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Gebändigt!

Max Brand: Gebändigt! - Kapitel 16
Quellenangabe
authorMax Brand
titleGebändigt!
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorAnton Mayer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180228
projectid4be2d575
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Fünfzehntes Kapitel

Wenn Menschen bis zu einem gewissen Grade mit Tieren verglichen werden können, so ähnelte Jim Perris ohne jede Frage einem Wesen aus dem Geschlechte der Katzen. Wenigstens hätte jemand dies glauben können, der ihn auf einem Hügel am Fuße des Adlergebirges hätte liegen sehen. Stunde auf Stunde verging, ohne daß er sich rührte, während seine Büchse über das Gras hinausragte, sein Kinn auf den gefalteten Händen ruhte und seine aufmerksamen Augen unablässig die Landschaft durchsuchten, die vor ihm lag. So, genau so, liegt eine Katze den halben Tag, ohne sich zu rühren, vor dem Mauseloch.

Er hatte an demselben Platze schon mehrere Male den Nachmittag verbracht. Beinahe eine Woche lang bezog er den größten Teil des Tages die Wache auf diesem Hügel. Das hatte seinen guten Grund. Während der ersten zehn Tage nach seiner Ankunft auf der Ranch hatte er die Methoden versucht, die gewöhnlich angewendet werden, um Wildpferde zu fangen. Es war ihm auch zweimal geglückt, mit Hilfe einiger im Freien angebundener Pferde den Verbrecher in seine Nähe zu locken; doch der war niemals so weit herangekommen, daß ein sicherer Schuß möglich gewesen wäre. Um ganz sicher zu gehen, hatte er einige Dutzend Schüsse während der Verfolgung abgegeben, aber sie waren nutzlos verpufft; der rote Hengst verschwand in der Ferne und ließ die besten Pferde, die Perris sich verschaffen konnte, leicht hinter sich. Der Cowboy hatte also daraus geschlossen, daß ein Pferd mit der Last eines Reiters auf dem Rücken nicht an den Hengst herankommen könne. So war er also vom Angriff zum Abwarten übergegangen. Wenn er Alcatraz nicht einholen konnte, wollte er warten, bis der Hengst ihm nahe genug kam.

Zunächst machte er sich mit den Gewohnheiten des neuen Königs, der über die Adlerberge herrschte, vertraut. Tag für Tag folgte er seiner Spur. Es war für den Cowboy nicht schwer, die Fährte zu erkennen, nachdem er einmal seinen mächtigen Galoppsprung gemessen hatte und bis auf Haaresbreite genau die Abstände der Spuren kannte, die der Fuchs zurückließ, wenn er ging oder trabte, sprang oder galoppierte. Mit Hilfe solcher Zeichen machte er alte und neue Spuren aus, bis er das, was kürzlich geschehen, von dem unterscheiden konnte, was länger her war, und anfing, den Charakter des Hengstes aus den Spuren zu lesen. Er wußte zum Beispiel, daß der Fuchs mit unermüdlicher Neugier die Wildnis und ihre Bewohner studierte. Er hatte Spuren gesehen, die den Ort umkreisten, an dem eine Klapperschlange zusammengerollt gelegen hatte; auch hatte er versucht, den Bau von Eichhörnchen mit dem Huf aufzukratzen. In einer hellen Mondnacht beobachtete Jim Alcatraz durch sein Glas. Der Hengst galoppierte mit aufgeworfenem Kopf und wehendem Schweif wiehernd einer tieffliegenden Eule nach.

Großartige und närrische Pläne tauchten in Alcatraz auf. Manchmal versammelte er seine Stuten um sich und führte sie in windender Fahrt zehn Meilen weit zu irgendeinem unbestimmten Ziel, manchmal ließ er sie allein und begab sich auf weite Entdeckungszüge, immer in demselben mörderischen Tempo. Als der Jäger mit seiner schwierigen Aufgabe genauer vertraut war, begann er sich zu überlegen, ob diese Art des Hengstes nur der Lust am Laufen oder einem Instinkt entsprang, der ihn zwang, sich in Training zu halten. Wie ein Mensch hatte Alcatraz ausgesprochene Vorliebe und Abneigung. Der Mittag war ihm unangenehm; während dieser Tageszeit suchte er Wind und Schatten auf. Nur morgens und abends ging er auf die Weide oder seinem Vergnügen nach. Immer führte ihn nur innerer Trieb. Ab und zu wanderte er von den östlichen Bergen zum Gebirge im Westen, dann wieder weit hinein in die glühende Hitze der Wüste, dann kehrte er mit unglaublicher Kühnheit in die gut bewässerten Ländereien der Jordan-Ranch zurück, sprang, gefolgt von den Stuten, die er die Kunst des Springens gelehrt, über einen Zaun und fraß sich unter den Augen des Feindes fett.

