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Gedankengut aus meinen Wanderjahren

Max Dauthendey: Gedankengut aus meinen Wanderjahren - Kapitel 15
Quellenangabe
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authorMax Dauthendey
titleGedankengut aus meinen Wanderjahren
publisherAlbert Langen
printrun7. bis 9. Tausend
year1913
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
created20090226
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Und das tat er auch. Am nächsten Mittag kam der Kapitän zum Pfarrhaus getrollt. Der junge Schwede hatte seinem Vater von unserer Fahrt erzählt. Dieser kannte den Alten längst. Als der Pfarrer zugleich hörte, daß wir eine Möwenbrutstätte aufgesucht hatten, wurde auch er plötzlich ganz ernst und schüttelte verwundert den Kopf.

Da kam ich mir mit einemmal ganz unwissend vor und hatte das Gefühl, als wären wir, der Schwede und ich, gestern, als wir auf jener Insel bei den Möwenmüttern im Boot angelegt hatten, wie zwei täppische junge Jagdhunde gewesen, die in ein Zimmer hereinspringen und nicht wissen, wo sie sind, und friedliche Leute erschrecken.

Der alte Pfarrer sagte: «Brutstätten darf man nicht stören. Das tut man nicht.» Und als ich ihn fragte, was uns hätte geschehen können, sagte er kurz: «Das weiß ich nicht. Aber die Leute im Lande, die Fischer, behaupten, es störe die Seefahrt und den Fischfang.»

«Wir sind auch schon gestraft», sagte der junge Schwede. «Wir haben zuerst Angst vor einem Unwetter gehabt, und auf der zweiten Hälfte des Weges schlief der Wind ganz plötzlich ein, und wir haben rudern müssen, und wenn der alte Kapitän nicht mitgerudert hätte, würden wir das Land zum Abend nicht erreicht haben und hätten zur Nacht auf dem Wasser liegen müssen.»

Und ich mußte viel darüber nachdenken. Wenn man durch einen Kanonenschuß in den Himmel versucht – und es auch erreicht hat –, Wolken und Gewitter zu erzeugen, so, sagte ich mir, konnte auch die unendliche Masse Möwen, die über unseren Häuptern mit kreisendem Flug stundenlang im höchsten Äther gelärmt und mit den Flügeln geschlagen hatten, recht wohl in dem schwülen Maienmittag ein Gewitter erzeugt haben. Denn um uns fortzuscheuchen, schrien die Möwen ganz besondere Rufe, Ketten von wirbelnden Rufen. Es hörte sich an, als rauschte ein lärmendes Feuer mit spitzen Stichflammen in den Himmel, so heftig war das Pfeifen und Flügelschlagen zur Mittagsstunde im Luftkreis über uns gewesen.

Und ich sagte mir weiter, wir werden von Haus aus als zu schlechte Nachbarn der Tiere, Pflanzen und Mitwelt erzogen. Wir lernen vielen Kram, aber wir lernen nicht, freundlich und geduldig die Lebensgewohnheiten der Tiere im Auge zu haben, wie Gewohnheiten unserer Hausnachbarn, die wir achten sollen. Wir sind nur Kameraden mit den Menschen, aber nicht Kameraden mit dem Weltalleben. Und wie reich, innig und festlich wäre unser Dasein, wenn wir verständige Kameraden allen Leben würden und nicht in unserer Unvernunft und unserer Ungeduld uns verleiten ließen, uns höherstehender vorzukommen als Tiere und Pflanzen. Solcher Hochmut ist unfruchtbar und unkameradschaftlich und läßt uns Menschen in den Augen des übrigen Weltalls lächerlich und beschränkt erscheinen.

Wie roh und beschränkt müssen wir beide den Möwen vorgekommen sein, als wir nicht die einfachsten Anstandsgesetze achteten und Mütter, welche Kinder zur Welt brüteten, in ihren Wochenstuben aufstörten. Wir taten, als wenn die Lebenserzeugung nur bei den Menschen die Mütter im schwangeren Zustand heilig spräche. Als ob die Tiermütter in demselben Zustand nicht auch heilig zu sprechen wären von unserer aller Schöpferkraft, die allen Handlungen bestimmte Grundgesetze vorgeschrieben hat.

