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Gedankengut aus meinen Wanderjahren

Max Dauthendey: Gedankengut aus meinen Wanderjahren - Kapitel 11
Quellenangabe
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authorMax Dauthendey
titleGedankengut aus meinen Wanderjahren
publisherAlbert Langen
printrun7. bis 9. Tausend
year1913
firstpub1913
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
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Mein Freund, der junge Philosoph – der in München in jener Zeit neben seinem Studium bereits mit der ersten Niederschrift über die Atomkraftlehre eifrig beschäftigt war – schlug mir im Frühjahr 1892 vor, die Pfingstreise, die er zu seiner Erholung hätte unternehmen sollen, und wozu ihm seine Mutter Reisegeld geschickt hatte, an seiner Stelle zu machen. Was ich mit Dank gerne annahm, und um die Pfingstzeit nach Venedig reiste.

Von dieser Reise sind mir zwei kleine Begebenheiten in Erinnerung.

Ich war am Abend von München abgereist, und als ich morgens im Bahnzug über den Brenner kam, begann ich, bereits von der Station Franzensfeste ab, unausgesetzt den Himmel zu prüfen, gespannt aufschauend, ob derselbe bald italienische Bläue zeigen würde. So saß ich in grauen Morgendämmern, bis wir zur Grenze nach Ala kamen, stundenlang das Gesicht nach oben gerichtet. Obgleich mein Nacken mich schmerzte und ich den Kopf kaum noch zurückbiegen konnte, so war doch die Begierde, den italienischen Himmel zu sehen, stärker als die Unbequemlichkeit.

Aber leider stellte sich die Bläue des Himmels nicht so mächtig ein, wie ich sie von allen italienischen Bildern in Erinnerung trug. Doch weit entfernt enttäuscht zu sein, freute ich mich, daß ich mich nicht blind vom Reisefieber fortreißen ließ und mich nicht selbst belog. Und ich war stolz darauf, daß ich trotz aller Reisebegeisterung feststellen konnte, daß der italienische Himmel, wenigstens auf der Fahrt bis Venedig, nicht blauer war als zwischen Würzburg und München.

Diese Erkenntnis, die zwar für einen jungen Italienreisenden etwas Schmerzliches hatte, befriedigte mich aber, weil ich mir sagte: ein neuzeitlicher Schriftsteller muß die Dinge sehen, wie sie sind, und er darf nicht bloß die gehörte Fabel der Dinge sehen, die die andern gefabelt haben.

Ich erzähle dies nur als kleinen kennzeichnenden Zug der Schulung zur Wirklichkeitsbeobachtung, von der ich und meine Zeit damals fanatisch durchdrungen und besessen waren.

Das glitzernde Venedig, das bunt wie eine indische Stadt an den Spiegeln der Kanäle und an dem Spiegel eines sonnigen Frühlingshimmels lag, stimmte mich sehr glücklich.

Diese wirkliche und unwirkliche Stadt, deren Paläste wasserentstiegen, wie aus Meerschaum und Perlmutter gebaut, irisfarben beim Widerschein der leichten Wellen beleuchtet sind, beseligte mich. Ich fühlte mich, vom Norden wie aus einer grauen Wüste gekommen, als hätte ich eine sonst unerreichbare Fatamorgana erreicht.

Ein körpergewordenes Meeresspiegelbild erschien mir Venedig mit seinem blendenden, marmorgepflasterten weißen Markusplatz und mit den silbrigen indischen Kuppeln der Markuskirche und mit den Schaufensterreihen voll mit Juwelen und glitzernden Glaswaren unter den Bogengängen des Platzes.

Am Abend vor dem Himmelfahrtstage, als alle Glocken läuteten, trat ich in einer Seitenstraße in eine Kirche ein. Darinnen jubelte eine klingende Musik, wie ich sie vorher nur in Operetten gehört hatte. Scharen von jungen Mädchen und Frauen des Volkes, mit Spitzentüchern über den schön frisierten Köpfen, saßen dort bis dicht an die Altarstufen auf Stühlen. Und der Priester und die Chorknaben bei Blumen, Lichtern und dem weihrauchreichen Altar bewegten sich lebhaft und fröhlich, als wäre die Messe, die sie lasen, eine Volksvorstellung.

