Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Brand >

Gebändigt!

Max Brand: Gebändigt! - Kapitel 4
Quellenangabe
authorMax Brand
titleGebändigt!
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorAnton Mayer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180228
projectid4be2d575
Schließen

Navigation:

Drittes Kapitel

Die Rennbahn verdankte ihr Dasein einem Zufall: ein Rasenstreifen lief ziemlich uneben an einem langen Feld entlang, dessen Ecken er mitmachte, ohne wirkliche Kurven zu bilden. Vor der Geraden befand sich ein stumpfer Winkel. Aber da die Länge etwa eine Meile betrug, hieß der Rasen »Das Geläuf«. Die kurzen Flachrennen wurden auf der Geraden gelaufen, deren Länge mehr als die notwendige Viertelmeile betrug; wenn aber ein längeres Rennen stattfand, mußte das Feld den gefährlichen ganzen Kreis laufen, der feucht und glitschig war. Das vom Geläuf umschlossene Gelände wurde für die Wettkämpfe gebraucht, welche die Cowboys auf bockenden Pferden ausfochten. Die beiden Ereignisse der Glostervillemesse, das Rennen und das Zureiten der rohen Pferde, war für den letzten Tag aufgespart worden. Marianne hätte gern auf den letzten Teil des Programms verzichtet. »Es macht mich krank, wenn ich einen Mann mit einem Pferde kämpfen sehe«, erklärte sie oft, aber sie zwang sich selbst, hinzugehen.

Sie war jetzt in den Rocky Mountains und nicht mehr auf den Grasplätzen des Ostens. Hier war das Reiten von »Verbrecherpferden« an der Tagesordnung. Es mochte roh sein, aber das ganze Land war roh.

Der Tag war ungewöhnlich feucht, und die Adlerberge schienen Pyramiden aus blauem Rauch zu sein. In der Nähe glänzten die Dächer von Glosterville im heißen Sonnenschein; zwischen der Ortschaft und dem Gebirge zitterten die Felder unter den Wellen der steigenden Hitze. Eine harte Landschaft, die für harte Menschen geschaffen war.

Man kann ein Land sich nicht zu eigen machen, dachte Marianne, es ist das Land, das uns zu sich zwingt. Wenn ich mir nichts aus dem mache, was den anderen Menschen im Westen gefällt, so täte ich besser, die Ranch Lew Hervey zu überlassen und nach dem Osten zurückzugehen.

Das war außerordentlich aufrichtig. Während des ganzen Weges zum Rennplatz hing sie ihren Gedanken ruhig nach. Die Angelegenheit der Zuchtstuten gewann an Wichtigkeit. Bis jetzt hatte sie noch nichts Bedeutendes auf der Ranch schaffen können. Wenn ihr auch dieser Plan mißglückte, so würde sie – nach dem Sprichwort – den letzten Strohhalm verloren haben.

Trotz ihrer ernsthaften Absichten hatte sie so viel Zeit versäumt, daß das Reiten beinahe vorbei war, als sie ankam. Wagen und Automobile faßten das Feld in unregelmäßigen Reihen ein, boten aber nicht genug Sitzgelegenheit, so daß viele Menschen stehen mußten.

Ein Strom des Lebens, wogte das Gewimmel unaufhörlich über das Feld hin. Ab und zu erschien einer der Reiter, die auf den bockenden Pferden saßen, über der Menge, worauf sich das Summen der Stimmen verstärkte und einzelne helle Ausrufe hörbar wurden. Der Staub, den die Kämpfer aufwirbelten, stieg in durchscheinenden Wolken zur Sonne auf. Mit einem peinlichen Gefühl im Herzen näherte sich Marianne dem Treiben, denn als sie das Geläuf überschritt und durch den Zaun kletterte, hörte sie das Schnauben und Keuchen eines wütenden, angstgequälten Pferdes. Das Schreien eines Kindes hätte sie nicht tiefer rühren können.

