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Gebändigt!

Max Brand: Gebändigt! - Kapitel 17
Quellenangabe
authorMax Brand
titleGebändigt!
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorAnton Mayer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180228
projectid4be2d575
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Sechzehntes Kapitel

Jim zog es vor, nicht auf der Ranch zu wohnen, erstens weil Hervey da war, und zweitens weil sie zu weit von der Gegend entfernt lag, in der er seine Aufgabe zu lösen hatte. So suchte er sich eine alte zerfallene Hütte am Westabhang der Adlerberge aus. Von ihrer Tür aus bemerkte er oft mit seinem Glas den glänzenden Leib des Hengstes und die Stuten in der Ferne. Es war ihm sogar möglich gewesen, das Verhalten des Wildlings mehrmals zu beobachten, wenn Hervey und seine Leute ihn mit frischen Pferden verfolgten. Im großen und ganzen konstatierte er, daß die Lage der Hütte gut gewählt war, da sie verborgen war, aber eine gute Sicht über alles, was vorging, gewährleistete. Sein Hauptquartier bestand aus einem einzigen Raum. An der Rückwand befand sich ein alter Stall, der für ein Pferd Platz bot.

Die Stille der Dämmerung begann, als Jim Perris zu der Lichtung hinaufstieg, in der die Hütte stand. Im allgemeinen bereitete er sich seine Abendmahlzeit, bevor die Dämmerung hereinbrach. Aber jetzt tränkte und sattelte er sein Pferd, einen ausdauernden kleinen Braunen, saß auf und spornte das Tier zu einem lebhaften Galopp den Abhang hinunter.

Perris behandelte sein Pferd nicht gerade freundlich. Obgleich er wußte, daß es sogar die Schultern eines Mustangs anstrengt, schnell bergab geritten zu werden, verlangsamte er den Lauf des Pferdes nicht, bis er die gute Straße erreichte, die zur Jordan-Ranch führte. Dann trieb er das Pony zum vollen Galopp an. Eigentlich ritt Perris mit der Zeit um die Wette, da er sich dachte, daß Lew Hervey gleich nach der Jagd auf Alcatraz nach Hause reiten würde, um Marianne zu erzählen, wie der von ihr ausgesuchte Jäger sich den Hengst habe entgehen lassen. Diese Tatsache genügte, um seine Entlassung herbeizuführen. Er hatte genug von dem Mädchen gesehen, um ihr leidenschaftliches Temperament zu kennen, und wußte, daß seine Erfolglosigkeit während der letzten Wochen eine harte Geduldsprobe für sie war. Sie wurde um so unerträglicher, als der Inspektor und seine Gefolgschaft sich fortwährend über den importierten Pferdejäger lustig machten. Noch vor Sonnenuntergang hätte er sich über seine Entlassung gefreut, nun stand sie wie das größte Unglück vor ihm, das ihm passieren könnte.

Als Perris vor dem Ranchhause absaß und in den Hof trat, war es ganz dunkel geworden. Er hörte sogleich die ärgerliche Stimme des Inspektors und fluchte auf die Langsamkeit seines Braunen, da er sich sagen mußte, daß der andere ihm zuvorgekommen war. Er blieb im Schatten des Torweges stehen, um seine Lage zu überdenken. Auf der anderen Seite des Hofes bemerkte er undeutlich die Cowboys, die sich unter den Arkaden versammelt hatten, um zu rauchen. Sie hörten alle eifrig auf die Unterhaltung zwischen ihrer Herrin und dem Inspektor. Marianne saß in einem Lehnstuhl, der ihre Gestalt wie die eines ganz jungen Mädchens erscheinen ließ. Der Schein einer Leselampe, die auf einem Tisch neben ihr stand, fiel auf ihr Haar und warf ein helles Licht auf ihre Wangen. Ihre Hand lag auf einem geöffneten Buch in ihrem Schoße. Es schien Perris so, als ob die Haltung dieser Hand hilflose Unterwerfung bedeute; in ihren Augen, die traurig zu dem an einer Säule lehnenden Inspektor aufblickten, glaubte er dasselbe zu sehen. Gerade beendete der Inspektor seine Rede und sagte ruhig: » So ist also dieser Kerl, den Sie gerufen haben, um die Aufgabe zu vollenden, die wir hier anfingen. Da ist er übrigens selbst und kann Ihnen bestätigen, daß ich die Wahrheit gesprochen habe.«

