Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Brand >

Gebändigt!

Max Brand: Gebändigt! - Kapitel 19
Quellenangabe
authorMax Brand
titleGebändigt!
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorAnton Mayer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180228
projectid4be2d575
Schließen

Navigation:

Achtzehntes Kapitel

Nicht daß er die Berührung als Liebkosung erkannt hätte. Aber sie bereitete ihm Vergnügen, und die ruhige Stimme hatte einen milden und besänftigenden Einfluß auf ihn, der ihm plötzlich die Freiheit in der Weite der Wüste wertlos erscheinen ließ. Die Gesellschaft der Stuten versank in nichts, wenn er sie mit der Hoffnung verglich, diese Hand wieder zu fühlen, diese Stimme wieder zu hören und zu wissen, daß alle Unsicherheit, alle Sorge für immer zu Ende waren.

Die ruhige Stimme fuhr fort: »Alter Kerl, wir beide werden ganz bestimmt hier und da ein paar Kämpfe ausfechten. Ich für meine Person würde dir am liebsten das Seil abnehmen und versuchen, dich ohne Sattel zu reiten. Aber wenn ich das täte, hätte ich nicht einen Schimmer von Aussicht auf Erfolg. Deshalb werde ich dich zwar satteln, aber ohne Sporen reiten und dir ein gerades Gebiß ins Maul legen. – Verdammt sei die mexikanische Seele Cordovas. Ich kann sehen, wo er dir dein Maul mit seinen spanischen Marterinstrumenten beinahe entzweigesägt hat. Ohne Peitsche und Sporen und ohne Kandare werden wir einen anständigen Kampf ausfechten, so wahr mir Gott helfe: weil ich nämlich glaube, daß ich dich besiegen kann, mein Alter. Nun los!«

Der Hengst hörte auf das beruhigende Gemurmel, lauschte und wartete und brauchte wahrlich nicht lange im ungewissen zu bleiben, denn Perris ging zu dem Loch hinter dem Felsen und kam sogleich mit jenem klappenden, knirschenden Marterinstrument zurück, mit einem Sattel.

Allem, was nun folgte, dem Augenverbinden, dem Zäumen, dem Ruck, der ihn auf die Füße brachte, dem Satteln, unterwarf sich Alcatraz mit der größten Ruhe. Er sah ein, daß ihm eine Chance gegeben werden würde, unter gleichen Bedingungen für seine Freiheit zu kämpfen, und sein Vertrauen wuchs. Die Listen, die er in vielen Kämpfen mit dem Mexikaner gelernt hatte, waren nicht vergessen, und die Tricks, mit denen er so oft seinen früheren Herrn beinahe aus dem Sattel gebracht hatte, konnten nun mit dreifacher Energie angewendet werden. Inzwischen wartete er ruhig und gab sich das Aussehen vollkommenen Gehorsams. Mit dem einen Hinterbein schonte er, so daß er müde nach der Seite hinüberhing, und sein gesenkter Kopf gab ihm vollends das Aussehen folgsamer Unterwerfung.

Der Sattelgurt schnitt tief in sein Fleisch. Er schmeckte das greuliche Eisen in seinem Maul. Aber da war ein großer Unterschied: während die Gebisse, die Manuel Cordova gebraucht hatte, schwere Marterinstrumente gewesen waren, fühlte er jetzt nur eine leichte, gerade Stange.

Dann kam die Krisis: er fühlte das Gewicht des Reiters im linken Steigbügel, die Zügel wurden ergriffen, dann schwang sich Perris leicht in den Sattel, lehnte sich nach vorne über und riß die Binde von den Augen des Hengstes.

