersten Begegnung hatte ich, was mir sonst so schnell noch nie vorgekommen war, ein Gedicht über das schöne Goldhaar jenes Mädchens geschrieben. Ich merkte aber auch dabei, daß ich zum erstenmal in meinem Leben mehr als nur flüchtig verliebt war. Ich fühlte erstaunt, daß die ernsteste Seite meines Gefühls angeschlagen war.

Ungläubig und verwundert kämpfte ich zuerst gegen den befremdeten Liebesernst an, der beinahe schmerzlich in mir wach geworden war. Ich mußte mir immer wiederholen: nur mit diesem Mädchen, bei welchem scheuer, starker Geist und gesunder, keuscher Körper zusammenlebten und mir nicht bloß vom süßen Verlieben sprachen, sondern vom tiefen Zusammengehören, würde ich gern täglich meine Zukunft teilen.

Und bei ihr, sagte ich zu mir, kann ich mir den Begriff Ehe vorstellen. Vielen lieblichen, reizvollen, unterhaltenden und brennend berückenden Frauengeschöpfen war ich vorher begegnet. Manche hatte meine Sinne gefesselt, manche meine Gedanken unterhalten, manche hatte mir schöne Träume gegeben. Und verschiedenste Liebesgefühle konnte ich mir bei all den verschiedensten Mädchen vorstellen, jede war wie eine Farbe oder eine Farbenabstufung gewesen. So wie man einmal ein schönes Blau liebt, einmal ein feuriges Rot, einmal ein erfrischendes Grün, einmal ein stolzes Goldgelb, so wie einzelne Farben belebend und entzückend wirken können, so waren mir verschiedene Mädchen vorher nahe gekommen. Aber wie man nicht nur eine Farbe sein Leben lang ansehen möchte, so war ich immer bei jeder Frau früher oder später dem Gedanken ausgewichen, eine von ihnen meinem Leben für immer verbinden zu wollen.

Aber dieses schwedische Mädchen jetzt war die erste, die keiner einzelnen Farbe ähnlich war. Sie war, wie jeder Lebenstag, eine Vereinigung aller sieben Farben. Ich konnte erschütterndes Rot in ihr finden und besänftigendes Blau, das erquickende Grün und das machtvolle Goldgelb. Ihr Herz war von der Natur warm und verständig gebildet, so daß es nicht wie einfarbiges bengalisches Feuer mein Herz nur festlich blendete, sondern ich fühlte mich in jenes Mädchens Nähe festlich befriedigt und wußte, nachdem wir uns kaum einige Stunden gesehen hatten, daß ihr Leben mir gehörte, und daß das meine ihr gehören müßte.

Eigentlich wäre es das Einfachste gewesen, wenn ich ihr dies alles gleich gesagt hätte. Aber die neue Liebeserkenntnis war, wenn ich die Lippen öffnen wollte und sie zu ihr aussprechen sollte, mir selbst noch so ungeheuerlich überraschend, daß ich zauderte und immer schweigend hinhorchte, ob ich nicht den Schall und die Aufregung dieses Ereignisses in und um mich laut werden hören könnte.

Ich war bestürzt dumm wie Hans im Glück. Eines nur bestätigte mir den Hall des Ereignisses. Das war die Tatsache, daß ich über diese Frau in den nächsten Tagen wieder ein Gedicht machen mußte und wieder ein Gedicht – und so fort bis auf den heutigen Tag. Und dieses Besingen ihrer Erscheinung war natürlich der Schall des laut gewordenen ernsten Gefühles, das mich erschütterte.

Es war im Frühjahr 1895. Niemand außer dem jungen Schweden hatte ich es gesagt, daß ich mir meine zukünftige Frau in jenem jungen Mädchen vorstellen konnte, das ich öfters, bei verschiedenen Gelegenheiten, bald in Gesellschaft anderer, bald zufällig allein im Lesesaal wiedergesehen hatte. Der jungen Dame selbst hatte ich keine Andeutung gemacht. Denn ich fand es ganz lächerlich, daß ich junger Fremdling, der ich nur von meines Vaters Gnade leben durfte und mich hilflos vor einer ganz unklaren Zukunft befand, wagen sollte, an die Möglichkeit zu denken, vor den Vater dieses Mädchens hinzutreten, um seine Tochter als Frau zu verlangen.

Meine Verhältnisse hatten sich nicht geändert. Und in den Bürgerkreisen rechnete man es einem jungen Mann, der nicht Universitätsstudent war, übel an, wenn er in meinem Alter von siebenundzwanzig Jahren noch keine anderen Einnahmen hatte als die Unterstützung von zu Hause.

