Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Brand >

Gebändigt!

Max Brand: Gebändigt! - Kapitel 6
Quellenangabe
authorMax Brand
titleGebändigt!
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorAnton Mayer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180228
projectid4be2d575
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel

Coles hatte angekündigt, daß die Versteigerung der Stuten unmittelbar nach dem Rennen stattfinden solle, und obgleich er sie gerne verschoben hätte, blieb ihm nichts anderes übrig, als an seinem Worte festzuhalten. Natürlich war das Resultat jämmerlich. Die Rancher hatten gesehen, daß der struppige Alcatraz gegen die eingeführten Pferde gewonnen hatte, und empfanden, daß sie ihren Lokalpatriotismus nur zeigen konnten, indem sie keine Gebote machten. Ein paar spöttische Preise von hundert Dollar pro Kopf wurden genannt. »Ganz nett als Reitpferd für meine kleine Tochter«, hatte einer der Rancher lachend die allgemeine Ansicht formuliert. Das Resultat war, daß Marianne sie sämtlich für einen lächerlichen Preis erstehen konnte. Er war so niedrig, daß es Marianne zu träumen glaubte, als Coles mit ihr zu den Pferden ging, um ihr die ganze Größe ihres Kaufes zu zeigen.

»Ich sehe natürlich, daß Sie nicht aus dem Westen sind«, sagte Coles endlich, »aber Sie haben es einem Pferde aus dem Westen zu verdanken, daß Sie dieses Geschäft machen konnten – ich meine Alcatraz.«

»Er ist zu häßlich dazu«, sagte Marianne, aber sie überlegte sich auf dem Rückweg zu ihrem Hotel, daß der sonnengebleichte Fuchs sich ihr als wahre Goldgrube gezeigt hatte. Sie fühlte, daß dies der glücklichste Tag ihres geschäftlichen Lebens sei, denn sie wußte, daß der Preis für die Stuten weniger betrug, als jede vernünftige Schätzung ergeben mußte. Nun war ihre Ranch mit guten Pferden aufs beste versehen, nun brauchte sie nur noch mit Lew Herveys Tyrannei ein Ende zu machen. Und Marianne fühlte, daß im roten Perris, dem Kämpfer der Kämpfer, die Lösung des Konfliktes gegeben war.

Als sie in ihrem Hotelzimmer war, sah sie sich ziemlich unbehaglich um. Natürlich war sie die Arbeitgeberin, die einen in Aussicht genommenen Angestellten empfing, um sich über seine Fähigkeiten zu orientieren, aber sie war immerhin ein Mädchen, das einen Mann in ihr Zimmer kommen ließ. Sie war froh, daß niemand da war, der sich darüber lustig machen konnte, wie sie die Möbel ein wenig gefälliger stellte, und sie war doppelt froh darüber, daß kein Zuschauer sie beobachten konnte, als sie vor dem Spiegel stand. Sie musterte sich so kritisch, wie sie es nicht getan hatte, seit sie den Osten verlassen hatte. Im ganzen war sie mit der Veränderung, die sie an sich wahrnahm, ziemlich zufrieden. Das gesunde Leben im Freien hatte den dunklen Ton ihrer Haut vertieft, hatte ihn aber auch, wie sie fand, durchsichtiger gemacht. Ihre Wangen waren angenehm gerundet, ihr Hals fülliger, außerdem aber verlieh ihr die Erregung frische Farben.

Als sie mit ihren Gedanken so weit gekommen war, wunderte sie sich, daß ein wandernder Cowboy sie in Erregung bringen sollte. Sie entschied sich eilig, daß es natürlich nur der Kauf der Stuten sei, der sie mit diesem zitternden Glücksgefühl erfüllte. Aber Marianne war von Grund aus ehrlich gegen sich, und wie ihr Herz heftiger schlug, als sie einen schnellen und leichten Schritt den Korridor herunterkommen und vor ihrer Tür haltmachen hörte, gab sie sich sofort zu, daß Pferde gar nichts mit ihrem Gefühl zu tun hatten.

Sie wünschte glühend, daß sie diese Entdeckung früher gemacht hätte, aber nun klopfte er, bevor sie sich noch gesammelt hatte, wurde gebeten, einzutreten und stand vor ihr. Sie wußte, obwohl es ihr peinlich war, daß ihre Augen weit geöffnet und ihre Farben verdächtig lebhaft waren, und daß sie den Ausdruck ihrer freudigen Erwartung nicht verbergen konnte. Ein Trost, daß ihm nicht weniger unbehaglich zumute zu sein schien als ihr. Er machte einige vergebliche Anstrengungen, ein wenig Staub von seinem Hemd zu entfernen.