Einen Augenblick lang wartete Alcatraz auf den Stich der Sporen, das Knallen der schweren Peitsche und die ärgerlich fluchende Stimme des Reiters. Aber alles blieb still. Das Gefühl, das der Mann im Sattel ihm verursachte, war verschieden von dem, das er kannte, nicht sosehr, weil er leicht war, als weil er ein gewisses feines Gleichgewicht innehielt. Aber die Stille dauerte nicht länger als eine Sekunde, nachdem das willkommene Tageslicht wieder vor den Augen des Hengstes erschienen war. Die Furcht vor dem Unbekannten spornte ihn an. Er hätte in der Tat Cordovas Brutalitäten begrüßt, da sie ihm bekannt waren. Aber dieser stille und ruhig sitzende Reiter? Er warf sich hoch in die Luft, krümmte den Rücken nach oben, schüttelte sich mitten im Sprung und landete auf allen vier steifen Beinen. Aber die Heftigkeit, die jeden anderen Mann auf den Boden geworfen hätte, entlockte Perris nur ein Lachen.

Alcatraz stieß den Kopf vor. Vergeblich zog Perris an den Zügeln. Da er den Hengst nicht auf Kandare ritt, hatte er über den Unterkiefer des Fuchses keine Macht, und Stärke gegen Stärke gemessen, war er ein Kind einem Riesen gegenüber. Die Lederzügel brannten durch seine Finger, und der erste Abschnitt des Kampfes war zugunsten des Pferdes entschieden: der Hengst hatte das Gebiß zwischen den Zähnen. Der unwillige Ausruf, den der Reiter ausstieß, klang seinen boshaften Ohren wie süßeste Musik. Aus reiner Freude an der Bewegung galoppierte er in voller Schnelligkeit den Hügel hinunter, indem er immer nur nach vorn bockte, ohne einen Trick zu versuchen. Aber als die erste Siegesfreude vorüber war, fand er, daß Perris immer noch auf ihm saß, leicht reitend, eher ein Nebelwesen als ein Mensch aus Fleisch und Knochen. Statt an den Zügeln zu reißen und zu zerren, statt Peitsche und Sporen zu benutzen, gehorchte er jeder Regel des ungeschriebenen Gesetzes, das befiehlt, mit seinem Pferde um den Sieg wie ein Gentleman-Cowboy zu kämpfen.

Wieder durchfuhr der Schreck vor dem Unbekannten den Hengst. Konnte dieser offensichtlich waffenlose Feind allen seinen Anstrengungen trotzen und oben bleiben? Das würde er sehr bald sehen. Ohne die Zwischenstufen, die der gewöhnliche Bronco bis zum Höhepunkt seiner Anstrengungen überwindet, fing Alcatraz sofort mit der gefürchtetsten Form des Bockens an, mit dem Sonnenfischen. Die bewaldeten Hügel waren jetzt nahe und der Boden fest, so daß er sicher war, seine ganze Kraft und Geschicklichkeit anwenden zu können. Nun wendete er alle Tricks, alle Sprünge und Seitendrehungen an, die Jim Perris von seinem Kampf mit Rickety her kannte, nur noch in sehr verstärktem Maße.

Alcatraz, der bei vollen Kräften war und die unermüdliche Ausdauer eines Wildpferdes besaß, hatte nach einiger Zeit mit seinen Anstrengungen Erfolg. Denn er bemerkte, daß Perris wie ein Betrunkener bei jedem Chok hin und her schwankte. Sein Kopf rollte bei diesen entsetzlichen Sprüngen von der einen Seite auf die andere, sein Mund stand offen, sein Gesicht glich einer grauenvollen Maske. Aber noch behauptete er seinen Sitz. Wenn er auch halb besinnungslos war, so hielt der Instinkt seine Füße in den Steigbügeln fest und veranlaßte ihn, jedem Sprung leicht nachzugeben. Der rote Perris kämpfte hart, aber schließlich würde ihm nichts anderes übrigbleiben als zusammenzubrechen.

Aber konnte Alcatraz seinerseits unermüdet angreifen? Wenn die Wirkungen des Sonnenfischens für den Reiter schlimm waren, machten sie sich bei dem Pferde kaum weniger bemerkbar. Alcatraz' Vorderbeine begannen unterhalb der Schulter gefühllos zu werden. Seine Knie knickten ein und vermochten nicht, den Stößen ihre erste Schärfe zu geben. Bis zum Widerrist spürte er immer mehr zunehmende Schmerzen. Er mußte also eine andere Angriffsmethode anwenden. Sobald ihm dieser Gedanke kam, stieg er und überschlug sich nach hinten.

