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Gebändigt!

Max Brand: Gebändigt! - Kapitel 27
Quellenangabe
authorMax Brand
titleGebändigt!
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorAnton Mayer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180228
projectid4be2d575
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Sechsundzwanzigstes Kapitel

Es war kein Wunder, daß sich Alcatraz erholte. Die würgende Seilschlinge, die Alcatraz den Atem genommen, hatte auch das Wasser von seinen Lungen ferngehalten. Als nun der belebende Sauerstoff wieder in sein Blut drang, erholte er sich erstaunlich schnell. Während Perris sich noch über den ersten hörbaren Atemzug wunderte, belebten sich die Augen des Hengstes, er kam wieder zu Bewußtsein, dann zeigte ein ängstliches Schnauben, daß er die Nähe des »großen Feindes« erkannte. Die Angst erwies sich als mächtiges Belebungsmittel: als sich Perris mit Mühe erhob, galoppierte Alcatraz flußaufwärts und schmiß Kies und kleine Steine hinter sich in die Luft.

Perris versuchte nicht, den Lasso noch einmal zu werfen. Er ließ ihn lose und naß auf dem Boden liegen. Als er sich umdrehte, um den herrlichen, von der Nässe glänzenden Körper zu betrachten, sah er, daß Herveys Reiter über die Ebene kamen, so schnell ihre Pferde laufen konnten.

Das also war das Ende. In weniger als zehn Minuten würden sie da sein, und er war waffenlos.

Alcatraz machte plötzlich an der nächsten Biegung halt, als ob er die herannahenden Reiter gesehen hätte. Doch er kehrte sich nicht zur Flucht, sondern hob den Kopf und wandte die hellen Augen dem »großen Feinde« zu. Er blieb stehen und zitterte, da sie sich so nahe waren. Jims Herz schlug freudig, und eine wilde Hoffnung, die er nicht in Gedanken fassen wollte, erfüllte ihn, als er langsam mit ausgestreckter Hand vorwärts schritt und leise liebevolle Worte sprach. Der Fuchs trat einen Schritt zurück und wartete dann schnaubend, vor Furcht zitternd, wie von Neugier gefesselt und bereit, sich zu pfeilschneller Flucht zu wenden, wenn etwa der helle Stahl in der Hand des Mannes blitzen oder die Schlinge sausend durch die Luft auf ihn zufliegen sollte. Aber er sah keinerlei Anzeichen für solche Gefahr. Der Mann kam ruhig auf ihn zu; er hielt die rechte Hand mit der Fläche nach oben als uraltes Freundschaftszeichen ausgestreckt und sprach weiter, während er sich näherte. Die Menschenstimme drang mit seltsamer Kraft dem Hengst ins innerste Herz. Der wilde und freudige Ton, den er am Tage des großen Kampfes gehört hatte, war nicht mehr in ihr, sondern nur noch eine alles durchdringende Sanftheit. Ihr Klang erfüllte Alcatraz mit jenem seltsamen Empfinden, das er gespürt hatte, als die Finger des Mannes zum erstenmal streichelnd über seinen Hals geglitten waren.

Nun war Perris ganz nahe, aber er beeilte sich nicht und veränderte den ruhigen Ton seiner Stimme nicht. Aber die Nähe seines Gesichtes war nun für den Hengst das Bestimmende. Es gab nichts so Schreckliches und so Sanftes, so Furchteinflößendes, so Weises und Schönes in den Bergen wie dieses menschliche Gesicht. Hinter diesen Augen sah Alcatraz jenes Geheimnis wirken, das er an ruhigen Abenden in der Wüste rätselvoll gespürt: den Geist.

In der Ferne wieherte die graue Stute kläglich, und der ausgerissene Pony wunderte sich, warum die Wildpferde dem Menschen so nahe kamen, der sie zu Sklaven machte. Aber Alcatraz galt die Herde nicht mehr als eine Baumgruppe. Nichts existierte mehr für ihn als die gegen ihn ausgestreckte Hand und das gleichmäßige Murmeln der Stimme.

Er begann, sich zu wundern und zu überlegen: was würde geschehen, wenn er wartete, bis die Fingerspitzen dicht an seiner Nase wären. Gefahr konnte nicht dabei sein, denn selbst wenn der »große Feind« sich auf seinen Rücken schwingen würde, vermochte er nicht oben zu bleiben, schwach, wie er jetzt war.

