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Gedankengut aus meinen Wanderjahren

Max Dauthendey: Gedankengut aus meinen Wanderjahren - Kapitel 12
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authorMax Dauthendey
titleGedankengut aus meinen Wanderjahren
publisherAlbert Langen
printrun7. bis 9. Tausend
year1913
firstpub1913
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secondcorrectorJens Sadowski
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In Berlin war in den ersten Jahren der neunziger Jahre eine große nordische Bewegung im Gang. Ibsen belebte die Theater. Björnson wurde uns näher bekannt. Strindberg war nach Deutschland gekommen. Außerdem machten die Bilder des jungen norwegischen Malers Munch einen verblüffenden Eindruck auf die Berliner Akademie.

Ein Akademieprofessor hatte auf einer norwegischen Reise von den Arbeiten Munchs in Christiania gehört und den jungen Künstler aufgefordert, in der Berliner Akademie eine Ausstellung zu veranstalten.

Als aber Munch seine Bilder im darauffolgenden Herbst sandte und die Sendung in der Akademie ausgepackt werden sollte, wurden die anderen Akademieprofessoren, die bei der Öffnung der Kisten anwesend waren, dermaßen erschrocken über die neue Malart des Norwegers, daß sie nicht einmal die Bilder auspacken lassen wollten, den Saal zur Ausstellung verweigerten und so dem Gaste, den sie eingeladen, schmählich die angebotene Gastfreundschaft kündigten.

Der Norweger aber wußte sich zu helfen und wußte sich zu rächen. Er mietete Ecke der Leipziger und Friedrichstraße, also an der damals verkehrsreichsten Stelle der Hauptstadt, einen in dem ersten Stockwerk eines Prachtgebäudes leerstehenden großen Ladenraum, ließ seine Bilderkisten dorthin bringen und stellte die ganze Sendung auf eigene Faust dort aus. Natürlich wollte Berlin den Maler sehen, den die Berliner Akademie ein- und ausgeladen hatte.

Die Berliner Zeitungen brachten lange Spalten für und gegen Munchs neue nordische Malerei, die alle Überlieferungen übersprungen hatte, die nicht mehr gewollte Schönheit sah und nicht nach der Farbenskala vorgeschriebener Farbentöne malte, sondern die die Welt in Linien und Farben wiedergab, wahr und unverdreht und doch dem inneren phantastischen Eindrucksgebilde getreu, von dem das Herz des Künstlers erschüttert worden war.

Aber trotz dieser Ausstellung blieb Eduard Munch noch lange in Europa unverstanden, und ich habe später oft in Paris bei den Jahresausstellungen der «Independants» beobachtet, daß das Bürgerpublikum dort, so wie in Deutschland, mit einem Ausruf des Schreckens vor den Munchschen Bildern stehenblieb und dann mit einem Lachen sich abwendete.

So mochte man vor hundert Jahren die ersten Bilder der Chinesen und Japaner bei uns aufgenommen haben, die man erst später genießen lernte.

Als ich in Berlin in Munchs erste Ausstellung trat, mußte ich mich auch vor den neuen Bildern in der neuen Malart erst zurechtfinden. Ich sagte mir aber, wenn ich nicht sogleich das ganze Bild sehen kann und es erst, ich möchte sagen, entziffern muß, so war daran nicht Munch, nicht der Maler schuld, sondern mein, den neuen Eindrücken nicht gewachsenes Auge, das in alten Überlieferungen eingeschult war und noch nicht mit der Ehrlichkeit des begeisterten neuen Malerauges mitgehen konnte.

Aber ich fühlte den innerlichen Ernst des Malers, seine Kraft und die Ehrlichkeit der Naturwiedergabe aus jedem Bilde. Munchs Bilder wirkten zuerst ähnlich, wie die ersten Augenblicksbilder der Photographie gewirkt hatten, als man zum erstenmal springende Pferde nicht in der Auffassung gewohnter Reiterstatuen im Bilde sah, sondern in den mächtigen Verkürzungen und den fortstürzenden Verkrümmungen, die das Auge im hundertsten Teil einer Sekunde wohl miterlebt hatte, aber deren Eindruck nicht zum festen Bewußtsein gekommen war.

So auch brachte Munch neue Farben und Formen und Empfindungseindrücke zum Bewußtsein und bereicherte den Beschauer seiner Bilder, wenn dieser vertrauensvoll sein Auge der neuen Malart hingab.

Wenn einer aber ungeduldig war und hartnäckig an seinen eigenen altgewohnten Sehbegriffen festhielt, dem erschien jedes Gemälde Munchs so wie chinesische und japanische Bilder, die gleichfalls uns Europäern neue Begriffe, neues Anschauen der Natur und der Menschen in feinster und tiefster Weise eröffnen, aber lange für Wirrwarr, linienverrenkt, farben- und formenunmöglich angesehen wurden. –

Die selbstzufriedenen, unkünstlerischen und lebensunwilligen Menschen, die, in der Torheit eines beschränkten Ichs befangen, die Weiterentwicklung des Lebensfestes nicht mitfeiern können, sind Schädlinge, die den Stillstand ihrer alten erworbenen Begriffe wie einen zu kurzen Maßstab der Weiterentwicklung aller Künste entgegenhalten.