Der Kreis der Zuschauer war so dicht, daß sie anfangs glaubte, sich nicht durchdrängen zu können; aber als sie näher herankam, entdeckte sie eine Lücke und gelangte erstaunlich leicht in die vorderste Reihe des Kreises. Es war nicht das erstemal, daß sie erfuhr, wie man den Frauen im Westen ihre Wege leicht macht. Gerade als sie ihren Platz eingenommen hatte, tobte ein Pferd von der entfernten Seite des Platzes los, während sein Reiter gellende Schreie ausstieß. Sein Kopf und seine Schultern flogen nach rückwärts. Es sah aus, als ob er von der Wucht des Pferdes zurückgerissen werde, aber in Wirklichkeit verlegte er nur immer sein Gewicht und sicherte sich so geschickt gegen jeden zufälligen Seitensprung. Mitten aus gestrecktem Galopp sprang das Tier hoch in die Luft, schlug Kopf und Hufe zusammen und kam steifbeinig wieder zu Boden. Marianne fühlte den Stoß in ihrem Gehirn, als ob sie selbst auf dem Pferde säße. Aber der Reiter blieb im Sattel. Und es wurde noch schlimmer. Sechzig Sekunden lang bockte das Pferd auf eine geradezu irrsinnig-wütende Weise, die viel Erfahrung verriet, warf sich in die seltsamsten Stellungen und schlug mit allen vieren die Erde. Jede rasende Drehung des sich windenden Pferdekörpers genügte, den Reiter aus dem Sitz zu bringen. Trotzdem blieb er im Sattel, bis der Kampf mit erstaunlicher Plötzlichkeit endete. Das Pferd machte eine letzte verzweifelte Anstrengung, fiel aus der Luft zurück und blieb dann mit gesenktem Kopf zitternd geschlagen stehen. Der Sieger ritt ruhig zum Eingang der hochumzäunten Koppel zurück, während laute Beifallsrufe hinter ihm hertönten.

»Hallo, meine Dame«, hörte Marianne über sich eine Stimme, »wollen Sie sich vielleicht ein wenig zu uns heraufsetzen?«

Ein hoher vierrädriger Wagen mit vier improvisierten Plätzen hinter dem Kutschbock. Marianne dankte mit einem Lächeln. Ein vierzehnjähriger Junge sprang höflich herab, um ihr zu helfen, aber sie stieg hinauf, ohne seine Hand zu benutzen. Sie wurde sogleich, fast im wörtlichsten Sinne, in die Familie aufgenommen, die aus drei Jungen, einem ältlichen Vater und einer arbeitsmüden Mutter bestand, die alle neugierige freundliche Augen hatten. Die Leute fühlten wahrscheinlich, daß Marianne nicht zu ihrer Klasse gehörte. Zwar hatte die Sonne ihre Haut verbrannt, aber nicht verdorben; in den schwitzenden Mittag der Familie brachte sie Morgenfrische. Sie wurde in die Ecke des Kutschbockes neben die Mutter gesetzt und ihr alles so behaglich wie möglich gemacht. Die Leute hießen Corson, ihre Familie war »beinahe immer« im Westen gewesen. Sie besaßen ein Gut am Talia ferro und hatten von der Ranch Jordans gehört. All das kam in den ersten beiden Minuten zur Sprache. So wurde das Notwendigste schnell besprochen, und man gab sich dann den aufregenden Vorgängen des Augenblickes wieder ganz hin.

»Da kann gar keiner dran zweifeln«, sagte Corson, »daß Arizona Charly gewinnt. Vor zwei Jahren hat er auch gewonnen. Er erinnert mich an Pete Langley, so wie er im Sattel sitzt. Wer ist denn dieser Perris? Kennen Sie den? Mein Gott, wie sie Arizona zujubeln! Er ist nicht gerade in bester Verfassung, aber ich glaube, er ist immer noch gut genug, um diesem Perris die Stange zu halten, von dem sie so viel Geschichten machen. Wo ist denn Perris?«

Hier und da wurde in der Nähe derselbe Name gerufen. Corson stand auf und sah um sich.

»Wer ist Perris?« fragte Marianne.

