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Gedankengut aus meinen Wanderjahren

Max Dauthendey: Gedankengut aus meinen Wanderjahren - Kapitel 18
Quellenangabe
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authorMax Dauthendey
titleGedankengut aus meinen Wanderjahren
publisherAlbert Langen
printrun7. bis 9. Tausend
year1913
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
created20090226
modified20150521
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Weil im Weltalleben nichts zu klein und nichts zu dunkel ist, als daß es nicht Aufnahme in den Verstand und in das Gefühl einer neuen Menschheit finden müßte, so öffnete ich damals, nachdem ich den ersten Widerwillen überwunden hatte, willig Herz und Ohr auch der mittelalterlichen Welt, der ägyptischen Magie, der assyrischen Sternkunde, der indischen Adeptenlehre, der mittelalterlichen Alchemie und hörte tage- und wochenlang den Auseinandersetzungen des jungen und geistig entzückten amerikanischen Ehepaares zu.

Ich ließ mir die dicken Bände des Geisterdichters William Blake vorlesen und deuten. Und war in Bohuslän die Welt für mich stark, prächtig, natürlich klar und handgreiflich am Meer und beim Granit und in dem würdigen Pfarrhaus ausgebreitet gewesen, so gerade dem entgegengesetzt, unklar, geisterhaft, aber doch nicht unnatürlich, bei aller Finsternis nicht unglaubhaft, malte sich jetzt vor mir in jenem kleinen Londoner Zimmer die tastend begeisterte Dunkelwelt der Magie.

Ich glaubte zuerst, daß jene beiden Menschen, die mich in die Geheimwelt des Geisterlebens einweihen wollten, es ebenso auf Wunderverrichtung abgesehen hätten, wie ich und mein Freund, der junge Philosoph, einige Jahre vorher, an jenem Augustnachmittag auf dem Gute bei Würzburg, Wunderwünsche gehabt hatten.

Ich sagte deshalb den Amerikanern, daß ich längst über die Sehnsucht, Wunder zu erleben, fortgekommen sei und deutete ihnen an, daß meine Weltanschauung darin bestehe, das größte und kleinste Leben im Weltall, ebenso wie mich selbst, als festlich zusammengehörig anzusehen und jedes Leben als seinen eigenen Schöpfer und zugleich als Mitschöpfer des ganzen Alls zu betrachten. Ich sagte ihnen, das Weltall würde von mir als ein Festleben, als eine unendliche Festlichkeit angesehen, bei der wir alle ewig in Freude und Leid mitfeiern und alle von neuem Leben zu neuem Leben die Festgestalt wechseln und dabei alle alles besitzen und zugleich der Besitz aller sind.

Da sagten die beiden Amerikaner: «Das ist im Grund dieselbe Lehre, die wir meinen. Wir haben sie in einem Geheimbund erfahren, und Sie sind mit Ihrem Freund, dem Philosophen, durch eigenes Nachdenken zur selben Erkenntnis gelangt.

Wir glauben dasselbe. Wir glauben auch, daß wir Menschen Wunder wirken könnten, aber aus Weisheit das Schöpfungswerk nicht durch törichte Wundersucht stören wollen. Denn dann wären wir nicht mehr weise. Wir glauben ebenso an die Festlichkeit des Lebens. Wir glauben aber auch, daß man sich die großen Kräfte der Sterne ebenso zu Nutzen machen darf, wie man sich Elektrizität und Dampfkräfte zu Nutzen gemacht hat.

Denn es wird kein vernünftiger Mensch daran zweifeln können, daß die Sternenmassen, die sich im Himmelsraum bewegen, die sich bald einander nähern, bald voneinander entfernen, in denen ganze Sonnensysteme wandern, daß diese Sonnen, die sich mit ihren Planeten umkreisen – daß diese sich einander nähernden und sich entfernenden Weltkörpermassen nicht untereinander Einflüsse ausüben müssen auf das Leben, das auf ihnen besteht.

Die Riesenschwankungen, die die Annäherungen solcher Massenungeheuer gegenseitig erzeugen, bleiben nicht ohne Einfluß auf die pflanzliche, tierische, chemische und menschliche Welt, die sich auf den verschiedenen Gestirnen befinden mag.