Täglich fühlte ich mich gedemütigt von dieser Lebenseinrichtung, die den jungen Dichter oder jungen werdenden Schriftsteller lieblos und gedankenlos behandelt und ihm keine staatliche Lebensvergünstigung, keine staatliche Fürsorge für sein weiteres Fortkommen und für seine Entwicklung bietet. Von Monat zu Monat mußte ich in ausführlichen und eindringlichen Briefen immer wieder meinen weiteren Unterhalt von meinem Vater erbitten.

Wie hätte ich da wagen sollen, in einem fremden Land in ein reiches Kaufmannshaus einzutreten und um die Hand der Tochter zu freien! Wenn ich auch auf ein späteres Erbteil von zu Hause rechnen konnte, so lag mir das doch ganz fern, solange mein Vater lebte, etwas von seinem Tod erhoffen zu wollen. Dieser Gedanke hätte mir nicht geschmeckt, und ich hätte nicht gewagt, mich auf diesen Gedanken zu stützen und den Vater des Mädchens darauf hinzuweisen.

Im Frühjahr 1895 begegnete ich eines Tages, als ich in Stockholm in einen offenen Trambahnwagen aufsprang, der jungen Dame, die bereits eingestiegen war. Und ich saß neben ihr, sehr vergnügt darüber, sie einmal ganz allein und nicht in dem lautlosen Lesesaal zu sehen, wo man sich neben anderen Lesern immer nur ein geflüstertes «Guten Tag» und «Lebewohl» hatte zunicken können.

Es war elf Uhr vormittags, und die Sonne schien freundlich, als hätte sie uns beide zusammengeführt, und als freue sie sich jetzt mit uns. Draußen eilten während der Fahrt die sonnenbeleuchteten Häuser vorüber und Stockholms Brücken, die Bildsäulen der Könige, die Schiffe im lebhaften Mälarenwasser und das vornehme Stockholmer Schloß, das wie eine einzige Terrasse über das stahlblaue Stromwasser herschaut.

Mir schien, ich hatte die schwedische Hauptstadt nie so glänzend und frühlingsbewegt gesehen als jetzt an der Seite des jungen Mädchens, die einen gütigen Hauch von Familienunschuld mit einer frischen, neuzeitlichen Weltart in ihrem sicheren und freundlichen Wesen vereinigte.

Ich war beglückt, daß sie einiges über mich wissen wollte, wenn es auch nur kleine unbedeutende Fragen waren, die sie an mich richtete. Einen Augenblick war es mir, als führen wir beide ganz allein durch die Welt. Und da kam es mir leicht über die Lippen, ihr zu erzählen, daß ich ein paar Gedichte über sie geschrieben hatte.

Sie sah erstaunt und erfreut aus und fragte, ob sie die Gedichte lesen dürfte. Da aber wurde mir klar, daß diese Gedichte die innerlichste Liebeserklärung enthielten, der ich je in meinem Leben Worte gegeben hatte. Und ich wußte nicht recht, ob ich ja oder nein antworten sollte. Indessen hielt der Trambahnwagen, und die junge Dame mußte aussteigen. Und im Aussteigen sagte sie nochmals:

«Bitte, bringen Sie doch die Gedichte in den Lesesaal mit.»

Ich sagte rasch: «Nein, ich werde sie Ihnen mit der Post schicken.»

«Ich bitte, tun Sie es bald», rief sie mir noch zu und reichte mir die Hand.

Aber kaum war ich im Wagen allein und kehrte wieder zu meinem nüchternen Sorgendasein zurück, da sagte ich mir: sie hat keine Ahnung, was diese Gedichte sagen. Sie glaubt vielleicht, es sind nur ein paar spöttische oder schelmische Reimereien. Und ich nahm, als ich nach Hause kam, die Gedichte und las sie noch einmal durch. Und während ich las, war es mir, als säße die junge Dame wieder neben mir, wie vorher in dem Trambahnwagen.

Und da überströmte mich ein warmes zukunftsgläubiges Gefühl, und ich sagte mir: mag werden, was will. Mag sie mich verlachen oder mag sie erschrecken – ich werde ihr die Gedichte schicken. Und ich schrieb dieselben auf schöne saubere weiße Blätter. Wer schon während des Schreibens schämte ich mich wieder, und mein Zimmer und ich selbst wurden mir unheimlich.

Mein Blut wogte dann auf und nieder, als ich die Blätter in einen Briefumschlag getan. Und als ich meinen Mantel anzog, um zum Briefkasten zu gehen, war mir jede meiner Bewegungen fremd und neu. Es wurde mir klar, die nächsten Tage mußten etwas ganz Ungewohntes bringen. Ich konnte mir aber nicht ausdenken, wie sich jenes Mädchen benehmen würde, wenn es die Gedichte empfangen hatte.

