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Gebändigt!

Max Brand: Gebändigt! - Kapitel 3
Quellenangabe
authorMax Brand
titleGebändigt!
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorAnton Mayer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180228
projectid4be2d575
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Zweites Kapitel

Da Marianne zu diesem Entschluß gekommen war, wäre es nur natürlich gewesen, sofort ihre Sachen zu packen und abzureisen, ohne das Rennen gesehen und die Gebote für die Stuten gehört zu haben; aber sie brachte es nicht fertig, die Stadt zu verlassen, denn Hoffnung ist ebenso blind wie Liebe. Als sie von der Ranch aufbrach, hatte sie ihrem Vater und Inspektor Lew Hervey gesagt: »Unser Bankguthaben schmilzt zusammen, aber Ideale sind mehr wert als Tatsachen, unbedingt werde ich unsere Pferde dort verbessern.«

Das war für ihre Jahre beinahe zu philosophisch gesprochen, aber Oliver Jordan hatte nur mit den Achseln gezuckt und sich eine neue Zigarette gedreht; das zerschmetterte Bein, das ihn seit drei Jahren zum Krüppel gemacht hatte, war ihm ein guter Lehrmeister der Geduld geworden.

Nur der Inspektor hatte sich erlaubt, ganz offen zu lächeln. Es war kein Geheimnis, daß Lew Hervey das Mädchen nicht leiden konnte. Der Sturz mit dem Pferde, der Jordan zum Halbinvaliden gemacht hatte, bedeutete zugleich das Ende seines Ehrgeizes und seines Selbstvertrauens. Seit dem Unfall war er nicht mehr imstande zu reiten; aber auch das unbegrenzte Selbstvertrauen, das ihn zu einem erfolgreichen Mann gemacht hatte, war zur selben Zeit verschwunden; seit seinem Sturz gingen auch seine Gedanken nur langsam zu Fuß. So hatte Hervey die Leitung der Ranch mehr und mehr an sich zu bringen gewußt und war fast unbeschränkter Herrscher geworden, als Marianne nach beendeter Schulzeit wieder auf die Ranch kam. Sie hatte Musik und moderne Sprachen studiert; wer hätte also in Marianne den Wunsch und den Willen vermuten können, ein großes Gut zu leiten? Aber für Marianne schien die Notwendigkeit, die ihr vorgezeichnete Laufbahn zu verfolgen, auf der Hand zu liegen. Das große Besitztum, das einst so viel Geld gebracht hatte, arbeitete jetzt mit Unterbilanz. Der Vater hatte seine Autorität verloren und wurde mit seinen eigenen Angelegenheiten nicht fertig; aber wer hatte jemals erlebt, daß ein Angestellter die Geschäfte der Familie Jordan führte, solange noch ein Jordan am Leben war? Sie, Marianne, spürte das Leben sehr stark in sich: so kam sie nach dem Westen und übernahm die Leitung.