Darum sind die sich verschiebenden Stellungen der Sterne von Bedeutung für das kleinste Atomleben, also, auch für das Menschenleben auf unserem Gestirn. Die Verschiebungen der Sterne bringen durch bedingte Atomverschiebungen Veränderungen chemischer Prozesse hervor. Denn die verschiedenen Gestirne stehen, wie jeder weiß, auf verschiedenen Verbrennungsstufen. Sie sind außerdem verschiedenartig zusammengesetzt. Und angenommen, es würden auch auf jedem Stern dieselben Elemente vorhanden sein, so sind diese doch in verschiedenen Hitze- und Abkühlungsstufen von verschiedenster Wirkung.»

Diese letztere Erklärung sagte ich mir selbst, als die beiden Amerikaner mir die Sterneneinflüsse glaubhaft machen wollten. Ich sagte mir: betrachtet man das Weltall als eine chemische Masse, in der jedes Sonnensystem ein Molekül bedeutet, das sich wieder aus Atomen zusammensetzt, und sieht man die Planeten jedes Sonnensystems als Atome des Sonnensystemmoleküles an, so kann man sich recht gut vorstellen, daß Aufruhr und Änderungen in dieser chemischen Verbindung entstehen, wenn zum Beispiel ein Komet, der ein Atom darstellt, sich einem Molekül, einem Sonnensystem nähert, und dessen Bahn kreuzt.

Angenommen, es sei irgendein chemischer Stoff auf dem Komet überwiegender tätig als auf dem Planeten, dessen Bahn der Komet kreuzt, so wird er wie ein Gärungskeim auf die vorher ruhige Bahn des Planeten einwirken. Denn durch Strahlung kann der Komet kleinste Körperchen, wie zum Beispiel Elektronen, aus der Ferne in das Sonnensystem aufrührerisch schleudern und vorübergehend Zersetzungsprozesse erzeugen, die sich dann selbstverständlich als Unruhen, als Erdbeben, Störungen, Krankheiten des Wassers, Krankheiten der Luft, Krankheiten der Erde, Störungen in der Elektrizität, die sich also auch als Krankheiten der elektrischen Ströme auf jenem Planet fühlbar machen. Die Lebewesen unseres Planeten, die Menschen zum Beispiel, würden dann unruhiger denken, unruhiger handeln, gestört im Gleichgewicht, kriegerischer gesinnt sein und fieberhafter und gewalttätiger werden.

Kriege, die sonst bei ruhigerem Überlegen vermieden werden könnten, werden bei dem gereizten Geisteszustand, in dem sich der ganze Planet befindet, durch die Strahlenstörung, die er vom Kometen erhielt, unvermeidlich werden, ebenso wie Mißwachs, Erdkrankheit und Hungersnot dann die Folge sein könnten.

Den denkenden Menschen muß es einleuchten, daß die gesamte Sternenwelt als eine Molekül-, Atom- oder Elektronenwelt gedacht, mit kreisenden Molekülwelten, das heißt Sonnensystemen, fortgesetzten Veränderungen unterworfen ist, die je nach den Molekülverschiebungen, je nach den Sternstellungen einsetzen.

Zu jeder Stunde der Nacht und des Tages ist die Sternstellung eine andere rund um den Planeten Erde. Also sind die Wirkungen im Weltall und auf der Erde, die chemischen Prozesse, die statthaben, stündlichen Veränderungen unterworfen.

Sagen wir nun, die chemische Masse Jupiter, oder die chemische Masse Venus, oder die chemische Masse Merkur entfernt oder nähert sich der chemischen Masse Erde, so müssen unbedingt, wie bei dem Nahen eines Kometen, Schwankungen bei allen Leben der Erde eintreten.

