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Gedächtnisrede auf Knobelsdorff

Friedrich II. von Preußen: Gedächtnisrede auf Knobelsdorff - Kapitel 1
Quellenangabe
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authorFriedrich der Große
booktitleHistorische, militärische und philosophische Schriften, Gedichte und Briefe
titleGedächtnisrede auf Knobelsdorff
publisherAnaconda Verlag GmbH
editorGustav Berthold Volz
illustratorAdolph von Menzel
year2006
isbn3866470347
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Friedrich der Große

Gedächtnisrede auf Knobelsdorff

Hans Georg Wenceslaus Freiherr von Knobelsdorff wurde am 17. Februar 1699 geboren. Sein Vater besaß die Ortschaft Cossar im Herzogtum Krossen. Seine Mutter war eine Baronin von Haugwitz.

Mit fünfzehn Jahren ergriff er den Waffenberuf. Er trat ins Regiment Lottum ein und machte bei ihm den Feldzug in Pommern und die Belagerung von Stralsund (1715) mit. Hier zeichnete er sich aus, soweit der enge Wirkungskreis des Subalternoffiziers es gestattete. Die Strapazen des rauhen Feldzuges und der bis an die Schwelle des Winters fortgesetzten Belagerung zerrütteten seine Gesundheit. Er bekam einen Bluthusten, bezwang die frühe Krankheit aber und diente trotz seiner zarten Gesundheit bis 1730 weiter. Dann quittierte er den Dienst als Kapitän.

Es ist ein Kennzeichen des Genies, daß es seinen natürlichen Neigungen unbezwinglich folgt und klar erkennt, wozu es geschaffen ist. Daher kommt es, daß so viele tüchtige Künstler sich selbst gebildet und sich neue Wege auf dem Gebiete der Kunst erschlossen haben. Dieser mächtige Drang zeigt sich besonders bei geborenen Dichtern und Malern. Ich brauche wohl nicht erst auf Ovid zu verweisen, der trotz des väterlichen Verbots Verse machte, oder auf Tasso, für den ein gleiches zutraf, oder auf Correggio, der sich beim Anblick von Raffaels Gemälden zum Maler berufen fühlte. Auch Knobelsdorff bildet ein Beispiel dafür. Er war zum Maler und zum großen Architekten geboren. Die Natur hatte ihm die Begabung geschenkt; es blieb der Kunst nur noch übrig, die letzte Hand anzulegen. Schon während seiner Dienstzeit zeichnete er in seinen Mußestunden nach Gipsmodellen und malte bereits Landschaften im Stil Claude Lorrains, ohne den Meister zu kennen, dem er so nahe kam. Nachdem er den Dienst quittiert hatte, überließ er sich völlig seinen Neigungen, befreundete sich mit dem berühmten Pesne und verschmähte es nicht, sich von ihm ausbilden zu lassen. Unter diesem geschickten Lehrer studierte er namentlich jenes bestechende Kolorit, das mit sanftem Trug der Natur ihre Rechte nimmt, indem es die tote Leinwand lebendig macht. Er vernachlässigte kein Genre von der Historienmalerei bis zur Blumenmalerei, vom Öl bis zum Pastell. Die Malerei führte ihn zur Architektur. Hatte er die Bauwerke anfangs nur als Staffage für seine Gemälde benutzt, so stellte sich doch bald heraus, daß das, was er nur für eine Nebensache gehalten hatte, sein eigentliches Talent ausmachte.

Trotz seines zurückgezogenen Lebens blieb er dem König, dem damaligen Kronprinzen, nicht verborgen. Der berief ihn in seinen Dienst. Knobelsdorffs erster Versuch war die Ausschmückung des Schlosses von Rheinsberg, das er nebst den Gartenanlagen in seinen jetzigen Zustand brachte. Er verschönerte die Architektur durch seinen malerischen Geschmack, der den gewöhnlichen Ornamenten eigene Anmut verlieh. Er liebte die edle Schlichtheit der Griechen, und sein Feingefühl verwarf alle unangebrachten Verzierungen.