Entweder, sagte ich mir, war ich, wenn es die Gedichte gelesen hatte, sein erklärter Bräutigam vor meinem und seinem Herzen oder, wenn es sich ablehnend und erschrocken benahm, müßte ich gleich fort aus dieser Stadt. Denn nach dem Überreichen der Gedichte würde es mir nicht möglich sein, in denselben Straßen zu gehen, wo die Geliebte täglich ging, und in diesen Straßen unter ihren Augen meine ihr offenbarte Sehnsucht kalt zu machen und zu begraben.

Solange sie nichts von meiner Neigung wußte und kein Wort, kein Blick, kein Gedicht mich ihr verraten hatte, konnte ich in ihrer Nähe alle meine Träume und meine Hoffnungen entstehen, kommen und gehen lassen und war immer noch mein eigener Herr über mein inneres Leben. Aber wenn ich diesen Brief mit den Gedichten dem Briefkasten übergeben hatte, war ich der Knecht einer Aufrichtigkeit geworden, die vielleicht verfrüht war oder vielleicht niemals jener Frau zu Bewußtsein kommen sollte.

Ich ging dann am ersten Briefkasten vorüber und sagte mir: es gibt mehr Briefkästen. Und ich ging an dem zweiten Briefkasten vorüber und sagte mir: du hast ja den ganzen Tag Zeit, den Brief in den Briefkasten zu werfen. Und so kam ich zur Straße, in der die Stadtwohnung der Familie jenes Mädchens war. Und da war wieder ein Briefkasten. Dieser war der verführerischste von allen Briefkästen.

Ich ging dort ein paarmal auf und ab; aber während ich von weitem das Haus ansah, wo jene junge Dame ahnungslos in ihrem Familienkreis, bei ihrem tüchtigen Vater und bei ihrer tüchtigen Mutter, von Sitte und Würde umgeben, wohnte, da befiel mich wieder die Scham vor meiner Armut.

Nein, niemals sagte ich mir, werde ich mich lächerlich machen, und ich werde in einem fremden Land nicht um ein fremdes reiches Mädchen werben, ehe ich nicht genug besitze und frei und unbefangen das Vertrauen der Eltern fordern kann.

Es war mir danach nicht schwer, den Briefkasten zu meiden. Und ich eilte, so schnell ich konnte, zu meiner Straße zurück. Und wenn es mir auch unterwegs öfters noch einen Ruck gab, und ich schnell einen hastigen Griff in die Tasche tun wollte, um den knisternden Briefumschlag mit den ehrlichsten Liebesgedichten in den nächsten Briefkasten zu werfen, so kam ich doch glücklich in mein Zimmer zurück, und dort verbrannte ich sofort in meinem Ofen den Briefumschlag mit den Gedichtabschriften.

«Gottlob, welcher Torheit bist du entgangen!» sagte mein Verstand. «Aber nein», weinte mein Herz, «nun ist es wieder alltäglich um mich, und alle Festlichkeit, die da hätte entstehen können, ist im Ofen zu Asche verbrannt. Warum quälst du mich so lange? Warum hast du nicht mutig gewagt, was gewagt werden muß?»

«Oh», lachte mein Verstand roh. Und er schickte mir eine schamheiße Blutwelle ins Gesicht. «Wie lächerlich wärest du morgen vor dir dagestanden, sowohl wenn jene ‹nein›, als wenn sie ‹ja› gesagt hätte.»

«Nein, nein, nein, Liebe ist nie lächerlich», schluchzte mein Herz. Und ich lief aus dem Zimmer fort, um Luft zu schnappen. Denn ich wußte mir nicht mehr zu sagen, hatte ich vernünftig oder unvernünftig gehandelt.

Am nächsten Tag war ich aber doch zufrieden, daß ich mich nicht verraten hatte, denn ich hatte Herz und Verstand Frieden schließen lassen. Sie waren beide mit mir zu folgender Überzeugung gekommen: Ist diese Frau wirklich mein Schicksal, wie ich es so sehr ersehne, dann wird mir dieses Schicksal nicht entgehen. Ich werde dann, wie ich auch in bezug auf sie handle, immer recht handeln. Wenn ich auch meine Gedichte vor ihr nicht enthüllen darf, wird sie doch mit der Zeit ahnen müssen, was ich für sie empfinde.

«Habe Geduld und überlasse alles der Zeit und deinem Schicksal», sagten Herz und Verstand zu mir, friedlich geworden.

Es war an diesem Tag der erste Mai, und die Sonne schien so friedlich wie am Tage vorher, da ich der heimlich Geliebten begegnet war. Und an die fröhliche Vormittagssonne, die in meinem Zimmer die Leere wärmte, war seit der Begegnung bei der gestrigen Vormittagsfahrt im Trambahnwagen an dieses Vormittagssonnenlicht die Erscheinung des jungen Mädchens gebunden. Es war mir, als säße es jetzt wieder zwischen elf und zwölf Uhr vormittags neben mir. Aber heute saß es an meinem Schreibtisch.