Diesen Menschen begegnen die Dichter ebensooft wie die Maler und Musiker, und diese zu kurz Empfindenden sind es, die dem Künstler die großen Dornenhindernisse bauen, Dornenhecken, die sie bis in den Himmel seiner Begeisterung wachsen lassen, und an denen er sich oft genug wund und blutig reißen muß auf seinem festlichen Lebensweg.

Diese Stillstandmenschen sind die letzten an der großen Tafel des Lebensfestes, sind die, die beschränkterweise allem neuen Lebensfestlichen mißtrauen, die schelten und unverständlich schielen auf die anderen Festlichen.

Doch können sie nicht die unendliche Schöpferlust hindern, und lange, nachdem die andern schon zu neuen Freuden übergehen, bleibt jenen Störern doch nichts anderes übrig, als dem Fortgang des Festes nachzuhinken, da die Lust am Leben sie dazu zwingt und endlich ihre Trägheitswiderstände überwindet. –

Diese Munchsche Ausstellung stellte mir die nordische Landschaft, ungeschmeichelt und in ihrer einsamen und rohen Pracht, zum erstenmal vor Augen. Auf vom Meer rundgewaschenen Klippensteinen begegnete ich auf den verschiedenen Bildern einer und derselben Mädchengestalt, die einem weißen Runenstein ähnlich dastand und über die kahlen Steinfelder fortsah. Sie kam dann auf einem anderen Bild wieder und stand im Abend im Tang beim Meerwasser, und in der Ferne, wie ein grauer Stein aufgerichtet, sah ihr immer ein junger Mann zu.

Diese Eindrücke von nordischen einsamen Menschengestalten erweckten in mir eine heftige Sehnsucht nach den Küsten jener urgermanischen Leute, bei denen nachdenkliches deutsches Wesen noch ursprünglicher zu leben schien als bei uns.

Ich war im engen Franken zwischen Weinbergen, in einer Landschaft abgezirkelter Felderflecken aufgewachsen und hatte mein Leben lang nur Wälder gesehen, in denen jeder Baum im Forstbuch wie ein Haustier aufgezählt und eingetragen war. Das waren nicht mehr die ursprünglichen machtvollen Naturwälder; es waren gezüchtete Baumherden, bei denen der Förster und sein Hund, ähnlich dem Hirten und dem Hirtenhund, Aufsicht und Ordnung zu halten hatten.

Die Heimatwälder waren nicht mehr Naturgewalten; sie waren staatliche Holzgeschäfte geworden. Und die Zeiten, da man von ihrer Undurchdringlichkeit sprach und man sich eine Abenteuerfülle in die Wälder hineinträumen konnte, waren bei uns längst vorüber. Die Bürger hatten zwar versucht, sich durch Butzenscheibenromantik das alte Abenteuerdeutschland wieder vorzuspiegeln. Aber die altdeutschen Wälder, die altdeutsche Landschaft, die konnten sie sich nicht mehr aus der Vergangenheit zurückrufen.

Nach einem jahrelangen Schul-, Familien- und Kulturzwang sehnte ich mich nach kräftigster urweltlicher Ursprünglichkeit, und die fehlte in dem kulturreichen Franken auf allen Wegen.

Prächtig verlockend aber sahen mich die nordischen Steinmassen und das nordische Tangmeer in der Munchschen Ausstellung an, und ich beneide die Figuren, die da in den Munchschen Bildern herumgingen, die ihre träumende Stirn weiten, stillen, urweltlichen Länderstrecken hinhalten durften, Landschaften, die beleuchtet waren von unergründlich hellen, gedankenreichen Sommernächten.

Es erschien auch auf jenen Munchschen Bildern oft ein Haus, immer wieder dasselbe Haus, das kahl, unschön, nüchtern, in einem Garten lag, dessen Baumwelt den verzerrten Tangpflanzen glich. Stürme hatten den Bäumen erschrockene und ringende Arme gegeben.

Auf einem Bild stand das Haus mit einer Reihe beleuchteter Fenster und vom Mondlicht grell getüncht auf einem freien Platz im Garten, wild beleuchtet, als würde es von den Bäumen und von Sturmstimmen hell angeschrien. Und im Garten stand das weißgekleidete Mädchen wieder, schmal und weiß wie eine dünne Blumenzwiebel, wie die Luftwurzel einer Orchidee über dem Gartenweg schwebend. Und neben dem Mädchen, einige Schritte entfernt, war da eine Reihe anderer Mädchengestalten, die der Sturmwind, der ihnen die Kleider an die schmalen Glieder preßte, unwirklich schlank machte.

Die Figuren waren in dem großen Garten so klein, daß ihre Gesichter im Gemälde nicht mehr als ein Farbenfleckchen bedeuteten. Aber man sah doch die Empfindung dieser Gesichter deutlich. Wie eine Reihe Irrlichtflammen strebten sie vorwärts, dem Sturm, der durch den Garten jagte, entgegen. Es war, als hörten sie alle zusammen in der großen Sturmstimme eine gemeinsame Sehnsucht reden.

