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Gebändigt!

Max Brand: Gebändigt! - Kapitel 24
Quellenangabe
authorMax Brand
titleGebändigt!
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorAnton Mayer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180228
projectid4be2d575
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Die Dämmerung des nächsten Morgens zog kalt und grau über Alcatraz herauf. Der Himmel war mit Wolken verhangen, die einen Sturm voraussagten, und der Wind blies kalt aus Norden. Wenn der Hengst den Kopf hob, sah er, daß die ersten Regenschauer die Hänge des Adlergebirges mit zartestem Grün bedeckt hatten, und bemerkte, wenn er höher blickte, daß Schnee auf den Gipfeln lag. Das dichte Haar, das er bekommen hatte, prophezeite einen harten Winter.

Jetzt bewachte er die Stuten, die in einem Tale grasten, während er selbst auf dem Hügelkamm stand und manchmal den Kopf nach einer Rauchwolke drehte, die im Süden aufstieg. Er wußte, was sie zu bedeuten hatte. Perris war wieder auf dem Kriegspfade, und dies war das Morgenfeuer des »großen Feindes«. Gestern hatte er wie tot vor ihm auf dem Boden gelegen und war doch wieder auf seiner Fährte! Unwillkürlich drehte er den Kopf und sah die Stelle an, auf der der Sattel gelegen hatte, der Sattel, den er sich mit vieler Mühe durch wildes Umherrollen und Reiben an den Felsen abgestreift hatte. Er rupfte an den Grasbüscheln, während er beobachtete, und warf ab und zu den Kopf in die Höhe, um die Witterungen zu spüren, die in den höheren Luftschichten deutlicher zu merken waren.

Als er dies wieder einmal tat, bekam er einen Geruch in die Nase, den er schon, aber ganz flüchtig, nur als Zeichen einer Gefahr kannte. Er war niemals in der Lage gewesen, sich über ihn klarzuwerden, und machte sich nun auf den Weg nach der nächsthöheren Erhebung auf, um zu versuchen, ihn deutlicher zu fassen. Eine Weile stand er so, hob und senkte den Kopf und drehte ihn dann ein wenig zur Seite, so daß ihm der Wind schräg in die Nüstern blies, ein Trick, den ihn die graue Stute gelehrt hatte. Aber die Witterung war fort, und der Wind blies ihm nur die reine Kühle des Morgentaus entgegen, in der ein leiser Unterton von Salbei zu spüren war. So gab er es auf und wandte sich, um wieder die Stuten aufzusuchen.

Aber das Vorderbein, das er erhoben hatte, war noch nicht wieder auf den Boden gekommen, als er am Abhang des Hügels eine graue Gestalt auf dem Bauche über die Erde kriechen sah. Hätte sie aufrecht gestanden, so würde sie die Größe eines neugeborenen Kalbes erreicht haben. Der Schweif war buschig, der Pelz bildete an der Kehle eine wahrhaftige Mähne, der Kopf endigte in einer spitzen Schnauze und hatte eine breite Stirn mit schwarzen Flecken zwischen den Augen. Die Augenbrauen waren geschwungen, so daß der Gesichtsausdruck etwas von menschlicher Klugheit und Schläue bekam. Es war ein prachtvolles Geschöpf, das sein schneller Trab mit unglaublicher Geschwindigkeit auf die Rückzugslinie des Hengstes brachte. Alcatraz hatte die grauen Könige des Gebirges schon früher gesehen und kannte sie genau, nur ihre Witterung nicht, doch er konnte weiter nichts Schönes an dem Gebirgswolf entdecken.

Das Blut, das einen Augenblick in seinen Adern zu erstarren schien, flutete weiter. Er stieg, drehte sich um und brach in vollem Galopp fort. Hinter ihm ertönte ein eifriges Jaulen – der Lobo streckte sich in der Verfolgung. Niemals in seinem Leben war Alcatraz so schnell gelaufen, und niemals hatte er weniger Aussicht gehabt zu entkommen. Er wußte, daß ein Schlag dieser großen, weißen Zähne seinen Hals bis zur Schlagader aufreißen würde, und daß trotz aller seiner Geschwindigkeit er nicht schnell genug war und nicht genug Atem hatte, um dem grauen Wegelagerer zu entgehen. Es konnte nur kurze Zeit dauern, bis das Ende kam. Der Wolf glitt über den Boden wie der Schatten einer sturmgetriebenen Wolke.

Schon kam er näher, obgleich er noch nicht einmal mit voller Kraft lief; wenn er das tat, so mußte er den Fuchs ebenso leicht einholen, wie dieser die Stuten seiner Herde.

Alcatraz kreuzte einen Hügel und sah auf der anderen Seite eine schwache Hoffnung auf Entkommen vor sich, das Blitzen eines Baches, der, vom Regen angeschwollen, das Bett bis zu den Rändern als reißender Strom füllte. Er raste wie der Wind den Abhang hinunter und sprang von dem festen Boden an der Seite des Gewässers ab. Die Entfernung erschien ihm gewaltig, als er durch die Luft flog. Das Wasser rauschte breit und schnell unter ihm hin, und er hätte nicht schwimmen können, wenn er in diesen reißenden Strom gefallen wäre. Dann streckte er sich noch einmal in der Luft und berührte mit den Vorderbeinen das Ufer, das unter seinem Gewicht nachgab. Aber er konnte sicheren Grund gewinnen und sich von neuem in Galopp setzen.