Begierig, sich Kenntnisse zu erwerben, wünschte Knobelsdorff Italien kennen zu lernen, um dort, selbst in den Ruinen, die Regeln seiner Kunst zu studieren. Im Jahre 1736 trat er seine Reise an. Er bewunderte das Kolorit der Venezianer, die Zeichnung der römischen Schule und sah alle Gemälde der großen Meister. Von allen zeitgenössischen Malern erschien ihm allein Solimena denen ebenbürtig, die unter Papst Leo X. ihr Vaterland ausgezeichnet hatten. In der Architektur der Alten fand er mehr Majestät als in der Neueren. Er bewunderte die prunkvolle Peterskirche in Rom, ohne gegen ihre Fehler blind zu sein. Er erkannte wohl, daß die verschiedenen Baumeister, die daran gearbeitet, sehr zu Unrecht Michelangelos ursprünglichen Plan nicht befolgt haben. Dann kehrte Knobelsdorff nach Berlin zurück (1737), durch die Kunstschätze Italiens bereichert, in seinen architektonischen Grundsätzen befestigt und durch die Erfahrung in seiner Vorliebe für Pesnes Kolorit bestärkt. Nach seiner Rückkehr malte er den verstorbenen König, den Kronprinzen und viele andere Porträts, die allein seinen Ruf begründet hätten, wäre er nur Maler gewesen.

Im Jahre 1740, nach dem Tode Friedrich Wilhelms I., übertrug ihm der König die Oberaufsicht über die Bauwerke und Gärten. Sofort befaßte sich Knobelsdorff mit der Ausschmückung des Berliner Tiergartens. Er machte ihn zu einem köstlichen Fleckchen Erde durch die Mannigfaltigkeit der Alleen, der Hecken und Rondelle und durch die reizvolle Mischung des verschiedensten Laubwerks. Er verschönerte den Park durch Statuen und die Anlage von Wasserläufen, so daß die Bewohner der Hauptstadt hier eine bequeme und schmucke Promenade finden, wo die Reize der Kunst nur unter den ländlichen Reizen der Natur auftreten.

Aber nicht zufrieden damit, in Italien gesehen zu haben, was die Künste einst waren, wollte Knobelsdorff sie auch in einem Lande studieren, wo sie gegenwärtig in Blüte stehen. Er erhielt also Urlaub zu einer Reise nach Frankreich (Herbst 1740) und widmete sich während seines dortigen Aufenthalts ganz seinem Gegenstand. Sein Sinn war zu sehr auf die schönen Künste gerichtet, als daß er die Zerstreuungen der großen Welt gesucht hätte, und er war zu wissensdurstig, um sich in anderer Gesellschaft als der von Künstlern zu bewegen. So sah er nichts als Ateliers, Gemäldegalerien, Kirchen und Baudenkmäler. Wir schweifen von unserem Gegenstand nicht ab, wenn wir hier sein Urteil über die französische Malerschule berichten. Seinen vollen Beifall fand die poetische Komposition von Le Bruns Gemälden, die kühne Zeichnung Poussins, das Kolorit Blanchards und der Boullongne, die Ähnlichkeit und die Vollendung der Gewänder auf den Bildern von Rigaud, das Helldunkel von Raoux, die schlichte Naturwahrheit von Chardin. Großen Gefallen fand er auch an den Bildern von Charles van Loo und den Kunstlehren von Detroy. Immerhin fand er bei den Franzosen das Talent für die Skulptur stärker ausgeprägt als das für die Malerei: ist sie doch von Bouchardon, Pigalle und den Adam zur höchsten Vollendung gebracht worden. Von allen Bauwerken Frankreichs schienen ihm nur zwei völlig klassisch: Perraults Fassade des Louvre und die Gartenfront von Versailles. Für die Außenarchitektur gab er den Italienern den Vorzug, aber den Franzosen für die Innendekoration, die Anlage und Wohnlichkeit der Räume. Nach Verlassen Frankreichs bereiste er Flandern, wo ihm, wie man sich denken kann, die Werke van Dycks, Rubens' und Wouwermans nicht entgingen.

Das von Knobelsdorff erbaute Opernhaus in Berlin.

