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Gebändigt!

Max Brand: Gebändigt! - Kapitel 8
Quellenangabe
authorMax Brand
titleGebändigt!
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorAnton Mayer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180228
projectid4be2d575
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Siebentes Kapitel

Alcatraz hegte keinen Augenblick den Gedanken, sich zu ergeben, obgleich er die Macht des Menschen niemals unterschätzte. Für Alcatraz war der Mexikaner der Mensch, und Cordova hatte in sich viele Kräfte vereint: die Stärke einer Stierherde, Ausdauer, der verächtlichen Geduld eines Esels noch überlegen, die Geschwindigkeit des vom Himmel herabzuckenden Blitzes, der rings die Baumwollsträucher erzittern läßt. So wie er, waren die Menschen, Wesen, die um der Eroberung willen erobern, und die aus Wollust an den Schmerzen anderer diese quälen. Die Furcht des Hengstes war ebenso groß wie sein Haß, der ihn wie im Fieber erbeben ließ.

Der Reiter war verschwunden, aber Alcatraz traute allein der Entfernung nicht. Er hatte mehr als einmal die Büchse in Cordovas Hand knallen hören: sogleich war der verwundete Falke vom Himmel herab vor die Füße des Mannes gefallen. So hielt Alcatraz im Laufe nicht inne, außerdem freute ihn der Galopp. Er glich einem Knaben, der Jahre hindurch nicht seine Stärke erprobt hat und eines Tages findet, daß er ein Mann geworden ist.

Mit staunender Befriedigung begrüßte der rote Fuchs die neuen Kräfte, die er während seines Laufens entfaltete. Die Kraft, die der Mexikaner mit systematischer Brutalität niedergehalten hatte, trat jetzt beinahe ganz zutage, und Alcatraz schien unermüdlich. Er blieb nicht stehen und blickte sich nicht um, bis ihm eine Strecke von zwei Meilen, die er an den steilen Hängen des Adlergebirges hinaufklomm, den Atem benahm.

Er hatte die Hügel unter sich gelassen, und die größeren Hänge der Berge erhoben sich steiler und steiler bis zu den Gipfeln. Alcatraz fühlte jedoch, daß er das Gebirge überschreiten müsse. Vielleicht würde es auf der anderen Seite keine Menschen geben. Die Zeit konnte nicht besser gewählt werden. Schon füllten sich die tiefen Schluchten bis zum Rande mit blaugrauen Schatten, so daß er die schlimmste Steigung während der Nachtkühle überwinden konnte. So begann Alcatraz den Anstieg.

Es war eine schwere Arbeit. Wenn er wenige Meilen südlich die Hügel zu überschreiten versucht hätte, würde er die Straße gefunden haben, die von der Ranch der Jordans in bequemen Kurven über die Berge führte, aber die Abhänge, die gerade über ihm lagen, waren kaum überwindlich. Nach Verlauf einer Stunde begann Alcatraz zu merken, daß ein Gebirgshang von weitem viel weniger steil aussieht, als er wirklich ist, wenn man ihn unter den Beinen hat. Die Dämmerung war weit vorgeschritten, bevor er den Anstieg zur Hälfte zurückgelegt hatte und eine beinahe ebene, einige hundert Meter breite Schulter des Gebirges betreten konnte. Hier machte er eine Weile halt, während sich seine Muskeln, die vom Steigen verkrampft waren, wieder lösten. Er drehte sich um und blickte auf die Leistung zurück, die er bereits vollbracht hatte. Der Hang stürzte steil zu dem tiefergelegenen Gelände ab. Die großen Vorberge waren nur noch Haufen, die aus der Erde aufstiegen. Hinter ihnen dehnte sich die grenzenlose Ebene nach Osten, bis sie in der Dunkelheit verschwand. Tief atmete der Hengst zufrieden die reine Gebirgsluft ein; sein vergangenes Leben lag weit unten, dort in der dickeren Luft und in der dunklen Nacht unter ihm, er war zu einer Höhe aufgestiegen, die vielleicht einsam, auf jeden Fall aber frei war.