Mit der ungewöhnlichen Schnelligkeit des Blickes, welche die Männer des Wilden Westens auszeichnet, hatte Hervey bemerkt, daß Perris gekommen war. Nun drehte er sich um und begrüßte den Jäger mit einem Winken der Hand. Marianne richtete sich auf, während ihre Hände sich in ihrem Schoße zusammenkrampften. Obgleich durch die Bewegung ihr Gesicht ganz in den Schatten geraten war, sah Perris, daß ihre Augen zu ihm hinüberbrannten. Er wußte, daß seine Entlassung bevorstand. Die sorglose und trotzige Rede, die sich ihm auf die Lippen drängte, verflog, ohne daß er sie aussprach. Mit Kummer im Herzen begriff er, daß er sich der strafenden Hand nicht entziehen konnte und unter den Augen Herveys sich alles gefallen lassen müsse. Er war nicht länger frei; die Kette, die ihn hielt, war die Überzeugung, daß er niemals wieder glücklich sein könne, bevor er Alcatraz getroffen und besiegt habe, bis die Geschwindigkeit und das wilde große Herz des Hengstes ganz und gar sein eigen geworden wären.

»Ich habe alles von Lew Hervey gehört«, sagte das Mädchen mit unterdrückter Stimme, in der die Frauen sprechen, wenn ihre Selbstbeherrschung nicht ganz so groß ist wie ihre Empörung. »Ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu sagen, Mr. Perris, daß ich Sie nach den langen Tagen des Wartens nicht mehr länger brauche. Es steht Ihnen frei, die Ranch ohne weiteres zu verlassen. Der Versuch hat ein ziemlich unglückliches Ende genommen.«

Er fühlte, daß sie die Worte so sorgfältig gewählt hatte, wie es ihre leidenschaftliche Erregung nur gestattete, um ihn zu verletzen. Eine heftige Antwort wollte ihm auf die Lippen springen, aber er biß die Zähne zusammen. Er glaubte, Alcatraz wieder mit seiner im Winde flatternden Mähne über die Hügel galoppieren zu sehen und sah mit bitteren Gefühlen auf das Mädchen hinunter, während er dachte, daß sie es gewesen sei, die ihn mit diesem Verbrecherpferd in Versuchung geführt hatte.

Dann hörte er sich ganz töricht sagen: »Es tut mir sehr leid, Miss Jordan. Aber das wird wahrscheinlich nicht viel helfen.«

»Gar nichts. Wir wollen nicht mehr länger darüber sprechen. Die Sache ist erledigt und bedeutet einen neuen Mißerfolg. Mr. Hervey wird Ihnen Ihren Lohn geben. Alles übrige können Sie mit ihm besprechen.«

Mit diesen Worten senkte sie den Kopf, hob das Buch und hielt es sorgfältig in den Lichtstreifen, der über ihre Schulter floß. Sie brachte es sogar fertig, ein leises Lächeln auf ihre Lippen zu zaubern, als ob ihre Gedanken tausend Meilen entfernt vom Orte der peinlichen Unterredung bei der Lektüre des Buches weilten. Perris, der blind vor Wut war, bemerkte diese Einzelheiten kaum und achtete nicht auf das vielstimmige Kichern der Lauscher auf der anderen Hofseite. Niemals in seinem Leben hatte er ein so großes Verlangen gehabt, Hohn mit Hohn zu beantworten, aber seine Hände waren gebunden. Er verlangte nach Alcatraz, wie ein Verhungernder nach Speise, und um Alcatraz zu gewinnen, mußte er auf der Jordan-Ranch bleiben. Er vermochte nicht zu sprechen oder zu denken, denn nun ging das Kichern hinter ihm in ein Gelächter über, das ihn verrückt machte. Dann sah er, daß Mariannens Hand leise zitterte, während sie eine Seite umschlug.

»Miss Jordan, ich kann nicht mit Hervey sprechen.«

Sie antwortete ihm, ohne ihn anzusehen; fast wollte ein Haß gegen sie in ihm aufsteigen.

»Schämen Sie sich, ihm ins Gesicht zu sehen?«

»Ich fürchte mich, ihn anzusehen.«

Diese Antwort bewirkte, daß sie ihren Kopf hob und ihm zeigte, daß nun ihr Zorn in grausame Verachtung umgeschlagen sei.