Er sah, daß der Verfolger den Abhang hinunterkam, in die Luft flog und dann aus seinem Gesichtskreis verschwand. Hatte er das Ufer erreicht? Zehn Sekunden – kein langer, verderbendrohender Kopf erschien. – Jedenfalls war er zu kurz gesprungen und in das reißende Wasser geraten. Alcatraz mäßigte seinen herzsprengenden Lauf zu einem kurzen Galopp, doch kaum hatte er es getan, als er eine triefende Gestalt etwa fünfzig Meter unterhalb auf das Ufer klettern sah. Dem Lobo war es gelungen, sich in Sicherheit zu bringen. Nun kam er wie eine Kugel angeschossen, um die Jagd zu beendigen.

Alcatraz' einzige Hoffnung auf Rettung hätte darin bestanden, noch einmal zu springen und so auch den Wolf wieder zum Sprung zu zwingen, aber die neue Angst nahm ihm alle Denkkraft. Er tat nicht einmal das Nächstliegende, nämlich einfach in gerader Linie zu flüchten, sondern drehte sich erst nach rechts und dann nach links, ehe er in einem verzweifelten Zickzackkurse dem Gebirge zustrebte.

Der Lobo kam hinter ihm her. Aber noch eine neue Gefahr erhob sich vor ihm. Schräg vorwärts kam – Perris in Sicht, der sein Pferd zu höchster Anstrengung spornte. Er mußte die Verfolgung mit dem Glas beobachtet haben. Alcatraz beachtete ihn nicht, denn was bedeutete das Sausen der Seilschlinge und der Schmerz, den sie verursachte, was war selbst das Pfeifen einer Kugel, verglichen mit den Fangzähnen des Wolfes? So hielt er seine Richtung inne und sah, wenn er ein wenig zur Seite blickte, daß der Lobo mit jedem Sprung Boden gewann.

Der Reiter zu seiner Linken galoppierte über einen Hügel und verschwand dahinter; er würde etwa hundert Meter entfernt sein, wenn Alcatraz an ihm vorbeiraste – vorausgesetzt, daß er so lange noch dem Wolf entgehen konnte. Aber das war mehr als zweifelhaft; es war unmöglich! Denn die graue Gestalt war schon in Höhe seines Schweifes, nun seiner Flanke, während die rote Zunge aus dem Maule hing und sein Keuchen hörbar war. Eine halbe Minute später würde er vor ihm sein und springen, wenn der Hengst zur Seite fuhr.

Und so geschah es. Der Mörder schoß in Front und schnappte. Als Alcatraz seine Zähne glänzen sah, fuhr er zur Seite, sah das Ungeheuer im Sprung vom Boden sich schnellen – und dann flog ein totes Gewicht an seine Schulter und rollte schwer auf den Boden zurück. Erst als Alcatraz die neue Richtung aufgenommen hatte, hörte er den Knall der Büchse und sah zurück.

Perris saß im Sattel und nahm die Büchse langsam von der Schulter. Der Wolf lag mit einem Blutfleck auf der einen Seite des Kopfes tot am Boden. Dann galoppierte der Hengst über einen Hügelkamm, der ihm die Sicht nahm.

Er verlangsamte seine Gangart bis zu einem schwerfälligen Kanter, denn nun wurden ihm die Beine plötzlich schwer, und sein Herz klopfte und zitterte wild wie das Herz eines Jährlings, wenn es zuerst den Zug und den Schmerz der Seilschlinge fühlt. Er war gerettet, aber wie knapp war er entkommen! Er war gerettet, aber nun erhob sich ein anderes Problem vor ihm: warum hatte der »große Feind« den Wolf getötet und ihn, das Pferd; geschont? Wie außerordentlich aber war die Größe dessen, der aus so weiter Entfernung den König der fleischfressenden Tiere in dem Augenblick niederstreckte, in dem er töten wollte! Alcatraz wußte, daß sein Geschick in des Mannes Hand gelegen hatte und daß er verschont worden war. Der Feind hatte ihn vor dem sicheren Tode errettet. Spürte er nicht noch den Geruch des Wolfspelzes in seinen Nüstern, der aufgestiegen war, als die Bestie sprang?

Er kam zu dem Bach zurück und schnaubte verwundert. Niemals hätte er diesen Sprung gewagt, wenn er bei klarer Besinnung gewesen wäre; vielleicht würde kein anderes Pferd zwischen Atlantischem und Stillem Ozean daran gedacht haben, ihn zu versuchen! Alcatraz lief am Wasser entlang, um eine schmale Stelle zu suchen, und streckte seinen Kopf dem rauschenden Strom entgegen.

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