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Gedächtnisrede auf Prinz Heinrich den Jüngeren

Friedrich II. von Preußen: Gedächtnisrede auf Prinz Heinrich den Jüngeren - Kapitel 1
Quellenangabe
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typetractate
authorFriedrich der Große
booktitleHistorische, militärische und philosophische Schriften, Gedichte und Briefe
titleGedächtnisrede auf Prinz Heinrich den Jüngeren
publisherAnaconda Verlag GmbH
editorGustav Berthold Volz
illustratorAdolph von Menzel
year2006
isbn3866470347
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090212
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Friedrich der Große

Gedächtnisrede auf Prinz Heinrich den Jüngeren

Das Bildnis Prinz Heinrichs des Jüngeren.

Ein verständiger Mensch darf sich gewiß dem Kummer hingeben, wenn er mit seinem Vaterlande und einem zahlreichen Volke den Schmerz um einen unersetzlichen Verlust teilt. Es ist nicht die Aufgabe der Philosophie, das natürliche Gefühl in uns zu ersticken; sie beschränkt sich darauf, die Ausbrüche der Leidenschaften in die rechte Bahn zu lenken und zu mäßigen. Sie wappnet das Herz des Weisen mit so viel Festigkeit, daß er sein Unglück mit Seelengröße trägt, würde ihn aber tadeln, wenn er Verlust und Unglück seiner Mitbürger mit dumpfer Gleichgültigkeit und kaltem Blick ansähe. Es muß mir also vergönnt sein, meine Stimme mit der so vieler tugendhafter Bürger zur Klage um einen jungen Prinzen zu vereinen, den die Götter der Welt nur gezeigt und wieder genommen haben.

Die hohe Geburt, die Prinz Heinrich dem Thron so nahe stellte, war nicht die Ursache so allgemeiner Trauer: Hoheit, Glanz und Macht flößen nur Furcht ein, erzwungene Ergebenheit und Respekt, der ebenso leer ist wie das Idol, dem man ihn erweist. Stürzt das Idol, so ist es mit der Achtung vorbei, und die Bosheit schlägt sie in Trümmer. Nein, meine Herren, was man am Prinzen Heinrich schätzte, ist nicht das Werk des Schicksals, sondern das Werk der Natur, seine Geistesgaben und Herzenseigenschaften, das eigenste Verdienst.

Dieser Jüngling, der keine Spur seines Daseins zurückließ, verdient unsere Trauer, weil er zu den schönsten Hoffnungen berechtigte und wir nur wenige Prinzen zu verlieren haben.

Meine Herren, worauf beruht die Stärke eines Staates? Auf den weiten Grenzen, die vieler Verteidiger bedürfen? Auf den durch Handel und Gewerbefleiß angehäuften Reichtümern, deren Nutzen allein in ihrer guten Anwendung liegt? Auf zahlreichen Völkern, die sich gegenseitig vernichten würden, wenn ihnen die Führer fehlten? Nein, meine Herren, das alles ist roher Stoff, der nur so weit Wert und Bedeutung hat, als Klugheit und Geschicklichkeit ihn zu kneten weiß. Die Stärke der Staaten beruht aus den großen Männern, die ihnen zur rechten Stunde geboren werden. Man durchlaufe die Weltgeschichte, und man wird sehen, daß die Zeiten des Aufstiegs und des Glanzes der Reiche die waren, wo erhabene Geister, tugendhafte Seelen, Männer von hervorragendem Talent in ihnen glänzten und die Last der Regierung unter hochherzigen Anstrengungen trugen.

Ein unbestimmtes Gefühl durchbebt die Welt, wenn Männer von hoher Geburt sterben; denn man erwartete wichtige Dienste von ihnen. Vernichtet ein rauher Winter eine zarte Pflanze kurz vor ihrer Blüte, so beklagt man das mehr als den Fall eines alten Baumes, dessen Säfte eingetrocknet sind und dessen Äste verdorren. Ebenso, meine Herren, empfindet es die Menschheit schmerzlicher, wenn ihre Hoffnungen ihr kurz vor der Erfüllung geraubt werden, als wenn ein Greis die Welt verläßt, von dessen gebrechlichem Alter wir nicht mehr so viel erwarten durften wie von seiner Jugend.

Auf wen hätten wir je festere Hoffnungen gründen können, als auf den Prinzen, dessen geringste Handlungen uns seinen bewunderungswürdigen Charakter enthüllten, der bereits ahnen ließ, was er eines Tages leisten könnte? Wir sahen den Keim von Talenten und Tugenden wachsen und gedeihen, auf einem Felde, das reiche Ernte versprach.

