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Gebändigt!

Max Brand: Gebändigt! - Kapitel 23
Quellenangabe
authorMax Brand
titleGebändigt!
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorAnton Mayer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180228
projectid4be2d575
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Niemals hat sich ein Fuchs mit größerer Vorsicht an einen Löwen herangeschlichen, als Marianne an McGuire.

»Sie sehen seltsam aus als Gefangenwärter, McGuire«, sagte sie freundlich.

»Gefangenwärter?« sagte McGuire. »Ich?«

»Natürlich«, antwortete Marianne. »Stimmt es denn nicht? Sie sind der Wärter, und ich bin die Gefangene.«

»Ich bewache die Pferde«, sagte McGuire. »Das ist alles. Eine Frau würde ich für alles Geld der Welt nicht bewachen.«

»Wirklich?« sagte Marianne.

»Gewiß. Ich war mal verheiratet. Ich weiß.«

Sie lachte, ein wenig überreizt, aber McGuire faßte ihre Heiterkeit als ein Kompliment für seinen Scherz auf und brach in ein brüllendes Gelächter aus. Seine Augen waren noch tränennaß, als sie sagte: »Zu schade, daß Sie Ihre Zeit, einen schönen warmen Tag, wie gemacht für ein Schläfchen, so verbringen müssen. Ist der Koppelzaun nicht Sicherheit genug für die Pferde?«

Er blinzelte verständnisinnig. Es war klar, daß er ihren Plan durchschaute und sich freute, wie sie ihn darlegte.

»Die Pferde sind übermütig«, sagte McGuire. »Ich weiß nicht, was sie alles anstellen würden, wenn ich ihnen einen Augenblick den Rücken kehrte. Vielleicht würden sie über den alten Zaun springen und weglaufen.«

»Nun«, sagte Marianne, »die Tiere sehen ganz zufrieden aus. Und falls eins von ihnen die Gelegenheit wahrnähme und wegliefe, wenn Sie vielleicht etwas schliefen, so bin ich überzeugt, es würde auch wieder nach Hause kommen.«

Der Cowboy hatte die Sache vollkommen begriffen.

»Kann schon sein«, grinste er, »aber vielleicht wird mir dann gekündigt, wenn ich aufwache.«

»Gekündigt?« sagte Marianne. »Vielleicht ist Ihnen aber Ihr Schlaf ein Gehalt von zwei Monaten wert, Mr. McGuire.« Einen Augenblick lang sahen sie sich beide in die Augen.

»Miß Jordan«, sagte McGuire endlich, »ich werde plötzlich entsetzlich schläfrig.«

»Dann schlafen Sie«, sagte Marianne, während ihre Stimme wider ihren Willen zitterte. »Hoffentlich haben Sie angenehme Träume – von einem verhinderten Mord, von einem Manne, dem das Leben gerettet wird!«

McGuire zog seinen Sombrero tief über die Augen.

»Glauben Sie, daß es so schlimm ist?« knurrte er und blickte zu ihr auf.

»Ich schwöre es!«

Er blieb einen Moment still, dann sagte er: »Jetzt müssen Sie mich entschuldigen. Ich bin so furchtbar müde, daß ich diese Unterhaltung wirklich nicht fortsetzen kann!«

Mit diesen Worten verbarg er sein Gesicht in beiden Händen – – –

Niemals in ihrem Leben war Marianne so geritten wie an diesem Tage. Als die Dämmerung hereinbrach, hatte sie das letzte, bebaute Feld weit hinter sich gelassen. Sie wußte, daß die Entscheidung bald fallen mußte. – Aber die Entfernung zur Hütte war immer noch sehr groß.

Über die Berge stieg die Nacht mit geheimnisvoller Schnelligkeit. Als Marianne am Fuß der Hügel angekommen war, umgab sie völlige Dunkelheit. Ihr Pferd konnte das Tempo den Berg hinauf nicht halten. Sie ging aus dem langen Galopp in Trab über, aus dem Trab wurde Schritt, und während der ganzen Zeit wartete Marianne verzweiflungsvoll auf den Knall eines Schusses aus dem Wald über ihr.

Sie warf sich aus dem Sattel, ohne sich weiter um ihre Stute zu kümmern, lief zu Fuß weiter, stolperte im Dunkeln über gefallene Äste, glitt mehr als einmal aus und stürzte längelang hin, wenn ihre Füße auf dem glatten, mit Fichtennadeln bedeckten Boden keinen Halt fanden. Aber sie raffte sich wieder auf und verfolgte mit eiserner Entschlossenheit ihr Ziel.