»Ich wollte mich umziehen«, sagte er, »aber der Zettel befahl mir, sofort nach dem Rennen zu Ihnen zu kommen, Miss Jordan.«

Wirklich sah er ziemlich ramponiert aus. Der Kampf mit dem Schnurrbartmann hatte Spuren zurückgelassen, die in der Entfernung nicht sichtbar gewesen waren. Auch hatten Staub und Schweiß das Blau seines Hemdes und das Rot seines Halstuches gebleicht. Aber die rote Flamme seines Haares und das kühne Blau seiner Augen funkelten in alter Stärke. Sie machte noch mehr Entdeckungen, als er durch das Zimmer auf sie zuschritt: er war kleiner, als er ihr während des Kampfes auf der Straße vorgekommen war, höchstens mittelgroß. Es wurde ihr klar, daß sie vorhin allein auf den kämpferischen Geist des Mannes und nicht auf seine körperliche Beschaffenheit geachtet hatte.

Sie gaben sich die Hände. Marianne freute sich, daß er sie nicht auf diese hinterhältige Art ansah, wie es eitle Männer so an sich haben, wenn sie mit einem Mädchen zusammenkommen, von dem sie wissen, daß es sie kennenlernen will, und daß er ihr nicht gezwungen entgegentrat, wie es die schüchternen Leute aus dem Westen oft tun. Sein Haupt war erhoben, sein Blick fest, und sein Lächeln grüßte sie mit offener Freude.

Sie versuchte, ihre Worte seinem geraden Wesen anzupassen: »Ich habe Ihnen einen geschäftlichen Vorschlag zu machen und möchte Ihnen nicht viel Zeit rauben. Zehn Minuten werden genügen. Bitte, setzen Sie sich, Mr. Perris.«

Sie nahm seinen zerknüllten Hut und wies auf einen Stuhl. Sie sah, daß er sich im Stuhle ebenso aufrecht hielt wie beim Stehen. Über Jim Perris lag irgend etwas Abenteurerhaftes. Unwillkürlich mußte sie an ein Vollblut denken. So wie ein Vollblut »zu viel Pferd unter dem Sattel« sein kann, so fühlte sie, daß Perris »zu viel Mann« war. Irgend etwas an ihm war immer in Bewegung: entweder glitten seine schmalen Finger über die Lehne des Stuhles, oder sein Fuß zuckte, sein Blick flackerte, oder sein Kopf drehte sich stolz zur Seite. Wieder fiel ihr der Vergleich mit dem Vollblut ein. Es kam ihr vor, als müsse Perris erst ein- oder zweimal scharf herangenommen werden, bevor aus ihm ein normaler, brauchbarer Mensch würde. Dann bemerkte sie noch etwas anderes: ganz aus der Nähe gesehen war er hübscher als von weitem.

Sie hielt es für besser, nicht so direkt mit ihrem Vorschlag herauszurücken und suchte nach einem kleinen Umweg. Sie fand ihn, als sie die Berlocke entdeckte, die aus seiner Uhrtasche hing. Es war ein dunkler, unförmiger Metallklumpen.

»Ich kann mir nicht helfen, ich muß Sie etwas über diese Berlocke fragen. Ich habe nie auch nur etwas Ähnliches gesehen.«

Er ließ das Metall mit einem sonderbaren Lächeln durch die Finger gleiten.

»Ich will es Ihnen erzählen«, sagte er liebenswürdig. »Ich sah einmal einem großen Krach zu, den verschiedene Leute miteinander hatten, ohne etwas dabei zu tun, friedfertig wie ein alter Ackergaul, als plötzlich einer der Leute aufstand und mich ins Bein schoß. Die Kugel schlug durch die Revolvertasche mir in den Schenkelknochen. Ich habe ein paar Monate im Bett liegen müssen, und als ich aufstehen konnte, ließ ich mir die Kugel als Berlocke zurechtmachen, um mich immer an den Mann zu erinnern, der auf mich geschossen hat. Das ist ungefähr fünf Jahre her. Ich habe ihn bis jetzt noch nicht gefunden, aber, wie Sie sehen, denke ich noch an ihn.«

Er schloß die kleine Erzählung mit einem Lächeln, das aber verflog, als er sah, wie sich ihre Augen vor Schreck weiteten. Vor fünf Jahren? dachte sie. Da war er ja knapp mehr als ein Knabe. Wieviel andere nicht minder wilde Kapitel mag seine Lebensgeschichte enthalten!