Nun sind aber nicht bloß alle Sterne in verschieden starken Elementzusammensetzungen zu denken. Sondern auch die verschiedenen Pflanzen, die verschiedenen Tiere und die verschiedenen Menschen sind aus verschiedenen Gewichtteilen jener Elemente zusammengesetzt. Nähert sich nun ein Stern, der durch seine Zusammensetzung schädlich oder günstig wirken kann, so wird jedes Lebewesen auf der Erde sich bei seiner Annäherung glücklicher oder unglücklicher fühlen, glücklicher oder unglücklicher handeln.

Und darum sagten die alten Astrologen: dieser ist ein glücklicher Tag für diejenigen, die zum Beispiel unter Jupiter geboren sind. Denn an diesem Tag ist die chemische Zusammensetzung im Weltall durch die Jupiterstellung, das heißt durch Molekularveränderungen, die das Atom Jupiter erzeugt, günstig für alle die, welche aus einer ähnlichen chemischen Zusammensetzung bestehen wie der Planet Jupiter.

Die ewig sich ändernden chemischen Prozesse, die sich einander nähernden und sich voneinander entfernenden Sternmassen, die den aus Elementen zusammengesetzten Körper des Menschen, der Tiere, der Pflanzen und der ganzen Erde stündlich chemisch beeinflussen, so wie auch sie wieder beeinflußt werden, diese Sternwanderungen und die dadurch entstehenden stündlich verschiedenen Sternmischungen, diese stündlich wechselnden chemischen Prozesse lassen einem die Sterndeutung, die durch Jahrhunderte und Jahrtausende bei allen Erdvölkern, bei Chinesen, Indern, Afrikanern, Azteken und Germanen geübt wurde, als eine durchaus nicht übernatürliche Wissenschaft verstehen.

Ein Astrologe kann also, wenn er die Geburtsstunde eines Menschen weiß und die Sternstellung jener Stunde, die er in den astronomischen Aufzeichnungen bereits festgestellt findet, nachgeschlagen hat, jenem Menschen die Zukunftsstunden, in denen ihn schädliche Einflüsse unvermeidlich treffen werden, aus dem astronomischen Kalender berechnen. Ähnlich wie ein Chemiker voraussagen kann, welche Einflüsse einer bestimmten chemischen Mischung von Vorteil oder von Nachteil sein können.

Der Astrologe hält sich also an Sternenprozesse. Er ist sozusagen der Kenner der Himmelschemikalien, angewendet auf die Chemie des Menschenkörpers. Wie es kluge und unkluge Chemiker gibt, gibt es natürlich auch kluge und unkluge Astrologen.

Die Inder, die Araber, die Ägypter, die unter wolkenloserem Himmel geboren sind als wir, und die die Sterne in mehr Nächten des Jahres studieren konnten als wir, haben in ältester Zeit, wie jeder weiß, die größten Fortschritte in der Beobachtung des Himmels gemacht. Auf der Reise um die Erde wurde ich an einigen indischen Fürstenhöfen in geräumige, besonders für die Astrologie gebaute Höfe geführt, wo große gemauerte Instrumente verteilt waren, die heute noch, wie seit urältester Zeit, den Messungen und der Sternenkunde dienten.

Ob es Wert hat, die beeinflußten Lebenstage, die guten oder bösen, eines Menschenlebens aus den Sternen vorauszubestimmen, das wird jeder bei sich selbst fühlen müssen. Nicht jeder trägt Verlangen, die Stunden wissen zu wollen, die ihm schädlich oder günstig sind.

So wie heutzutage der Bauer und der Luftschiffer und der Seemann, ehe sie an die Arbeit gehen, das Voraussagen der Wetterwarten und das Wetterglas gern in Anspruch nehmen, so mag es auch wohl Menschen geben, die, so wie es die alten Griechen, Ägypter und Römer taten, die ihnen günstigen Sternstunden wissen wollen, ehe sie sich zu irgendeinem wichtigen Entschluß aufmachen. Da alle Dinge im Leben ihre unreifen, ihre reifen und überreifen Stunden und ihre welken Stunden haben, so wird der, der nicht selbst einen starken Instinktblick hat, zu Hilfsmitteln greifen, die seine Instinkte unterstützen. Der starke Instinktmensch aber wird ohne Sterndeutung auskommen. Ein starker Bauer, ein Flieger oder ein Seemann, welcher die Wetterbestimmung im Instinkt und in der Erfahrung, sozusagen im Blut sitzen hat, dieser Starke wird sich nicht um die nicht immer sicheren Wetterwartenvoraussagungen kümmern. –

 

Als ich nun in London täglich mit dem amerikanischen Ehepaar über Astrologie und andere okkultistische Wissenschaften eingehend sprach, wendete sich mein Sinn, der sich vorher seiner zeitgemäßen wissenschaftlichen Aufklärung und Überwindung mittelalterlicher Mystik gefreut hatte, diesen Gesprächen von Tag zu Tag aufhorchender zu.