Nach dem Mittagessen sagte die liebenswürdige, aber halb taube, gütige Pensionsdame zu mir, es müsse mir etwas ganz besonders Angenehmes begegnet sein, da ich heute einen so glücklichen Ausdruck hätte. Und eine ältere Freundin, die mit ihr, nachdem die Tischgäste gegangen waren, noch allein im Eßsaal geblieben war, drohte mir, schelmisch lächelnd, mit dem Finger, als wollte sie sagen: Sie haben wohl ein kleines Herzensabenteuer erlebt.

Durch die Balkontüre, die gegen den Tegnerplatz hinsah und breit offenstand, fiel der Maiensonnenschein glänzend in das große Eßzimmer, und der lange Balkon vor den Fenstern lockte hinaus in die sonnige Luft. Da bekam ich einen scherzhaften Einfall; ich drehte meinen Ring am Finger so um, so daß der Stein des Ringes an die Handinnenseite kam und der Ring dann nur als Goldreif wirkte. Ich deutete lachend auf den glatten Goldreif und sagte halb ernst, halb scherzend zu den beiden älteren Damen: «Ich habe mich heute verlobt.»

Dieser Satz lag, seit der letzten Begegnung mit jenem jungen Mädchen so sehr oft vorgesagt, in meinem Herzen und meinem Verstande da, daß die festliche Stimmung, der Sonnenschein und die auf ein Liebesereignis hindeutenden Fragen der Damen mir spielend den Satz entlockten: «Ich habe mich heute verlobt.»

«Ach», riefen die beiden Damen fröhlich erstaunt, für Scherz und für Ernst bereit, «heute am ersten Mai haben Sie sich verlobt? Und das erfahren wir jetzt erst?»

«Ja, es bleibt einstweilen noch Geheimnis», sagte ich lachend weiter.

«Das müssen wir feiern», meinte die Hausdame. Und sie ließ gleich den Kaffeetisch, an den wir uns eben setzen sollten, auf den Balkon hinaustragen und ließ eine auf Eis gestellte Flasche schwedischen Punsch bringen.

Als wir in der Sonne saßen, wollten aber die Damen wissen, wer jene Dame sei, deren Ring ich an der Hand trüge. Aber der Scherz wurde mir nun beinahe zu ernst, und, in die Enge getrieben von der fröhlich festlichen Stimmung der Fragenden, die mit den Punschgläsern auf das Wohl meiner Braut anstoßen wollten, wenn ich ihren Namen genannt hätte, blieb mir nichts übrig, als lachend zu erklären, indem ich mit der Hand auf die Sonne deutete, die mir so warm aufs Herz schien und so frühlingshaft erregt zu uns über das Balkongeländer sah: «Ich habe mich heute mit der Maiensonne verlobt.»

Die Damen, die gern Scherz liebten, waren über den zahmen Einfall nicht böse. Und sie glaubten vielleicht auch heimlich, ich wollte den Namen meiner Herzensdame nicht nennen. Sie stießen dann fröhlich mit den Punschgläsern auf das Wohl meiner Braut, der Maiensonne, an.

Mein Herz aber und mein Geist waren während dieses Vorgangs weit von dem Balkon abwesend. Meine Hand spielte zwar mit dem Ring, mein Gesicht lachte mit den Damen, meine Augen vergnügten sich an der Maiensonne, aber es fehlte mir mein Kern. Es fehlte meinem äußeren Dasein in jenem Augenblick mein innerstes Dasein. Und heute erst beim Rückblick weiß ich, wo in jener halben Stunde damals mein innerstes Leben geweilt hat.

Es war nicht in die Wohnung zu jenem jungen Mädchen gegangen. Mein innerstes Leben war von jenem Balkon fort, allwissend gegen den Strom der Zeit angeschwommen und hatte hellsehend ein Jahr vorausgeschaut und war frei und fröhlich geworden, weil es gerade über ein Jahr am nächsten ersten Mai jenes junge Mädchen und mich zusammen in einer der Straßen von Paris fand, wo wir eben unseren Verlobungstag feierten.

Und mein Herz wollte in mir aufjubeln, aber mein Leben durfte nicht jenen Damen, die da so fröhlich ahnungslos am weißgedeckten Tisch bei mir saßen, zulachen, denn es sah allwissend noch anderes. Es sah, daß die Hausdame, die mich zuerst gefragt hatte, welches Glück mir begegnet wäre, nicht mehr am Tische saß, und daß ihre Freundin in Trauer gekleidet umherging.