»Er kommt aus dem Norden, aus Montana, habe ich gehört. Er hat auf sich selbst gewettet, daß er diesen Reitkampf gewinnen wird, und hat jeden Einsatz dagegen gehalten. Der Kerl muß glatt verrückt sein!«

Marianne hörte die Stimme nur ganz undeutlich; sie verfiel in eine angenehme Träumerei, auch spürte sie, daß sich manche bewundernden Augen aus der Menge auf sie richteten. Sie sehnte sich nach der blauen Kühle der Berge und atmete leise, weil der scharfe Alkalistaub in der Luft schwebte, oder bemerkte ziemlich abwesend den Sonnenglanz auf einem Pferd in einem der entfernten Koppeln. Die steigende Erregung der Menge, die zeigte, daß eine Entscheidung nahte, schläferte sie gleichsam noch mehr ein. Corsons Worte schienen Klänge ohne Sinn.

»Der Sieger soll sich den schlimmsten Verbrecher der ganzen Gesellschaft aussuchen; dann will Perris dieses Pferd zuerst reiten. Fällt er herunter, verliert er. Bleibt er oben, muß der andere sich auf dasselbe Pferd setzen – auf ein Pferd, dem schon das Bocken halb ausgetrieben ist. Ist das nicht eine verrückte Wette.«

»Es klingt anständig genug«, sagte Marianne. »Perris hat wohl jetzt noch nicht geritten. Und Arizona Charley ist noch abgekämpft.«

»Arizona abgekämpft? Er ist noch gar nicht richtig warm geworden. Außerdem hat er ein Pferd hier – wenn Perris versucht, das zu reiten, wird ihm das Herz brechen. Wissen Sie, was für ein Pferd man heute hergebracht hat? Rickety! Ganz sicher – den alten Rickety!«

Er deutete vor sich hin.

»Da kommt er!«

Marianne sah gleichgültig nach der angegebenen Richtung und richtete sich dann plötzlich, wieder wach geworden, auf. Niemals hatte sie eine so tückische Wildheit wie bei diesem Pferde gesehen. Seine Ohren bewegten sich unausgesetzt nach vorwärts und rückwärts, während es die Stärke der Stricke prüfte, die es zurückhielten. Dann und wann bog und schüttelte es sich unter der verhaßten Bürde des Sattels. Es war ein Schecke mit kräftigen Beinen und Rammsnase, wie geschaffen für harten und schweren Kampf.

Arizona Charley, ein großer Mann, der ein wenig hinkte, ging langsam auf den Gefangenen zu, während er seinen Gefährten zugrinste. Es war klar, daß er nicht glaubte, der Fremde würde die Prüfung bestehen.

Ein kurzer tiefer Schrei stieg aus der Menge auf.

»Da ist Perris!« rief Corson. »Da ist der rote Perris!«

Marianne blieb der Mund offen vor Erstaunen. Es war der sorglose Kavalier, der unter ihrem Fenster gelacht, gekämpft und gepfiffen hatte. Er trat aus dem dichten Kreis hervor, der sich nahe bei Rickety gebildet hatte, und erwiderte die Zurufe der Menge mit einem Schwenken seines Hutes. Es würde ein wenig zu großspurig ausgesehen haben, hätte er nicht gelacht.

»Er will es tatsächlich wagen«, sagte Corson, der zu gleicher Zeit schauderte und kicherte. »Er will versuchen, Rickety zu reiten. Es kommt mir so vor, als ob sie beide von derselben Art wären – zwei unermüdliche Teufel, dieses Pferd und der rote Jim Perris!«

»Ist die Sache eigentlich wirklich gefährlich?« fragte Marianne.

Corson sah sie mitleidig an.

»Rickety kann geritten werden, heißt es«, antwortete er, »aber ich kenne keinen, der es fertiggebracht hätte. Sehen Sie nur! Der Gaul ist ein Mörder!«

Perris war ein wenig zu nahe an das Pferd herangekommen. Der Schecke schnappte sogleich nach ihm und suchte ihn mit einem Vorderhuf zu treffen. Der Mann sprang, immer noch lachend, zurück.