Der Wind blies von den Bergen hinab und schmiegte den langen Schweif des Hengstes an seine Seite. Alcatraz wandte sich um und hielt seinen Kopf dem Wind entgegen; er hatte bereits neue Kräfte für den weiteren Anstieg gesammelt. Im Winde fand er einen fremden Geruch, eine üppige, starke Witterung, die ihn sofort zum Halten veranlaßt hätte, wäre er bewanderter im Leben der Wildnis gewesen. So trabte er durch ein Gebüsch weiter und wurde am Rande einer Lichtung durch ein Knurren aufgehalten, das vom Boden vor seinen Füßen aufzusteigen schien. Dann sah er ein totes Reh dort liegen, über das sich ein großer, kräftiger Körper beugte. Eine Tatze lag auf der Flanke der Beute, und eine blutige Schnauze erhob sich gerade über sie.

Es gibt keinen größeren Feigling als den Puma. Unter gewöhnlichen Umständen hätte das Tier sich wohl bedacht, ehe es ein ausgewachsenes Pferd angegriffen hätte, aber die Überraschung verlieh ihm den Mut der Verzweiflung. Es sprang in dem Augenblick los, da Alcatraz sich zur Flucht wandte. Während der Hengst herumfuhr, erkannte er, daß es unmöglich war, dem Sprung dieses Ungeheuers mit den klaffenden Zähnen zu entrinnen. So schlug er hoch und kräftig aus; elfhundert Pfund trainierter Muskeln vereinigten sich in dem Schlage, der die Seite eines Ochsen eingedrückt haben würde. Ein Huf sauste vorbei, aber der andere traf genau zwischen die Augen des Berglöwen. Die große Katze flog schreiend zurück; Alcatraz sah nur noch ihren Fall, dann flüchtete er bergaufwärts, während die Todesfurcht seinen Sprung beschleunigte. Er achtete nicht, wohin er trat, brach krachend durch das Unterholz und erreichte am Ende seiner wahnsinnigen Flucht den Kamm des Abhanges.

Dort oben blieb er schwach und zitternd stehen, aber der Kamm bot keine Deckung. Als Alcatraz eifrig im trügerischen Mondlicht um sich spähte, sah er, daß keine unmittelbare Gefahr drohte. Am Fuße des nach Westen liegenden Abhanges aber erblickte er das Feenland der Pferde. Weit im Hintergrunde erhob sich ein zweites Gebirge, das beinahe so hoch war wie die Erhebung, auf der er stand. Zwischen beiden aber zog sich ein ebener Grund hin, der im Mondschein zu träumen schien. Ein Teil des Bildes war deutlich erkennbar: ein breites silbernes Band, das sich zwischen den Hügeln hinzog, ein Fluß mit kleinen Nebenflüssen, die von beiden Seiten eilig zu ihm hinunterrannen. Alcatraz sah über die Landschaft hin; sein Herz schwoll vor Entzücken, während er an die weißglühende Hitze der Wüste dachte, die allein er sein ganzes Leben lang gekannt hatte. Der Wind, der mit seiner Mähne spielte und seinen heißen Körper kühlte, brachte auch die bezaubernden Gerüche immergrüner Pflanzen mit sich. Alcatraz vermeinte, das gelobte Land vor sich zu sehen. Jedenfalls hatte er manchen Tag in brennenden, staubigen Koppeln oder glühend heißen Ställen von ihm geträumt.

Der Abstieg erwies sich als viel weniger steil und kürzer als der Anstieg. Da, wo das eigentliche Gebirge in eine reizende Hügelkette überging, beschloß der Hengst zu rasten. Er biß ein paar Mundvoll Gras ab, das üppig am Rande eines Wasserlaufes wuchs, ging bis zu den Knien in ein kleines, stilles Gewässer, und während er trank, verwischte sich das Spiegelbild der Sterne. Dann kehrte er auf einen Hügelgipfel zurück, um zu schlafen.