»Hat er Ihnen nicht wenigstens angeboten, Ihre Doktorrechnung zu bezahlen?«

»Der?« Perris lächelte wieder. »Eines Tages wird er sie bezahlen. Es ist nur aufgeschoben.«

Er schüttelte die Erinnerungen schnell von sich ab und richtete sich auf; augenscheinlich wartete er auf ihr Angebot. Aber ihre Gedanken waren immer noch nicht gesammelt, als sie zu sprechen begann.

»Ich muß ein wenig auf die Angelegenheiten unserer Ranch eingehen«, sagte sie, »damit Sie verstehen, warum ich Sie um Ihren Besuch gebeten habe. Mein Vater hatte vor Jahren einen Unfall mit seinem Pferde, der ihn zum Invaliden gemacht hat. Er kann nicht mehr im Sattel sitzen und hat infolgedessen jede Beziehung zu seinem Beruf verloren. Das schlimmste aber ist, daß er sich aus ihm nicht mehr viel zu machen scheint. Infolgedessen geriet alles in die Hände des Inspektors, der aber nicht gerade sehr erfolgreich war. Tatsächlich brachte die Ranch keinen Überschuß mehr, sondern Verluste. So kam ich nach dem Westen, um selbst zu versuchen, sie zu leiten. Vermutlich klingt das ziemlich töricht.«

Sie sah ihn scharf an, aber zu ihrem Entzücken schienen seine Augen zum erstenmal wirklich begeistert zu blicken.

»Das klingt ausgezeichnet«, sagte Perris.

»Der Inspektor glaubt das allerdings nicht, sondern will seine alte selbständige Stellung wiederhaben.«

»Und da macht er Ihnen also die Arbeit schwer.«

»Dadurch, daß er mir einfach jeden notwendigen Rat versagt. Mein Vater will mit mir über das Geschäftliche nicht sprechen und Lew Hervey auch nicht. Ich versuche ein Dollargeschäft zu leiten und habe nur für einen Cent Wissen und Erfahrung. Ich kann Hervey nicht entlassen, da er zu lange und treue Dienste geleistet hat. Aber ich möchte jemand haben, der sich einarbeiten und unter Umständen Herveys Stellung ausfüllen kann. Jemand, der mit dem Vieh Bescheid weiß und mir ab und zu sagen kann, was ich tun soll. Mr. Perris, wissen Sie mit Rindvieh Bescheid?«

Sein Interesse schien nachzulassen.

»Die meisten Menschen hierzulande wissen damit Bescheid«, antwortete er lässig, »ich sollte meinen, daß Sie überall Dutzende finden könnten.«

»Das ist nicht so einfach«, erklärte sie eifrig. »Sie müssen wissen, daß Lew Hervey ein ziemlich schwieriger Mensch ist. In den früheren Tagen war er, glaube ich, ein Mensch, der viel Krach anfing, und so ist er eigentlich noch heute. So hat er eine ganze Menge Krakeeler als Cowboys auf die Ranch gebracht. Merkt er, daß ich sozusagen einen Mann als zweite Besetzung für seine Rolle bringe, wird er, fürchte ich, Schwierigkeiten machen, wenn er nicht überzeugt ist, daß er besser daran tut, mit dem neuen Mann keinen Skandal anzufangen.«

Perris' Laune wurde zusehends schlechter. Er hörte immer noch höflich zu, wandte aber den Kopf ab, und seine klaren Augen schienen irgendeinen Gegenstand auf der anderen Seite der Straße zu erblicken, der ihn mehr interessierte. Sie merkte, daß er ihr entglitt und kämpfte darum, ihn wieder zu gewinnen. Hier war jemand, der den schlimmsten Verbrecher auf der Ranch reiten, den zähesten Cowboy kleinkriegen, mit ihnen nach Gefallen und bis zur Erschöpfung spielen oder kämpfen konnte, wie sie es immer wünschten, und der ihr als ihre rechte Hand den besten Rat zu geben vermochte.

»Was das Gehalt betrifft, so kann es der Mann, den ich für den richtigen halte, selbst bestimmen«, sagte sie und schloß ziemlich hoffnungslos: »Mr. Perris, ich glaube, Sie könnten der richtige Mann für die Stellung sein. Wollen Sie nicht einen Versuch machen?«

Er schwieg eine Weile, und sie wußte, daß er die Pause benutzte, um eine höfliche Absage zu formulieren.