»Gute Nerven hat er«, sagte Corson kritisch, »vielleicht ist er doch kein Großsprecher nur. Da, jetzt geht's los!«

Es geschah sehr schnell. Perris hatte Arizona die Hand geschüttelt, sich dann umgedreht und war in den Sattel gesprungen. Die Stricke wurden gelöst, Rickety krümmte sich einen Augenblick, um zu fühlen, ob er auch wirklich frei sei, dann sauste er mit wehender Mähne los, während sein Kopf dicht über dem Boden blieb. Dieser Reiter lehnte sich nicht zurück, sondern saß kerzengerade. Nur seine linke Schulter flog mit konvulsivischen Stößen zurück, als er sich bemühte, Ricketys Kopf hochzubekommen. Aber der Schecke hatte das Gebiß zwischen den Zähnen. Wenn ihm einmal das Kinn an die Brust gezogen worden war, hatte er alle Chancen zum Bocken verloren; so hielt er seine Nase so tief wie möglich und bewies damit, ein wie guter Kämpfer er war. Jetzt hörte man keine Schreie. Man empfing Rickety, wie Kenner die großen Künstler, mit Stillschweigen. Das Pferd brach aus gestrecktem Galopp in ein verrücktes Gewirr von Kreuz- und Quersprüngen weg, aus dem es plötzlich wieder in volle Karriere überging, um dann die Wucht des Laufes neuerlich zu einem Dutzend Bocksprüngen zu benutzen; dann stieg er und überschlug sich nach hinten, um den Cowboy auf die Erde zu schmettern.

Marianne bedeckte ihre Augen. Aber eine unwiderstehliche Kraft zog ihre Hand herab und hieß sie zusehen. Sie sah gerade noch, wie Perris aus dem Sattel glitt, bevor Rickety auf die Erde krachte. Der Hut war ihm vom Kopf geschlagen worden. Sonne und Wind spielten in seinem flammenden Haar, blaue Augen und weiße Zähne blitzten, als er wiederum lachte.

»Ich hab's gern, wenn sie gefährlich sind«, hatte er gesagt, »und ich lasse sie auch so. Ein zahmes Pferd ist wie ein zahmer Mensch, und ich gebe keinen Deut für einen Kerl, der nicht kämpfen mag.« Erst hatte sie das geärgert, nun, da sie sich daran erinnerte, klang es ihrem Ohre ganz anders. Als Rickety auf die Füße sprang, schnellte sich Perris in den Sattel und fand gewissermaßen noch im Sprung die Steigbügel. Der Wallach versuchte sofort, ob sein Reiter fest säße, indem er in die Höhe sprang und auf dem Vorderbein landete; aber Perris saß den Stoß aus, indem er geschmeidig nachgab.

Das war wirklich gut geritten, sehr gut, und die Menge ließ ein beifälliges Summen hören.

»Ein hübscher Kerl, wie?« sagte Corson. Aber Marianne ergriff seinen Arm. »Oh!« stieß sie hervor, »oh!«

Drei aufeinanderfolgende wilde Sprünge hatten ihre erschreckten Ausrufe veranlaßt. Aber der flammendrote Kopf des Reiters war immer noch hoch erhoben. Dann sauste seine Gerte durch die Luft und hinunter auf Ricketys Flanke. Ein erschrockenes Seufzen durchfuhr die Menge. Perris ritt nicht nur gut, sondern gab Rickety die Peitsche zu fühlen – Rickety!

Der Schecke schien die Beleidigung mehr als den Schmerz des Hiebes zu fühlen. Er raste über den Platz, um Schwung für einige neue und noch schlimmere Sätze zu bekommen; während er dahinstürmte, zitterte ein Schrei über die Menge hinweg, den Perris ausstieß.

»Es ist, als ob der Kampf sie betrunken macht.«

Marianne hörte Corsons Bemerkung nicht. Sie sah, wie Rickety seinen Lauf mäßigte, als der langgezogene Ruf ertönte, der so wild und hoch war, daß es sie in der Nase kribbelte. Jetzt trabte das Pferd, nun ging es Schritt und stand dann ganz still; es sah plötzlich elend und niedergeschlagen aus. Die Rufe der Zuschauer hörten sich fast wie ein Seufzen an, denn Rickety war vollkommen besiegt; es war, als ob ein alter Meister im Boxring, ein narbenreicher Veteran aus hundert Schlachten, erledigt worden wäre.

»Was ist denn los?« stieß Marianne atemlos hervor.