Und die Gartenwirrnis mit den ungeschlachten Bäumen glich den Maschen eines Netzes, in denen die Mädchengestalten wie kleine gefangene Fische hingen. Das grelle Haus aber über dem Gartenplatz war wie ein Spuk, vor dem die Mädchen flohen und immer noch weiter entfliehen wollten. Sie wußten noch nicht, daß ein einziges Netz von Sehnsucht sie alle gefangen hielt. –

Nachdem ich diese Munchschen Landschaften lebhaft erlebt hatte, wurde der Gedanke, den schwedischen Schriftsteller Ola Hanson zu besuchen und vielleicht mein Schicksal mit den in fernen Nebeln versunkenen Küsten des Nordens verbinden zu lassen, immer kräftiger in mir.

Und als ich einige Monate später – nachdem ich oft als Gast im Hause Ola Hansons aus- und eingegangen war – mit einem jungen schwedischen Schriftsteller bekannt wurde, kam mir nichts erwünschter als die Aufforderung desselben, mit ihm sein Vaterhaus an der schwedischen Westküste zu besuchen.

Jenes jungen Schweden Vater war Oberprediger, und ich konnte bei seiner Mutter im Pfarrhause Pension erhalten, da sie im Sommer immer Pensionäre, meist aus der Stadt Gothenburg, bei sich habe.

Ehe sich aber für mich diese Gelegenheit fand, zum erstenmal nach den nordischen Ländern zu kommen, hatte ich vorher in Berlin einige geistige Erlebnisse, die von wichtigem Einfluß auf meine Weiterentwicklung waren.

Diese Ereignisse waren das Zusammentreffen mit zwei bedeutenden Zeitgenossen, mit dem Dichter Richard Dehmel und dem Dichter Stefan George.

Als ich im Herbst 1892 nach Berlin gekommen war, hatte ich noch keine Ahnung vom Erdendasein dieser beiden jungen Dichter. Das war auch nicht gut möglich, denn ihre Namen fingen eben erst an, in die Öffentlichkeit zu treten, und noch nicht einmal in die breitere Öffentlichkeit; sie wurden damals erst in den Kreisen der jüngsten Schriftsteller genannt.

Ich, der ich damals schon keine Gedichte mehr schreiben wollte, aus den früher genannten Gründen, und mich ganz der Entwicklung eines neuen Prosastiles gewidmet hatte, las auch in der neuen Zeitschrift «Die freie Bühne», die damals in Berlin erschien, nur selten Gedichte. Und da ich noch nicht mit Literaten verkehrt hatte, waren mir Dichter, die Gedichte schrieben, kaum dem Namen nach bekannt. Ich kannte nur aus jener Zeitschrift neue Dramatiker und Romanschriftsteller.

Ola Hanson hatte mich in Berlin an den polnischen Schriftsteller Przybyszewski empfohlen, und dieser sagte mir eines Tages, er habe meinen Roman «Josa Gerth», der eben erst erschienen war, Richard Dehmel zum Lesen gegeben. Ich hörte zum erstenmal den Namen, den er für sich so bekannt aussprach, als wenn er mir eine Stadt in Europa genannt hätte; die irgendwo auf der Landkarte stand, von der ich aber nichts wußte.

Bald darauf besuchte mich eines Tages in meiner Studentenwohnung ein Herr, den meine Hausfrau in ihre gute Stube führte. Ich hatte den Namen des Besuchers nicht verstanden, und ich saß mit dem Fremden vor einem großen Tisch in der eiskalten guten Stube, in der ich selbst noch nie gewesen war, und wo ich mich auch als Besuch fühlte. Die Haltung des Fremden war sinnend und gedankenvoll, so daß mir jedes Wort im Halse steckenblieb.

Der fremde Besucher hatte einen großen dunkelblauen Kragenmantel an – wie sie damals getragen wurden –, in dem er wie in einer Tarnkappe verborgen saß. Sein Gesicht schien mir sorgenvoll, und es war sehr durchfurcht. Und was der Fremde sagte, verstand ich nicht, denn er murmelte etwas Leises vor sich hin. Und er verstand wieder nicht, was ich gesagt hatte, denn meine Art war es ebenfalls, leise zu sein und leise zu sprechen – was meinen Vater und meine Umgebung oft zur Verzweiflung gebracht hatte.

Wohl nahm ich mir ganz schüchtern heraus, nochmals nach seinem Namen zu fragen, aber ob der Besuch meine Frage verstanden hatte, das erfuhr ich nicht, denn er antwortete wieder etwas Leises, als antworte er seinen innersten Gedanken.

Etwas lauter, und dieses Mal wahrscheinlich an mich gerichtet, mit einem leichten Blick in mein Gesicht, sagte mir dann der unergründliche Mensch, er habe mein Buch gelesen. Damit konnte ich aber nichts anfangen, denn er sagte nicht, ob es ihm gefallen hätte. Er murmelte etwas von «erstaunlicher Ausdrucksweise» und von sehr «farbig».

Daraufhin versanken wir wieder, jeder in seine Stille. Es wurde, als gingen wir lautlos nebeneinander durch ein weites, weißes, totstilles Schneeland, ohne Weg und nicht wissend, woher und wohin.

Dieses Nebeneinanderherdenken war eigentlich ganz nach meinem eigenen Wesen und Geschmack. Erlebt hatte ich das aber noch nicht bei einem Fremden. Der Zeitbegriff hörte beinahe auf, und es war die Stille um uns, von der es in der Bibel heißt: Tausend Jahre sind wie ein Tag.