Ich sah in der ersten Sitzreihe Frauen bequem und gemütlich ihre kleinen Füße – die in seidenen Stöckelschuhen steckten, als wären sie zu einem Ball gekommen – auf die obersten Altarstufen aufstellen. Und ich bemerkte eine, die mit ihren übereinandergelegten Fußspitzen den messelesenden jungen Priester, der den Rücken gegen die Menge wendete, mit der Fußspitze leicht an seinen Fersen streichelte. Sie zeigte keck, daß sie den jungen Mann liebte und ihm ihre zärtlichen Gefühle mitteilen wollte. Sie hielt den Fächer halb vor das Gesicht, und ihre schwarzen Augen blinzelten schelmisch über den Fächerrand zum Kopf des Priesters hin.

Wahrscheinlich wartete sie auf den Augenblick, da der junge Geistliche, um die Menge zu segnen, sich umwenden mußte.

Auf den Kirchenemporen jubelten Sängerchöre, helle und dunkle Stimmen durcheinander. Und es herrschte ein freies und ungebundenes Leben in dieser Abendkirche, deren Türen weit offen standen und die Stimmen der Frucht- und Eisverkäufer und das Glockengewoge von der Straße hereinließen.

Das junge Mädchen, das zum Priester die Fußspitzen hinstreckte, die klingelnde Operettenmusik und alle auf ihren Stühlen schaukelnden und singenden Besucher der Kirche – diese Frühlingsabendstimmung in einer Kirche habe ich zwanzig Jahre nicht vergessen können. Ich hatte nie vorher Ähnliches erlebt und habe es nie nachher wieder erlebt.

Hier hatte zum erstenmal die Andacht etwas natürlich Frühlingsfestliches. Dabei muß ich gestehen, daß die Festlichkeit auch ein wenig überreizt an Gedankenlosigkeit und Leichtsinn streifte. –

Ich war aber der südlichen Süßlichkeit der Farben und Formen Venedigs nach acht Tagen schon satt. Es wurde meinem deutschen Herzen zuletzt vor den ewigen lila und rosigen Perlmutterfarben beinahe übel, als hätte man mich gezwungen, acht Tage nur von Zuckerwerk zu leben. Und ich sehnte mich von der großen schwülen Perlenmuschel im Meeresbilde fort nach dem Festland und nach erquickender grüner Landschaft. Ich sehnte mich fort von dem ewigen venetianischen Sonntagsgefühl, fort von dem auf lautlosen Wasserstraßen gleitenden Verkehr, von den Straßen, in denen keine Wagen dröhnen, keine Hunde bellen, in denen immer stilles und glattes Wasser steht, als wären das polierte Sonntagsstraßen ohne Verkehr.

Ich war jung und sehnte mich nach Getriebe und nach der Abnützung meiner Kräfte, die hier nur gewiegt wurden in Gondeln und auf sonnenwarmem Wasserspiegel. –

Nach München zurückgekommen und die farbigen venetianischen Eindrücke noch im Gedächtnis, freute ich mich, nach der Eröffnung des Glaspalastes täglich nun die Ausstellung besuchen zu können und die ersten Bilder der Sezession zu sehen.

Da ich sehr wenig Menschenverkehr suchte und mich immer mit Plänen und Gedanken trug, die ich abends auf den Spaziergängen mit meinen zwei Freunden besprach, so prägten sich bald die auf der Ausstellung gesehenen neuen Bilder der neuen Freilichtschule so stark in mein Gedächtnis, daß ich sie stündlich wie neue Kameraden empfand. Und ich setzte mich an meinen Schreibtisch und versuchte, um mich im Beschreiben zu üben, einige der Bilder der Sezession in knappen dichterischen Worten wiederzugeben.