Ihr Vater ließ ihr lächelnd jede Freiheit, die sie wünschte. Innerhalb einer Woche hatte sie die Kontrolle des ganzen Besitztums übernommen. Aber trotz ihrer Entschlossenheit und ihres Selbstvertrauens wußte sie, daß sie mit der Viehzucht nicht in einigen Wochen zu Rande kommen konnte. Sie war, im Gegensatz zu anderen Frauen, entschlossen, guten Rat anzunehmen. Sie suchte ihn sogar, und da ihr Vater es ablehnte, ihr irgendwelche Ratschläge zu geben, würde sie eine kleine Unterstützung von Hervey bei ihrer unbeugsamen Energie wohl zum Erfolg geführt haben. Leider dachte Hervey gar nicht daran, ihr zu helfen. Im Gegenteil, er war auf das tiefste enttäuscht. Gegen alle Erwartungen hatte er sich in einer vollkommen selbständigen Stellung befunden, die beinahe so angenehm war, wie die des eigentlichen Besitzers. Jordan redete ihm in keiner Weise in seine Geschäftsführung hinein, als plötzlich die Ankunft des hübschen dunkeläugigen Mädchens ihn wieder in seine alte abhängige Rolle zurückzwang. Nun nahm er, wie Marianne glaubte, niedrige Rache. Er zeigte sich sofort als tadelloser Untergebener: es war ihm kein Fehler nachzuweisen, denn er führte jede Aufgabe mit der größten Sorgfalt zu Ende. Aber wenn er um einen Rat gefragt wurde, bekam sein Wesen sogleich etwas Sphinxhaftes. »Einige Leute meinen so und einige so, ich persönlich weiß es nicht, Miß Jordan. Sagen Sie mir nur, was ich tun soll; das werde ich dann schon erledigen.« Diese Haltung ärgerte sie so, daß sie mehrfach drauf und dran war, ihn zu entlassen. Aber wie konnte sie einem so alten Angestellten die Tür weisen, der seine Pflichten so ausgezeichnet erfüllte? Trotz aller ihrer Anstrengungen gingen die Geschäfte immer schlechter, und je mehr Mühe sie sich gab, desto hoffnungsloser schien sie verloren. Diese Sache mit den Pferden war bezeichnend. Ohne jeden Zweifel brauchten die Reitpferde dringend eine Blutauffrischung, aber jetzt war kaum der richtige Augenblick, um die mit einem solchen Unternehmen verbundene Ausgabe auf sich zu nehmen. Nachdem sie aber einmal den Vorschlag gemacht hatte, reizte sie das ruhige Lächeln Herveys immer mehr, auf ihrem Plan zu beharren. Sie wußte, was dieses Lächeln zu bedeuten hatte: er wartete, bis sie die außerordentliche Geduld ihres Vaters erschöpft haben würde. Wenn es dann mit ihrer Herrschaft zu Ende war, würde er sich wieder in den Sattel der Kontrolle schwingen können. Trotzdem aber wollte sie die Stuten kaufen, wenn es ihr möglich war. Sie besaß jenen kämpferischen Geist, der bis zum Ende durchhält, wenn er einmal gereizt ist. In der Tat – wenn sie jemals daran dachte nachzugeben, wenn sie mehr als einmal am liebsten losgeweint hätte, brachten sie der gleichgültige Blick ihres Vaters und Herveys Lächeln dazu, den Kampf wieder aufzunehmen. Aber heute schien es ihr, als sie ihr Zimmer im Hotel wieder betreten hatte und in Gedanken auf und nieder ging, daß sie offenbar gegen ein feindliches Schicksal anrenne. Sie kam sich selbst, was bei ihr selten war, höchst bemitleidenswert vor, blieb vor dem Fenster stehen und biß die Zähne zusammen, um nicht in Tränen auszubrechen. Wie eine Vision erschien ein Cowboy undeutlich, auf seinem Pony, vor ihren feuchten Augen, er hielt und saß vor dem Stall ab, der auf der anderen Seite der Straße lag. Das Pferd schwankte, als das Gewicht des Mannes aus dem Steigbügel glitt. Marianne sah nun aufmerksamer hin, da sie seit ihrer Rückkehr nach dem Westen oft genug zu ihrer Erbitterung beobachtet hatte, wie erbarmungslos geritten wurde. Die Cowboys brauchten mehr »Pferdefleisch« als Pferde, eine Unterscheidung, die sie wütend machte. Wenn ein Pferd nicht gut genug war, geliebt zu werden, war es auch nicht gut genug, es zu reiten. Das war einer ihrer Grundsätze. So trat sie näher zum Fenster. Ohne Zweifel war dieses Pony grausam behandelt worden, denn der kleine graue Wallach schwankte im Rhythmus seines schweren Atems; von seinem Bauch tropfte immerfort Schweiß in den Staub, und die Zügel hatten seinen Hals mit weißem Schaum wie mit Rasierseife bedeckt. Der Reiter war die vollkommene Verkörperung jenes Cowboytypes, der ihr am unangenehmsten war; hübsch, schlank und kindisch eitel in seiner Kleidung. Um seinen Sombrero war ein breites Goldband geschlungen, er trug ein blauseidenes Hemd, einen roten Gürtel und wunderschöne weiche, schmiegsame Schaftstiefel; an ihren Hacken aber glitzerten – vergoldete Sporen!