Ich mußte mir beschämt sagen, wir hatten in den deutschen Schulen unserer Neuzeit, in denen ich aufgewachsen war, blindlings den über Astrologie nicht unterrichteten Lehrern die Verachtung der Astrologie ablernen müssen. Wir Schüler waren in diesem wie in vielen anderen Weltanschauungsgedanken dumm gemacht worden von Unaufgeklärten, und man verblieb gedankenlos sein Leben lang in dieser blinden Verachtung stecken, die man fälschlich für die höhere Aufklärung einer neuen Zeit gehalten hatte.

Die Lehrer hatten mit dem Satz: keiner kann die Zukunft wissen, die Astrologie ist etwas Übernatürliches, und mit Übersinnlichem geben wir neuzeitlichen Menschen uns nicht mehr ab, – die Astrologie rasch abgetan. Dieses mußte ich den beiden amerikanischen Okkultisten zugeben.

Die beiden Amerikaner wiederholten mir fortwährend: die Astrologie ist keine übersinnliche Kraft. Es wird bei der Astrologie mit natürlichen Kräften hantiert. So natürlich wie man mit dem Zucker sich den Tee versüßen kann und mit dem Salz den Tee ungenießbar machen kann, so natürlich ist die Sterndeutung. Die Wetterkarte der Wetterwarten und die Sternkarte der astronomischen Warten sind anerkannte wissenschaftliche Tatsachen, und nur auf Tatsachen, nicht auf Übersinnlichkeiten oder Übernatürlichkeiten, stützt sich auch die Astrologie.

Und da ich für Lebensbeobachtung bin und für Lebensbereicherung eintrete, wurde mir, als ich alles dieses ruhig und es nicht blind ablehnend überdachte, die Wissenschaft der Astrologie verständlich. Ich begriff, daß sie ungefähr den Wettervorausberechnungen gleichkommt.

Der an Einflüssen reiche Sternhimmel, den ich nachts über mir sah, angefüllt mit Schicksalsträgern, war mir danach nicht mehr bloß ein Bild aus leuchtenden Weltbällen, die wie ein leeres Feuerwerkschauspiel flimmern und nur durch ihr Licht ergötzen. Die Nachtbilder der Sterne sehen jetzt immer prächtig ereignisschwanger in mein Fenster, wie die Gesichter einer Menschenmenge, unter denen ich hier und dort Bekannte begrüße, die beeinflussend auf mein Schicksal unbewußt wirken, wie ich auf sie unbewußt wirken muß.

Leben, mit denen man in nächster Nähe, im Gespräch oder in Gedanken, verkehrt, werden einem herzlich vertraut. Und so wurden mir nach dieser Erkenntnis jetzt die Planeten herzlich vertraut. Sie wurden zu Nachbarn meines Lebens, wie jene Vögel mir vertrauter sind, die in meinem Garten nisten, als die, die nur am Himmel vorüberfliegen.

Die Planeten Venus, Jupiter, Mars waren für mich bisher nur Sterne in der Sternmasse gewesen. Sie traten mir aber bei der Betrachtung des nächtlichen Himmels nachbarlich nah, nachdem ich ihren besonderen Einfluß auf die Leben der Erde erfahren hatte. Sie sind Familienmitglieder unserer Erde, sagte ich mir, Glieder unserer Sonnenverwandtschaft.