»Rickety hat den Mut verloren«, sagte Corson, »das ist alles. Ich habe miterlebt, wie das den tapfersten Männern in der Welt passiert ist. Ein zweijähriger Junge könnte jetzt Rickety reiten. Nicht einmal mit der Peitsche könnte man das arme Luder zu einem einzigen Sprung bewegen.«

Die Gerte fuhr wieder über die Flanke des Schecken, brachte ihn aber nur zu einem mäßigen Trab. Der furchtbare Rickety lief wie ein Lamm zur Koppel zurück!

»Arizona muß einen guten Reiter schlagen«, gab Corson zu, »aber er hat jetzt trotzdem eine Chance. Mit Rickety ist nicht mehr viel anzufangen. Er ist nicht nur geritten – er ist zerbrochen worden. Ich könnte ihn selbst reiten.«

»Mr. Corson«, sagte Marianne, die plötzlich einen Gedanken hatte, »ich wette, daß Rickety gar nicht zerbrochen ist. – Nur wenn der rote Perris drauf sitzt.«

»Sie meinen, daß Perris ihn verzaubert hat?« fragte Corson lächelnd.

»Genau das. Da! Sehen Sie?«

In der Tat stellte sich Rickety, einen Augenblick nachdem Perris aus dem Sattel geglitten war, auf die Vorderbeine und schlug mit den Hinterhufen nach einem Mann, der unvorsichtigerweise ihm zu nahe gekommen war. Eine Sekunde später kämpfte er mit der Kraft und der Tücke einer Katze, um sich von den Stricken zu befreien. Ein Raunen erhob sich aus der Menge vor Überraschung. Offenbar war der alte Verbrecher noch nicht am Ende mit seinen Kräften.

»Was hat Perris nur mit dem Pferd gemacht«, flüsterte Marianne.

»Ich weiß nicht«, sagte Corson«, aber es scheint mir, als ob Sie recht haben. Sehen Sie, wie Perris dasteht, sein Kinn auf die Hand stützt und Rickety anguckt? Vielleicht ist Perris so eine Art Genie, und wir gewöhnlichen Leute können ein Genie nur verstehen, wenn wir ein Buch drüber lesen.« Sie nickte ernsthaft.

»Kämpfernaturen können wir gut brauchen, nicht wahr?« sagte sie leise.

»Gut brauchen«, lachte Corson. »Ja, verehrte Dame, würden wir denn sonst hier sitzen? Nur weil Männer gekämpft haben, um uns den Weg hierher zu bahnen. Wie kommt es denn, daß dies Land zu den Vereinigten Staaten gehört? Weil eine Menge Leute die Büchse auf die Schulter genommen und es erobert haben! Allerdings können wir Kämpfernaturen brauchen! Ich habe selbst in meinem Leben ein bißchen auf die eine oder andere Art gekämpft und schäme mich dessen nicht. Sehen Sie mal meinen Sohn hier an. Worauf, glauben Sie, bin ich bei ihm am stolzesten? Daß er letzten Winter der Erste in der Klasse war, oder daß er jeden anderen Jungen seiner Größe verhauen konnte? Als er das erstemal mit einem schwarzen Auge nach Hause kam, habe ich ihm einen Dollar geschenkt, und dann hab' ich ihm gesagt, er solle zurückgehen und sehen, dem anderen Jungen zwei schwarze Augen zu schlagen. Er hat's auch getan! Natürlich sind nicht alle Kämpfer gute Menschen; das weiß ich auch. Aber es hat nie einen Mann gegeben, der ursprünglich gut war und durch den Kampf schlecht geworden wäre. Es gibt in diesen Gegenden eine Masse schlechte Kerle, die wie die Löwen kämpfen; das ist wenigstens ein guter Zug an ihnen. Jawohl, sehr verehrte Dame, Kämpfernaturen können wir wirklich gut brauchen!«

Sie lächelte über den Nachdruck, mit dem er seine Worte vorbrachte, aber seine Rede vergrößerte die Achtung, die sie für Perris hatte.