Dabei wette ich, dachte Marianne ärgerlich, daß er keine zehn Dollar in der Tasche hat.

Er löste die Riemen und nahm den Sattel ab, den er gegen eine Hüfte gestemmt hielt, während er sein Pferd ansah. Trotz seiner Eitelkeit war er anscheinend menschlich genug, etwas Mitgefühl zu zeigen. Er ließ einen Eimer Wasser kommen und gab dem schweißtriefenden Pony zu saufen. Marianne hätte beinahe hinübergerufen; denn ein Trunk konnte einem so erhitzten Pferde den größten Schaden tun. Aber der lustige Reiter ließ es nur ein Maul voll nehmen und nahm den Eimer gleich wieder weg, so daß ihn das Pony nicht mehr erreichen konnte.

Der alte Mann, der wohl ständig den ganzen Tag über vor der Stalltür saß und sich nur von der Stelle rührte, um dem Schatten nachzurücken, strich durch seinen Bart und sagte etwas. Jeder Laut, auch das Atmen des Pferdes drang deutlich durch das offene Fenster.

»Bißchen klein, aber kräftig, der Gaul.«

»Gar nicht so klein«, sagte der Reiter, »ungefähr 15,2 Zoll glaube ich.«

»Nachgemessen?«

»Nein, noch nie.«

»Ich schätze eher 15,1.«

»Ich wette meine Sporen gegen zehn Dollar, daß es 15,2 sind. – Das ist sehr günstig für dich.«

Der alte Mann zögerte, aber der Stalljunge beobachtete ihn grinsend.

»Die Wette würde ich halten, wenn –« begann er.

Der Reiter unterbrach rasch, so daß Marianne von neuem in Zorn geriet. Natürlich wußte er, wie hoch sein Pferd war, und es war unrecht, das Geld des alten armen Kerls einzustecken, wie es sicher seine Absicht war.

»Hol ein Bandmaß, Junge. Wir wollen sehen.«

Der Stalljunge verschwand im Dunkel des Tores und kam bald mit dem Verlangten zurück. Inzwischen hatte der graue Wallach süßes Heu gerochen und wurde störrisch, aber ein scharfes Wort des Reiters ließ ihn zusammenzucken wie ein Ruck am Zügel. Der Gaul schüttelte den Kopf und wartete mit angelegten Ohren.

»Paß auf, Alter«, rief der Reiter, als er das Bandmaß vom Widerrist des Pferdes rollen ließ, »der kleine Teufel gibt dir sonst eins vor den Kopf, wenn er dich erwischt.«

»Er sieht doch gar nicht so gefährlich aus«, sagte der Graubart und trat hastig einen Schritt zurück.

»Ich hab's gern, wenn sie gefährlich sind, und lasse sie auch so«, sagte der andere. »Ein zahmes Pferd ist wie ein zahmer Mensch, und ich gebe keinen Deut für einen Kerl, der nicht kämpfen mag.«

Marianne stampfte unwillkürlich mit dem Fuß auf. Ihre eigenen Sorgen verkehrten sich leicht in Ärger über einen anderen, so daß sie schon diese brutale Prärieschönheit da unten zu hassen begann. Außerdem hatte sie genug schlechte Erfahrungen mit den lauten, leichtsinnigen Burschen gemacht, wenn sie auf der Ranch arbeiteten. Auch ihr Inspektor war so ein Typ, nur daß er eben schon in die mittleren Jahre gekommen war.

Die Messung war vorbei, und der Reiter trat zurück.

»15,1¼«, verkündete er, »du gewinnst, Alter!«

Marianne hätte am liebsten Bravo gerufen.