Da waren Bilder von Ludwig von Hofmann, von Exter und von Segantini und von einigen anderen, die ich ausgewählt hatte. Diese Bilderbeschreibungen waren die ersten Anfänge zu der kleinen Prosagedichtsammlung «Ultraviolett», deren weiteren Inhalt ich hauptsächlich in einem Pfarrhaus in Schweden fertig schrieb, das in einsamen Granitwüsten wie am Ende der Welt versteckt lag, und wo ich im folgenden Frühjahr weilte.

Den Winter 1892 – 1893 verbrachte ich in Berlin, und hier trat ich zum erstenmal mit Dichtern und Denkern der Neuzeit in engere Fühlung.

Mein Roman «Josa Gerth», mein erstes Buch, war zu Winteranfang bei Pierson in Dresden erschienen, und mit dem Bewußtsein, mein erstes Buch der Öffentlichkeit gegeben zu haben, fühlte ich mich mutiger und getraute mich, den Kreis gleichgesinnter Zeitgenossen aufzusuchen.

Auf der ersten Seite dieses meines ersten Buches stehen die Worte: Dieses Buch gewidmet einem Toten. Dem toten Dichter und meinem Dichtermeister, dem Dänen J. P. Jakobsen – dessen Schreibart ich mir zuerst zum Vorbild genommen hatte, um mich vom deutschen Aufsatzstil frei zu machen – hatte ich meinen Erstling gewidmet, zufrieden, daß nur ich allein es wußte, welcher Tote mit der Widmung gemeint war.

Auch die Person jenes Dichters in der Gestalt eines Doktors Wiking, eines Naturwissenschaftlers und Botanikers, war in den Roman verwebt. Nach Jakobsens Photographie, die ich mir aus Kopenhagen hatte kommen lassen, hatte ich meiner Romangestalt möglichst die Ähnlichkeit meines dänischen Prosameisters zu geben versucht.

Die Handschrift dieses Buches hatte ich noch in Würzburg im Herbst 1891 beendet, kurz, ehe ich zu Weihnachten beinahe gewaltsam von meinem Vaterhaus geschieden war. – Diese Trennung habe ich bereits im «Geist meines Vaters» ausführlich beschrieben.

Nach dem Erscheinen meines ersten Romanes hatte mein Vater mein Monatsgehalt etwas erhöht, so daß ich in weniger großer Bedrängnis, aber immer noch knapp gehalten, in Berlin leben konnte. Aber es wurde mir zugleich angedroht, daß ich nur bis zu den nächsten Ostern väterliche Hilfe erhalten würde und dann auf eigenen Füßen stehen müßte.

Einstweilen aber lag Ostern noch für mich hinter tausend Jahren, und ich versuchte, so wenig wie möglich an das Ende der Gnadenfrist meiner Freiheit zu denken.

In Berlin besuchte ich zuerst den schwedischen Schriftsteller Ola Hanson. Ich hatte im Herbst in München das Buch «Sensitiva Amorosa» von Ola Hanson gelesen. Feingezeichnete Menschenschatten bewegten sich darin auf dem Hintergrund starker, gütig beobachteter Landschaften, Abrisse von Lebensschicksalen stumm vorüberwandelnder Gestalten. Die eine Gestalt kam lebenssuchend auf einem Feldweg bei einem Gut in Schonen daher; die andere saß auf einer Bank am Meer und sah lebensbetroffen über den Sund; und andere traten auf in der schicksalsreichen, stimmungsvollen Östergade Kopenhagens.

So ungefähr erinnere ich mich dieses Buches noch heute. Und die bedeutsame Art des Schweden Ola Hansons, mit der er schwere Menschenschicksale zart und verständnisvoll behandelte, erinnerte mich an Jakobsens Art. Und als ich hörte, daß Hanson, mit der Schriftstellerin Laura Marholm verheiratet, in jenem Jahr 1892 in Friedrichshagen bei Berlin wohne, freute ich mich, ihn aufzusuchen.