Ich mußte noch den ganzen Sonntag über dieses letzte Ereignis nachdenken. – Der alte Kapitän war vom Pfarrer zu Tisch geladen worden, und er saß mir da bei Tisch gegenüber wie ein lebender Vorwurf meiner gestrigen Gedankenlosigkeit. Er sprach aber nicht von gestern und dachte auch sicher kaum noch an unser Versehen. Aber mein Herz ließ nicht los, mit ihm im stillen darüber zu sprechen.

Und er antwortete mir vieles im stillen zurück, der kleine vertrocknete mumienhafte Kapitän. Äußerlich aber befand er sich mit sich wie in einem Sturm. Zwei Jahre hatte er kein grünes Blatt und keinen grünen Halm gesehen. Zwei Jahre hatte er keine Stille in seinen Ohren genossen.

Er sagte nach dem Essen zum Pfarrer, er wäre gekommen, um die Nachmittagskirche zu besuchen. Und er ging vom Tisch fort und murmelte noch etwas. Die Glocke läutete dann, und als alle zur Kirche gegangen waren und ich in den Garten ging, um mich am Gartenende mit einem Buch auf die Moosbank zu setzen, staunte ich über die ab und zu fliegenden Elstern, die in den Erlenbäumen an der Südseite des Gartens gar keine Ruhe gaben. Auch sah ich über den langen Gartenweg mehr Eichhörnchen als sonst den Weg kreuzen. Auch die wilden Bienen summten heftiger unter den eben erblühten Apfelbäumen und über den Köpfen der hochgeschossenen Pfingstrosen.

Etwas war nicht in Ordnung im Garten. Nun kamen mir auch die drei Katzen des Hauses entgegen, die weiße, die schwarze und die graue. Sie gingen nicht, sie strichen, hohe Buckel machend, an den Stämmchen der jungen Bäume hin und hopsten nach rückwärts. Sie waren also besonders vergnügt und zufrieden. Wären junge Vögel irgendwo gelegen, die aus dem Nest gefallen waren, und hätten diese die Katzen angelockt, so wäre ihr Gang geduckt, zielbewußter und bei meinem Anblick scheu und bestürzt gewesen. Aber die drei Katzen gingen nur gemütlich spazieren, erzählten mir aber irgend etwas, das ich mit meinem innersten Ohr noch nicht deutlich hörte, weil ich noch zu überrascht war.

Das Auge muß fühlen und nicht bloß sehen, wenn man mit dem Weltalleben Gedankensprache austauschen will. Die eigenen Wünsche müssen verstummen können. So wie man nicht ohne Übung fremde Sprachen sprechen kann, so muß man auch im Weltallverkehr ein wenig unauffällig Selbstzucht an sich üben. Aber nicht mehr, als man braucht, um telephonieren zu lernen.

Ich ging zur Moosbank hin und setzte mich und wollte lesen, aber die Elstern flogen zu und flogen fort, doch nicht ängstlich und auch nicht aufgebracht. Nur unterhaltsam, als wären sie in angeregtestem Gespräch.

Nun jagte auch ein großer weißer Vogel tief über den Garten, eine Möwe. Das war selten, daß im Sommer eine Möwe so weit ins Land hereinflog. Und ich mußte an die Seehunde denken, die gestern neugierig dem alten Kapitän nachgeschwommen waren. War nun auch diese Möwe ihm neugierig nachgeflogen?

Nach einer Weile ging ich an den roten Pfingstrosen vorbei, und ein paar Goldkäfer, die an den Blüten hingen, blitzten mich goldgrün an, und ich mußte an die Fenster des Klippenhauses in jener grünen Meernacht denken, in der der Himmel nicht dunkel wurde. Und ich mußte bei den Rosen an den purpurroten Tang denken, der draußen um die Möwenbrutstätten in dickem Kranze schwamm.