Denn jene, die da vor mir lachte, sah nicht mehr die Maiensonne des nächsten Jahres. Sie starb im Vorfrühling, und meine inneren Augen sahen bereits ihren Platz am Tisch leer. Und mein innerer Jubel über meine Verlobung durfte nur scheu in mir antönen.

In diesem zweigeteilten Gefühl stand ich vom Kaffeetisch auf und verabschiedete mich von den beiden Damen, auf deren Verlangen ich mich auch zum Abschied vor der Maiensonne verbeugen mußte. –

Als der Sommer kam und sich alle Welt aus der Stadt fort, auf Reisen, aufs Land und in alle vier Windrichtungen zerstreute, reiste ich, um mein Vaterhaus zu besuchen, nach Deutschland. Und zu Hause angekommen, erzählte ich dann meinem Vater, daß ich mich gern in Schweden mit einem jungen Mädchen verheiraten möchte. Erfand das gut, aber als «mich fragte, wovon ich mit meiner Frau leben wollte, wurde es mir wieder klar, daß man als junger Dichteranfänger der Wirklichkeit schutzlos und hilflos gegenübersteht.

Der Dichtergeist sagte zu mir: «Du darfst nicht ans Geldverdienen denken, darfst nie mit der Dichtung Geld verdienen wollen, sonst helfe ich nicht beim Dichten mit. – Wenn dir deine Werke von selbst Geld einbringen werden, so ist das gut und schön. Aber um des Geldes willen dir zu dienen, dazu gebe ich mich nicht her. Ich will nicht Knechtdienst tun.»

«Denn ein Dichtergeist», fuhr die Stimme in mir selbstbewußt fort, «arbeitet nicht für Tagelohn. Er läßt sich nicht rufen, er läßt sich nicht Kanzleistunden vorschreiben. Da er aus dem Reich der Unwirklichkeit kommt, kann er sich nicht mit deiner Wirklichkeit, mit deiner Hungerfrage, mit deiner Zeitfrage, mit deinen körperlichen endlichen Lebensfragen beschäftigen und nicht Rücksicht auf deine Endlichkeit nehmen.

Der Dichtergeist ist der Hall deiner Ewigkeit, der in dir laut wird; lauter im Dichter als in den anderen Menschen. Er erhebt deine Gefühle ins Unendliche und will deinen Worten Rhythmen geben, nicht Zeitmaße der nützlichen Zeit. Unwirkliche Zeit, Ereignisse der Vergangenheit und Zukunft können dir in der Dichtung Gegenwart werden, wenn du den Dichtergeist in seiner Unendlichkeit aus dir singen läßt.

Willst du ihn aber zum Lastknecht, zum Gegenwartsknecht machen, der deinen Magen ernähren soll und deinem Körper Behaglichkeit bringen soll, dann treibst du diesen Geist aus dir aus. Dann bleiben nur Reste von ihm in dir, und die werden nur halbe Werke leisten, Endlichkeitswerke. Mit ihnen wirst du kein Glück machen, denn der unbefangene Leser wird sie immer als Reste erkennen, und die Welt hat das Recht, deinen ganzen Dichtergeist zu fordern.»

«Aber ich kann mein begehrendes Herz nicht verstoßen», sagte ich zum Geist der Dichtung, der so zu mir sprach. «Ich liebe und will die Geliebte ernähren können.»

«Nimm dir Geduld», sagten Herz und Geist zu mir, «denn wir sind unzertrennlich aneinandergebunden. Ohne Herz gibt es keinen Dichtergeist. Er ist die Flamme, die nur vom liebenden Herzen gespeist wird.» –

Da mir mein Vater nicht raten und nicht helfen konnte und mir ebenfalls von Geduld und Zeit sprach, und daß ich die Hoffnung nicht sinken lassen sollte, beschloß ich, nicht mehr nach Schweden zurückzukehren, und war müde gemacht von der Aussichtslosigkeit, von der ich kein Ende sah.

Und ich nahm mir vor, um meine Gedanken von meiner innersten Sehnsucht abzulenken, eine Reise zu Fuß nach Italien zu machen.

Ich wollte von München nach Rom wandern. Und da ich immer gern Landschaften zeichnete, kaufte ich mir frische Farben und Papierblocks und wollte unterwegs zeichnen und malen und diese Malereien am Weg verkaufen und so bis nach Rom kommen.

Aber mein Schicksal ließ mich von München nur bis Schliersee kommen. In Schliersee wohnte damals in einem kleinen Bauernhause am Bergabhang über dem See der schwedische Schriftsteller Ola Hanson mit seiner Frau. Und es kam mir die Lust an, diesen zuerst zu besuchen und dann erst die Fußreise nach Italien anzutreten.