Durch die Bäume und Zweige sah sie ein Licht schimmern. Als sie an die Ecke der Lichtung kam, entdeckte sie, daß der Schein nicht von einer Laterne, sondern von einem Feuer herrührte. Im Innern der Hütte bewegten sich Schatten; durch die offene Tür sah sie undeutlich die Gestalt eines Mannes, der sich hin und her bewegte. Stimmen waren nicht zu hören, und sie fühlte sich plötzlich beruhigt. Also hatten Hervey und seine Leute zuletzt doch noch den Mut verloren und trotz ihrer Überzahl nicht gewagt, Jim Perris anzugreifen. Aber ihre Freude erstarb plötzlich.

»Hervey!« hörte sie Perris mit furchtzitternder Stimme ausrufen. »Um Gottes willen, warte!«

Perris, der bat, der sich vor einem Mann, vor Lew Hervey, erniedrigte! Plötzlich fühlte sie sich schwach und elend, aber sie lief, so schnell sie konnte, zur Hütte und versuchte zu schreien, doch die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Sie brachte nicht einmal ein Flüstern hervor.

»Höre mich an!« fuhr Perris fort. »Ich bin mein ganzes Leben lang ein Tor gewesen. Ich weiß es jetzt. Ich bin herumgezogen und habe gekämpft und gespielt wie ein Narr. Ich wollte immer nur Bewegung – und habe sie gehabt. Und nun sagst du mir, daß ich etwas anderes in meiner Hand gehalten und das nicht gewußt habe. Vielleicht hast du gelogen, als du von ihr sprachst. Ich weiß es nicht. Aber allein der Gedanke, daß sie mich ein wenig liebhaben könnte –«

Marianne blieb in der Finsternis stehen. Das Blut stieg ihr so heftig ins Gesicht, daß sie nichts mehr hörte, bis die tiefere Stimme des Inspektors wieder erklang.

»Vielleicht redest du mir nur vor, du liebst sie, weil ich dir verraten habe, daß sie in dich verliebt ist?«

»Du kannst mir's schon glauben. Wenn man vor der Mündung eines Revolvers sitzt, denkt man schnell und faßt sein Leben schnell zusammen. Wenn du mich losläßt, Hervey, gebe ich dir mein Wort, alles zu vergessen, was zwischen uns geschehen ist. Du glaubst, daß ich dir nachstellen werde, aber du bist im Irrtum. Du kannst tun, was du willst. Aber wenn ich bedenke, wie das Leben für mich jetzt sein könnte. – Hervey, ich kann jetzt nicht sterben. Ich kann noch nicht sterben!«

Marianne war in halber Betäubung bis unter die Tür getreten. Nun sah sie die beiden plötzlich vor sich. Hervey wandte ihr den breiten Rücken und Perris das Gesicht zu, sein blasses, verzerrtes und so verändertes Gesicht. Die blutbefleckte Binde bedeckte seine Stirn. Er lehnte sich im Stuhle vor, wie um seiner Bitte mehr Nachdruck zu verleihen. Seine Arme waren mit der Lassoschlinge an seinen Seiten festgebunden.

»Bist du fertig mit Bitten?« sagte Hervey bösartig.

Perris fuhr im Stuhle zurück, als habe er einen Schlag ins Gesicht erhalten. Dann setzte er sich gerade auf.

»Hast du mir das alles erzählt, um mich schwach werden zu sehen, Hervey?«

»Und ich habe es auch gesehen«, sagte Hervey, »ich habe dich windelweich gesehen. Das ist alles, was ich wollte. Du hast deine Nerven verloren und wirst sie auch nie wiederbekommen. Jetzt bist du wie ausgehöhlt, Perris, du kannst mir nicht einmal mehr in die Augen sehen!«

»Du lügst«, sagte Jim ruhig, hob seinen Kopf und sah mit vollem Blick seinem Peiniger ins Gesicht. »Du hast mich zu einem Feigling gemacht, Hervey, aber nur für eine Minute.«

Dann sah Marianne, wie er sich im Stuhl noch aufrechter setzte und die Stirn runzelte. Die Fesseln der Furcht und Scham, die das Mädchen gebunden hatten, fielen von ihr ab.

»Hervey!« rief sie und taumelte durch die Tür, als der Inspektor herumfuhr.

Einen Augenblick lang sah sie ein böses Aufleuchten in seinen Augen, das aber sogleich wieder erstarb. Er bekannte sich geschlagen, als er seinen Revolver in den Halfter steckte.

»Bloß mit Worten wären wir Perris nicht losgeworden«, stotterte er, »da habe ich nun versucht, ihn ein bißchen zu erschrecken, und der Bluff hätte auch gewirkt, wenn –«

Sie fiel ihm ins Wort: »Sie brauchen mir nichts zu erklären. Ich habe genug gehört und weiß, was Sie versucht haben. Lew Hervey, wenn das herauskommt, schlagen Ihre eigenen Leute Sie wie einen tollen Hund nieder!«

Herveys Gesicht hatte eine grünliche Farbe angenommen.