»Wirklich? Haben Sie Angst? Ich kann nicht sagen, daß mich das überrascht.«

Er empfing den Schlag, wie Märtyrer den Feuerbrand empfangen haben mögen.

»Ich fürchte, daß es, wenn ich mich umdrehe und ihn ansehe, Miss Jordan, zwischen uns nicht bei Worten bleibt.«

Der Inspektor handelte, bevor sie sprechen konnte. Das Gelächter jenseits des Hofes hatte bei Perris' Worten sofort aufgehört. Hervey mußte sprechen. Er ließ seine schwere Hand auf Perris' Schulter fallen.

»Höre mal, Junge«, sagte er mit tiefer Stimme, »du bist noch viel zu jung, um wie ein erwachsener Mann zu reden. Dreh dich mal 'rum.«

Er versuchte, Perris leicht zu sich umzuwenden, aber dieser blieb ruhig stehen und sah das Mädchen an, obgleich seine Worte dem Inspektor galten. Marianne bekam jetzt in Wahrheit Angst.

»Sagen Sie Hervey, daß er seine Hand von meiner Schulter nimmt«, sagte der Cowboy. »Er ist alt genug, um zu wissen, daß es besser ist, wenn er es tut.« Wenn seine Worte noch einer Illustration bedurften, so lag sie in dem wölfisch-bösartigen Ausdruck seines schmalen Gesichts und in dem Zittern, das ihn überlief. Marianne sprang aus ihrem Stuhle auf. Sie kannte Hervey gut genug, um zu wissen, daß er diese Beleidigung nicht in Gegenwart der Cowboys hinnehmen konnte. Sie erkannte auch aus der Tatsache, daß der Inspektor plötzlich die Lippen zusammenpreßte, bis sie wie eine weiße Linie erschienen, daß er kein Gegner für Perris sei, der wie ein Tiger kämpfen würde. So trat sie zwischen die beiden, aber trotz ihrer Erregung bemerkte sie, daß Hervey sofort die Hand von Perris' Schulter nahm. Der ältere Mann ging einen Schritt zurück, während seine Hand auf dem Griff seines Revolvers ruhte. Aber Marianne erkannte in einem plötzlich aufquellenden Mitleid, daß diese Geste nur den Mut der Hilflosigkeit bedeutete. Sie drehte sich schnell zu Perris herum. Alle Selbstbeherrschung hatte sie verlassen, und die Bitterkeit, welche die tausend Kränkungen über ihre Mißerfolge auf der Ranch in ihr zurückgelassen hatten, klang aus ihren Worten wider.

»Ich kenne Ihre Art und verachte sie. Sie haben Ihre Waffen stets bereit, um zu morden, und nennen das Kämpfen. Faire Kämpfe! Etwa wie das Rennen eines Vollbluts gegen einen Mustang! Erst beleidigen Sie einen Mann und schießen ihn dann über den Haufen. Das heißt hier im Westen faires Spiel! Aber ich schwöre Ihnen, Mr. Perris, daß, wenn Sie Ihre Waffe auch nur berühren, ich meine Leute auf Sie hetzen und Sie aus dem Gebirge peitschen lassen werde.«

Ihr Ausbruch stellte sein Gleichgewicht wieder her. Alle Kämpfer sind nervös, aber kein Kämpfer wird nicht plötzlich ganz ruhig, wenn die Entscheidung naht.

»Miss Jordan«, antwortete er, »Sie glauben den Westen zu kennen, aber Sie irren sich. Wenn ich und Hervey hier aneinandergeraten, würden Sie keinen Mann von denen dort drüben finden, der eine Hand gegen uns erhöbe, bis der Kampf vorüber ist. Das ist nicht Sitte hier im Westen.«

Er hatte mehr behauptet, als er sicher wissen konnte, – er hatte sogar gehört, wie die Cowboys aufstanden, als das Mädchen sprach. Aber bei diesem Appell an ihre Ritterlichkeit setzten sie sich wieder hin. Er sprach mit so lauter Stimme weiter, daß jeder Mann im Hofe ihn hören konnte: »Wenn ich gewinne, so mag einer nach dem anderen mich herausfordern, und wir werden kämpfen, bis mich ein besserer Mann auf faire Weise umlegt. Aber ein Haufen Menschen greift einen einzelnen nicht an, Miss Jordan, wenigstens nicht in dieser Gegend, es sei denn, daß er ein Pferd gestohlen hat!«

»Ich bitte nicht um Hilfe«, sagte Lew Hervey, aber seine Stimme war heiser und nicht ganz fest, »und stehe gegen jeden Gegner in jedem Kampf meinen Mann!«

»Bitte, seien Sie ruhig und überlassen Sie mir die Angelegenheit«, sagte das Mädchen. »Sie ist in der Tat zu Ende. Wenn Sie das Geld nicht von Mr. Hervey annehmen wollen, so werde ich Sie selbst bezahlen. Wieviel?«

»Nichts«, sagte der rote Perris.