Es war heller Tag, als er sich erhob, um sich wieder auf den Weg zu machen. Um sich nach Kräften für den nächsten Abschnitt seiner Reise zu stärken, fraß er eifrig auf der Leeseite des Hügels, wo das Gras am dicksten und zartesten wuchs, während er häufig den Kopf hob und auf das neuentdeckte Land hinunterblickte. Der Himmel war bedeckt. Dünne Nebel und dichte Haufenwolken trieben mit dem Westwind und blieben am Gebirge hängen. Alcatraz konnte den Grat nicht sehen, den er in der vorigen Nacht überschritten hatte, so dicht waren diese Wolkenmassen, aber die Hochebene unter ihm war mit gelben Sonnenflecken gesprenkelt. Und sie hielt vollauf, was sie in der monddurchleuchteten Nacht versprochen hatte. Der Hengst sah weite Wiesenflächen, steile und sanfte Hügelhänge, Strecken, die mühsam zu erklettern waren und andere, auf denen zu galoppieren eine Lust sein mußte. Er erblickte Flüsse, die genügend Wasser versprachen, sowie Baumgruppen zum Schutze vor Sonne und Sturm. Alles, was ein Pferdeherz sich nur wünschen mag, war über alle Begriffe reichlich vorhanden. Alcatraz hob das prachtvolle Haupt und wieherte über die Ebene hin.

Keine Antwort kam. Sein Königreich erwartete seine Ankunft schweigend. Mit schnellem Schwung setzte er sich in Bewegung. Der Weg, den er am Tage vorher zurückgelegt, hatte ihn nicht etwa steif gemacht, sondern ihn erst richtig in Form gebracht, so stürmte er wie der Wind voran. Er war in bester Laune, tanzte und scheute vor jedem Wolkenschatten, der ihn traf und seinem Fell den Glanz nahm; erst in den Sonnenflecken wurde er wieder zum glänzenden Rotfuchs. Überall bemerkte er eine Menge Stellen, an denen er sich gerne aufgehalten hätte, wenn ihn nicht noch schönere in der Entfernung gelockt hätten. Hügelgipfel konnten ihm zum Auslug dienen, wenn es nötig war; Wiesen erstreckten sich da, auf deren weichem Boden das Gras lang und üppig wuchs, während andere süßeren und feineren Rasen boten. So erreichte er auf seinem königlichen Wege die erste Schranke, das erste Hindernis, das die Landschaft darbot.

Schlangengleich krümmte sich eine dreifache Reihe silbrig gleißender Drähte, einer über dem anderen, endlos über Hügel und durch Täler dahin. Alcatraz legte die Ohren an: er kannte Stacheldrahtzäune seit langem und wußte, daß sie die Nähe und die Herrschaft von Menschen bedeuteten. Die Narben, die Peitsche und Sporen hinterlassen hatten, schmerzten ihn von neuem, und der alte dumpfe Haß stieg in ihm auf. Diese drei geschmeidigen, hellen Linien waren, das wußte er, stärker als er, gerade wie der gebrechliche Körper eines Menschen eine geheimnisvolle Stärke besaß, welche die seine übertraf. Er drehte seinen Kopf gegen den Wind und galoppierte zehn Minuten atemlos an dem neu errichteten Zaun entlang. Dann blieb er mit schlagenden Flanken stehen. Immer noch lief der Stacheldraht endlos nach beiden Richtungen von ihm weg. Jetzt sah er auch ein Gewirr von ähnlichen Zäunen jenseits der Wiesen zu seiner Rechten. Mehr als das, er bemerkte eine Gruppe weidenden Viehs, und da hinten Pferde auf einer Grasfläche.