»Du gewinnst, verflucht noch mal! Wo soll ich noch so ein Paar herkriegen? Du gewinnst, und ich bin der Reingefallene.«

Verlieren kann er auch nicht, dachte Marianne. Alles vergrößerte nur ihre Abneigung gegen den Cowboy. Er hatte sich mit einem Knie in den Staub niedergelassen und war damit beschäftigt, die Sporen abzuschnallen, ohne auf den schwachen Protest des Gewinners zu achten, der meinte, daß er für die blöden Dinger keine Verwendung habe. Endlich erstickte er dessen Widerspruch, indem er mit einer weitreichenden Baritonstimme ein Lied losließ und dem anderen die Sporen vor die Füße warf. Dann stand er lachend auf. Marianne sah sich mit innerem Widerstreben gezwungen, wenigstens einen Teil ihrer Ansicht richtigzustellen. – Doch diese leichtsinnige Sorglosigkeit war ja nur eine andere Form des Fluches, der über dem Westen und seinen Bewohnern liegt – Extravaganz. Nun wandte er sich zu einem krausköpfigen, drei Jahre alten Jungen, den die glänzende Erscheinung des Fremden angelockt hatte.

»Geh nicht so nahe an das Pferd, Kleiner, paß auf!«

Der blonde Junge bekam einen Schreck, weil sich plötzlich die Aufmerksamkeit auf ihn lenkte, und starrte den Sprecher, den Daumen im Munde, an. Dann lief er mit großen erschrockenen Augen gerade auf die Hinterbeine des grauen Wallachs zu.

»Nimm das Pferd –« begann der Reiter zu dem Stalljungen, aber als der Stalljunge plötzlich nach den Zügeln griff, warf der Graue den Kopf hoch und kroch zurück, gerade auf das Kind zu. Marianne hielt den Atem an, als der Fremde mit fest zusammengekniffenen Lippen auf den Jungen zusprang. Mit tückischer Hast schlug der Graue aus; aber gerade durch diese Hast verfehlte er sein Ziel. Seine Hufe flitzten über die Schulter seines Herrn, als dieser das Kind aufnahm und beiseite sprang. Marianne, der ganz schwach geworden war, hielt sich am Fensterkreuz fest. Sie hatte unter den fliegenden Hufen den Stahl aufblitzen sehen.

Schnell sammelte sich eine kleine Gruppe. Der Stalljunge führte das Pferd durch das Tor; um den fröhlichen Reiter standen der alte Mann, eine Frau, die aus einem benachbarten Haus herbeigelaufen war, und ein riesiger Kerl mit einem langen Schnurrbart. Aber Marianne sah deutlich nur das weiße ernste Gesicht des Retters, der das Kind in seinen Armen hielt, um es zu beruhigen. Sofort hörte der Junge zu weinen auf, und die Frau nahm ihn in Empfang. Der alte Mann gab Mariannes Gedanken Ausdruck: »Das war Geistesgegenwart, junger Mann, und schnell gehandelt – ich habe selten einen so entschlossenen Menschen gesehen.«

»Ach was!« sagte der, aber es schien dem Mädchen, als sei sein Lächeln etwas gezwungen. Er mußte das Sausen der stahlbewehrten Hufe gehört haben, als sie dicht an seinem Kopf vorbei flogen.

An diesen Leuten aus dem wilden Westen ist schon etwas, immerhin, dachte Marianne.

Nun geschah etwas anderes. Der große Kerl mit dem langen gelben Schnurrbart hielt dem Cowboy eine Vorlesung.

»Nerven hast du ja keine«, begann er, »aber du mußt auch ein Pferd nicht dahin führen, wo Kinder sind, noch dazu ein Pferd, das das Ausschlagen noch nicht verlernt hat. Das ist eine riesige Dummheit, sage ich dir. Ich habe mal gesehen –«

Er brach ab, ehe er das nächste Wort ausgesprochen hatte, denn der Angeredete wandte sich ihm zu, stemmte die Hände in die Seiten und brach in lautes Gelächter aus.