Nach seiner Heimkehr übertrug ihm der König den Bau des Opernhauses, eines der schönsten und stilgerechtesten Gebäude, die die Hauptstadt zieren. Die Fassade ist der des Pantheon frei nachgebildet. Das Innere ist durch das glückliche Verhältnis der Maße bei aller Größe von guter Akustik. Danach übernahm Knobelsdorff den Bau des neuen Flügels des Charlottenburger Schlosses, in dem die Kunstfreunde die Schönheit des Vestibüls und des Treppenhauses, die Eleganz des großen Saales und der Galerie bewundern. Ebenso kamen seine Talente bei der Anlage der neuen Kolonade des Potsdamer Stadtschlosses, der Marmortreppe und des Saales zur Geltung, der die Apotheose des Großen Kurfürsten enthält. Auch der Kuppelsaal in Sanssouci, eine freie Nachbildung vom Innern des Pantheon, entstand nach seinen Entwürfen, ebenso die Grotte und die Marmorkolonnade im Park dieses Schlosses. Außer den genannten Bauwerken wurde noch eine Unzahl von Privathäusern in Berlin und Potsdam, sowie das Schloß in Dessau nach seinen Zeichnungen ausgeführt.

Die Königliche Akademie der Wissenschaften ließ sich ein so vielseitiges Talent bei ihrer Erneuerung nicht entgehen und ernannte Knobelsdorff zu ihrem Ehrenmitglied. Man wundere sich nicht, einen Maler und großen Architekten unter Astronomen, Mathematikern, Physikern und Dichtern sitzen zu sehen. Künste und Wissenschaften sind Zwillingsgeschwister. Ihre gemeinsame Mutter ist das Genie. Natürliche und unzerreißbare Bande verknüpfen sie miteinander. Die Malerei erfordert genaue Kenntnis der Mythologie und Geschichte; sie führt zum Studium der Anatomie, denn sie bedarf der Kenntnis aller Triebfedern der menschlichen Bewegungen, damit die Muskulatur bei der Stellung der Figuren der Wirklichkeit entspricht und die Glieder nur richtige Schwellungen und Vertiefungen aufweisen. Die Landschaftsmalerei erfordert Kenntnis der Optik und Perspektive, und bei der Darstellung der Architektur auch das Studium der Geometrie, der bewegenden Kräfte und der Mechanik. Vor allem hängt die Malerei mit der Dichtkunst zusammen. Das gleiche Feuer der Einbildungskraft, das den Dichter beseelt, muß auch den Maler durchglühen. Das alles gehört zum Schaffen eines guten Malers. Vielleicht liegt einer der großen Vorzüge unseres aufgeklärten Jahrhunderts darin, daß es die Wissenschaften unentbehrlich gemacht und sie dadurch verbreitet hat.

Alle diese Kenntnisse machten Knobelsdorff zum würdigen Mitglieds der Akademie. Sie würden ihm noch mehr zur Ehre gereicht haben, wäre er uns nicht in einem Alter entrissen worden, wo seine Talente in voller Reife standen. Er litt unter Gichtanfällen. Seine Krankheit artete dann schließlich in Wassersucht aus. Die Ärzte schickten ihn nach Spaa, in der Hoffnung, er würde durch die Kur genesen, aber er fühlte, daß die dortigen Bäder ihm nichts halfen. Mit Mühe kehrte er nach Berlin zurück und starb dort am 16. September 1753 im Alter von vierundfünfzig Jahren und sieben Monaten.

Knobelsdorff erwarb sich durch seinen lauteren und rechtschaffenen Charakter allgemeine Hochachtung. Er liebte die Wahrheit und glaubte, sie verletze niemanden. Gefälligkeit betrachtete er als Zwang und floh alles, was seine Freiheit zu beeinträchtigen schien. Man mußte ihn genau kennen, um sein Verdienst voll zu würdigen. Er förderte die Talente, liebte die Künstler und ließ sich lieber suchen, als daß er sich vordrängte. Vor allem muß zu seinem Lobe gesagt werden: er verwechselte nie Wetteifer mit Neid, Gefühle, die sehr verschieden sind, und die zu unterscheiden man den Künstlern und Gelehrten zu ihrer eigenen Ehre und Ruhe und zum Wohle der Gesellschaft nie genug anraten kann.








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