Jene Möwen in Bohuslän, deren Brutstätte ich besucht hatte, waren mir damals auch von der Stunde an vertrauter geworden, da ich mich in ihr Brutleben vertieft hatte, nachdem ich vom Kapitän und dem Pfarrer an der Möwen Eigenleben erinnert worden war. Und beim Nachdenken darüber, daß ich tölpelhaft gewesen und die Wochenstuben der Möwenmütter gestört hatte, war ich, nachdem ich mich mit den Gewohnheiten jener Vogelwelt bekannt gemacht hatte, mehr zu innerlichen Kameraden jener Möwen geworden, als ich es vorher gewesen. Wohl hatte ich die Möwen vorher schon als Weltallkameraden gefühlt, aber ich war ihnen noch nicht als Lebensnachbar nahegekommen. Und ebenso war es mir jetzt mit den Sternen ergangen.

Damit, daß man sich die Weltzusammengehörigkeit aller Leben im Geiste klargemacht hat, hat man nur den ersten Schritt zur Erkenntnis des Weltallfestes getan. Der Geist, unsere Weltferne, besitzt aber auch einen erdvertrauten Leib, der uns zur Weltnähe führt, deshalb muß man die neue Weltanschauung nicht bloß geistig, sondern auch körperlich erleben wollen, um zur Weltvertraulichkeit zu gelangen, die dann der geistigen Feststimmung auch die irdische Feststimmung gibt. Denn erst aus beiden Feststimmungen ergibt sich das warme allfestliche Lebensgefühl des Menschen.

 

Aber nicht bloß vom geistigen Sichvertiefen des nach Lebensgründung strebenden amerikanischen Ehepaares hatte ich in London Gewinn. Auch vom schlichten Alltagsleben, das sie führten, lernte ich neue Lebensart kennen.

Der junge amerikanische Ehemann erleichterte seiner Frau, wo er konnte, das Hauswesen, um sie zu schonen. Da er ihr nicht ein eigenes Haus bieten konnte, war er doppelt sorgsam um sie. Und es war eine Freude zu sehen, wie keine Handreichung, die er ihr tat, ihm erniedrigend vorkam in bezug auf seine männliche Würde.

Sie, die Schwächere zu schonen, war ihm Würde. Wenn er sie glücklich wußte, dann fühlte er sich lebenswürdig und dachte nicht daran, seiner Männlichkeit irgendeine andere Glorie aufzusetzen. Und in der Tat, in der Hingabe zu ihr, in der Sorge um ihr Wohl, bewies er seine Männlichkeit besser, als wenn er sich eigenliebend mit leerer Würde gebrüstet hätte.

An einer Straßenkreuzung des Upper Wooburn-Platzes befand sich ein Markt. Kein Markt im deutschen Sinne. Sondern da waren vier Läden der vier Häuserblocks, die die Straßenkreuzung bildeten. Da waren ein Bäckerladen, ein Fleischerladen, ein Drogenladen, der zugleich Fischhandlung war, und eine Gemüse- und Südfrüchtehandlung. Es gab also da alles zur täglichen Nahrung Nötige.

Der Drogist bot Geflügel und Fische, Marmeladen und sonst hundert eßbare Dinge feil. Die Grünwarenhandlung war reich an Gemüsen aus den Mittelmeergegenden und an Südfrüchten der englischen Kolonien. Der Fleischerladen war appetitlich und zeigte frische Ware auf sauberem Marmor, und der Bäckerladen bot Backwaren und Teegebäck aller Art.

Der junge amerikanische Künstler nahm jeden Morgen eine Handtasche und kaufte alles Nötige für die Mahlzeiten ein, und ich begleitete ihn und staunte über seine Kenntnisse. Die frischesten Gemüsearten, die besten Fleischstücke, die schmackhaftesten Fischarten verstand er im Rohzustande ausgezeichnet auszuwählen. Ich fand diesen Morgenweg immer unterhaltsam und anregend.

Man hörte in der Fischhandlung von den letzten Fischzügen, vom Meersturm, der die Hummernsendung verhindert hatte. Man hörte in der Gemüsehandlung von der Bananenernte, die in diesem Jahr in Ceylon besonders günstig gewesen sei, von den Ananassendungen, die eben aus Westindien eingetroffen waren. Man hörte beim Metzger vom Viehstand und von der Viehzucht in den verschiedenen englischen Provinzen, die London versorgten, und man war während zwanzig Minuten ein bißchen überall in der Welt gewesen.