Alcatraz stieß die Luft durch die Nase, ohne seine Füße zu bewegen, und als die ausgestreckten Fingerspitzen seine weiche Nase berührten, stampfte er und schnaubte, um den Jäger fortzuscheuchen, aber die Hand bewegte sich kühn höher und höher, blieb zwischen den Augen liegen, kroch weiter über seinen Kopf und verursachte ein leises Lustgefühl. Die Stimme aber sagte in gebrochenen Tönen: »Ein paar Narren sagen, es gäbe keinen Gott! Ein paar verdammte Narren! Das ist es, was Er uns gibt. Sei ruhig, mein Junge, sei ruhig!« Zwischen Furcht und freudiger Empfindung schauderte der Hengst. Nun stand der »große Feind« neben ihm und ließ die Hand über seinen Hals gleiten. Warum sprang er nicht zur Seite und flüchtete? Welche Kraft bannte ihn an die Stelle, auf der er stand? Er warf den Kopf herum und ergriff Jims Schulter mit den Zähnen. Er hätte durch Muskeln und Sehnen beißen und den Knochen zerbrechen können, aber Alcatraz' Zähne schlossen sich nicht, da der Jäger kein Zeichen der Furcht oder des Schmerzes von sich gab.

»Du bist ein ziemlicher Dummkopf, Alcatraz, aber du weißt es nicht besser«, sagte die Stimme. »So ist's recht, laß mich nur los. Früher hätte ich den Lasso in einem Augenblick über dir gehabt, aber das nützt jetzt nichts mehr. Das Pferd, das ich liebe, ist kein heimtückischer Menschentöter, wie du es gewesen bist, es ist der Alcatraz, den ich hier in den Adlerbergen frei herumlaufen sah. Wenn du mit mir kommst, kommst du freiwillig und bleibst frei. Ich werde dir keinen Brand aufs Fell setzen. Wenn du bleibst, tust du es, weil du mich liebhast, mein Junge, und wenn du fort willst, so wird das Koppelgatter offenstehen. Willst du mit mir kommen?«

Die Finger der sanften Hand griffen in die Mähne des Hengstes und zogen ihn sacht nach vorwärts. Alcatraz stemmte die Füße gegen den Boden, schnaufte und legte die Ohren zurück. Augenblicklich hörte der Druck auf die Mähne auf, und Alcatraz ging vorwärts.

»Bei Gott«, hauchte der Mann, »es ist wahr. Alcatraz, gutes Tier, glaubst du, daß ich jemals daran gedacht hätte, dich zum Sklaven zu machen, wenn ich gewußt hätte, daß ich dich mir zum Freunde machen kann?«

Hinter ihnen klangen die Hufschläge galoppierender Pferde heran. Der Regen hatte aufgehört. Die Luft war ganz ruhig, und das Schnauben der laufenden Tiere war schwach hörbar, ebenso wie das Fluchen der Reiter, wenn sie die Pferde antrieben. Alcatraz wendete seinen Kopf dem neuen Schrecken, der da nahte, entgegen. Die Reiter kamen, als ob sie ihn in den Fluß werfen wollten. Doch was bedeutete das? Solange ein Mensch neben ihm stand, war er vor aller anderen Feindseligkeit geschützt. Das war sogar unter der Herrschaft des widerwärtigen Cordova so gewesen.

»Ruhig!« flüsterte Perris. »Sie kommen wie die Kugeln angesaust, Alcatraz! Ruhig!«

Er legte eine Hand auf den Widerrist, die andere auf den Rücken des Fuchses und schwang sich leicht hinauf. Als der Hengst das Gewicht fühlte, bog er sich wie eine Katze zur Seite und nach unten. Aber er fühlte kein Gebiß in seinem Maul, keinen Sporenstich an seinen Flanken. In den alten Zeiten, als er noch ein Jährling war, pflegte ein barfüßiger Junge auf die Weide zu kommen und auf seinen bloßen Rücken zu springen. Seine Erinnerung flog dorthin zurück. – Er sah die nackten braunen Beine vor sich. Das war, ehe er erfahren hatte, daß die Menschen auf Leder und mit Stahl zu reiten pflegen. Er wartete, jeden Moment bereit, alle seine alten Tricks loszulassen, aber Perris glitt so sanft auf seinen Platz, wie es der Junge auf der Weide getan hatte, an den er sich eben undeutlich erinnert hatte.

Von der Seite her kamen die Reiter näher, stießen helle Schreie aus und schwenkten ihre Hüte. Das Licht glänzte auf Gewehrläufen.