Die Kühnheit dieses Vorgehens überzeugte Perris vollends, was er eigentlich schon gewußt hatte, nämlich, daß der Hengst den Menschen kannte und seine früheren Herren ebensosehr haßte wie fürchtete. Die Jagd bedeutete für Perris ein Hasardspiel. Da er ein geborener Spieler war, verstand und schätzte er das Verhalten des Hengstes, während gleichzeitig sein Ärger darüber, daß er ständig überlistet und bei der Verfolgung weit zurückgelassen wurde, immer größer wurde. Dann verließen ihn alle freundlichen Gefühle, die er gegen den Hengst hegte, und nur noch das Verlangen zu töten, blieb in ihm lebendig. Seine Träume drehten sich alle nur noch um den einen Gedanken: daß Alcatraz in Schußweite von ihm galoppiert!

Dieses Traumbild stand auch während der Stunden vor seinen Augen, die er auf dem Hügel verbrachte, während er sich überlegte, ob er nicht doch vielleicht den falschen Platz für seine Wacht gewählt habe. Er hatte ihn sich sorgfältig ausgesucht, da der Ort nahe an dem Wege lag, den Alcatraz bei seinen Reisen durch sein Reich einzuschlagen pflegte. Allerdings hatte ein Kobold den Hengst die ganze Zeit über ferngehalten, die Perris auf dem Hügel zugebracht. Trotzdem blieb der Wächter auf seinem Posten, wurde von der Mittagssonne gebacken und geröstet und beobachtete unausgesetzt die nahegelegenen tieferen Hügel oder durchsuchte mit seinem Glas die Ferne. An jenem Tage aber fühlte er deutlich, daß die lange Wache wieder zu einem Fehlschlag führen würde, da die Sonne hinter den Bergen im Westen sank und die wachsenden Schatten ein sicheres Zielen höchst ungünstig beeinflußten. Noch einmal beobachtete er den Süden durch das Glas. Er bemerkte, daß sich dort etwas regte.

Er verdoppelte seine Aufmerksamkeit, aber der Gegenstand seines Suchens verschwand. Erst nach fünf Minuten kam er aus einem nähergelegenen Tale wieder zum Vorschein, brach über den Hügelkamm und wuchs plötzlich im Glas zu Riesengröße – Alcatraz im vollen Galopp!

Es konnte kein Zweifel darüber bestehen, daß es der Hengst war, denn obgleich Perris ihn zum erstenmal aus der Nähe sah, erkannte er ihn sogleich an seinem langen und mühelosen Galopp. Im nächsten Augenblick erinnerte er sich an die Geschichten, die von dem gefeiten Leben des Hengstes erzählt wurden; nun wurden sie vielleicht, über die er sich lustig gemacht hatte, doch noch Wahrheit. Er ergriff sein Gewehr, um Ziel zu nehmen. Als seine Linke unter den Lauf glitt, um diesen zu stützen, und er den Kolben in seine Schulter einzog, wurde er fest wie ein Stein. Er folgte Alcatraz mit dem Gewehr nach links und bekam den Hengst gerade ins Visier. Seine Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln. Die Verfolgung war zu Ende. Die kleinste Bewegung seines Fingers würde das Leben des Vagabunden dort drüben beendigen. Aber wie einer, der guten Wein langsam trinkt, seinen Duft einatmet und den Jahrgang bestimmt, beeilte sich Jim Perris nicht. Auf den linken Ellbogen gestützt, schwang er das Gewehr leicht mit den Bewegungen des Pferdes herum, so daß der galoppierende Hengst immer mitten im Visier blieb.

Perris lächelte grimmig, als er nun an die Märchen vom gefeiten Leben dachte, und zielte gerade auf eine Stelle oberhalb des Herzens. Der Fuchs war ganz nahe. Perris sah, wie die langen Muskelstränge auf seiner Schulter sich bei jedem Sprung bewegten. Und was für Sprünge waren das! Er schien eher zu fliegen als zu galoppieren. Seine Hufe berührten den Boden kaum, so daß es nun plötzlich Jim Perris doch eine Schande erschien, dieses herrliche Wunderwerk zu zerstören.