Wenn wir dann nach Hause kamen und der Amerikaner seine Einkäufe der Köchin der Pension gegeben, und diese die Dinge in die Küche, die im Keller lag, hinuntergetragen hatte, und wenn später zur Frühstückszeit, um zwölf Uhr mittags, und zur englischen Mittagszeit, nach sechs Uhr abends, alle eingekauften Sachen wohlzubereitet von der schmucken Bedienung aufs Zimmer gebracht wurden, dann aß man die Speisen angeregter und belustigter, weil man ihren Ursprungsorten schon beim Einkaufen nahe gekommen war.

Nichts zu gering finden, auch in den kleinsten Dingen von Hand zu Hand sich behilflich sein, ohne sich in falsche Würde einwiegen und behaupten zu wollen, dieses war es, was ich nie vorher Gelegenheit hatte, in Deutschland zu beobachten. Und ich lernte in der Nähe der jungverheirateten Amerikaner ein mir neues Tagesleben, denn das Zusammenleben der beiden war innig und edel.

Der junge Mann hatte nie das Bedürfnis, in Kaffeehäusern zu sitzen oder Klubs zu besuchen. Er und seine Frau kannten viele Menschen in London und gingen Sonntags zur Teestunde in verschiedene Häuser, und ein- oder zweimal in der Woche besuchten sie den okkultistischen Geheimbund, dem sie angehörten. Die Hälfte des Tages oder ganze Tage verbrachten sie im Lesesaal der britischen Sammlungen, da sie nach London gekommen waren, um sich geistig zu vertiefen. Später wollten sie dann wieder nach Paris zu ihrer Atelierarbeit zurückkehren.

Durch einen Bekannten, der ein Haus in Kensington besaß, konnte ich auch eine Einlaßkarte in den britischen Lesesaal erhalten. Denn man darf nur, wenn man die Unterschrift eines Londoner Hausbesitzers vorzeigen kann, auf Genehmigung eines Einlaßgesuches rechnen.

Dort im größten Lesesaal der Welt sah ich zum erstenmal die mächtigen großen Bände in der Urschrift, die Albrecht Dürer – der Okkultist gewesen – über Menschenkörpermaße mit Bild und Text verfaßt hat. Auch sah ich die großen Mappen Leonardo da Vincis, seine Urschriften über Festungsbaukunst, Entwürfe für seine Belagerungsmaschinen und die ersten Skizzen für sein Meisterwerk «Mona Lisa», seltene Kunstdinge, die ich später nicht wieder Gelegenheit hatte zu genießen. Der junge amerikanische Bildhauer studierte jene Albrecht Dürerschen Bücher, und ich übersetzte ihm die deutschen Texte ins Englische.

Auch die Bände des englischen Geisterdichters Blake, der um 1810 gelebt hat, fesselten mich sehr. – Die Okkultisten behaupten, es sei nachweisbar, daß alle die großen Meister der Italiener, ebenso die Meister des mittelalterlichen Deutschlands, die Maler und auch Goethe, viele Zeit ihres Lebens dem Studium der Kabbala gewidmet haben. Deshalb seien dieser Männer Werke von so bleibender Schönheit, weil sie nicht bloß äußeren Sinnenreiz bieten wollen, sondern weil sie auch die Geheimwelt der Urweisheit, deren Schlüssel in der Kabbala liegt, erfaßt haben.

Der englische Dichter und Maler Blake, der die Kabbalaweisheit gründlich studierte, hat absonderliche Gedichtbände gedichtet, die voller Geisternamen wimmeln. In seinen Werken, die dickbändiger als die Bibel sind, hat er eigentümlicherweise über jede Zeile, die er schrieb, Bilder dessen, was jede Zeile in Worten erzählt, gezeichnet: fliegende Geister auf Wolken, Sternen, Planeten, halb Tier-, halb Menschenungeheuer. Die Seiten seiner Bücher sehen deshalb sehr fremdartig aus, da jeder Gedanke nicht bloß in Wortzeilen, sondern auch in Zeilenbildern dargestellt ist.