Ich stieg in einem Schlierseer Gasthaus ab und suchte Ola Hansons Haus auf. Die beiden alten Bekannten waren erfreut, mich nach so langer Zeit wiederzusehen. Wir hatten uns seit meinem ersten Aufbruch nach Bohuslän nicht mehr gesehen, da jene von Friedrichshagen nach Oberbayern gezogen waren und nicht mehr in Berlin lebten, als ich später mehrmals dort durchreiste.

In ihrer weißgetünchten Bauernstube saß ich nun Abend für Abend bei den schwedischen Schriftstellersleuten, und mein Herz war glücklich, daß es von Stockholm erzählen durfte, von Obstfelder und Ellen Key, von Heidenstam und Geijerstam und Levertin und Josephson. Und während Tür und Fenster der Bauernstube weit in die Sommernacht offenstanden und von den dunklen Matten ein paar Kuhglockenlaute antönten, wenn dort schlafende Kühe sich regten, erstaunte ich mitten im Erzählen immer wieder, daß vor den Fenstern meine deutsche und bayerische Heimat lag, da ich mich doch eben deutlich auf den Stockholmer Straßen hatte gehen gefühlt.

Ich dehnte den Aufenthalt in Schliersee länger aus, als ich mir vorgenommen hatte. Je mehr ich mit Ola Hanson von Stockholm sprach, desto mehr schwand Rom, das ich sehen wollte, und ich sah zuletzt wieder als Reiseziel Stockholm vor mir liegen.

Aber dann sprach doch der Verstand dazwischen und sagte barsch: «Du wirst nicht mehr Vermögen als vorher in den Taschen haben, um in Schweden eine Frau heiraten zu können, wenn du jetzt wieder dorthin umkehrst. Du bist von dort abgereist, weil dir das Vermögen fehlte, mit dem du die zukünftige Frau ernähren sollst. Erinnere dich doch, wie du im Mai in der Stockholmer Straße an dem Briefkasten standest. Da war es dir doch ganz bewußt, daß du ohne Geld nicht freien darfst.» –

Eines Abends ging ich mit Herrn und Frau Hanson von ihrem Berghaus hinunter nach Schliersee in den Garten des Gasthauses «Zur Post». Sie hatten mir gesagt, daß Hermann Bahr, der sich eben auf der Hochzeitsreise befände, mit seiner jungen Frau dort abgestiegen wäre, und daß sie ihn treffen und mich ihm vorstellen wollten.

Ich sah und sprach dann auch Hermann Bahr an jenem Abend. Und am nächsten Vormittag fuhr ich mit ihm und seiner jungen Frau in einem Ruderboot auf den Schliersee hinaus. Als wir danach, er und ich, nachdem seine Frau zum Gasthaus gegangen, um sich umzukleiden, ein wenig auf der Landstraße spazierten, erinnere ich mich, daß ich, auf Bahrs Befragen, ihm eine lebhafte Schilderung meiner Eindrücke von Bohuslän gab und ihm erzählte, wie mich das Leben in dem einsamen schwedischen Pfarrhaus und meine Spaziergänge dort im schwedischen Granitland dazu gebracht hätten, die Dichtungen meines Buches «Ultraviolett» zu schreiben.

Er verstand sehr wohl, daß man den Regenduft und den Mondaufgang, den Amselschlag und alle Naturerlebnisse lebhafter und bilderreicher aufnehmen müsse, wenn man an einer steinernen, weltfernen Küste, in einem Land, dessen Sprache man nicht versteht, mit feingewordenen Ohren und Augen nichts anderes erlebte als das wenige, das sich in dem steinernen Rahmen jener fremden Natur abspielte.

Und während ich so sprach, und Hermann Bahr mein Leben in Schweden in Gedanken mitlebte, wurde mir mit einem Male klar, daß mein ganzes Buch «Ultraviolett» kein Herz besaß; daß alle diese Lieder herzleer wirkten im Vergleich zu den wenigen Versen, die ich jetzt über das junge schwedische Mädchen gedichtet hatte.

Wie anders wären jene Lieder geworden, die ich in Bohuslän aus meiner Einsamkeit heraus gedichtet hatte, wenn damals schon jenes Mädchen mit mir über die Steine der schwedischen Westküste gegangen wäre! Die Gedichte wären nicht bloß Farbenbilder und Tonbilder geworden, sondern Lieder voll Liebesgeist. So sagte ich zu mir.

Der Inhalt des Buches «Ultraviolett» erschien mir jetzt wie eine durch Natureinsamkeiten hingleitende Irrlichtflamme, die nur eine blaue Luftflamme war, aber die kein Feuer hatte, das einen Körper verzehrte.