Ich habe eine Weile so vor mich hingeträumt und dachte: Wie wunderbar einschläfernd summen die Bienen! Wenn die Erde nicht so frühlingsfeucht wäre, müßte es gut sein, hier im Garten auf einer Grasböschung auf dem Rücken zu liegen, den blauen Himmel anzublinzeln und sich von den Bienen einschläfern zu lassen.

Dann läutete es wieder von der Kirche her, und ich war erstaunt, wie schnell die Zeit vergangen war. Die Kirche war aus. Aber daß Zeit vergangen war, das merkte ich nur an dem Gartenweg. Die Schatten der Bäume waren gewachsen, und der Weg sah mich nicht mehr grell sonnig an. Die Schatten zogen alle, länger geworden, sichtbar nach einer Richtung quer über den Garten fort.

Im Pfarrhof bei den Stallgebäuden hörte ich dann die Bauernwagen von der fernen Kirche fortrollen, und der junge Schwede kam von seinem Zimmer herunter, wo er geraucht und Mittagsruhe gehalten hatte. Er streckte unter der Haustüre seine Glieder und lachte und nickte mir zu.

«Der alte Kapitän wird genug Kirche heute bekommen haben», rief er. Und wir lachten und plauderten unter der Haustür ein wenig von dem alten Meerkauz.

Dann kam der alte Pfarrer, von einigen Männern der Gemeinde begleitet, in den Hof. Wir fragten ihn, ob der Kapitän sich schon verabschiedet habe, weil wir ihn nicht sahen.

«Ach nein», lachte der alte Herr gutmütig, «er war gar nicht in der Kirche. Er schläft wahrscheinlich noch im Garten.»

Und jetzt erinnerte ich mich, daß der Kapitän früher vom Tisch aufgestanden war und sich entschuldigt hatte, daß er ein Schläfchen tun möchte, da ihn die ungewohnte Landluft und der Geruch des Frühlings müde gemacht hätten. Wir waren im Gespräch gewesen und hatten seine letzten Worte halb überhört und glaubten, er sei zur Kirche gegangen.

«Er wird sich zu Tode erkälten», meinten die Damen des Hauses, die dazugekommen waren.

«Ach, nun verstehe ich alles», sagte ich zu dem jungen Schweden. «Der ganze Garten hat es mir erzählen wollen, daß der Alte, der zwei Jahre kein Grün und keine Blumen gesehen hat, sich zum Schlaf dort niedergelegt habe. Deshalb schnatterten die Elstern so laut, sie machten aufmerksam auf den Schlafenden unter den Bäumen. Und die drei Katzen strichen so verwunderlich hopsend herum und erzählten es mir, ihr Behagen ausdrückend, daß einer im Garten schlafe, von dem die Erde sage, daß man ihn nicht stören dürfe.

Auch die Eichhörnchen hatten sich ihn angesehen, den Meergreis, der selbst so behende und zwerghaft war wie die Eichhörnchen. Und der nach Meerluft roch und nach Fischen, die die Katzen behaglich hinzugefügt hatten. Und eine Möwe hat im Flug mit dem Schnabel auf ihn gedeutet. Und die grünen Goldkäfer an den Pfingstrosen hatten mir verständnisinnig zugeblinkt. Und alle meinten, mir den Schläfer zu zeigen, der ein Stück Meerwelt in das Garteninnere brachte.

Dann fanden wir ihn auch, als wir vorsichtig gingen und suchten, auf der Grasböschung am Gartenrand. Unter einem Haselnußstrauch lag der kleine alte Mann auf dem Rücken. Er hatte seinen Kapitänsuniformrock ausgezogen und ihn unter seinen Kopf gelegt und hatte sich mit seiner Kapitänsmütze Stirn und Augen zugedeckt. Aber den Mund hielt er weit offen, und seine Hände hielt er über der Brust gefaltet. Die schwielenreichen alten Finger, die vierzehn Schiffe gesteuert und geführt hatten, waren fest ineinander gehakt. Sein offener Mund atmete die langentbehrte Garten- und Landluft und die langentbehrte Stille in seinen alten meergebeizten Körper ein.