Die aufgeklärtesten und welterfahrensten Leute, die viel in den Herzen der Menschen geforscht haben, wissen tief in den Seelen zu lesen, welche Taten man von ihnen erwarten kann. Was fanden sie nicht alles bei dem jungen Prinzen? Eine Seele, die den Stempel der Tugend trug, ein Herz voll edler Gefühle, einen wißbegierigen Geist, einen Genius von höchstem Schwunge, ein männliches und vor der Zeit gereiftes Urteil. Wollen Sie Beispiele dafür, wieviel die Vernunft in einem so zarten Alter über ihn vermochte? Meine Herren, gedenken Sie an jene sturmbewegten, unglücksreichen Tage, da das betörte Europa sich verschworen hatte, unsere Monarchie zu stürzen, da wir rings nur Feinde sahen und es schwer war, die Freunde herauszufinden. Damals verließ der Prinz von Preußen Magdeburg, dessen Wälle der königlichen Familie als letzte Zuflucht dienten, um den König in den Feldzug von 1762 zu begleiten. Prinz Heinrich brannte darauf, wie sein Bruder in den Krieg zu ziehen; aber er begriff nicht nur, daß seine Jugend den Strapazen nicht gewachsen war, sondern auch, daß der König, sein Oheim, nicht leichtfertig alle Hoffnungen des Staates auf einmal offenen Gefahren aussetzen durfte. Diese Erwägungen bestimmten ihn, sich ganz dem Studium hinzugeben. Er sagte, er wolle jeden freien Augenblick, den er nicht dem Ruhme weihen könnte, nutzbringend anwenden. Seine Fortschritte entsprachen seinem Entschluß.

Unser Prinz wußte, daß die Natur ihm, wie allen Menschen, nur die Fähigkeit, sich zu unterrichten, verliehen hätte, daß er daher alles lernen müßte, was ihm unbekannt wäre. So füllte er denn sein Gedächtnis, diese kostbare Vorratskammer, mit Kenntnissen an, von denen er sein Leben lang Gebrauch machen konnte. Er war überzeugt, daß die Einsicht, die man durch das Studium gewinnt, die Erfahrung frühzeitig reift, und daß eine gründlich durchdachte Theorie die Praxis leicht macht.

Wollen Sie wissen, welch weites Gebiet von Kenntnissen er umfaßte? Er beherrschte die Geschichte von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Mit besonderem Fleiße hatte er sich die Charaktere der großen Männer, die wichtigsten, auffälligsten Ereignisse eingeprägt. Er wußte, was zum Aufstieg und Untergang der Reiche am meisten beigetragen hat. Diese kostbare, erlesene Auswahl aus der Geschichte hatte er sich ganz zu eigen gemacht. Es gab kein militärisches Werk von einigem Rufe, das er nicht studiert und über das er nicht die Meinung erfahrener Leute eingeholt hätte. Wollen Sie noch unzweideutigere Zeugnisse für seinen Eifer, sich gründlich zu unterrichten? Vernehmen Sie denn, meine Herren: er hatte die verschiedenen Befestigungssysteme durchgenommen; da er sich aber auf diesem Gebiet noch nicht so erfahren fühlte, wie er gewünscht hätte, nahm er sechs Monate lang Unterricht bei Oberst Ricaud, ohne daß ihn jemand dazu angeregt hätte, ja, ohne Vorwissen seiner Eltern! Mit achtzehn Jahren wußte er die Systeme von Descartes, Leibniz, Malebranche und Locke darzustellen. Ja, sein Gedächtnis hatte nicht allein alle diese abstrakten Dinge erfaßt; seine Urteilskraft hatte sie auch geläutert. Er war erstaunt, in den Forschungen dieser großen Geister weniger Wahrheiten als geistreiche Voraussetzungen zu finden, und er war mit Aristoteles zu der Ansicht gelangt, daß der Zweifel der Vater der Weisheit sei.

Ein guter Kopf ist fähig, sich auf jedem Gebiet zu betätigen. Er gleicht einem Proteus, der mühelos seine Gestalt wechselt und stets wirklich als das erscheint, was er darstellt. Mit dieser glücklichen Anlage geboren, bezog unser Prinz auch die Praxis der Kriegskunst in den Kreis seiner Kenntnisse ein. Für alles, was er unternahm, schien er geschaffen. Sein Wetteifer und seine militärische Neigung traten besonders bei den jährlichen Revuereisen hervor, die er im Gefolge des Königs durch alle Provinzen unternahm. Er kannte die Armee und war ihr bekannt. Er beherrschte die gefahrvolle Kriegskunst von den geringsten Einzelheiten bis zu den schwersten Aufgaben.