Mein Herz hatte damals noch nicht gebrannt, als ich nur der Dichterlust zuliebe dichten wollte.

Nun war mir völlig klar: ich mußte umkehren, nach Stockholm zurück und nicht nach Italien wandern. Dieses Mädchen, das ich im Norden wußte, war mir so notwendig zum Atmen wie meine Lunge. Mein Herz war an ihr entzündet worden und konnte auch nicht in der Ferne mehr verlöschen. Es verfolgte mich jetzt ebensosehr die Sehnsucht nach der Liebe jenes Weibes als die Sehnsucht nach den Dichtungen, die sie mir eingeben würde.

Als ich dann am nächsten Tag Hermann Bahr mit seiner jungen Frau glücklich lachend abreisen sah, und als ich am Abend wieder oben auf dem Berg in dem Bauernhause Ola Hanson und seine Frau besuchte, sprach dort in ihrer Häuslichkeit der Geist der Ehe; der Geist der Lust, einen Hausstand zu gründen, stark auf mich ein, und ich erzählte beiden, daß ich eine Stockholmerin liebte, die ich heiraten wollte. Die beiden waren sehr erstaunt und freuten sich und wünschten mir Glück. –

Kaum aber nach Stockholm zurückgekehrt, wurde mir noch deutlicher als vorher bewußt – da ich durch das viele Reisen mich wieder in Not gebracht hatte –, wie unmöglich es mir sein würde, da ich nur von meines Vaters Gnade lebte, mich mit einer Frau durchzuschlagen. Aber doch fand ich nicht die Kraft, die Sehnsuchtsgedanken an das junge Mädchen aufzugeben. In Stockholm angekommen, erfuhr ich, daß sie verreist sei, aber ich war glücklich, wenigstens in ihrer Vaterstadt umherzugehen. Eines Tages aber hörte ich dann plötzlich von ihrer Verlobung.

Ich wollte sofort aus Schweden abreisen. Doch die Mittel zur raschen Reise fehlten für mich, und eine mir grauenhafte Verkettung der Umstände zwang mich sogar, am Verlobungsessen im Hause der jungen Dame teilzunehmen. Danach hätte ich aber am liebsten meinem Leben ein Ende gemacht.

Wie ich noch voll Gram und Unentschiedenheit mit mir zu Rate ging, meldete mir eines Tages das Dienstmädchen, daß ein unheimlicher Mann vor der Türe stünde, der mich zu sprechen wünsche. Es war der polnische Schriftsteller Stanislaus Przybyszewski, dessen leise Stimme und fremdländisches Äußere dem Dienstmädchen Furcht eingejagt hatte. Przybyszewski war mit seiner Frau, welche Norwegerin war, von Christiania nach Stockholm gekommen, und ich war nun glücklich, durch den geistig lebendigen Polen auf andere Gedanken gebracht zu werden. Er arbeitete in dieser Zeit eben an seinem Roman «Satans Kinder».

Bei irgendeinem Bekannten saßen wir nun immer, bei starken Alkoholgetränken und im Zigarettenqualm, er, seine Frau, Freundinnen und Freunde, fast Nacht für Nacht bis in die Vormittagstunden, unendliche Reden führend und unendlich schweigen könnend, halb schlafend, halb wachend, beisammen, immer neue Grogs brauend, immer neue Zigarettenschachteln öffnend. Und mein Hirn tanzte bald, überreizt von Nikotin- und Alkoholvergiftung, und ich fühlte mich in jenen Winterwochen weder körperlich noch geistig lebend. Es war mir in jenen Nächten oft, als wären wir alle Spukgestalten geworden, die Frauen wie die Männer jenes Kreises. Wenn sie lachten, wenn sie sprachen, wenn sie schwiegen, waren sie mir wie eine Gespenstergesellschaft, die erst der anbrechende dunkle Wintermorgen scheuchte.

Aber sobald wieder nachmittags die Straßenlaternen angezündet waren und überall künstliches Licht war, fand sich auf der Alkoholwolke und auf den Tabakswolken die Spukgesellschaft wieder zusammen, mit wirren geistblitzenden verzerrten Gelächtern die lange Nacht ausfüllend.

Przybyszewski spielte Chopin, wenn er bei Laune war. Das sonst so öde Klavier wurde dann zu einer Hölle, die er mit wild tastenden Händen öffnete. Und die Töne fraßen Ordnung und Gesetze und Gedanken blindlings aus den Hirnen aller Zuhörer fort, und Töne, Menschen und Zeiten wurden zum Chaos. Kein Leben behielt mehr seine Form und seinen Sinn. Nur der Einsturz alles Lebens und die Vernichtungsfreude schien in den Tönen zu funkeln, wie der glühende Alkohol in den Gläsern und wie die Feuerpunkte der Zigaretten zwischen den Lippen der Menschen, die da in Sesseln und Sophas auf den Teppichen herumlagen und herumhockten.