Alcatraz glitt zurück und nach der Seite, bis er außer Sicht war, und galoppierte dann über den Hügel zu einer Baumgruppe auf dem Gipfel. Hier blieb er stehen, um vom sicheren Standort aus seine Beobachtungen fortzusetzen. Der Zaun war Menschenwerk, Vieh und Pferde waren Menschenbesitz. Weit weg zur Linken neben einer Baumgruppe stieg Rauch auf, der sogar das Vorhandensein von Menschen selbst anzeigte. Der Fuchs schauderte, als ob er mit kaltem Wasser übergossen würde. Da ergriff ihn eine sinnlose Wut: sein Paradies, sein Land der Verheißung war vom großen Feinde bereits in Besitz genommen. Eine Weile blieb er stehen und sah über die Gegend hin, dann drehte er sich widerstrebend um und flüchtete wie ein Verfolgter den Weg zurück, den er gekommen war. Nach einer halben Stunde hatte er den Zaun hinter sich gelassen, aber immer noch setzte er den Lauf fort. Er begann zu fühlen, daß das Land, über das er galoppierte, gerade den Menschen gefallen müßte, solange es ihm selbst gefiel. So setzte er unverdrossen seinen Weg fort und sprang über die Bäche. Dann warf er sich in den Fluß und schwamm ans andere Ufer hinüber, auf dem die Gegend sofort einen ganz anderen Charakter zeigte. Das Tal öffnete sich wie ein Fächer, dessen Griff die grüne, wasserreiche Hochebene bildete, in die er zuerst hinabgestiegen war. Aber nun wandelte es sich in eine kahle, bunte Wüste, die von unbewachsenen Hügeln hier und da unterbrochen war und sich nach beiden Seiten bis zum Fuß von blauen, in der Ferne sich erhebenden Bergen ausdehnte.

Während das Wasser noch von seinem Körper tropfte, sandte Alcatraz einen letzten Blick über das grüne Land hinter ihm und wandte sich dann in die Wüste. Es wurde ihm nicht schwer, die freundlichen Wiesen zu verlassen, da er wußte, daß Menschen sie besaßen. Hier in der sandigen Wüste, in der es nur staubiges Büschelgras zu fressen und sumpfiges Wasser zu saufen gab, war er wenigstens frei von dem Schrecken, den ihm der Feind einflößte. Er hielt die eingeschlagene Richtung weiter inne, naschte ab und zu im Vorbeigehen am Grase, bald trabte er ein wenig, bald galoppierte er leicht über einen kahlen Landstrich. Gerade um Mittag trug ihm der Wind die Witterung von Pferden zu.

Es war seine eigene Rasse, aber trotzdem freute er sich nicht, denn mit der Vorstellung von Pferden verband er unvermeidlich den Gedanken an den Menschen. Dennoch beschloß er, der Sache auf den Grund zu gehen. Als er vorsichtig über eine Bodenerhebung zog, sah er im nächsten Tale einen ganzen Trupp von Pferden, ohne daß ein Mensch in Sicht war. Er war zu klug, um voreilige Schlüsse zu ziehen, schlich vielmehr von seinem Ausguck zurück und lief in einem weiten Halbkreis auf die Herde zu. Nachdem er sich versichert hatte, daß kein Cowboy in der Nähe war, kehrte er auf seinen ersten, vorteilhafter gelegenen Platz zurück und nahm seine Beobachtungen wieder auf.

Ein prachtvoller schwarzer Hengst ging auf der Windseite vor der Herde her, während ein anderes, jüngeres Tier sie auf der anderen Seite bewachte. Zwischen den beiden befanden sich bunt durcheinander junge und alte Stuten mit langbeinigen Jährlingen, zarthufige Fohlen und mehr als ein alter Hengst. Es war eine gemischte Gesellschaft, die Farben wechselten vom Schecken zum Grauen, auch waren sie von sehr verschiedener Figur. Jetzt wieherte der schwarze Hengst leise, worauf die übrigen Pferde sich eng zusammendrängten, jede Stute ihr Fohlen neben sich; alle Köpfe wandten sich dem Rappen zu, der auf einen Hügel galoppierte, den Horizont beobachtete und dann wieder den Kopf zum Grasen sinken ließ.