Wir konnten es nicht übers Herz bringen, ihn zu wecken und zu stören. «Aber wenn er sich erkältet?» meinte ich einen Augenblick.

«Der ist wie aus Seehundsleder», sagte der junge Schwede. «Den bringen Erde und Wasser nicht um. Er hat vierzehn Schiffbrüche erlebt und ist nicht umgekommen; da wird ihm doch die Erde im Schlaf nichts antun können und antun wollen.»

«Und wenn er an diesem Schlaf sterben sollte», sagte ich, «so hat er wenigstens die Befriedigung, daß er noch einmal einen Landschlaf in Ruhe und ohne irrsinniges Meergeschrei und Brandungsgebrüll genossen hat.»

Und wir ließen den Alten schlafen, trotzdem die Schatten des Gartens ihn kühl zudeckten. Alles schien auch dem Alten den verdienten Landschlaf herzlich zu gönnen.

Und der Schlaf im Grünen ist dem Kapitän nicht schlecht bekommen. Nur darin bekam er ihm vielleicht nicht gut, daß er, als er aufgestanden, dem Pfarrer und uns erklärte, er möge nicht mehr aufs Meer hinaus. Er sähe gar nicht ein, warum er seinen alten Knochen nicht endlich am Land Ruhe gönnen sollte.

Und wirklich kündigte er nach diesem Landbesuch der Regierung seinen Leuchtturmplatz und mietete sich bei Freunden in Fjellbacka ein. Aber das Land wußte nichts mehr mit ihm anzufangen, und der kleine Meergreis starb bald ganz schnell weg, als wäre er nur ans Land gekommen, um in den Tod hinüberzuschlafen. –

Jene mehrtägige Meerfahrt bedeutete für mich auch zugleich den Abschluß meines Aufenthaltes im Pfarrhause. Denn der Sommer, der jetzt kam und Gäste und Besucher und Leben in die Einsamkeit brachte, trieb mich, der ich Ruhe zu Gedanken und Arbeiten liebte, zum Fortwandern an.

Ich war selbst erstaunt, daß die mächtige Einsamkeit, die mich zuerst bei der Ankunft, im Gegensatz zum lebhaften Berlin, an jenem Pfarrhause erschreckt hatte, mir jetzt zur unentbehrlichen Lebensbedingung geworden war.

Auch der junge Schwede wunderte sich nicht wenig, als ich ihm eines Tages sagte, ich fände das Haus, in dem Sommergäste kamen und gingen, zu lebhaft geworden, und daß ich mich nach der Zurückgezogenheit und totstillen Einsamkeit, wie ich sie hier in den ersten Wochen nach der Ankunft aus Deutschland genossen hatte, sehnte.

Er erwiderte mir, daß er das ganz unbegreiflich fände, da ich doch zuerst über die unendliche Winterstille im Pfarrhause erstaunt gewesen wäre und behauptet hätte, es wohnten keine Menschen, sondern nur eine tickende Uhr im Hause.

Ich mußte ihm recht geben; aber nicht darin, daß ich mich an den Sommerlärm in seinem Vaterhause so gut würde gewöhnen können wie an die Winterstille.

Ich sagte ihm, so wie mir sein Vaterhaus lieb geworden sei, so möchte ich es immer in meiner Erinnerung tragen. Es stünde dann einzig in seiner Art unter meinen Erlebnissen, und ich möchte deshalb nicht das Haus im Sommer beobachten, wie es immer ähnlicher allen anderen Familienhäusern würde, die ich kannte. Ich wollte es nicht in mir allgemein und gewöhnlich werden lassen, sondern den Aufenthalt dort als ein außergewöhnliches Erlebnis, so erhaben und mächtig wie es gewesen, für alle Zeiten im Gedächtnis behalten.