Denn alles Nordische übte eine starke Anziehung auf mich aus. Jene fast menschenleeren Länder, die ich mir dort oben vorstellte, schienen eine reinere und keuschere Luft zu haben, einen stärkeren rücksichtsloseren Geist, verbunden mit schärferer Selbsterkenntnis. Und die kleinen Völker dort oben, außerhalb unserer Kulturgrenzen stehend, lockten mich damals mehr als das von verweichlichten üppigen Kulturen schlaffe, sinnensüße Südeuropa.

Kunstformen und künstlerische Gedanken, die aus Italien kamen, waren mir alle zu sehr beeinflußt von dem christlichen Zeitalter. Der Dichter Dante ist mir immer mit seinem Himmel- und Höllenwahn der Göttlichen Komödie mehr schulmeisterlich als dichterisch erschienen. Es kam mir häßlich vor, daß er sich in seinem großen Gedicht zum Richter seiner Zeitgenossen aufgestellt hatte.

Wie mit der Rute in der einen Hand und einem Lobzettel in der anderen Hand, so schien mir Dante in der Göttlichen Komödie mehr fanatisch beschränkt zu sein als hoheitsvoll milde verstehend. Und ich zog den Schluß: die alte Kirchenkultur Italiens, so scheint es mir, ist zu jeder weiteren künstlerischen Entwicklung unfähig und ist unfruchtbar.

Im Norden dagegen lebten unverbrauchte Völker mit unverbrauchten Geisteskräften. Und jedes neue Buch, das vom Norden über die deutsche Grenze kam, hatte damals den Atem einer belebenden Meerbrise und schien von Länderstrecken zu kommen, wo die Menschen, die von Jugend an einer rauhen Wirklichkeit gegenüberstanden, stark geworden waren auf noch jungfräulicher Erde, der sie reinste Ehrlichkeit zeigen mußten.

Ich sah im Geiste dort in skandinavischen Meernebeln Fischerdörfer und Einzelgehöfte an weltentrückten Küsten, und wenn ich ans Reisen dachte, sehnte ich mich, jene weltabgeschiedenen Stätten aufzusuchen.

Und mein Schicksal kam auch auffallenderweise diesem meinem innersten Wunsche entgegen. Ich tat nur einen Schritt in dieser Wunschrichtung, und das war der, daß ich, in Berlin angekommen den Schriftsteller Ola Hanson besuchte. Alles Weitere fädelte dann mein Schicksal von selbst ein, und ich kam plötzlich nach dem Norden, wo ich die nächsten Jahre meines Lebens mit kleinen Unterbrechungen verbrachte, und wo ich dann auch später ein Mädchen fand, das meine Frau wurde. –

Die deutschen jungen Mädchen zerfielen damals für mich in zwei Gattungen. Die einen waren noch nach altmodischer, beschränkter, gedankenenger Weise erzogen und waren wie abgerichtete Wesen, denen Geistesfreuden – außer den Grenzen christlicher Auffassung und der Familienkunstbegriffe – unbekannt waren. Ihr Benehmen war jungen Männern gegenüber wohl jugendlich und körperlich lieblich, aber geistig stumpfsinnig. Sie waren versunken in einer Empfindsamkeit, die geistige Festlichkeit vorstellen sollte. Mit all ihrer Bildung machten sie darum auf einen geistig anspruchsvolleren Mann einen völlig ungebildeten Eindruck. Ich spreche hier natürlich von der großen Masse. Vereinzelte geistig wacherzogene Mädchen mag es immer in Deutschland gegeben haben, aber ich bin ihnen damals nicht begegnet.

Die andere Gattung waren die sich in jener Zeit vom Familienzwang befreienden Frauen, jene, die in blinder Nachahmung männlichen Auftretens in der ersten Sturm- und Drangzeit der neuen Frauenbewegung abstoßend wirkten. Sie trugen mit Vorliebe die Haare kurz geschnitten, dazu steife Herrenstehkragen und Krawatte, und wollten die Reize des weiblichen Körpers möglichst übersehen wissen. Sie taten sich etwas zugute auf ungelenke Bewegungen, sie trugen Zwicker, Manschetten, und sie wählten ihre Kleider schmucklos, alle Zartheit und Zierlichkeit mit Absicht vermeidend.