Dann erhob mein Besuch das furchenreiche Gesicht, das er meistens gegen die Tischplatte gesenkt gehalten hatte. Er sagte, er hoffe, daß ich ihn auch einmal besuchen würde. Und er nannte eine Straße und seine Wohnungsnummer, die ich aber wieder nur halb verstand.

Wir reichten uns die Hände, und dann ging der Besuch fort, von dem ich immer noch keine Ahnung hatte, wer er gewesen und weshalb er gekommen war. Es blieb mir nur als tiefer Eindruck das tiefe Schweigen, das wir miteinander geschwiegen hatten, jeder auf die Tischplatte schauend.

Draußen über Berlin schneite es, als der Mann in der Tarnkappe fortgegangen war. Der tiefgesenkte Schneehimmel schien den Besuch fortgenommen zu haben. Er war wie von schweigenden Wolken verschluckt worden.

Einige Tage später, als ich Przybyszewski besuchte, fiel zufällig mitten im Gespräch aus Przybyszewskis Mund der Satz: «Richard Dehmel wollte Sie besuchen. Ist er noch nicht bei Ihnen gewesen?»

«Nein», sagte ich ahnungslos. Denn ich hatte mir unter Richard Dehmel keine Vorstellung gemacht, wie man sich von einer Stadt, die man nicht gesehen hat, keine Vorstellung machen kann. Den fremden Besuch brachte ich eigentümlicherweise gar nicht in Zusammenhang mit einem auf Erden lebenden Menschen. Er war wie die Schneeflocke gewesen, die lautlos ans Fenster kommt und zergeht, ehe man ihre Form noch recht erkannt hat. Er war mehr als ein Lebender und zugleich auch weniger als ein Lebender gewesen, unwirklich und wirklich, wie ich vorher noch keinem begegnet war.

Danach wieder, bei einem späteren Besuch bei Przybyszewski, sagte mir dieser: «Richard Dehmel behauptet, er sei bei Ihnen gewesen. Und ich soll Ihnen sagen, er erwarte, daß auch Sie ihn bald besuchen.»

Da begriff ich erst und erkannte auch durch Fragen, die ich an Stanislaus Przybyszewski stellte, daß jener Mann mit dem durchfurchten Gesicht Richard Dehmel gewesen war.

Aber Przybyszewski, der unruhige und geistig immer lebendige Pole, wenn er von Richard Dehmel sprach, verwandelte er mir den Mann, der mich besucht hatte, ohne daß er es wußte oder wollte, in eine andere Gestalt, und darum bekam ich bei seiner erstmaligen Frage, ob ich Richard Dehmel gesehen hätte, keine Ahnung davon, daß mein unbekannter Besuch Richard Dehmel gewesen sein könnte.

Als ich dann meinen Gegenbesuch machte und in einem großstädtischen Hause in der eben fertig gebauten Elsässer Straße im Treppenhaus auf einem schönen stattlichen Messingschild den Namen Dr. phil.. Richard Dehmel las, konnte ich mir den Mann mit dem durchfurchten Gesicht, der wie Christus die Sorgen der ganzen Welt zu tragen schien, nicht in diesen Renaissancebau hineindenken.

Und auch als ich dann in einem mattblauen Schreibzimmer stand und durch die Flügeltür nach einer Weile ein schmaler, feingliedriger, schlanker Mann von ungefähr dreißig Jahren hereinkam und mich begrüßte, da konnte ich in der Figur, die neulich unter einem weiten Kragenmantel verborgen gewesen, den Mann, den ich im eisigen Besuchszimmer meiner Hausfrau gebeugt vor der Tischplatte hatte sitzen sehen, nicht gleich wiedererkennen.

Nur die angenehme leise Stimme erkannte ich wieder, aber die Furchen im Gesicht waren lachendere Furchen, lebensbewegter und nicht nur Sorgenfurchen, wie ich sie zuerst falsch gedeutet hatte. Es war ein von Begeisterung und innerlichen Ekstasen durchwühltes Künstlergesicht, über das ich erstaunte, weil es für seine jungen Jahre schon mächtig lebenserschüttert schien.

Aber immer noch nicht kannte ich den Dichter Dehmel. Denn ich hatte noch kein Gedicht von ihm gelesen. Dann erlebte ich jenen, mir unvergeßlichen Abend, an welchem Dehmel mir sein Gedicht «Christus der Künstler» vorlas. Wir saßen bei ihm bei der Lampe an einem Tisch, und Dehmel, in gesteigerter Begeisterung, las stark ergriffen und hingerissen, wie es seine Eigenart ist, vor.

Auf meinem Stuhl war mir, als hätte man denselben mit mir mitten in eine Meeresbrandung gestellt. Ich begriff weniger das Gedicht als die Art des Dichters, der mit einer Urweltstimme fortgesetzt donnernd zwischen den Zeilen meinem Herzen zuzurufen schien: «Begreifst du nun, du elender Nichtigkeitswurm, daß der Glaube an die Dichtung Dichtung schaffen kann und Dichter gebären kann, auch wenn das Zeitalter von Prosa, Naturwissenschaft und Nüchternheit strotzt!

Ein Gedicht bleibt ewig die Krone der Schöpfung. Wie konntest du so armselig sein und nicht mehr glauben, daß auch die Neuzeit Gesänge anstimmen muß! Daß auch die Zeit der Lokomotiven, der Telegraphie und des elektrischen Lichtes Sänger haben will und muß, die in Reimen, in begeisterten Versen und ewigen Liedern Verkünder der Menschengefühle sein müssen!