»Du mußt schon entschuldigen«, sagte er, als er wieder sprechen konnte, »aber ich habe dich noch nie gesehen, und dieser Bart da – dieser Bart –«

Von neuem setzte das Lachen ein, und Marianne lächelte unwillkürlich mit. Denn der Schnurrbart war schon komisch, das war sicher. Er hing über die Mundwinkel herab, und seine Enden krümmten sich am Kinn wie gebogene Säbel nach oben. Diese säbelgleichen Teile wackelten jetzt nach vorwärts und rückwärts, da ihr Besitzer seine Lippen bewegte, ohne die Worte herausbringen zu können, die er aussprechen wollte. Als es ihm endlich gelang, ergoß sich ein wahrer Sturzbach von Flüchen aus seinem Munde, so daß sich Marianne schaudernd die Ohren zuhielt.

Sie sah die Straße hinunter und bemerkte, daß sich nach westlicher Art noch mehr Leute eingefunden hatten, um den wütenden Riesen und den lachenden Cowboy anzusehen. Im Osten würde so ein Haufe Menschen auf der Straße die beiden Gegner in einen engen Kreis drängen und sie wild anstacheln, miteinander zu kämpfen. Aber hier im Westen dachten die Menschen an so etwas nicht. Der heftigste Ausdruck, den Marianne auf einem der Gesichter wahrnehmen konnte, war das breite Grinsen eines Schmiedes, der einen guten Arbeitertyp darstellte. Die Sonne glänzte auf seinem schweißüberströmten kahlen Schädel und auf seinen starken, rußgeschwärzten Armen. Bei seiner täglichen Beschäftigung, in der Glut des Feuers geschmolzenes Eisen mit Hammerschlägen zu bearbeiten, war für ihn ein Boxkampf nur ein Spiel; er hielt die Hand auf die Hüfte gestützt und sah aus wie einer, der sich auf eine angenehme Unterhaltung freut.

Jetzt hob er den rechten Arm hoch und schwang ihn nach links, dann zurück und tänzelte auf den Fußspitzen vorwärts, während er zwei mächtige rostig-schmutzige und fettige Fäuste vor sich hinhielt. Er schien mit einem vor ihm befindlichen Luftgebilde zu kämpfen.

Das genügte, um Mariannes Augen wieder auf die unten stehende Gruppe zu lenken: der Hut des fröhlichen Cowboys lag im Staube, wohin ihn wahrscheinlich der erste schlecht gezielte Hieb des Schnurrbartbesitzers befördert hatte.

Der Cowboy tanzte nicht weit von seinem Hut entfernt herum. Marianne erblickte sein flammend rotes Haar, das der Hut bisher verborgen hatte. Sie nahm ihre Finger gerade rechtzeitig von ihren Ohren weg, um den großen Kerl brüllen zu hören: »Das ist doch kein Tanz hier, verdammt noch mal! Bleib stehen und kämpfe!«

»Gewiß doch«, lachte der andere, »das ist kein Tanz, das ist ein ganz besonderes Vergnügen. Komm nur 'ran, du – – –«

Der große Kerl ließ ihn die Beschimpfung seiner Vorfahren nicht aussprechen, sondern wie ein Bulle stürzte er mit gesenktem Kopf auf den anderen los und stieß seine Fäuste wie Hörner vor. Augenscheinlich brauchte der Riese nur einen einzigen Schlag zu landen, um dem Streit ein Ende zu machen. Aber der Rothaarige wich leicht und anmutig wie eine Flamme zur Seite, und Marianne sah, daß er während der schnellen Wendungen noch lachte, als ob ihn die Kampfesfreude berausche. Goliath stürmte vorbei und schlug in die Luft, während David sich mit einem gut gezielten Hieb umkehrte, und der Hieb saß. Seine Fäuste waren in dem aufsteigenden Staub kaum mehr zu sehen, so schnell wirbelten sie auf den Gegner herunter, bis endlich der Rotkopf aus dem Dunst hervorsprang.

Goliath folgte ihm aus der Staubwolke, die sich langsam verschob – ein wahrer Berg von einem Menschen, der seinen Gegner gewaltig überragte.