»Ich werde Ihnen sagen, wie es ist. Sie sind sehr freundlich, mir das Angebot zu machen. Da Sie noch nicht viel von mir gesehen haben, und was Sie sahen – nun immerhin ziemlich wild war.« Er lachte, um seiner Verlegenheit Herr zu werden. »Ich schätze also Ihr Vertrauen sehr hoch. Aber ich fürchte, daß ich mich nicht anders benehmen würde als Hervey.« Er sprach nun schneller, wie um zu vermeiden, sie zu beleidigen. »Sehen Sie, ich kann mich nicht unterordnen.«

»Wenn es ein Mann wäre, der Ihnen dieses Angebot machte –« begann Marianne ärgerlich.

Er hob die Hand. In seinem Benehmen gab es hin und wieder Spuren einer guten Kinderstube, die in so starkem Gegensatz zu allem stand, was sie von ihm gesehen hatte, und auch zu den etwas kindlich prächtigen Kleidern, die er trug, daß Marianne vollkommen verblüfft war.

»Ich bin am liebsten mein eigener Herr und habe mein ganzes Leben lang meinen eigenen Weg verfolgt. Der einzige Reichtum, den ich besitze, ist, was Sie hier an mir sehen.« Er berührte das verstaubte goldene Band an seinem Sombrero und zwinkerte ihr fröhlich zu, als wolle er sie einladen, an seiner Heiterkeit teilzunehmen. Aber Marianne schwieg beharrlich. »Ich bin nur froh, wenn ich meine Freiheit habe, ich liebe auch keine Partner. Ich bin nicht etwa stolz darauf, daß ich das hier sage, aber so können Sie wenigstens sehen, was ich gerne möchte. Wenn ich nicht mal einen Kameraden haben möchte, so können Sie sich leicht vorstellen, wie mir ein Vorgesetzter zuwider wäre.«

Sie nickte mit Zurückhaltung und sah, daß er auf ihre unfreundliche Geste hin leicht mit den Achseln zuckte; seine Augen schweiften wieder ab, als suche er ein Mittel, um der Unterredung ein Ende zu machen.

Marianne erhob sich.

»Ich verstehe Ihren Standpunkt, Mr. Perris«, sagte sie kalt, »es tut mir leid, daß Sie mein Angebot nicht annehmen können.«

Er stand im selben Augenblick auf, zögerte aber noch einen Augenblick und drehte seinen Hut gedankenvoll in den Händen, so daß sie einen Augenblick lang hoffte, daß er sich noch besinnen würde. Schließlich hätte sie größere Überredungskünste spielen lassen können; sie war fest davon überzeugt, daß Männer im Herzen wie die Kinder seien. Dann hob er aber den Kopf und schüttelte die Stimmung ab, die ihn überkommen hatte.

»Vielleicht komme ich noch einmal auf Ihren Vorschlag zurück«, sagte er begütigend, »vorläufig allerdings noch nicht. Jedenfalls finde ich es furchtbar nett von Ihnen, daß Sie gedacht haben, ich könne die Stellung ausfüllen, und – ich wünsche Ihnen alles Gute, Miss Jordan.«

»Ich danke Ihnen«, sagte Marianne, und haßte sich selbst wegen ihrer hartnäckigen Steifheit.

An der Tür drehte er sich noch einmal um.

»Ich hoffe, daß Sie Lieder leicht vergessen können«, sagte er.

»Lieder?« wiederholte Marianne und errötete tief.

»Sehen Sie«, erklärte der rote Jim Perris, »es ist eine schlechte Angewohnheit von mir, daß ich nämlich immer die erste beste Dummheit mache, die mir in den Kopf kommt. Leben Sie wohl, Miss Jordan.«

Mit diesen Worten verschwand er.

Sie fühlte undeutlich, daß sie noch einiges hätte sagen müssen, aber zu gleicher Zeit war sie merkwürdig sicher, daß sie Perris wiedersehen würde und ihm dann alles sagen könne. So trat sie träumerisch ans Fenster, das sich auf einen leeren Bauplatz hinter dem Hotel öffnete.

Nun dachte sie nicht mehr an den roten Perris, denn unten sah sie Cordova; er war gerade dabei, Alcatraz an ein Gerüst zu binden, das in der Mitte des Bauplatzes stand. Zaum und Sattel hatte er bereits abgenommen. Der Hengst trug nur noch einen starken Halfter.

Der Mexikaner hielt sich vorsichtig auf der dem Pferde abgekehrten Seite des Gerüstes und band die Enden des Halfterstricks schnell zusammen. Erst als er zurücktrat, sah Marianne die etwa acht Fuß lange schlangengleiche Schnur einer Peitsche in seiner Hand. Er zog die Schnur langsam, langsam durch die Finger, während er den Hengst sichtlich mit großem Behagen ansah. Alcatraz' Ohren legten sich an den Kopf, ein deutlicher Beweis, daß er wußte, was erfolgen sollte. Er behielt seine müde Haltung bei, der sich jetzt ein Zug von Verzweiflung beizumischen schien. Marianne wehrte sich innerlich gegen den häßlichen Verdacht, der in ihr aufkeimte. Aber Cordova ließ ihr nur einen Moment zu zweifeln übrig.