Dabei war er stets guter Laune, mäßig in seinen Sitten, geschickt in allen Leibesübungen, beharrlich in seinen Unternehmungen, unermüdlich in der Arbeit und ein Freund von allem, was nützlich und ehrenvoll ist.

So viele hervorragende Talente, mit denen die Natur Prinz Heinrich begabt hatte, würden jedoch kein vollkommenes Lob ausmachen, ohne die Eigenschaften des Herzens, die für alle Menschen, besonders aber für die Großen so wichtig sind. Sie setzten seinem Charakter erst die Krone auf.

Wer will mich Lügen strafen, wenn ich sage, daß Prinz Heinrich, der mit feurigem Gemüt geboren war, seine Lebhaftigkeit durch Klugheit zu zügeln wußte? Wer immer die Ehre hatte, ihm näherzutreten, wußte, daß man ihm ruhig sein Herz ausschütten konnte, ohne befürchten zu müssen, daß er ein ihm anvertrautes Geheimnis verriete. Sein Herz war das Schönste und Edelste an ihm. Er war sanftmütig gegen alle, die ihm nahten, mitleidig gegen die Unglücklichen, zärtlich gegen die Leidenden, menschlich gegen jedermann. Er teilte den Gram der Betrübten, trocknete die Tränen der vom Schicksal Verfolgten und überschüttete die Dürftigen mit Wohltaten. Die Herzensgüte war ihm angeboren. Es kostete ihm so wenig, sie zu betätigen, daß man deutlich erkannte: sie floß aus einer lauteren, unerschöpflichen Quelle. Warum ließ ein feindliches Geschick sie so bald versiegen?

Soll ich die kurze Zeit vergessen, die er bei seinem Regiment zugebracht hat? Ihr, seine Offiziere, und Ihr, tapfere Kürassiere, die stolz waren, unter ihm zu dienen: wird einer unter Euch mir widersprechen, wenn ich sage: Ihr habt ihn nur durch seine Wohltaten kennen gelernt, und dieser junge Prinz konnte Euch allen Führer und Vorbild sein?

Sie wissen es selbst, meine Herren, daß völlige Uneigennützigkeit die Quelle ist, aus der alle Tugenden fließen. Der Selbstlose zieht Ehre und Ruf den Vorteilen des Reichtums vor, Billigkeit und Gerechtigkeit den Trieben zügelloser Begehrlichkeit, die Wohlfahrt von Staat und Gesellschaft dem Eigennutz und dem Vorteil der Familie, das Heil und die Erhaltung des Vaterlandes der Selbsterhaltung, den Gütern, der Gesundheit, dem Leben. Kurz, sie erhebt den Menschen über das Menschliche und macht ihn fast zum Bürger des Himmels. Diese edle, hochherzige Gesinnung äußerte sich in allen Handlungen des Prinzen. Wie sehr wünschte er seinem Bruder, dem Prinzen von Preußen, eine fruchtbare Ehe! Obwohl er sich nicht verhehlen konnte, daß die Kinderlosigkeit dieser Ehe ihm die Anwartschaft auf den Thron brächte, war er aufrichtig erfreut, als er die Entbindung der Prinzessin Elisabeth, seiner Schwägerin, erfuhr, und bedauerte allein, daß sie keinem Prinzen das Leben geschenkt hatte! Es fiele mir nicht schwer, Ihnen noch ähnliche Züge anzuführen, die Sie mit Liebe erfüllen und zur Bewunderung hinreißen würden. Aber gestatten Sie mir, daß ich hierbei stehen bleibe und den Schleier nicht lüfte, der den ungeweihten Blicken verbirgt, was im Innern des Königshauses vorgeht.

Wer sollte nach allem, was Sie vom Prinzen Heinrich vernommen haben, nicht befürchten, daß die außerordentliche Selbstzufriedenheit aller Menschen, die Bedeutung, die sie ihren geringsten Handlungen zuschreiben, die schmeichlerische Neigung, sich selbst Beifall zu zollen, das Herz eines Jünglings mit einer stets abstoßenden, wenn auch nicht ganz unbegründeten Eitelkeit geschwellt hätte! Welche Klippe für die Eigenliebe bilden so zahlreiche Talente, ja selbst so viele Tugenden! Zum Glück hatten wir für ihn nichts zu befürchten. Etwas Höheres bewahrte ihn vor dieser gefährlichen Klippe. Sie wissen, seine schöne Seele war die einzige, die mit sich selbst nicht zufrieden war. Die Eigenschaften, die er besaß, genügten ihm nicht; er machte sich einen höheren Begriff von denen, die er zu erwerben hoffte. Das war es, was seinen Eifer entflammte, sich die ihm fehlenden Kenntnisse anzueignen. Er wollte auf allen Gebieten der Vollendung so nahe kommen, wie es der menschlichen Schwachheit verstattet ist.