Ich hatte früher von dem Kabbalawissen reden hören, ähnlich wie von der Astrologie, als von etwas Krausem, Unvernünftigem. Ich erfuhr aber, daß dieses Wissen so wohlbegründet ist, wie die Astrologie es ist, die jedem einzelnen notwendig oder unnotwendig erscheinen kann, so wie das Wettervoraussagen.

Das Kabbalawissen dringt in die Tiefe und in den mächtigen geistigen Erfahrungsgehalt ein, der aufgespeichert wurde von starken Gehirnen aller Jahrhunderte, von Gehirnen, die über das Alltagsleben hinaus Weltergründungen gesucht haben, wie es Salomon getan und die arabischen Mathematiker und die indischen Brahmanen, wie der Kult der Griechen in Delphi und der Isiskult der Ägypter.

Doch diese Ergründungen, wenn sie auch fern vom Wirklichkeitssinn der heutigen Wissenschaft zu liegen scheinen, sind einst mit nicht minder hohem Wirklichkeitssinn erforscht und zusammengetragen worden.

Ein Mensch, der sich abends zu Bett legt, weil er am Tage Geld verdient hat und müde wurde, und der dann fest schläft und morgens wieder aufsteht und wieder Geld verdient und abends wieder einschläft – er würde zum Beispiel nie beobachten können, daß die Sternstellungen sich nachts verändern. Und so werden ihm viele tausend andere Beobachtungen entgehen, die ihm nicht zufällig auf dem Weg seines Geldverdienens begegnen und sich ihm aufdrängen.

Deshalb aber darf dieser Mensch doch nicht behaupten wollen, weil er tausend Beobachtungen nicht selbst erlebte, die es außerhalb seines Berufsweges gibt, und die von anderen beobachtet werden können, welche sich das Weltergründen und Weltbeobachten zum Beruf gemacht haben, daß diese Dinge, die er nicht gesehen hat, überhaupt nicht bestehen.

Es wäre wohl ein Unsinn, zu behaupten, daß es keine Sterne gibt, weil einer, welcher mit den Hühnern schlafen ginge, niemals den Sternenhimmel gesehen hätte.

Und so darf auch ein kluger Mensch und ein Mensch, der sich Schöpfer und Geschöpf zu gleicher Zeit fühlt, nicht blindlings nur auf sein Gegenwartsleben pochen, sondern er muß auch die Werte der Vergangenheit beobachten. Die Geheimwerte, die fremde Völker, fremde Jahrhunderte ergründeten, müssen auch bei jedem klugen Geiste Beachtung und Aufnahme finden. So wie wir die Taten der Geschichte würdigen, müssen wir auch die Gedanken der okkultistischen Überlieferungen würdigen lernen, die nichts anderes sind als die Geschichtsereignisse des Denkens, Werte aus der Geschichte stiller, geheimer Beobachtungen, aus der Geschichte jener geheimen Wirklichkeiten, die scheinbar im Unwirklichen liegen und immer wiederkehren und immer weiterleben.

Ich meine natürlich nicht, daß jedermann sich in den Okkultismus vertiefen kann. Aber diejenigen, die sich zum Geistesadel der Nation zählen wollen, sollten doch, ehe sie rasche Urteile fällen, für die sie keine Vorkenntnisse haben, erst selbst den alten Überlieferungen nachdenken, ehe sie tiefste Natürlichkeiten für unsinnige Unnatürlichkeiten ausgeben.

Wie weit diese Geheimlehren nützlich sind und anwendbar aufs heutige Leben, dieses soll jeder sich selbst beantworten. Wer die Astrologie zu Rate ziehen will, dem sollte das unbeirrt und unbelacht freistehen. Dann erst ist unsere Zeit, die sich so gern die aufgeklärte nennt, wirklich würdig, aufgeklärt genannt zu werden, wenn sie durch keinen Spott mehr die Wege verstellt, die der jahrhundertealte Menschengeist gegangen ist.

 

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