Kleinmütiger, du glaubtest, die Zeit des Liedes sei vorbei? Du glaubtest, die Zeit der nüchternen Arbeit habe die Zeit der festlichen Gefühle verdrängt, habe die Menschen so taub und blind gemacht, daß keiner mehr Ruhe finden könne, sich in ein Gedicht zu vertiefen! Du glaubtest, äußerst ehrlich zu sein, als du dem Liederdichten entsagen wolltest und nur zum erzählenden Wort deine Kräfte sammeln wolltest!

Du irrst gewaltig. Du hast freiwillig verzichten wollen auf den Weg zur höchsten Menschenhöhe, um wahr gegen deine Zeitgenossen und dich selbst zu handeln! Werde wach, und sieh auf mich, den Gläubigen, der vor der Muse mit Begeisterung niederkniet und der durch das Alltagsgeschrei hindurch an Lied und Dichtung inbrünstig glaubt!»

Da kam eine Träne in mein Auge, und als Dehmel sein Gedicht fortlegte und die Brandung seiner Stimme im Zimmer verschollen war, bemerkte er die Träne, die ich gerne versteckt hätte, und wir schüttelten uns die Hände, und er sagte:

«Habe ich das wirklich fertiggebracht mit meinem Gedicht, daß du weinen mußtest?»

«Ja», sagte ich. Doch konnte ich ihm nicht all die aufgewühlten Gedanken erklären, die mich plötzlich umgewandelt hatten von einem dichtungsungläubigen in einen dichtungsgläubigen Menschen.

Und diese Weihe und diesen Glauben, den ich von dieser Stunde an wieder für Lied und Gedicht über mich kommen ließ, der ist nie wieder von mir gewichen und steigerte sich von Jahr zu Jahr, sich in Kraft umsetzend. –

Die andere Begegnung, die mit Stefan George, war nicht von dieser stark hinreißenden Art gewesen, aber sie bestimmte und festigte ebenfalls in mir die neue Überzeugung, daß der Wunsch, Dichtungen in Versen und Gesängen zu schaffen, trotz des Maschinenzeitalters und trotz der Wirklichkeitskunst, die auf den Bühnen in jenen Jahren Feste feierte, nicht unmöglich war. Wenn auch der augenblickliche Zeitgeist sich ablehnend gegen das Lesen von Gedichten verhielt, so war es doch ganz unmöglich, daß deshalb die Dichter und die Dichtung aussterben und nur die Erzählungskunst und die Bühnenkunst allein weiterleben sollten.

Die Begegnung mit Stefan George wurde durch seine Zeitschrift eingeleitet. Ich erhielt im Winter 1892–93, in jener Zeit, da Dehmel und ich eben befreundet wurden, eines Tages das Heft einer Zeitschrift zugesendet, welche den Titel führte «Blätter für die Kunst». Das zuerst ins Auge fallende an jenem Heft war die anspruchslose Einfachheit der Ausstattung, die angenehm berührte. Aber als ich die Einleitung und die Gedichte darin lesen wollte, fand ich mich zuerst nicht zurecht, der Schreibweise wegen; alle Hauptwörter waren klein geschrieben. Das war mir zuerst fremd, schien mir aber nur eine Gewohnheitsfrage zu bedeuten.

Der Inhalt dieser Blätter aber trennte sich noch stärker als die Schreibweise vom damaligen Zeitgeist. Mitten in der eben stürmisch eroberten Welt der Wirklichkeit trat der Geist der «Blätter für die Kunst» für die Welt der reinen Unwirklichkeit ein. Er hielt sich an den Geist der alten Romantiker. Nur war seine Sprache, der Neuzeit angemessen, gewählter. Aber die Dichter des Kreises der «Blätter für die Kunst» hatten gar nichts mit der Butzenscheibenromantik gemein, die ihre Vertreter in Viktor Scheffel und Julius Wolf gehabt hatte.

Doch die Dichter der «Blätter für die Kunst» schienen immer noch der Anbetung der Menschenseele ergeben zu sein. Neben der ewigen Menschenseele schien es für sie noch eine unbelebte tote Welt zu geben und eine unverständigere Tier- und Pflanzenwelt, auf die man ein wenig lässiger herabsah. Die man sich aber nicht als Kameraden oder gar als Geist vom gleichen Geist dachte.

Ich war mir aber damals selbst noch nicht klar, wie eine Verjüngung in der Dichtung zu erreichen war. Nur das war mir klar, daß eine Verjüngung nur aus der neuen Weltanschauung heraus entstehen konnte, aus dem Satz: wir besitzen alle und alle besitzen uns. Das heißt: Menschen, Pflanzen und Tiere und alle Dinge sind eine Seele und ein Leib, alle führen wirkliches und unwirkliches Leben zugleich, alle genießen dieselben Leiden des Hungers und dieselben Seligkeiten der Liebe und dieselbe Schöpferkraft des ewigen Lebens.

Nichts im Weltall ist größer, als der Mensch es ist. Nichts ist kleiner, als der Mensch es ist. – Dieses zu wissen, machte mich aber noch nicht fähig, ganz und gar nach der neuen Weltanschauung zu leben, zu handeln und zu schaffen.