Aber wenn auch Eitelkeit ihm eine lächerliche Schwäche deuchte, so war er doch gegen die Lockungen des Ruhmes nicht fühllos. Welcher tugendhafte Mensch hat den Ruhm je verschmäht? Er ist die letzte Leidenschaft des Weisen; die strengsten Philosophen haben ihn nicht auszurotten vermocht. Gestehen wir es offen: das Streben nach dauerndem Ruhme ist die mächtigste und hauptsächlichste Triebfeder der Seele, ist die Quelle und ewige Grundlage der Tugend. Aus ihr entstehen alle Taten, durch die sich die Menschen unsterblich machen. Prinz Heinrich wollte seinen Ruf nicht der niedrigen Gefälligkeit des Pöbels verdanken, des verächtlichen Anbeters des Glücks, der seine Abgötter knechtisch beweihräuchert, auch wenn sie verdienstlos sind. Er strebte nach einem Ruhme, der von seiner Person unzertrennlich war und den kein Neid anzweifeln konnte. Er wollte keinen erborgten Namen, sondern echten, von einem unveränderlichen Charakter getragenen Ruhm.

Wir sahen den Prinzen in die Welt treten, die Bahn des Ruhmes tat sich vor ihm auf. Wir glaubten einen Wettläufer zu sehen, der seinen Lauf glorreich vollenden würde. Seine blühende Jugend schwellte unser Hoffen. Schon im voraus genossen wir alle seine Verdienste. Ach! Wir wußten nicht, daß ein düsteres Verhängnis ihn uns so bald rauben würde!

Plötzlich wurde er von einer ebenso heftigen wie furchtbaren Krankheit ergriffen. Der Prinz, der keine Furcht kannte, scheute sich auch nicht vor den Blattern, obwohl sie im letzten Winter so große Verheerungen angerichtet hatten und fast jedermann mit Schrecken erfüllten. Bewundern Sie seine Menschlichkeit! Als die Ärzte ihm seine Krankheit nannten, verbot er den Zutritt allen seinen Dienern, die bisher von den Blattern verschont geblieben waren. Der Prinz sagte, wenn man ihm seine Ruhe nicht rauben wolle, müsse man ihn allein die Gefahr bestehen lassen und ihn nicht dem aussetzen, andere anzustecken. Ein Flügeladjutant des Königs, der keine Blattern gehabt hatte, erbot sich, bei ihm zu wachen, aber der Prinz ließ es nicht zu. Er fürchtete, das Leben seiner Umgebung in Gefahr zu bringen, und trotzte selbst der Gefahr. Diese Herzensgüte und edle Gesinnung, diese hochherzige Denkweise, diese Menschlichkeit, die Krone aller Tugenden, kennzeichneten ihn bis zum letzten Augenblick. Geduldig ertrug er sein Leiden, blickte dem Tod furchtlos entgegen und starb wie ein Held.

Gedenken Sie, meine Herren, des Schicksalstages, da das schnell sich verbreitende Gerücht uns plötzlich die traurigen Worte verkündete: »Prinz Heinrich, ist tot!« Welche Bestürzung! Welch aufrichtige, wenn auch vergebliche Klagen!

Das, meine Herren, ist das Vorrecht der Tugend, wenn sie in ihrer ganzen Reinheit erstrahlt: So sehr die Menschen auch zum Laster neigen, sie müssen doch zu ihrem eigenen Besten die Tugend lieben und ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen. Der aufrichtige Beifall des ganzen Volkes, das allgemeine Zeugnis der öffentlichen Hochachtung, das Lob, das Prinz Heinrich nach seinem Tode gezollt ward, also zu einer Zeit, wo er jeder Schmeichelei entrückt war, – gehört das alles nicht zu jenen einmütigen Kundgebungen, worin die Stimme Gottes sich durch die Stimme eines ganzen Volkes zu offenbaren scheint? Messen wir also das Leben der Menschen nicht nach seiner längeren oder kürzeren Dauer, sondern nach dem Gebrauche, den sie von der Zeit ihres Daseins gemacht haben. O liebenswerter Prinz! Deine Weisheit ließ Dich diese Wahrheit einsehen. Dein Lebenslauf war kurz, aber Deine Tage waren inhaltsreich.