Bis zum Johannisfest, wo in der hellen Sommernacht im Freien getanzt wurde und das Klavier hinaus hinter grüne Hecken in die Steinfelder gebracht wurde und die Töchter des Hauses und ihre Freundinnen mit viel Gelächter den Auszug des Klaviers unter den freien Himmel begleitet hatten, bis zu diesem Fest bin ich noch geblieben und war nahe daran, mich von dem Mädchentrubel verlocken zu lassen, auch den Sommer im Pfarrhause zu verbringen. –

Es war mir aber nach meiner Abreise dann ganz seltsam zumut. Nirgends mehr fand ich die unergründliche Ruhe, die majestätische Einsamkeit, wohin ich mich auch wendete, – nicht auf dem Lande, nicht in den Städten, auch nicht bei den Buchenwäldern Dänemarks am Isefjord, die, auf flachem Sandboden gewachsen, mir wie große Parkanlagen vorkamen im Vergleich zur Urweltnatur Bohusläns. Das Meer schien mir bei Dänemark ein Tümpel zu sein und der Isefjord ein Parkteich.

Die dänischen Kornfelder, über denen die Windmühlen einförmig sich auf und nieder drehten, kamen mir einfältig, nützlich und langweilig vor nach der prächtigen Granitdüsterkeit der nordischen Steinprovinz, in der die Hügel wie versteinerte Walroßherden gelagert waren, wie versteinerte Mammutleiber. Vorsintflutlich und ungeheuer abenteuerlich war vor den Fenstern des Bohuslänschen Pfarrhauses die Umgebung gewesen. Aber dort in Dänemark, wo die Sommerausflügler und die wandernden Kinderschulen und die herumliegenden Zeitungspapiere einen fortwährend an enges Menschenleben erinnerten, an sinnlose Bildungssucht, wie sie über allen Völkern Europas jetzt liegt, da wurde ich keinen Tag froh. Der Unterschied war so groß, als wäre ich wirklich wieder vom Mond auf die Erde zurückgekehrt.

Und noch viel schlimmer erging es mir, als ich Landleben mit Stadtleben zu vertauschen suchte. Selbst das liebenswürdige und ungemein trauliche Kopenhagen, eine der feinfühlendsten Städte unter den Städten und die Stadt meines Lieblingsdichters J. P. Jakobsen, konnte mich nach der erquickenden Zeit in Bohuslän nicht zum Bleiben verlocken. Wohl wanderte ich in der dänischen Hauptstadt gern in Jakobsens Fußtapfen und war gern bei Andersens alter tröstlicher Märchenwelt, die jeder Kopenhagener Pflasterstein einem deutlich wiedererzählt. «Die Galoschen des Glückes», «die kleine Seejungfrau», «die Schneekönigin» begleiteten mich bei jedem Schritt und ließen mich der Vergangenheit nachhängen. Aber starkes Gegenwartsleben, neue vertiefte Wirklichkeitseindrücke, wie ich sie in Bohuslän stündlich erlebt hatte, erhielt ich hier nicht.

Wäre ich älter gewesen, würde mir das trauliche Kopenhagen sehr behagt haben. Man muß aber zuerst das Ziel möglichst erreicht haben, das man sich setzte, und muß schon zur Vergangenheit hinneigen, um wunschlos in der Wirklichkeit ohne starkes Gegenwartsleben auskommen zu können.

Oder man muß, alt geworden, mit einem Chaos von mächtigen Erlebnissen angefüllt sein, dann sucht man gern stille träumerische Landschaft oder idyllische Orte auf, um dort die Flut der Eindrücke wie eine Sammlung zu sichten und zu ordnen.

Auch als ich zu Weihnachten zu einem Besuch in mein Vaterhaus nach Würzburg kam, schien mir die Rückkehr dorthin verfrüht. Zwar genoß ich den erfrischenden Geist meines Vaters und liebte den Kulturreichtum meiner altfränkischen Heimatstadt, aber doch schien mir beides im Wege zu sein für meine weitere Entwicklung. Denn die Zeit zur Selbstbetrachtung und die Zeit, mich in den Heimatboden einzuwurzeln, war noch nicht gekommen.

 

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