Dies war für die anderen das Zeichen, sich von neuem unbesorgt hin und her zu bewegen. Aber Alcatraz begann, sich die Situation in seinem Kopfe zurechtzulegen. Die zwei Hengste waren augenscheinlich Wächter. Doch gegen wen sollten sie im hellen Tageslicht ausgestellt sein, wenn nicht gegen den furchtbaren Zerstörer, der sowohl am Mittag wie um Mitternacht jagt – den Menschen! Eine Art Erleuchtung kam über Alcatraz. Die Verschiedenheit von Farbe und Figur, die ungepflegten Mähnen und Schweife, die wilden Augen erzählten ihm alle das eine jetzt: diese Pferde waren keine Menschendiener; da sie aber nicht seine Diener waren, mußten sie seine Feinde sein, denn das war das Gesetz der Welt. Der große Feind herrschte, und wo er nicht herrschen konnte, tötete er. Die Herde fürchtete dieselbe Macht, vor der Alcatraz Angst hatte. Sofort wurden sie seine Brüder und Schwestern, so daß er, ohne sich zu bedenken, auf die Herde zulief.

Die Wirkung war erstaunlich. Vom Gipfel des Hügels aus wieherte der schwarze Hengst schrill und kurz auf, und im Augenblick setzte sich die ganze Herde nordwärts in Bewegung. Alcatraz sah erstaunt zu und bemerkte, daß der Rappe zurückblieb und die älteren Pferde, denen es schwerfiel, das Tempo mitzuhalten, in die Seite biß. Nachdem er das getan hatte und er so die Herde in dichter Masse geschlossen vor sich hertrieb, lief der Rappe um sie herum und setzte sich mit einem prachtvollen Spurt an ihre Spitze. Er behauptete seinen Platz mit Leichtigkeit, während eine schnell galoppierende graue Stute sich an seine Seite setzte, und wandte von Zeit zu Zeit den Kopf, um sich zu überzeugen, daß ihm alle folgten. So galoppierten sie den nächsten Abhang hinauf und verschwanden aus Alcatraz Augen.

Als sich der Fuchs von seinem Erstaunen erholt hatte, machte er sich zur Verfolgung auf. Hier lag ein Geheimnis vor, das der Lösung wert schien. Obendrein waren ihm die Pferde mit dem Augenblick, in dem er sie als nicht dem Menschen gehörig erkannt hatte, auf unerklärliche Weise lieb geworden, und als sie verschwanden, wurde ihm das Herz schwer. Aber seine Schnelligkeit brachte sie ihm bald wieder in Sehweite. Sie waren auf der Flucht ein wenig langsamer geworden, aber als sie ihn wieder erblickten, gerieten sie von neuem in rasenden Schrecken; die Fohlen liefen voraus, die ganze Herde folgte mit fliegenden Mähnen und gerade nach hinten wehenden Schweifen.

Alcatraz freute sich über den Anblick. Sein Herz schlug schneller, wie es immer tat, wenn er Pferde im gestreckten Galopp sah. Vielleicht wollten sie seine Schnelligkeit erproben, bevor sie ihn in ihre Gesellschaft aufnahmen. In diesem Fall konnte der Bescheid schnell gegeben werden. Er sandte ihnen seinen Ruf nach, der sie auffordern sollte, ein Pferd wirklich laufen zu sehen, und überholte sie dann in einem Galopp, der seine Fähigkeiten als Flieger vollendet zeigte. Der Lauf führte ihn nicht nur zu den Pferden hinauf, sondern gerade in ihre Mitte hinein. Zwei oder drei junge Hengste bogen mit erschrecktem Schnaufen zur Seite. Als er an einer mühsam laufenden Stute vorbeikam, unterbrach diese ihre Flucht und schlug mit beiden Hinterbeinen nach ihm aus. Alcatraz vermied die Gefahr mit einem Seitensprung, der leicht wie der eines Tänzers war, und verkürzte seinen Galopp.