Er hörte einen scharfen Ausruf des Reiters, fühlte den Ruck, als Perris nur noch im rechten Steigbügel hing, und hörte das Krachen, mit dem dieser auf die Erde schlug. Um seiner Beute ganz sicher zu sein, wirbelte er sich selbst nach der linken Seite herum, aber selbst so erreichte das ausschlagende Bein den »großen Feind« nicht. Perris hatte sich in dem letzten Bruchteil einer Sekunde freigemacht und rollte, nachdem er der Länge nach vom Sattel gefallen war, kopfüber in den Staub. Der Sturz gab Alcatraz neue Hoffnung. Hätte er noch seine volle Beweglichkeit besessen, so würde er auf den Mann losgestürzt sein; aber der lange Kampf hatte seine Geschicklichkeit beeinträchtigt, und als er sich anschickte, von neuem anzugreifen, sah er, wie Perris gleich einer Wildkatze durch die Luft sprang. Im nächsten Moment spürte der Hengst das Gewicht des Mannes von neuem im Sattel.

Nun hieß es schnell sein, bevor der Feind wiederum sicheren Halt bekam, bevor der suchende Fuß den anderen Bügel faßte, ehe das richtige Gleichgewicht gewonnen war! Hoch in die Luft segelte der Fuchs und kam auf einem steif vorgestellten Vorderbein herunter. Sein Herz schwoll vor Freude, als er fühlte, daß der Reiter seitwärts hinunterglitt und nur noch halb auf dem Sattel hing, während er sich mit der Hand in der Mähne festkrampfte. Eine letzte Anstrengung mußte den Sieg bringen! Wieder sprang er in die Luft, und wieder landete er auf einem Vorderbein, aber gerade dieser Sprung schwang Perris in die Höhe. Mit unglaublicher, katzenähnlicher Geschicklichkeit glitt er in den Sattel zurück. Den Chok des Landens bekam er erst, als seine Füße bereits wieder in den stützenden Steigbügeln standen.

Die furchtbare Enttäuschung erfüllte Alcatraz mit neuer Energie. Jetzt blieb es nicht beim Sonnenfischen, sondern das ganze Programm des Bockens wurde durchgemacht. Er machte Kreuzundquersprünge, warf sich wieder und wieder auf die Erde, sauste eine kleine Strecke im vollen Galopp weg, um plötzlich mit einem Ruck stehenzubleiben, und beendete schließlich die ganze Vorstellung von neuem mit dem Sonnenfischen. Während des Kampfes beobachtete er die Wirkung. Es war, als schlügen unsichtbare Fäuste gegen den Kopf und den Körper des unglücklichen Reiters. Blut floß aus Nase, Ohren und dem geöffneten Munde. Seine Augen waren rot unterlaufen, und sein Kopf rollte erbärmlich von einer Schulter zur andern. Zehnmal wurde er nur um Haaresbreite vor einem Sturz bewahrt. Zehnmal richtete er sich wieder auf, um mit seltsam zitternder Stimme dem Pferde seine Verachtung zuzurufen.

»Bocke nur, du Luder. Immer los, du Satan, ich werde dich schon kleinkriegen. Ich werde dich brechen. Du sollst mir nachlaufen, wenn ich pfeife. Ich will dich zu einem Damenpferd machen!«

Eine verzehrende Angst erfüllte den Hengst. Er fürchtete, daß ein Mann ihn niederzwingen würde, der, so unglaublich es scheinen mochte, den Schmerz, des Menschen Lieblingswaffe, gar nicht gebrauchte. Nicht ein einziges Mal hatte der grausame Sporn seine Flanken berührt, nicht ein einziges Mal war die Peitsche durch die Luft gesaust, nicht ein einziges Mal war er im Maul gerissen, nie waren seine Kinnbacken vom Zug der Kandare beinahe zerbrochen worden. Langsam begriff er, daß es etwas noch Schrecklicheres gab als Gebiß, Sporen oder Peitsche, nämlich den überlegenen Geist, der aus Perris' Stimme sprach. Die Furcht davor schwächte ihn mehr als die Anstrengung des Kampfes.