Heutzutage sind diese beiden Frauenarten glücklicherweise zu einer neuen Frauengattung verschmolzen. Man kann von einer neuen Frau sprechen. Denn die Geistesfrische und eine gewisse natürliche Geistesfreiheit, die die Frau fernhält von unnatürlicher Familienverblödung, ist jetzt im ganzen Lande allgemein geworden. Damals, vor zwanzig Jahren aber hatten beinahe nur die nordischen Länder die geistige Neugestaltung der Frau aufzuweisen.

Diese Frauenverschiedenheit zwischen Nordeuropa und Südeuropa erkannte ich aber natürlich nicht früher, als bis ich nach dem Norden kam. Dort wurde mir der Unterschied schnell bewußt. Fast alle jungen Mädchen waren dort damals schon in ihrem Auftreten von natürlicher geistiger Frische.

Die Haushaltungsarbeit schloß nicht das tiefere Wissen und die geistige Aufklärung aus, und ebenso hielten die nordischen Frauen, die sich ähnliche geistige Kenntnisse wie der Mann angeeignet hatten, auch nicht die kleinsten Haushaltungsarbeiten für unwert.

Die Mädchen in Schweden waren von ihren Müttern und Vätern und von den frischen und harten Lebensbedingungen, bei denen die Menschen dort, trotz der Rauheit des Landes, fröhlich und festlich aufwachsen, so freigeistig erzogen, daß sie liebende Frauen, geistige Kameraden und tüchtige Familienmütter im Hause eines verständigen Mannes werden konnten.

Die meisten jungen nordischen Mädchen hatten durch ihre geistige und körperliche Erziehung einen europäischen, vorurteilslosen Weltblick erhalten. Sie waren auch glühende Vaterlandsverehrerinnen, treue Pflegerinnen alter heimatlicher Gebräuche und verständige Beobachterinnen ihrer Heimatnatur und ihrer Heimatlandschaften. Da die meisten von ihnen von Kindheit an beinahe die Hälfte des Jahres in freier Luft, bei Seen und Wäldern, an Küsten und auf Inseln verbracht hatten, waren sie körperlich und seelisch frisch und gesund.

Die Urlaute der Natur waren den Damen der Stadt so bekannt wie den Bauern des Landes. Die nordischen Damen zeigten sich nicht bloß auf städtischen Promenaden, sondern waren gewohnt, zu wandern, zu segeln und mit den Pflanzen und Tieren wie die Bauern zu plaudern, während die langen Winternächte den Büchern und dem Familienleben in der Stadt gewidmet waren.

So wurde ich angenehm überrascht, ernsteren und geistig klareren und körperlich gesunderen Frauen und Männern in Schweden zu begegnen als in irgendeinem südlicheren Lande. Auch hatten die meisten weite Auslandreisen gemacht. Viele der jungen Mädchen hatten mit Freundinnen Paris, London, Italien, Deutschland besucht.

Sie hatten schon mit zwanzig Jahren ein Stück Welt und fremde Menschen zu beobachten Gelegenheit gehabt. Aber sie prahlten nicht mit ihren Kenntnissen. Sie waren ein wenig verschlossener als unsere Frauen, und man mußte ihnen Urteile und Gedankenaussprüche entlocken.

Aber dann, wenn diese Frauen die Lippen öffneten und einen Satz sagten, sprachen sie nicht Gelesenes aus Büchern nach, sondern gaben ein unumwundenes frisches Urteil. Das klang manches Mal fast rücksichtslos, war aber im Grunde nur unbeholfen, ehrlich und äußerst schlicht und ernst gemeint.

Dieses war in großen Zügen das Wesen der Nordländerinnen, die ich in kleinen und großen Städten, auf Pfarrhöfen und Bauernhöfen in manchen Jahren kennenlernte.

Aber bis ich das Mädchen dort fand, dem sich mein Herz zukehrte, vergingen noch zwei Wanderjahre.

 

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