Strafen konnte er die Stute für ihre Unverschämtheit nicht; außerdem brauchte er Zeit, um seine Gedanken zu ordnen. Warum ergriffen sie vor einem Gefährten die Flucht, der ihnen nichts Böses zufügen wollte? Das schien ein großes Rätsel. Inzwischen bemerkte er, während er den Fliehenden leicht auf den Fersen blieb, daß sie die Geschwindigkeit besser hielten, als irgendwelche Cowboypferde, die er jemals hatte laufen sehen. Von der ältesten Stute bis zum jüngsten Fohlen schienen sie eine gleichmäßige Gangart zu haben.

Ein Wiehern des schwarzen Leithengstes ließ die Herde nach allen Seiten auseinanderfahren, wie Feuer auf einem Stoppelfeld. Alcatraz blieb stehen, um den Sinn dieses neuen Manövers zu erfassen, und bemerkte, daß der Rappe sich ihm in einem werfenden Trabe näherte, wie jemand, der eine Gefahr erkunden will, aber bereit ist, sofort die Flucht zu ergreifen, wenn eine ernstliche Bedrohung vorhanden wäre. Sein Blick war nicht auf Alcatraz, sondern über diesen hinweg in die Weite gerichtet, in der die Hügel wie ein blauer Nebel sanft gegen den Himmel rollten. Dann schien er sich überzeugt zu haben, daß dem Fuchs nichts in der Ferne folge, und begann, in schnellem Galopp um Alcatraz seine Kreise zu ziehen, die immer enger wurden.

Alcatraz drehte sich beständig um sich selbst, um ihm entgegenzutreten, während er ein freundliches Begrüßungswiehern ausstieß. Aber der Rappe schenkte diesen Annäherungsversuchen nicht die geringste Aufmerksamkeit. Endlich blieb er etwa zwanzig Meter von Alcatraz stehen, während ein leichtes Zittern ihn überlief. Mit erhobenem Kopf und zurückgelegten Ohren bot er das wahre Bild eines ärgerlichen und stolzen Pferdes. Klar bedeutete sein Verhalten eine Herausforderung, aber Alcatraz freute sich zu sehr an seinen neu gefundenen Brüdern, um an einen Kampf zu denken. Er neigte den Kopf ein wenig und scharrte den Boden leicht mit dem Vorderfuß, wie es die Pferde seit Urzeiten tun, um freundliche Absichten auszudrücken. Aber der Leitrappe ließ kein Freundschaftszeichen sehen. Er hob sich ein wenig auf der Hinterhand und kam leicht auf die Vorderbeine wieder herunter, während sein Gewicht auf der Hinterhand versammelt blieb, als wenn er sich zum Angriff anschicke. Auf dieses unmißverständliche Zeichen feindlicher Gesinnung hin schnaubte Alcatraz und gab scharf acht.

Wenn es sich um Kampf handelte, war er mehr als zu Hause, war er ein Meister. Mehr als eine Koppeltür hatte er geschickt aufgemacht und mehr als eine brüchige Scheunenmauer zerbrochen, indem er seine Schulter dagegenstemmte, mehr als einen Zaun übersprungen, um zu den Pferden zu kommen, die dahinter standen. Mit steigendem Ärger betrachtete er seinen Gegner. Der Rappe war ein paar Zentimeter kleiner als er selbst, schien aber so kräftig zu sein, daß er diesen Mangel ausglich. Er war ein starker Achtjähriger, mit Muskeln bepackt wie ein Herkules und von mächtigem Knochenbau, um sein Gewicht zu tragen. Seine Augen, die durch die dichten Stirnhaare schimmerten, gaben ihm einen Ausdruck von wilder Tücke. Alcatraz kam zu der Ansicht, er sei ein Feind, der seiner würdig wäre, und sah ihn von neuem an. Die anderen Pferde bildeten einen unregelmäßigen Halbkreis um sie herum und beobachteten sie erwartungsvoll. Nur die jungen Hengste, die noch nicht wußten, was kommen sollte, begannen miteinander zu spielen oder ihre Mütter zu necken, indem sie so taten, als ob sie mit ihnen kämpfen wollten. Alcatraz sah, wie eine alte Stute ihr Fohlen mit dem Kopf beiseitestieß, um freie Aussicht auf den Kampf zu haben.