Meine Freunde, der Denker und der Schweigende, studierten jetzt auf verschiedenen Universitäten Deutschlands weiter, und ich erschien mir in der Millionenstadt Berlin mit meiner festlichen Weltanschauung, die noch nicht einmal meinen ganzen Menschen durchdrungen hatte, die nur einstweilen meinen Verstand und meine Begeisterung gepackt hatte, wie ein kleines Atom, wie eine winzige Lebenszelle, die sich erst aufbauen wollte zu einem neuen organischen Leben.

Mich freiwillig trennend von den vielen alten Überlieferungen, die mir vorkamen wie Zeug- und Papierblumen, wie Überbleibsel alter Jahrhunderte, hatte ich nur einstweilen die neuen Gedanken in mein Herz gesät und fühlte, daß sie aufgehen wollten. Ich mußte nun geduldig warten wie ein Ackersmann.

Wohl versuchte ich einige Male, in Gesprächen mit Schriftstellern und Dichtern auf die Weltanschauung von der Atomkraft und auf die Gedanken vom ewigen Lebensfest, von der festlichen Beseelung aller lebenden und aller sogenannten toten Dinge hinzuweisen und jene Freunde zu überzeugen. Aber meine Erklärungen waren hilflos.

Ich hatte auch noch keine Beweise, um den mir befreundeten Dichtern an neuen Gedichten meine Weltanschauung zu erläutern. Und so mußte ich, immer wieder ohnmächtig gemacht von der Umgebung, die keine Ahnung hatte, was ich sagen wollte, einsam in mich zurücksinken, vertrauend, daß die Saat in mir im stillen, wenn ich gläubig bliebe, den Gedanken vom großen Lebensfest ganz von selber reifen würde und mir Beweise geben würde für die Möglichkeit, mit meiner festlichen Weltanschauung eine neue Dichtungsweise zu finden.

Nachdem ich in jenem Heft der «Blätter für die Kunst» wegen des alten romantischen Geistes, der darinnen zutage trat, nicht viel Erbauung finden konnte, legte ich es auf die Seite und hatte es beinahe vergessen.

Da erhielt ich eines Tages die schriftliche Aufforderung, dem Herausgeber ein Gedicht als Beitrag zu senden.

Ich hatte nach einem Bilde Munchs, das sich «Der Kopf des Ertrunkenen» nannte, einen ganz winzigen Versuch zu einem Gedicht unternommen. Jenes Bild stellte ein blaues Teichwasser dar, aus welchem der Kopf eines Ertrunkenen ragte. Im Wasserspiegel schwammen die Widerscheine weißer, lieblicher Frühlingswolken, und ein silberweißer Schwan glitt hinter dem Menschenkopf friedlich, und sich gleichfalls wie eine Frühlingswolke auf der durchsichtigen Fläche spiegelnd, vorüber.

Schwan, Wolken, Teichspiegel und Frühlingssonne lebten festlich, ohne daß der Schrecken des Todes, der aus dem Kopf des Ertrunkenen starrte, sie im Frühlingsfrieden störte. Die ungeheure Macht des Malers, den Frühlingsteich im Licht darzustellen und dabei den Menschen und seinen Untergang so nebensächlich zu behandeln, wie es sonst nur der Mensch der Natur gegenüber zu tun gewohnt ist, nebensächlich auf seine Mitwesen herabzusehen, – diese Auffassung erschütterte mich, und ich schilderte das Munchsche Bild und seine Tragik in ein paar kurzen Zeilen in einem Gedicht.

Dieses kleine Gedicht schickte ich den «Blättern für die Kunst». Einige Tage danach erhielt ich eine briefliche Einladung, mich zu einer Besprechung über einige Fragen, die sich auf meine Gedichteinsendung bezogen, im Café Bauer einzufinden, wohin der Herausgeber und der Dichter Stefan George kommen wollten.

Es war dieses im Frühjahr 1893, als ich mich bereits mit dem Gedanken trug, nach Schweden zu reisen und dort in der Einsamkeit eines schwedischen Pfarrhauses das Drama «Sehnsucht», das im Hirn eines Menschen spielen sollte, und das ich erst im Plane bei mir trug, zu schreiben.

Als ich mich zu jener Besprechung um halb zehn Uhr abends im oberen Saal im Café Bauer einfand, begrüßte mich dort der Herausgeber, er war im Zylinder und englischem Gehrock erschienen, und er sagte mir, Herr Stefan George wünsche mich wegen einiger Punkte und Kommas, die in dem Gedicht vermieden werden sollten, zu sprechen.

Das verwunderte mich ein wenig. Dann kam nach einer Weile ein schlanker, gleichfalls vornehm mit Gehrock und Zylinder bekleideter Herr, mit ausgeprägten, starken Gesichtszügen, die einem Kardinal gehören konnten, an den Tisch.

Ich kam mir in meinem alltäglichen Straßenanzug ein wenig überrumpelt vor von dem gezüchteten Auftreten beider Herren. Wir sprachen über einige, wie es mir schien, ganz belanglose Dinge, über die Stellung von Satzzeichen, und Stefan George meinte, er wünsche in meinem Gedicht die Fragezeichen, wie es in spanischer Literatur üblich sei, an den Anfang der Sätze zu stellen.