»Vorwärts«, flüsterte Perris in sein Ohr, »Alcatraz!« Seine flache Hand schlug auf die Flanke des Hengstes. War dies nicht das alte Zeichen aus den Tagen der Weide, das zu einem Galopp aufforderte?

Er setzte sich in einen schwingenden Kanter. Ein leiser, halb erstickter Freudenschrei, der von den Lippen seines Reiters brach, zitterte in seinen Ohren. Denn wer zum Reiter geboren ist, versteht sein Pferd im ersten Augenblick, und was Jim Perris nun in dem Hengste sah, überstieg seine wildesten Träume. Ein Schrei der Verwunderung stieg von den Verfolgern auf. Gestern noch hatten sie den roten Jim halb zerschlagen von seinem Kampf mit dem Hengst nach Hause kommen sehen, und jetzt saß er auf dem bloßen Rücken des Fuchses. – Ein Wunder!

»Schießt«, rief Hervey, »schießt auf den Mann. Ihr könnt den verdammten Gaul nicht treffen!«

Eine Salve krachte. Aber was diese harten Jäger und erfahrenen Schützen gesehen hatten, war zuviel für ihre Nerven gewesen. Die Kugeln pfiffen über Perris hinweg, und er blieb unverletzt, während er fühlte, wie sich Alcatraz nun unter ihm streckte und mit zurückgelegten Ohren und ausgestrecktem Halse in Renntempo überging. Denn der Hengst kannte die Bedeutung des krachenden Feuers. Tor, der er gewesen, es nicht zu erraten! Er, der mit ihm am gestrigen Tage ohne die Marterwerkzeuge der Menschen gekämpft, er, der ihn eben erst vom Wassertod errettet hatte, dieser Bursche mit dem flammend roten Haar, war von den anderen Menschen so verschieden, daß sie ihn hetzten und haßten! Deswegen sandten sie ihre unsichtbaren, schwirrenden Todesboten hinter ihm her! Um seiner eigenen Sicherheit und um des Mannes willen, der auf seinem Rücken saß, gab Alcatraz sein Letztes.

Perris beugte sich zum Hals des Hengstes nieder und feuerte ihn an. Es war unglaublich, was nun geschah. Obwohl der Hengst scheinbar die höchste Geschwindigkeit schon erreicht hatte, vermochte er sie doch noch zu steigern. Der Fuchs schien fast auf der Erde zu liegen, als er seinen Sprung verlängerte. Das war kein Galopp mehr, es schien, als ob er sich in endlosen leichten Schwingungen über den Grund schnellte. Der Wind, der ihnen entgegenblies, wurde zum Sturm. Alcatraz' Mähne schlug wie eine Peitsche Perris über das Gesicht, und immer noch wurde der Fuchs schneller und schneller. Er lief an der Stelle des Flusses entlang, die eben erst beinahe seinen Tod gesehen hatte, und versuchte, links an Herveys Leuten vorbeizukommen. Nun änderte der Inspektor seine Schlachtlinie, und die Cowboys schwenkten nach links herum, um Alcatraz in den Fluß zu treiben. Der plötzliche Richtungswechsel beeinträchtigte ihre Zielsicherheit. Es ist für den besten Schützen eine schwierige Aufgabe, vom Rücken eines laufenden Pferdes auf ein sich schnell bewegendes Ziel zu schießen; es ist beinahe unmöglich, wenn dabei noch scharfe Befehle gegeben werden. Sie feuerten, als sie galoppierten, aber ihre Schüsse gingen fehl. Inzwischen begannen sie, die Lücke zwischen sich und dem Fluß zu schließen, um Alcatraz abzuschneiden, aber für jeden Fuß, den sie gewannen, gewann der Hengst zwei. Er flog dahin wie ein roter Blitz, und der Reiter auf seinem Rücken schüttelte die Faust gegen seine Verfolger.

»Halt!« schrie Lew Hervey, der plötzlich sah, daß Alcatraz der Falle entrinnen würde. »Halt und schießt auf Perris! Halt!« Sie gehorchten und brachten ihre Pferde zum Stehen. Perris richtete sich mit einem Triumphgeschrei auf dem Rücken des dahinstürmenden Pferdes auf und winkte zu ihnen zurück. Im nächsten Augenblick wurde sein trotzig verächtlicher Ruf durch das Geknatter aus drei Gewehren unterbrochen, da Hervey, Shorty und Little Joe ihre Flinten an die Schulter rissen und auf den Flüchtling feuerten. Perris fühlte einen Stich in seiner Schulter, als ob ein glühendes Messer durch sie führe. Eine Kugel hatte seine Haut gestreift.