»Wenn es herauskommt – mag sein. Aber es wird nicht herauskommen! Rühren Sie ihn nicht an, oder er kriegt sofort eine Kugel, bei Gott!« Sie gehorchte und trat von Jim zurück.

Er ging an die Tür, wo der Sattel lag, bückte sich und nahm Jims Revolver aus dem Halfter. Für den Augenblick wenigstens war sein Feind entwaffnet, und er brauchte eine Verfolgung nicht zu fürchten.

»Ich habe noch ein oder zwei Tage Vorsprung«, sagte er, »und das Spiel ist noch nicht aus. Denk daran, Perris. Es ist nicht aus, ehe Jordan zurückkommt.« Damit verschwand er in der Dunkelheit, die wie ein schwarzes Tuch über ihm zusammenschlug.

»Sie werden ihm nicht folgen?« sagte Marianne bittend.

Er schüttelte den Kopf.

Einen Augenblick später fiel unter dem Schnitt seines Jagdmessers das Seil, und seine Arme waren frei. Dann hörten sie, wie die Hufe eines Pferdes sich durch das Unterholz den Hügel hinunter Bahn brachen. Erst als Marianne diesen endgültigen Beweis hatte, daß die Gefahr vorüber sei, überließ sie sich ihrer Bewegung, die seit dem Augenblick, in dem sie Herveys Worte gehört hatte, immer stärker geworden war. Nun aber war sie ganz überwältigt. Tränen standen in ihren Augen, so daß sie Perris kaum zu sehen vermochte, als er sie behutsam zu einem Stuhl führte. Durch ihr heftiges Schluchzen hörte sie ihn Worte sagen, die sie nicht verstand, aber sie wußte, daß diese Stimme unendlich sanft und beruhigend war.

»Fühlen Sie sich jetzt besser?« fragte er endlich.

»Ja«, antwortete sie, »ich bin schwach und schäme mich – und – was hat er Ihnen von mir gesagt?«

»Etwas, das mich glücklicher macht als einen König. Sie sollen es nie zu bereuen haben, so wahr mir Gott helfe!«

Er hob sie vorsichtig auf.

»Jetzt müssen Sie nach Hause – sofort.«

»Und Sie?«

»Hervey wird morgen mit seinen Leuten wieder auf mich Jagd machen. Er weiß ja nicht, daß ich längst nicht mehr an ihn denke, und glaubt, es geht um sein oder mein Leben; so wird er erst recht versuchen, mich unschädlich zu machen.«

»Der Sheriff –« rief sie wild.

»Ja, ich will nach Glosterville reiten und mich dort wie ein Feigling verbergen, wo der Sheriff auf mich aufpassen kann. Ich darf jetzt nichts mehr riskieren. Ich gehöre nicht mehr mir selbst. Wenn dein Vater zurück ist und die Ranch wieder übernimmt, dann werde ich auch sofort kommen, sobald du mich rufst. Ich packe heute nacht meine Sachen zusammen und reite das Tal hinunter, so daß sie mich hier nicht mehr erwischen können, schlage irgendwo in den Morgenstunden mein Lager auf und überquere dann das Gebirge. Aber bist du auch kräftig genug, nach Hause zu reiten?«

Sie nickte. Dann gingen sie Seite an Seite über die Lichtung und hinunter zu dem Platz, an dem sie ihre Stute gelassen hatte. Perris half Marianne in den Sattel. Sie beugte sich hinunter, um ihn zu küssen. In der Dunkelheit berührten ihre Lippen die Binde, die um seinen Kopf lag.

»Hat dir Hervey die Wunde beigebracht?« rief sie aus. »Jim, du kannst mit einer so schweren Verletzung nicht über das Gebirge reiten.«

»Es ist nur ein Kratzer«, beruhigte er sie. »Ich traf gestern Alcatraz, und er hat gewonnen. Aber das drittemal –«

Marianne schauderte es.

»Sprich nicht von ihm! Er verfolgt mich. Ich werde ganz unglücklich, wenn man nur seinen Namen erwähnt. Ich habe die Empfindung, als brächte er Unglück. Versprich mir, daß du nicht hierbleiben willst, um es noch einmal mit ihm aufzunehmen. Du wirst wirklich morgen früh über das Gebirge reiten?«

»Ich versprech's dir«, antwortete Perris.

Aber später, als er sie durch die Dunkelheit wegreiten sah, während sie sich von Zeit zu Zeit nach ihm umdrehte und ihm zurief, bis ihre Stimme nur noch wie ein leiser Vogelruf aus der Ferne klang und endlich ganz verschwand, betete Jim aus tiefstem Herzen, daß er am anderen Morgen den Hengst nicht treffen möge. Denn er wußte, daß er dann das erste feierliche Versprechen seines Lebens brechen würde.

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