»Wollen Sie etwa die gekränkte Unschuld spielen?« rief Marianne, die blaß vor Verachtung war.

Er war ebenso blaß wie sie, nahm seinen Hut ab und begann dessen Rand mit den Zähnen zu zerbeißen. Das Mädchen sah auf Jims rote Haare und senkte die Augen, denn es wurde ihr zum erstenmal klar, daß er eine Hölle der Erniedrigung durchschritt. Ihr Ärger verschwand augenblicklich zur Hälfte, und als sie an ihre leidenschaftliche Erregung dachte, die sie einen Augenblick vorher empfunden hatte, begann sie sich zu überlegen, ob ihre Worte richtig gewählt gewesen waren. Hervey zuckte die Achseln und ging mit gespielter Gleichgültigkeit über den Hof. Sie bemerkte, daß er mit Stillschweigen empfangen wurde, keine Stimme erhob sich, um ihm wegen seines Benehmens während der Unterhaltung mit Jim Perris Glück zu wünschen.

»Ich bitte Sie nur um zwei Minuten Gehör, Miss Jordan, wollen Sie mir diese gewähren?«

»Ich werde Sie wenigstens nicht unterbrechen. Bitte, sagen Sie, was Sie wollen, Mr. Perris.«

Sie wünschte von Herzen, daß sie sich ihm etwas milder zeigen könnte, aber sie hatte sich selbst dazu verdammt, kühl zu bleiben. Im Innersten ihrer Seele hätte sie ihm am liebsten einen Stuhl angeboten und ihn gebeten, ihr alles offen zu sagen, am liebsten hätte sie ihm versichert, daß sie nach einem Augenblick blinden Ärgers niemals seine Bereitwilligkeit, sein Bestes für sie zu tun, in Zweifel gezogen habe. Er begann zu sprechen.

»Die Sache verhält sich so. Ich bin hierhergekommen, um ein Pferd zu schießen, und habe alles mögliche getan, um in Schußweite zu kommen. Wahrscheinlich wird Ihnen Hervey gesagt haben, ich wäre ein dutzendmal in Schußweite gekommen, aber das ist nicht wahr. Zufällig trieb er sich gestern da draußen herum und sah, daß Alcatraz mir nahe kam; aber es war das erstemal.«

Er schwieg eine Weile. »Ich kann Ihnen darauf mein Wort geben.«

»Das ist nicht nötig«, sagte das Mädchen unwillkürlich.

Seine Augen blitzten bei ihren Worten auf, und er stand plötzlich aufrecht, als habe sie ihm das Recht gegeben, wieder wie ein freier und aufrechter Mann zu ihr zu sprechen. Marianne selbst überlegte sich, welche Kraft diesen Mann dazu gezwungen haben könne, sich so zu erniedrigen. Perris hatte keineswegs infolge ihrer Freundlichkeit vergessen, daß er innerlich alles mögliche gegen sie einzuwenden hatte. Sie hatte ihn einige Augenblicke lang gequält, und die Erinnerung an diese Erniedrigung würde ihn noch manchen Tag verfolgen. So gelobte er sich heimlich, daß sie eines Tages dafür bezahlen solle, und fuhr fort: »Ich hätte am liebsten vor Freude gesungen, als ich Alcatraz im Visier hatte. Ich nahm Korn gerade hinter seine Schulter, aber ich konnte sehen, wie seine Schultermuskeln arbeiteten, und das sah schon sehr gut aus, Miss Jordan.«

Sie nickte, während sie gleichzeitig die Stirn runzelte, weil sie seinen Worten mit größter Aufmerksamkeit lauschte. Sie hatte ihn für ein sorgloses, manchmal boshaftes Kind gehalten, aber nun sah sie mit schnellem Blick in die Tiefen, die seine Seele barg.