Von jetzt ab hatten sie ein Ziel, das schwer zu treffen war. Denn Alcatraz benutzte den Trick, den er angewendet hatte, wenn er selbst vor den Jägern geflohen war, er begann, im Lauf kreuz und quer hin und her zu springen.

Eine zweite Salve krachte aus den Büchsen der fluchenden Cowboys hinter ihnen, aber die Kugeln flogen weit vorbei.

»Verdammt!« schrie Lew Hervey. »Hat der Gaul auch das Leben dieses Kerls gefeit?« Wenn Perris entkam, sah er alle seine Hoffnungen schwinden. Wenn er dem Rancher sein Versprechen nicht einlöste, was würde dann aus seiner Lebensstellung bei Oliver Jordan werden? Wenn Jim in Sicherheit und auf diesem unvergleichlichen Pferde beritten war, würde er wieder und wieder in das Tal kommen, um zu töten. Kein Wunder, wenn ein Klang der Todesangst in der Stimme des Inspektors lebte, als er schrie: »Noch einmal!«

Wieder fuhren die glänzenden Läufe der Gewehre in die Höhe, folgten der hin und her schwankenden Gestalt des Reiters einen Augenblick und sandten dann, nachdem sie sicheres Ziel genommen hatten, ihre Kugeln. Da sank die Gestalt des roten Jim vornüber auf den Hals des Hengstes.

Eine der Kugeln hatte ihn getroffen. Die Cowboys sahen, daß er weit nach einer Seite hinunterglitt, aber sie sahen auch, während sie in ein Triumphgeschrei ausbrachen, daß Alcatraz instinktiv das Tempo mäßigte, um die Last, die von seinem Rücken zu rutschen drohte, vor dem Fallen zu bewahren.

»Er ist hin!« rief Hervey, schob sein Gewehr in den Halfter zurück und spornte sein Pferd zu neuer Verfolgung an.

Aber Perris war nicht tot. Er strampelte mit den Beinen, hielt sich mit den Armen und zog sich wieder auf den Rücken des Hengstes hinauf; allerdings fiel er sogleich wieder über den Hals des Pferdes zusammen, er verstrickte beide Hände in die Mähne und hielt sich so fest. – Und der Hengst duldete es!

Ein Ruf des Erstaunens brach über die Lippen der Verfolger. Alcatraz warf den Kopf in die Höhe, stieß ein helles Wiehern der Verachtung aus und fiel wieder in seinen unvergleichlichen, weich fließenden Galopp.

Vielleicht war das alles gar nicht so merkwürdig. Viele Reiter können bezeugen, daß Pferde, die unter Sporen und Sattel die reinen Teufel sind, zu Lämmern werden, wenn Stahl und Leder, die sie zu fürchten gelernt haben, keine Anwendung finden.

Alcatraz begriff, daß die mächtige Kraft auf seinem Rücken plötzlich zerstört worden war. Perris hing nur noch wie ein Gewicht auf ihm. Er war nicht länger zu fürchten, sondern konnte ganz nach Belieben behandelt werden. Selbst seine Stimme war verändert und klang heiser, als sie ganz nahe an des Hengstes Ohr zu dem Pferde sprach. Alcatraz wagte keine Seitensprünge mehr, weil die leblose Bürde dann immer weit nach einer Seite geglitten war und sich nur unter Seufzen und Stöhnen wieder hochgezogen hatte. Dann lief etwas Warmes über die Schulter des Hengstes, der seinen Kopf drehte. Ein roter, dünner Bach lief aus der Brust des Reiters über das Fell des Fuchses; es war Blut. Der Hengst schauderte, als er es roch.

Nun mußte er weich galoppieren, gerade so schnell, um außer Schußweite zu bleiben, aber nicht zu schnell und ganz sanft, damit der Reiter seinen Platz behaupten könne. Er wandte sich der Gruppe der Stuten zu, die, erschreckt von den Ereignissen in der Ferne, jetzt wieder zu sehen waren. Aber die Hand auf seinem Hals zeigte ihm eine andere Richtung an, den Weg hinunter, der zu der Ranch Oliver Jordans führte. Nun gut, es sei, wie der Mann es wollte, der das Pferd aus den Wassern des Little Smoky gerettet hatte. Er würde klug genug sein, sie beide auch vor anderen Menschen zu schützen. So galoppierte der Fuchs mit seinem schwingenden und leichten Sprung, der weich war wie die Dünung mitten im Ozean, der Ranch zu.

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