Ach! meine Herren, diese traurigen Betrachtungen vermögen unseren Gram nicht zu lindern. Aber achten wir die Beschlüsse der Vorsehung und bedenken wir, daß wir als Menschen dem Leid unterworfen sind. Der Feige erliegt unter seiner Last, doch der Beherzte erträgt es standhaft. Könnte dieser liebenswerte und geliebte Prinz unsere Klagen und die Schmerzenslaute so vieler Leidtragenden hören, er mißbilligte diese traurigen Zeugnisse unseres ohnmächtigen, fruchtlosen Schmerzes. Er würde denken: da er uns in der kurzen Frist seines Lebens nicht so nützlich sein konnte, wie es in seiner edlen Absicht lag, so sollten wir zum mindesten aus seinem Tode eine Lehre ziehen.

O Ihr, erlauchte Jünglinge, die Ihr Euch dem Waffenberufe widmet und nur für den Ruhm lebt, tretet an sein Grab! Erweist die letzte Pflicht dem Prinzen, der mit Euch wetteiferte und Euch ein Vorbild war! Seht, was uns von ihm bleibt: ein entstellter Leichnam, Gebeine, Asche, Staub – das gemeinsame Schicksal aller, die des Todes Sense weggemäht hat! Doch bedenkt zugleich, was ihn unvergänglich überlebt, das Andenken an seine hohen Eigenschaften, das Beispiel seines Lebens, das Vorbild seiner Tugenden. Mir ist, als sähe ich seine erloschene Asche sich aufs neue beleben, aus dem Grab auferstehen, in dem seine kalten Überreste ruhen, und also zu Euch sprechen: »Euer Leben ist eng begrenzt, wie lange es auch währe. Eines Tages werdet Ihr alle die sterbliche Hülle ablegen. Benutzt die Frist zur Tätigkeit. Seht, wie rasch meine Tage entschwanden. Soll Euer Andenken Euch überleben, so beherzigt, daß Euer Name nur durch edle Taten und Tugenden der zerstörenden Zeit und dem Dunkel der Vergessenheit entgeht.«

Auch Ihr, tapfere Verteidiger des Vaterlandes, die Ihr mit beispielloser Anstrengung dem Ansturm ganz Europas Trotz botet, Ihr, höchste Diener des Staates, die Ihr in Euren verschiedenen Ämtern für das öffentliche Wohl wirkt, tretet an das Grab dieses Jünglings! Möge er, den wir wegen seiner Talente und seltenen Tugenden betrauern, Euch in dem Glauben befestigen, daß nicht hohe Würden noch äußere Ehrenzeichen, noch selbst die erlauchteste Geburt denen Achtung erwirbt, die an der Spitze der Völker stehen. Nur ihre Verdienste, ihr Eifer, ihre Arbeit, ihre treue Hingabe an das Vaterland können ihnen den Beifall des Volkes, der Weisen und der Nachwelt erwerben.

Da ich Euch alle an das Grab geführt habe, wie könnte ich allein nicht herantreten? Mein Prinz! Du wußtest, wie teuer Du mir warst, wie wert ich Dich hielt! Kann die Stimme der Lebenden zu den Toten dringen, so leihe Dein Ohr einer Stimme, die Dir nicht fremd war, und erlaube, daß ich Dir dies vergängliche Denkmal errichte, das einzige, ach, das ich Dir setzen kann! Versage es einem an Dir hängenden Herzen nicht, von Deinem Schiffbruch so viel Trümmer zu retten, als es vermag, um sie im Tempel der Unsterblichkeit niederzulegen. Ach! Solltest Du mich lehren, wie sehr der Mensch mit den wenigen ihm beschiedenen Tagen haushalten muß? Sollte ich von Dir lernen, dem herannahenden Tode zu trotzen, ich, den Alter und Hinfälligkeit jeden Tag mahnen, daß er dicht am Ziel seines Lebens steht? Nie wird Dein herrlicher Charakter aus meinem Gedächtnis entschwinden. Ewig wird mir das Bild Deiner Tugenden gegenwärtig sein. Ewig wirst Du in meinem Herzen leben. Dein Name wird sich in alle meine Gespräche mischen, und Dein Andenken wird erst mit dem letzten Atemzuge in mir erlöschen. Schon sehe ich das Ende meiner Laufbahn und den Augenblick, teurer Prinz, wo das höchste Wesen unser beider Asche auf immer vereinen wird.

Der Tod, meine Herren, ist uns allen beschieden. Wohl denen, die mit dem tröstlichen Bewußtsein sterben, daß sie die Tränen der Überlebenden verdienen!








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