»Ich hielt das Korn«, wiederholte er, während sein Blick über das Mädchen hinwegging, und er sich bemühte, für seine merkwürdige Erfahrung Worte zu finden, »aber dann sah ich, wie seine Rippen sich hoben und senkten. Ich sah seinen mächtigen Brustumfang und begann zu begreifen, woher er den Atem hat, der ihm niemals fehlt. Dann mußte ich aber auch an sein Herz denken, das unter den Rippen schlägt, und es kam mir gemein vor, alles Leben in ihm mit einer Kugel auszulöschen. So nahm ich Korn auf seinen Hals, bis ich seinen Kopf erreichte, und gerade da drehte er diesen um und sah mich an.« Er holte tief Atem und fuhr fort: »Es war mir, als spränge ich plötzlich in kaltes Wasser. Es kam mir so vor, als sei ich ganz hohl. Dann aber wußte ich plötzlich, daß es noch nie ein Pferd wie Alcatraz hier in den Bergen gegeben habe, ich wußte, daß er ein Verbrecher, und auch, daß er durch und durch schlecht ist. Aber ich wußte auch, daß er ein König ist, und konnte ebensowenig auf ihn schießen, wie ich hinter einem Busch versteckt auf einen Menschen schießen könnte.« Er war plötzlich in Feuer gekommen.

»Es kam mir so vor, als sei er mein eigenes Pferd, als sei er für mich bestimmt. Ich mußte ihn haben. Es ging mir so wie Kindern, die irgend etwas unbedingt haben müssen. Ich sehnte mich nach ihm, wie man sich am Tag vor Heiligabend nach Weihnachten sehnt, wenn es einem vorkommt, als könne man nicht mehr vierundzwanzig Stunden lang warten.«

»Aber er ist ein Mörder, Mr. Perris. Ich habe es selbst gesehen.«

Er streckte seine Hand aus, und sie hörte voller Erstaunen zu, als er weitersprach und sein ganzes Herz in seiner Stimme zitterte.

»Geben Sie mir die Gelegenheit, ihn zu meinem Pferd zu machen, ob er ein Mörder ist oder nicht. Lassen Sie mich hier auf der Ranch, weil es keinen anderen Ort gibt, von dem aus man ihn jagen kann. Ich weiß, daß Sie die Stuten wiederhaben wollen, aber eines Tages werde ich meinen Lasso über ihm haben, und dann, das schwöre ich, werde ich ihn brechen, oder er mich. Ich werde ihn brechen und ihn zu Tode reiten, oder er wird mich abwerfen und mich erledigen, wie er Cordova erledigt hat. Aber ich weiß, daß ich mit ihm fertig werden kann. Ich fühle es ganz sicher! Bezahlung? Ich will kein Geld, ich will für nichts arbeiten. Ich weiß, daß ich viel verlange. Sie wollen Ihre Stuten wiederhaben und können Sie wiederbekommen, wenn Alcatraz mit einer Kugel im Leibe zusammenstürzt. Aber ich sage Ihnen offen, daß er mehr wert ist, als alle sechs zusammengenommen!«

Ein Strahlen glitt über sein Antlitz. »Miss Jordan, lassen Sie mich hierbleiben und mein Glück versuchen, und wenn ich ihn bekomme und breche, dann will ich Ihnen den Hengst geben. Ich sage Ihnen, er gleicht dem Winde.«

»Das wollen Sie alles tun und ihn mir dann geben, wenn er besiegt und gebrochen ist? Wenn Sie das können? Warum wollen Sie ihn dann haben?«

»Ich will ihm zeigen, daß es einen Herrn für ihn gibt. Er hat mich die ganzen Wochen hinters Licht geführt, nun will ich ihn haben und ihm zeigen, daß er besiegt ist.«

Die stolze Freude, die in diesem Gedanken lag, war ansteckend. »Ich will, daß er auf meine Zügelhilfen wendet, ich will, daß er angaloppiert, wenn ich es wünsche, und stehenbleibt, wenn ich es befehle. Ich will, daß er sich freut, wenn ich freundlich zu ihm spreche, und Furcht hat, wenn ich zornig bin. Er hat mich zum Narren gehalten. Nun will ich ihn zum Narren halten und es ihm zeigen. Miss Jordan, sagen Sie ja?«

Seine Worte zwangen sie, sich zu erheben; während sich ihre Gedanken überstürzten: der wilde Hengst, der Reiter auf seinem Rücken, der Kampf um die Macht. »Ja, ja!« stieß sie atemlos hervor. »Tausendmal ja, und viel Glück, Mr. Perris.«

Er warf die Arme über seinem Kopf in die Luft und rief fröhlich: »Miss Jordan, das bedeutet mir mehr als zehn Jahre meines Lebens!«

»Aber warten Sie«, sagte sie, als sie plötzlich Hervey gewahrte, der im Hintergrund stand. »Ich habe nicht die Möglichkeit, Sie hier zu behalten. Mr. Hervey hat hier alles zu sagen, während mein Vater fort ist.«

Jims Lippen kräuselten sich zu einem verächtlichen und traurigen Lächeln.