Alcatraz interessierte sich so für diese Nebenumstände, daß er seinen Kopf nach allen Seiten wandte, bis er plötzlich ganz dicht die heranstürmenden Hufe hörte und gerade noch Zeit hatte, sich zur Seite zu werfen, so daß der Rappe an ihm vorübersauste. Alcatraz wandte sich um und trat zurück, um den unverschämten Fremden zu Boden zu schlagen. Aber er fand, daß der Leithengst sich sehr von den zahmen Menschenpferden unterschied. Hundert wilde Kämpfe hatten den Schwarzen jeden Trick mit Zahn und Huf gelehrt, und in der Hitze des Gefechtes trug er sein Gewicht mit der Behendigkeit einer Katze. Alcatraz hatte seine Drehung auf der Hinterhand noch nicht ganz vollendet, als der Schwarze bereits über ihm war, während der Staub durch die Schnelligkeit seiner Wendung hinter ihm her flog. Er beugte sich vor, daß er die Kehle des Fuchses erreichen konnte, und seine Zähne schlossen sich um Alcatraz' Hals, da, wo der sich unterhalb der Kinnbacken verengt. Seine Größe erlaubte es Alcatraz, zu steigen und sich freizuschütteln, aber seine Kehle blutete, als er, auf allen vieren landend, vor Wut über den Schmerz in den Wunden zu tanzen begann. Immer noch aber griff er nicht an; er hatte zu viele Kämpfe mitgemacht, um unbesonnen zu handeln.

Der Rappe indessen hatte den Sieg geschmeckt und kam von neuem mit einem leichten Schnauben an. Gerade darauf hatte Alcatraz gewartet. Nun benutzte er eine List, die er vor langer Zeit von einem klugen, alten Wallach gelernt hatte, mit dem er damals einen bitteren Kampf ausgefochten hatte. Er bog sich zurück, als wolle er sich bäumen, um dem Angriff zu begegnen, aber als seine Vorderfüße kaum den Boden verlassen hatten, ließ er sie wieder sinken, fuhr herum und schlug mit beiden Hinterfüßen aus.

Wenn sie an der richtigen Stelle gelandet wären, würde der Kampf in diesem Augenblick zu Ende gewesen sein. Aber der Schwarze besaß wahrlich die Geschicklichkeit einer Katze und bog sich zur rechten Zeit zur Seite, um seinen Kopf zu retten. Immerhin hatte ein blitzähnlich durch die Luft fahrender Huf seine Schulter getroffen und sie wie mit einem Messer aufgerissen. Beide Pferde sprangen zurück und warteten auf den nächsten Angriff. Die graue Stute, die so tapfer an der Seite des Leiters gelaufen war, kam jetzt herbei und blieb mit gespitzten Ohren in der Nähe stehen. Alcatraz entblößte die Zähne, als er auf sie hinsah. Würde er zu Boden geschlagen werden, so wollte sie ohne Zweifel ihrem Herrn und Meister zu Hilfe eilen, um den Kampf vollends zu beendigen. Das ergab für Alcatraz ein zweites Problem: er mußte mit dem Hengst kämpfen, ohne der verräterischen Stute den Rücken zu kehren.