Und da war kein stilles Kreisen der Gestirne, kein geordnetes Planetenleben mehr an dem Nachthimmel draußen, der zu den Fenstern auf uns und auf den spielenden Polen sah. Es war, als schössen vor meinen Augen alle Sterne, Kometen geworden, wild und regellos durch den Nachtraum.

Die Töne klirrten unter den weißen gelenkigen Fingern des Spielenden, und die Herzen klirrten in der Brust der Zuhörer. Und wie die Scherben der zerbrochenen Groggläser am Boden, sahen die Auge der Frauen und Männer, Glassplittern ähnlich, aus dem Tabakrauch. Der Geist, der sekundenweise aus ihnen aufschoß, hatte keine Geistesgewalt mehr, sondern war nur ein Zucken und Verenden des Geistes. Des Morgens war mein Herz voll Mattigkeit, und abends sehnte es sich doch wieder nach dem Untertauchen in den Hexensabbat.

Endlich raffte ich mich im Januar auf, die Stadt zu verlassen, wo die wirren Nächte mich für die bekümmerten Tage betäuben mußten. Denn ich schlief in diesen Wochen nicht einmal tagsüber, sondern sehnte mich unnütz. Ich lag und dachte an mein Herz und stand erst zur Abendstunde auf, gedankenmüde und verquält.

Aber als ich das Geld zur Abreise bereit hatte, fehlte mir der Mut zur Abreise, und ich gab das Reisen wieder auf. Denn auch in der dunkelsten Zeit, in dem Wirrwarr jener Nachtstunden, stand wie der Geist meiner guten Stunden, wie der gute Genius meiner Gedichte, hinter dem Tabaksqualm, hinter den Betäubungen, das Gesicht jenes Mädchens, das ich liebte.

Und wenn ich morgens über die menschenleeren Pflastersteine nach Hause ging, sagte ich mir: über diese Steine wird sie am Tage gehen! Und dieser Gedanke gab mir ein wenig Befriedigung. Doch ich getraute mich nicht, von den Steinen aufzusehen. Denn dann konnte ich sie, wenn sie auch nicht auf der Straße war, im Geist deutlich am Arme ihres Verlobten daherkommen sehen.

«Wir wollen alle reisen», sagte eines Tages Frau Przybyszewski. Und ich sagte, ich wollte meinem Vater um Geld telegraphieren. Wir gingen dann alle zusammen zum Telegraphenamt. Aber wie ich das Telegrammpapier vor mir liegen hatte, sagte ich: «Ich werde niemals Geld erhalten, wenn ich nicht einen triftigen Grund angebe.»

Ich schrieb deshalb auf das Papier: «Bitte telegraphiere mir tausend Mark wegen einer Frau.» Aber dann wußte ich nicht mehr weiter. Ich meinte, mein Vater würde vielleicht annehmen, daß ich einen Ehrenhandel hätte. «Schreiben Sie dazu», sagte eine der Frauen, «werde sonst verhaftet». Und ich schrieb dieses und schickte das Telegramm ab und erhielt auch am Abend das Geld von meinem erschrockenen Vater, der natürlich briefliche Aufklärung verlangte. So wildes Wesen trieb die Verzweiflung mit mir, daß ich nicht mehr bedachte, was ich tat.

Wir reisten am nächsten Tag von Stockholm ab. In Kopenhagen trennte ich mich dann von Przybyszewski und seiner Frau und fuhr nach Paris.

Vorher hörte ich schon, daß jene junge Schwedin in Stockholm ihre Verlobung wieder gelöst hatte, und ich atmete auf und durfte nun wieder hoffend und frei an sie denken; doch wagte ich es kaum noch. –

In Paris hatte ich das amerikanische Ehepaar James und Theodosia, die von London zurückgekehrt waren, in ihrem Atelier bald nach meiner Ankunft aufgesucht und hatte ihnen von meiner Herzensnot erzählt und von meiner Hoffnung, daß der Himmel mich vielleicht doch noch einmal mit der jungen schwedischen Dame, die ich liebte, zusammenführen würde.

Die beiden Amerikaner machten mir großen Mut und sagten immer wieder, mein Wünschen würde sicher so stark wirken, daß ich eines Tages noch glücklich würde.

Und Paris war die geeignete Stadt, in der ich am stärksten meinem Liebeswunsch nachhängen konnte, denn das Straßenleben, die Vergangenheit und die Gegenwart dieser Stadt sprechen ununterbrochen von der Liebe, die diese Stadt erlebt, erlebt hat und erleben will.

 

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