Die schwarze Schnur rundete sich über seinem Kopf. Marianne hörte durch das offene Fenster das Knallen der Peitsche. Alcatraz zuckte unter dem Schlage nicht. Noch einmal wirbelte die schwarze Schlange durch die Luft, und Cordova lehnte sich zurück, um die volle Kraft des Körpers und des Armes in den Schlag zu legen. Alcatraz hob nicht einmal ein Ohr. Erst als die lange Schnur in der Luft hing, bewegte er sich. Das Seil, an dem er festgebunden war, hing lose herunter, so daß der Hengst einem Rückwärtssprung seine volle Kraft geben konnte. Das ganze Gewicht seines Körpers, die ganze Stärke seiner Beinmuskeln spannten das Seil straff. Es vibrierte einen Moment so stark, daß es unsichtbar wurde und riß dann mit einem Knall, der so laut war wie ein Peitschenschlag. Alcatraz' angespannter Körper fiel plötzlich befreit auf die Seite; er rollte wie ein Hund im Staube und als er ebenso schnell wie ein Hund wieder auf die Füße sprang, floh Cordova mit entsetztem Gesicht auf das Hotel zu.

Selbst in diesem Augenblick konnte Marianne seinen Schrecken nicht verstehen – nicht, bis sie sah, daß Alcatraz sich umgedreht hatte und dem Mexikaner auf den Fersen war. Er kam an wie das Teufelspferd, dessen Namen ihm Cordova gegeben hatte, mit zurückgelegten Ohren, offenem Maul, und solcher Geschwindigkeit, daß der Mexikaner lief, wie nur der höchste Schrecken einen Mann zum Laufen bringen kann.

Der niedrige Zaun, der den Hof des Hotels abschloß, hielt den Mann einen Augenblick auf – einen furchtbar wichtigen Augenblick, der Marianne endlose Minuten zu dauern schien. Aber jetzt war Cordova hinüber und lief weiter. In ihrem Entsetzen wunderte sie sich, warum er nicht um Hilfe rief, aber Cordovas Gesicht blieb regungslos.

Noch zwanzig Schritte waren bis zum Hotel zurückzulegen, so daß er noch Hoffnung hatte. Aber nein, Alcatraz segelte mit einem Satz über den Zaun, der zugleich die Entfernung zwischen ihm und seinem Herrn halbierte. Alles erfolgte in einer Zeit für knapp zwei, drei Atemzüge. Marianne beugte sich aus dem Fenster und stieß einen Warnungsruf aus, denn nun hatte der verblaßte Fuchs den Mexikaner beinahe erreicht. Dieser hob sein verzerrtes Gesicht bei ihrem Schrei in die Höhe, und warf dann beide Arme mit einer Bewegung in die Luft, die sie niemals vergaß.

»Schießt!« brüllte Cordova. »Amigo, amigo, schießt schnell –!« Dann war Alcatraz über ihm.

Cordovas Knochen mußten durch den Anprall so ziemlich alle gebrochen sein. Er überschlug sich ein paarmal im Staub, aber da der Fuchs in seiner Wucht über ihn hinausgeschossen war, taumelte Cordova wieder auf seine Füße und versuchte noch einmal zu flüchten. Doch kam er nur einen Schritt weit; sein linkes Bein knickte unter ihm zusammen. So fiel er zur Seite und versuchte, sich durch den Staub weiterzuschlängeln und zu kriechen. – Dann hatte ihn Alcatraz abermals erreicht.

Diesmal trug ihn der Schwung nicht an seinem Opfer vorbei. Nach rückwärts und vorwärts und von oben trat der Fuchs hin und her, drehte sich, kam zurück und trat und stampfte, bis sein eines weißes Bein purpurn war und rote Blutstropfen herumflogen, die im Staube schwarze Klumpen bildeten.

Der Schrecken, der Marianne ergriffen hatte, löste sich, so daß sie wiederum aufschrie. Der zweite Schrei rettete Cordova das bißchen Leben, das noch in ihm war: denn der Hengst sprang, als er den Ruf hörte, beiseite, ließ von seinem Opfer ab, hob seinen Kopf gegen das halb ohnmächtige Mädchen im Fenster und wieherte laut und trotzig. Immer noch wiehernd setzte er sich in Galopp, sprang wieder über den Zaun und verschwand aus Mariannes Augen.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.