Ehe er noch den Plan für seinen nächsten Angriff überlegen konnte, fuhr der Schwarze von neuem auf ihn los. Diesmal bäumten sie sich gleichzeitig, trafen sich in gleicher Weise mit Zähnen und einem schnellen Hufgeschmetter, worauf sie sich trennten, ohne daß einer einen Vorteil errungen hätte. Alcatraz betrachtete seinen Feind mit grimmiger Hochachtung. Es war ihm dumpf im Schädel, der von den erhaltenen Schlägen brummte; seine Schulter war von einem Vorderhuf leicht aufgeschlagen worden. Augenscheinlich konnte er seinen alten abgehärteten Gegner auf diese Weise nicht zur Strecke bringen. Einen Trick hatte er bereits benutzt, nun mußte er einen anderen und wieder einen anderen finden. Als der Rappe von neuem angriff, glitt Alcatraz vor der Berührung mit ihm fort und galoppierte in seinem unvergleichlichen Stil davon. Der andere folgte ihm auf kurze Entfernung und blieb dann stehen, während er seinen Trotz und seinen Triumph in die Lüfte schrie. Man konnte ebensogut versuchen, dem Wind zu folgen als diesem fremden Fuchs. Im übrigen floß das Blut aus der Schulterwunde, das eine Vorderbein schien schwach zu werden; es war gut, daß der Kampf jetzt zu Ende war.

Aber er war noch nicht zu Ende! Es war nicht Flucht, die Alcatraz geplant hatte, als er sich davonmachte. Nun umkreiste er den Feind, bog ein und wich dann scharf aus, wenn der Schwarze sich bäumte, um dem erwarteten Angriff zu begegnen. Auf jeden Fall hatte er die Initiative ergriffen, so daß er bei seiner Leichtfüßigkeit den Kampf nun in einem für ihn günstigen Sinne entscheiden durfte. Zweimal griff er an, zweimal wandte sich ihm der Rappe zu und wehrte ihn mit einem Schauer von Hufschlägen ab. Aber beim drittenmal überraschte den Rappen nach einer Finte von der entgegengesetzten Seite ein Angriff. Alcatraz traf ihn gerade mit der Schulter in die Flanke, so daß der Stoß den Hengst schwer auf die Erde warf. Der Zusammenprall brachte auch Alcatraz ins Schwanken, aber wie ein wütender Terrier war er im nächsten Augenblick über seinem Gegner. Dreimal stampfte er über den zuckenden Körper, bis der Rappe bewegungslos dalag und sein Fell sich vom Blut aus zwanzig Wunden rötete. Dann trat Alcatraz zurück, wieherte seinen Triumph und bemerkte trotz seiner Kampfbegeisterung, daß die Herde sich auf seinen Ruf hin eng um ihn scharte.

Er konnte keine Erklärung für ihr Verhalten finden und hatte auch keine Zeit, nachzudenken, da der Rappe sich nun mühsam erhob. Aber aller Kampfesmut hatte ihn verlassen. Er stand wie betäubt mit gesenktem Kopf da, und auf den herausfordernden Ruf des Fuchses antwortete er nicht einmal mit dem Zucken eines Ohres.

Die graue Stute lief zu ihm hin, berührte seine Schnauze mit ihrer Nase und kehrte dann kopfschüttelnd um. Dann trabte sie zu Alcatraz, schlug leicht mit ihren Hinterhufen ein paar Zentimeter an seinem Kopf vorbei und galoppierte dann zur Herde, während sie auf den Sieger zurückblickte. Eitelkeit und Treulosigkeit des schwachen Geschlechtes! Sie hatte gesehen, wie ihr Herr niedergeschlagen wurde, und in der nächsten Minute näherte sie sich seinem Besieger.

Die Herde setzte sich in Bewegung, als die Graue herankam und Alcatraz folgte; der schwarze Leithengst blieb unbeweglich stehen, während das Blut unablässig an seinen Beinen herablief.

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