»Er hat die Entscheidung?« sagte er. »Dann hätte ich mir die ganze Rede sparen können.«

Einen Augenblick schien es so, als sei alles vorbei; der Inspektor würde die Erlaubnis verweigern, Perris bald im Sattel sitzen und in das Gebirge reiten. Der Gedanke ließ Marianne plötzlich erkennen, daß das Tal ohne den roten Jim ein trauriger und einsamer Ort werden würde.

»Sie kennen Mr. Hervey nicht«, warf sie ein, ehe der Inspektor das Wort ergreifen konnte. »Er wird Ihnen nicht feindlich gesinnt sein und hat den Streit längst vergessen.«

»Gewiß«, sagte Lew Hervey, »ich habe alles vergessen, aber ich glaube, Miss Jordan, daß Perris etwa wie eine Dynamitbombe auf der Ranch wirkt. Er kann jeden Tag mit einem von unseren Jungens Streit bekommen, und dann wird einer dran glauben müssen. Sie sind alle wütend auf ihn und könnten doch einmal, soweit ich sie kenne, dieser Tage über ihn herfallen. Perris sollte zu seinem eigenen Besten die Ranch verlassen.«

Er hatte seine Gründe geschickt genug vorgebracht und erkannte, als Mariannens Augen groß wurden und ihre Farbe wechselten, daß er ins Schwarze getroffen habe.

»Würden sie das wirklich tun?« sagte sie erschreckt. »Haben wir solche Leute auf der Ranch?«

»Ich weiß nicht«, sagte Lew, »heute morgen hat er sie sehr schlecht behandelt.«

»Dann gehen Sie«, rief Marianne und drehte sich schnell zu Jim Perris um. »Um's Himmels willen, gehen Sie sofort, vergessen Sie Alcatraz, vergessen Sie die Stuten und brechen Sie sofort auf, Mr. Perris!«

Ein Blinder hätte vieles aus dem Zittern ihrer Stimme schließen können. Lew Hervey sah genug, so daß er seine Augen wie ein Wiesel zusammenzog, als er sie von dem Mädchen zu dem hübschen Jim Perris schweifen ließ, aber der rothaarige Abenteurer war blind und taub. Es war ihm gleich, wie alles gekommen war. Er wußte nur, daß das Mädchen und der Inspektor jetzt darin einig waren, ihn von der Ranch und von Alcatraz wegzubringen. Einen Augenblick lang wollte er in blinder Wut alles zerschlagen, töten, zerstören. Dann drehte er sich auf den Hacken um und ging auf den Torbogen los, der ins Freie führte.

»Merke dir«, rief Lew Hervey warnend, »du hast es dir selber zuzuschreiben, Perris. Wenn du nicht losziehst, dann werfe ich dich hinaus.«

Der rote Jim drehte sich im Schatten des Tores um.

»Es soll mich nur einer anfassen«, sagte er.

Damit war er verschwunden. Die Cowboys, die wütend waren, daß ihnen Perris seine Verachtung so offen gezeigt hatte, drängten mit wilden Ausrufen über den Hof ihm nach.

»Sehen Sie?« sagte Hervey zu dem Mädchen. »Er gibt keine Ruhe, ehe nicht einer gefallen ist.«

»Halten Sie sie zurück«, bat sie, »lassen Sie sie nicht hinter ihm her.«

Ein kurzer scharfer Befehl Herveys brachte die Vordersten, die schon den Ausgang erreicht hatten, zum Stehen. Keiner von ihnen hatte große Lust, einem solchen Gegner in der Dunkelheit zu folgen. Atemloses Schweigen senkte sich über den Hof, und dann hörten sie die Hufschläge eines davongaloppierenden Pferdes. Jeder Hufschlag traf Mariannens Herz. Dann erstarb der Klang des Galopps ferne in der Nacht.

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