Ich sagte, er möge das mit meinem Gedichte so halten, wie er es in den «Blättern für die Kunst» eingeführt habe. Auf die Satzzeichen möchte ich nicht zu große Bedeutung legen, wenn nur der Sinn des Ganzen nicht gestört würde. Und damit war unsere Besprechung bald beendet, und wir trennten uns.

Von Stefan Georges Dichterkraft und Eigenart erhielt ich erst aus späteren Heften der «Blätter für die Kunst» einen umfassenden Eindruck. Aus den Gesprächen bei jener Begegnung nahm ich nur den angenehmen Gedanken mit nach Hause, daß es also wirklich neue Männer in Deutschland gab, die ihr Leben für die Dichtkunst einsetzen wollten und dieses mit Eigenwillen taten.

Um zu verstehen, wie stark Richard Dehmel und Stefan George, jeder in seiner Art, sich damals von der Prosavergötterung jener Tage abhoben, muß man sich erinnern, welche große Bewegung in jenen Jahren in Berlin, im Drama und Roman, die literarischen Kreise in Atem hielt. Auf der Bühne waren es Ibsen und Gerhart Hauptmann, deren Werke gerade daran waren, eine völlige Umgestaltung im Geschmacke des Publikums und in der Schauspielkunst überhaupt hervorzurufen. Man hatte die «freie Bühne» gegründet. Die «Wiener moderne Rundschau», eine neuzeitliche Monatsschrift, die neben M. G. Conrads «Gesellschaft» die Gedanken und Kräfte der naturalistischen Geistesbewegung förderte, war eingegangen und feierte in Berlin im S. Fischerschen Verlag ihre Auferstehung, ebenfalls unter dem Titel «Neue freie Bühne».

Der Verleger Friedrich in Leipzig, der die moderne Bewegung als erster im Entstehen lebhaft unterstützt hatte, war an seinen modernen Schriftstellern zugrunde gegangen, da das bücherkaufende Publikum wie immer einige Jahresreisen hinter den neuen Dichtergeistern zurückgeblieben war und sie nicht verstehen und kaufen wollte.

An Stelle des Friedrichschen Verlages aber blühte in Berlin der S. Fischersche Verlag für Deutschland auf, der sich damals von allen Verlegern am meisten um die Herausgabe der neuzeitlichen Literatur verdient gemacht hat.

Männer wie Strindberg, Gunnar Heiberg, Gabriel Finne, Knut Hamsun kamen in jenem Berliner Winter aus dem Norden und hielten einen nordischen Vorleseabend im Saal der Singakademie. Sie vertraten die damals wuchtig auftretende neue nordische Prosakunst.

Ich erinnere noch gut jenen Abend, an dem ich Strindberg zum erstenmal auf dem Podium hinter einem kleinen Holztischchen stehen sah, ein Blatt Papier in der Hand, von welchem er eine Novelle zu lesen angesagt hatte. Aber sein Gelispel aus dem überkleinen Mund unter dem riesengroßen Schädel drang nicht über das kleine Tischchen vor ihm fort, und die Zurufe des Publikums «lauter, lauter» wollten nicht enden.

Alle Leute legten sich, um Strindberg hören zu können, mit den Köpfen, soweit sie es vermochten, vor, und es war, als wüchsen den Horchenden die Ohrmuscheln zu Strindberg hin, so sehr sehnte sich ein jeder, nur ein kleines Wörtchen von dem nordischen Mann aufzufangen. Dieser aber lispelte, als spräche er zu dem Blättchen Papier allein, und im totenstillen, menschengefüllten Saal konnte jeder nur das unhörbare Zwiegespräch Strindbergs, das er mit seinem Manuskript hielt, mit den Augen aufnehmen.

Jedem anderen hätte man unwillig sein leises Lesen endlich verwiesen, aber hier war es anders. Es war einer meiner tiefsten Eindrücke, festzustellen, daß Strindbergs Erscheinen und Anwesenheit genügte, die vielhundertköpfige Menschenmenge in ein Anschauen zu bannen. Die Rufe «lauter, lauter», die zuerst gewagt wurden, blieben weg, und eine halbe Stunde lang versank der Wille der Ohren vor dem Willen der betrachtenden Augen. Ein brausender Beifall toste dann, als die Hand mit dem Papier sank und Strindberg mit einem kaum merklichen Kopfnicken das Podium verließ.

Dieser Glaube und diese Andacht vor der Schöpfungsgewalt eines neuen Mannes hat mich gerührt und hat mir wohlgetan, und ich habe gern die Novelle verloren, auf die ich gespannt gewesen.

Ich hatte nie vorher einer ähnlichen Wirkung der Macht einer Persönlichkeit beigewohnt. Und man hätte nach dem Eindruck, den Strindberg machte, annehmen können, daß dieser Mann in Ruhe, und sich in seiner Kraft behauptend, seine Tage ungequält hätte verbringen können.

Um so erstaunter war ich, als ich eines Tages bei einem Besuch in Friedrichshagen bei Ola Hanson hörte, daß Strindberg sich von aller Welt verfolgt fühle. Dieser Mann, der die Macht hatte, durch seine Erscheinung allein eine Menschenmasse andächtig zu machen, und sie zu bannen, befand sich auf steter kläglicher Furcht vor allem Weltalleben.