Seine Knie gaben nach. Er konnte nicht länger Sonnenfischen, er konnte nicht einmal mehr mit der alten Energie geradeaus bocken. Er war beinahe erledigt, bekam kaum noch Luft, während seine Augen aus dem Kopf traten und ein blutiger Schaum ihn fast erstickte. Auch Perris befand sich im letzten Stadium der Erschöpfung. Ein wirklich kräftiger Satz würde ihn nun aus dem Sattel geschleudert haben. Und doch vermochte er, obwohl sein Körper von Kopf bis Fuß wie abgestorben war, mit der letzten und größten Kraft des Mannes sich zu behaupten, mit der Willenskraft. Alcatraz blieb endlich geschlagen stehen und sah sich hilfeflehend um.

Nichts war da, was ihm hätte helfen können, nichts außer dem Rauschen des Windes in den Bäumen gerade vor ihm. Plötzlich spitzte er voll neuer Hoffnung die Ohren und wollte nicht auf die schwache Stimme hören, die leise murmelte: »Jetzt habe ich dich, Alcatraz. Ich habe es ganz allein geschafft, ohne Peitsche, ohne Sporen, ohne Lederriemen, ich habe dich nur einfach geritten und –«

Alcatraz setzte sich in einen klapprigen Galopp. Nur die neue Hoffnung hielt ihn aufrecht, als er gerade auf die Bäume loslief. Selbst in seinem Dämmerzustand begriff Perris, was das Tier wollte, mit aller Kraft zog er am Gebiß. Es saß hoffnungslos fest zwischen den Zähnen des Hengstes. Dann seufzte er verzweifelt und beugte sich im nächsten Augenblick nach vorn, um zu vermeiden, von den Ästen aus dem Sattel gefegt zu werden.

Aber andere Äste waren vor ihm. Alcatraz galoppierte geschickt unter den Zweigen weiter, bis er plötzlich durch einen Stoß gestoppt wurde, der ihn geradezu in die Knie sinken ließ. Der Sattelknopf hatte einen Ast getroffen, und Perris saß immer noch oben.

Wieder lief der Hengst weiter, indem er im Sprung hin und her schwankte. Jetzt ließ sich der Reiter, um der drohenden Gefahr zu entgehen, nach der einen Seite hinuntergleiten, und Alcatraz warf sich schnell gegen einen seitlich benachbarten Baumstamm herum. Perris bemerkte zu spät die Gefahr, er versuchte, sich rasch wieder in den Sattel zu ziehen, aber seine steifen Muskeln versagten den Dienst, und Alcatraz fühlte, wie sich die Bürde des Reiters von seinem Rücken löste, merkte, daß ein schwankender Fuß am Steigbügel zog. Dann war er frei.

Seine Erschöpfung war so groß, daß er beinahe hinfiel, als er stehenblieb. Aber er wandte sich, um nach dem Unheil zu sehen, das er angerichtet hatte.

Der Mann lag mit weit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken. Von einer Wunde auf der Stirne floß Blut über das Gesicht. Seine Beine waren seltsam gekreuzt, seine Augen geschlossen. Von Kopf bis zu Fuß beroch der Hengst den regungslosen Körper, dann hob er ein Vorderbein, um zuzuschlagen. Mit einem Hieb konnte er das Gesicht zu einer blutigen Masse zerstampfen, wie er Manuel Cordova an jenem großen, längst vergangenen Tage zerstampft hatte.

Der Huf fiel herunter und traf die Erde. Alcatraz war selbst verwundert, als er fand, daß der Schlag sein Ziel verfehlt hatte. Was konnte ihn denn zurückhalten? Der Sieger glaubte wieder die sanfte Berührung der Fingerspitzen zu fühlen, die über die Muskeln der Schulter und des Halses strichen. Mehr als das, er hörte das sanfte Murmeln der Menschenstimme wie das Flüstern eines freundlichen Geistes neben sich. Noch fürchtete er Perris, aber hassen konnte er den gefallenen Reiter nicht mehr. Dann rauschte der Wind laut in den Ästen der Bäume; das Geräusch veranlaßte ihn, sich umzudrehen, und erschrocken verließ er in schwankendem Trabe das Gehölz.

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.