Dann ärgerte sie es plötzlich, ziemlich törichterweise, daß sie ihn so ernst nahm. Sie entsann sich des dummen Liedes:

»Ach lieber Vater Willy,
Ich sah dein' Tochter hier,
Willst du sie mir verkaufen
Für 'ne Kuh und einen Stier.«

Marianne runzelte die Stirn. Doch das Geschrei der Menge riß sie aus ihren Gedanken. Rickety, der Verbrecher, schien wirklich weit davon entfernt, durch den letzten Ritt zerbrochen zu sein; er zeigte sich im Gegenteil fast noch stärker. Er versuchte alle möglichen ausgefallenen Tricks, betätigte sich sofort als »Sonnenfischer«, also in der unangenehmsten Form des Bockens. Der Name selbst sagt, was gemeint ist. Buchstäblich schleuderte sich Rickety der Sonne entgegen und landete abwechselnd rechts oder links auf dem steifen Vorderbein. Bei jedem Aufkommen auf den Boden schlug Arizona Charleys Kopf gegen seine Brust, zugleich wurde sein Kopf durch die unregelmäßigen Sprünge des Pferdes von der einen Seite auf die andere gerissen. Ein gewöhnliches Pferd würde beim ersten oder zweiten dieser Sprünge seine Beine gebrochen haben, aber Rickety war unermüdlich. Er krachte auf die Erde herunter, sauste mit neuer Schwungkraft wieder in die Luft – und so immer und immer wieder.

Es würde allmählich langweilig geworden sein, zuzusehen, wenn nicht Pferd und Reiter beide nach und nach Wirkung gezeigt hätten. Jeder neue Sprung Ricketys war kürzer als der vorhergehende; Schweiß bedeckte seinen Leib. Er erledigte Arizona, aber er brach sein eigenes Herz. Der Cowboy wurde nun schnell unter den fortgesetzten Stößen schwächer, die seine Gehirnbasis trafen. Seine Augen rollten, er gab nicht länger vor, wirklich zu reiten, sondern hielt sich am Sattelknopf fest. Ein dünner Blutstreifen rann aus seinem Munde. Marianne wandte sich ab und hörte, wie der gutmütige alte Corson rief: »Achten Sie auf seinen Kopf! Wenn er zu rollen anfängt, ist es ein Zeichen, daß er die Besinnung verliert. Der nächste Sprung muß ihn dann schlapp wie einen halbgefüllten Sack aus dem Sattel werfen.«

»Es ist zu schrecklich«, sagte das Mädchen mit angehaltenem Atem, »ich kann nicht länger hinsehen.«

»Warum denn nicht? Es hat Ihnen doch gefallen, als ein Mann ein Pferd besiegte. Jetzt ist die Sache eben umgekehrt. Das Pferd besiegt den Mann. Aha, ich hab's gewußt, jetzt rollt sein Kopf, rollt, als ob er das Genick gebrochen hätte. Jetzt! Jetzt!«

Arizona Charley fiel mit lockeren Gliedern aus dem Sattel und blieb regungslos liegen, wo er gestürzt war, aber er hatte Rickety die letzte Kraft genommen. Dessen Beine knickten nun ein, und sein Kopf hing ziemlich traurig herunter, während der Schweiß in großen Tropfen von seinem Körper lief. Er hatte keine Kraft mehr, um vor den Leuten auszureißen, die kamen, um Arizona aufzuheben. Corson schlug mit seiner riesigen Faust auf sein Knie.

»Haben Sie jemals in Ihrem Leben so einen Kampf gesehen? Ganz bestimmt nicht! Ich auch nicht! Aber Herrgott, der rote Jim Perris wird eine ganze Maultierladung Geld aus Glosterville mitnehmen. Die Wetten standen fünf zu eins gegen ihn. Ich habe selbst auch ein bißchen riskiert.«

Im Augenblick interessierte sich Marianne mehr für das Befinden Arizona Charleys. Perris, dem einige andere folgten, erreichte ihn zuerst; starke Hände trugen den bewußtlosen Champion in die Ecke des Feldes, in der der Wagen der Corsons stand; dort waren nämlich die Wassereimer. Sie hatten ihr Ziel beinahe erreicht, als sich Arizona genügend erholt hatte, um sich mühsam von seinen Trägern loszumachen.