Er glaubte, daß alle Dinge und alle Menschen ihm schaden wollten. Seine Freunde und auch die Frauen, die er liebte, mußte er immer wieder anklagen und mußte fliehen und unheimliche Geheimnisse überall im Weltall wittern, dort, wo doch nur die ungeheure Festlichkeit des arbeitskräftigen und liebeskräftigen und weisen ewigen Lebens herrscht.

Strindbergs Riesengehirn erschien mir, nachdem ich von seiner Angst gehört hatte, wie ein Riesenlabyrinth, in welchem ich jenes Mannes Gedanken durch unentwirrbare Gänge flüchten sah, zusammenfahrend und erschreckend vor dem eigenen Schatten, vor dem eigenen Licht.

Der große Mann prallte vor jedem versöhnlichen Lichtstrahl unversöhnlich zurück. Er brauchte die Dunkelheit und das Verdammen der Mitwelt, um sich mächtig zu fühlen, weil seine Kräfte nicht friedliche Herrscher in einem versöhnlichen Licht, als der Besitz aller und alle besitzend, verweilen wollten.

Es war an einem Spätnachmittag, als ich einmal nach Friedrichshagen kam. Damals bestand Friedrichshagen noch aus Reihen kleiner Häuschen, in denen sich nur Erdgeschoßwohnungen und darüber Giebelzimmerwohnungen befanden. Vor jedem dieser Häuschen war ein kleiner Vorgarten mit einem dünnen Eisenzaun nach der Straße hin.

Hier draußen, zerstreut in diesen winzigen Wohnungen, lebten viele der großen Geister jener Zeit. Geistige Bergwerksarbeiter, die nach den Goldadern in Gedankengruben suchten, nach ungeprägtem Golde. Gold, das heute aus ihrer Hand genommen, als Münze im Volk von Hand zu Hand wandert. Da lernte ich Wilhelm Bölsche kennen, da besuchte ich an einem Abend Max Halbe. Da wohnten Gerhart Hauptmann und auch Bruno Wille und mancher andere.

Als ich an jenem Tage zum Hause Ola Hansons kam, bog vor mir ein Briefträger in den Vorgarten ein und gab einem Herrn, der ihn hinter dem Zaun erwartete, einige Briefe. Ich erkannte sofort Strindberg, trotzdem ich ihn noch nie in der Nähe gesehen hatte. Ich mußte wieder staunen über den ungemein kleinen Mund, der in keinem Verhältnis zu der riesigen Schädellast stand. Strindberg studierte die Adressen seiner eben empfangenen Briefe und sah nicht auf, als ich am Zaun vorüber in das Haus trat, um bei Ola Hanson anzuklopfen.

Später im Gespräch sagte Frau Laura Marholm zu mir: «Wissen Sie schon, daß Strindberg bei uns wohnt? Er ist seit ein paar Tagen in Berlin.»

«Ja», sagte ich, «ich glaube, ich habe ihn eben am Gartengitter gesehen. Der Briefträger brachte ihm die Post.»

Einen Augenblick war Frau Marholm ganz verblüfft. Dann wurde sie zornrot und sagte, sich zum Lachen zwingend, zu ihrem Mann:

«Da siehst du, was ich dir sagte, Strindberg ist auf jedermann argwöhnisch! Er will, seine Post selbst in Empfang nehmen. Er traut nicht seinen besten Freunden.»

Und dieser Ausspruch wurde mir später noch in viel stärkerer Weise von Eduard Munch in Paris bestätigt. Einige Jahre später forderte mich Munch einmal auf, in seinem Atelier seine neue Holzschnittart für ein Mappenwerk anzusehen. Und als er unter anderen Bildern den Porträtkopf Strindbergs hervorholte und ihn mir zeigte, sagte er und deutete dabei auf die Atelierwand:

«Hier nebenan hat bis gestern Strindberg gewohnt. Er ist aber jetzt ganz verrückt geworden. Sehen Sie, was er mir geschrieben hat! Diese Postkarte bekam ich heute früh von ihm. Lesen Sie!»

Strindberg schrieb auf einer Postkarte an Munch: «Jedermann weiß, daß man auf physikalischem Weg auch durch eine Mauerwand hindurch ein Licht ausblasen kann. Ich bin sicher, daß Sie mich töten wollen. Aber ich werde das zu verhindern wissen. Sie sollen nicht mein Mörder werden.»

Munch lachte, als ich kopfschüttelnd gelesen hatte. «Was», sagte er, «ist er nicht ganz und gar verrückt? Er war schon immer ein wenig verrückt, aber jetzt ist er ganz und gar verrückt. Er meint, daß ich ihn durch die Wand töten will, als wenn ich gar nichts anderes zu tun hätte.»

Strindberg konnte trotz seines Riesenwissens, trotz seines Riesengehirns, nicht zum Weltgleichgewicht kommen und kam mir wie ein mittelalterlicher Büßer vor. Seine Geißel war der Menschenargwohn und die Menschenfurcht. Bald war er der Welt zu fern, verloren in Weltnebeln, bald war er der Welt zu nah, so daß ihm eine weibliche Fliege wie ein Elefant vorkam. Er war unglücklich, weil er nicht festlich lächeln konnte über das Summen einer Fliege und die andern Leben im Geist nicht festlich nachleben wollte.

 

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