»Das ist unfair!« schrie Marianne. »Dieser große brutale Kerl und ...«

Der Rotkopf sprang an, und sein blau bekleideter Arm schoß vor. Marianne hörte und fühlte die Wucht dieses erstaunlichen Schlages, der Goliath plötzlich, noch einen Fuß in der Luft, in seinem Lauf innehalten ließ. Er wankte einen Augenblick, dann gaben seine Knie nach, und er fiel mit dem Gesicht in den Staub, der wie Dampf unter seinem Fall in die Luft stieg.

Jetzt eilten die Leute von allen Seiten herbei, um ihn aufzuheben und ganze Krüge kalten Wassers über ihn auszugießen; sie waren während ihres barmherzigen Werkes ganz fidel, und Marianne merkte, daß Goliaths Niederlage seinen Stadtgenossen gar nicht unangenehm war. Sie sah, daß der riesige Körper in eine sitzende Stellung gebracht wurde, erblickte ein Gesicht mit stumpfen Augen, mit Blut vor dem Munde und sah schnell von diesem Bilde weg und wieder auf den rothaarigen Sieger.

Dieser war gerade dabei, die Fetzen seines Sombreros aufzuheben, der wahrscheinlich, während sie kämpften, mit den Sporen des Riesen in Berührung gekommen war, da der Kopf buchstäblich in Fetzen zerrissen war. Als er den Staub herausgeklopft und den Hut wieder aufgesetzt hatte, war das feurig rote Haar durch die Löcher und Ritzen zu sehen. Er schien nicht weiter betrübt darüber zu sein, sondern lehnte sich vergnügt gegen einen Pfahl, der unter ihrem Fenster stand, und drehte sich eine Zigarette, ohne sich um die Leute zu kümmern, die sich um sein Opfer bemühten.

Marianne wurde sich klar, daß alles, was sie gesehen hatte, ein sehr gewöhnliches Kapitel im Leben des Cowboys darstellte: er hatte rein zufällig in einer Wette seine Sporen eingebüßt, ein Kind mit eigener Lebensgefahr vor dem Tode gerettet und mit einem Riesen gekämpft. – Nun drehte er sich in aller Behaglichkeit eine Zigarette. Wenn er in ein paar Stunden seines Lebens soviel erlebte, was mußte dann im Laufe eines Jahres alles geschehen?

Als ob der Cowboy fühlte, daß Marianne ihn bewunderte, hob er den Kopf, während er sich die Zigarette anzündete, und sie sah in helle, verschmitzte blaue Augen hinunter. Sie war sich keineswegs bewußt, was sie tat: aber im Augenblick, als sie dies glückliche Gesicht und die jetzt ein wenig verstaubte Herrlichkeit des fahrenden Ritters erblickte, lächelte sie unwillkürlich. Einen Augenblick später wußte sie, was sie getan hatte, als er ihr Lächeln erwiderte und zu pfeifen begann, während er den Takt mit einem Wiegen des Kopfes markierte:

»Und komm' ich nach Hause, todmüde vom Reiten,
Erwartet mich Mary lächelnd am Tor.
Es klingeln Trense und Sporen von weitem,
Doch am Ende des Ritts ...«

Marianne trat vom Fenster zurück, während ihr das Blut ins Gesicht schoß. Sie schämte sich entsetzlich, da sie die Worte des Liedes kannte.

»Ein Cowboy, der mich anpfeift!« sagte sie leise vor sich hin. – »Ich habe noch nie einen rothaarigen Mann getroffen, der nicht unverschämt gewesen wäre!«

Das Pfeifen hörte auf, und eine hellklingende Baritonstimme begann ein anderes Lied.

»Ach, lieber Vater Willy,
Ich sah deine Tochter hier,
Willst du sie mir verkaufen
Für 'ne Kuh und einen Stier?«

Marianne zog das Fenster heftig herunter und war einen Augenblick später über sich selbst entsetzt, als sie merkte, daß sie lächelte.

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