»Was soll das alles?« hörte ihn Marianne mit einer Stimme sagen, die er vergeblich zu einem wütenden Gebrüll erheben wollte, ohne mehr als ein schrilles und schwächliches Krächzen hervorzubringen. »Bin ich vielleicht 'ne Dame? Bin ich vielleicht ohnmächtig geworden? Keine Spur! Vielleicht bin ich von diesem Höllenbraten Rickety geschlagen worden, aber jedenfalls nicht so schlimm, daß ich nicht nach Hause laufen könnte. Hallo, Perris, gib mir die Hand. Du hast mich richtig besiegt und kannst mein Geld und noch einen ganzen Haufen anderes einstecken.«

Bei der Erwähnung der Wette bildete sich ein kleiner Kreis um Perris, dem von allen Seiten Hände voll Dollars entgegengestreckt wurden. Aber der Cowboy schob seinen Sombrero zurück und kratzte sich, offenbar tief in Gedanken versunken, den Kopf.

»Er will reden, Jungens«, rief Arizona Charley und stützte sich auf die Schulter eines Freundes, »macht dem Rotkopf mal Platz, daß er schnappen kann. Er will 'ne Rede halten! Und dann werden wir ihn dafür bezahlen, was er uns zu sagen hat.«

Allgemeines Gelächter folgte; man schlug sich freundlich auf die Rücken.

»Das ist echt Arizona«, bemerkte Corson, »ist er nicht ein anständiger Verlierer?«

»Ein feiner Kerl«, sagte das Mädchen bewegt. »Mein Herz steht ganz auf seiner Seite!«

»Wirklich?« wunderte sich Corson. Ich hatte mir eingebildet, daß Perris der Mann ist, nach dem die Frauen sich umdrehen. Jedenfalls macht er keine schlechte Figur! Jetzt hält er eine Rede.«

»Meine Damen und Herren«, sagte der rote Perris, während er so rot wurde wie sein Halstuch. »Ich bin gerade kein Wahlkandidat, wenn es sich ums Reden handelt.«

»Ist schon recht, mein Junge«, riefen ein paar begeisterte Anhänger, »wir geben dir unsere Stimme, auch wenn du gar nichts sagst.«

»Ich will die Sache kurz machen. Es handelt sich um diese Wetten. Wir wollen sie alle annullieren. Es ist mir gerade eingefallen, daß vor zwei Wintern der Rickety und ich mal in Montana zusammenkamen und er zweiter Sieger wurde. Wahrscheinlich hat er sich gerade so an mich, wie ich mich eben an ihn erinnert. Deswegen hat er sofort nachgegeben, als ich meinen kleinen Triller losließ. Wenn er alle seine Tricks an mir probiert hätte wie an Arizona, dann wäre ich jetzt, wo er jetzt ist, und er könnte lachen. Also, Jungens, die Wetten sind annulliert. Ich nehme kein Geld für eine sichere Sache.« Ein Protestruf erhob sich, der aber sofort von herzlichen Beifallsrufen erstickt wurde.

»Nun, ist das nicht etwas für Ihr Herz«, sagte Corson, als sich der Lärm legte. »Ich werde Ihnen mal was sagen –« Er brach mit einem Kichern ab, als er sah, daß Marianne einen Bleistift und ein Stück Papier aus ihrer Tasche genommen hatte und hastig ein paar Worte schrieb.

»Machen Sie sich Notizen über den Wilden Westen, Miss Jordan?«

»Im Geiste«, sagte sie ruhig und lächelte ihn an, als sie den Zettel zusammenfaltete. Dann wandte sie sich an den Jungen, der fast die ganze Zeit kaum die Augen von ihr gewandt hatte, selbst während der Vorführungen und der Rede des Rotkopfes.

»Willst du das Jim Perris von mir bringen?«

Ein Schlucken, ein Grinsen, ein Nicken, und der Junge war wie der Blitz vom Wagen. Dann schlängelte er sich durch die Menge, indem er sich seine Magerkeit dabei geschickt zunutze machte.

»Na also«, lächelte Corson freundlich, »ich dachte mir doch gleich, daß hier eher Perris als Arizona in der Witterung wäre.«

Marianne errötete, aber nicht wegen seiner Worte. Sie dachte an die impulsiv geschriebenen Worte, mit denen sie den roten Perris bat, nach dem Rennen ins Hotel zu kommen und nach Marianne Jordan zu fragen. Sie dachte an das Lied, das er auf der Straße gepfiffen hatte, und war gespannt, ob er so nett sein würde, bei ihrer Begegnung zu erröten.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.