Also entschloß er sich, nicht in den Körper zu schießen; er wollte dem Hengst die Kugel ins Gehirn setzen, in das kluge und tückische Gehirn, denn das hatte alles Unheil geplant und verursacht, das der Hengst anrichtete. Perris führte das Visier den schimmernden, herrlich geschwungenen Hals entlang und nahm Korn auf den Kopf, gerade unterhalb der Ohren, zwischen denen der Mähnenschopf vom Wind zurückgeblasen wurde. Langsam krümmte sich sein Finger um den Drücker. Augenscheinlich hatte Alcatraz in der Stille irgend etwas Gefährliches bemerkt, denn nun drehte er den herrischen Kopf herum und sah gerade auf Jim Perris hin. Durch diese Bewegung bot er dem Jäger nun einen noch besseren Zielpunkt dar, die Stirn.

Jims Herz schlug nicht anders, als ob er in die Augen eines menschlichen Gegners blickte. Hier sah er sich einem ähnlichen Stolz, einer ähnlichen Tapferkeit gegenüber. Dann erinnerte er sich, daß die sechs Stuten irgendwo in dem Kreis stehen mußten, auf dessen Peripherie sich Alcatraz befand. Welch ein bedenkenloser Mut lebte in diesem Tier, das die Macht des Menschen kannte und es doch wagte, ihn zu berauben, ihm Trotz zu bieten. Alcatraz war in der Tat der König der Pferde, der zu Höherem bestimmt schien, als von einem Büchsenschuß zu enden. Wer ihn je besäße, würde ein König unter den Menschen werden; denn kein Feind konnte den einholen, der auf dem Rücken dieses Fuchses saß. Seiner beflügelten Schnelligkeit aber konnte niemand entgehen. Alcatraz' Rücken mochte einem Throne gleichen. Nun konnte er all diese grenzenlose Stärke mit dem Druck eines Fingers auslöschen. – Aber war das eigentlich wirklich ein ehrlicher Kampf? Es schien Perris so, als ob er einen unwürdigen Trick gebrauche und sich einen unfairen Vorteil zunutze mache. Wenn er, der Reiter, dem noch kein Pferd widerstanden hatte, auf diesem Hengste säße, würde es einen Kampf geben, dem zuzusehen ein Vergnügen für Götter sein müßte.

Es war reine Verrücktheit, es hieß, die geduldige Arbeit von vielen Tagen Wartens und Mühens zunichte zu machen. Aber Perris hielt es für das einzig mögliche, was er tun könne. Er sprang auf die Füße und schwenkte die schimmernde Büchse.

»Vorwärts, mein Junge«, rief er, »wir treffen uns ein andermal wieder!«

Alcatraz schnaubte und verwandelte sich in einen roten Strich, der in das Tal hinunterblitzte.

Noch bevor der Hengst außer Sicht war, trug ihm der Wind den Klang eines Rufes zu, der vom Knall eines Gewehres gefolgt wurde. Dann drängte Lew Hervey hinter einem naheliegenden Hügel vor und sandte Alcatraz Schuß auf Schuß nach. Wütend riß Perris die Büchse an die Schulter und legte auf den Verfolger an. Aber als er die breiten Schultern Herveys ins Visier bekam, kühlte sich sein Ärger ab. Er ließ die Büchse mit dem dunklen Gefühl sinken, daß er noch niemals so nahe darangewesen sei, einen Mord zu begehen.

Einen Augenblick später fing er an, in sich hineinzukichern. Es war kein Wunder, daß man dem Fuchs ein gefeites Leben zuschrieb. Während er davonraste und mit jedem Sprung einen Meter gewann, fuhr er wie ein Kaninchen im Zickzack von einer Seite auf die andere. Vielleicht hatte ihn das tödliche Summen der Kugeln bei mancher anderen Verfolgung diesen Trick gelehrt. Jedenfalls würde Hervey am Abend nach seiner Rückkehr auf die Ranch eine neue geheimnisvolle Geschichte zu erzählen haben. Was konnte er auch anderes tun, wenn er seinen Ruf als guter Schütze behalten wollte?

Inzwischen verschwanden Verfolger und Verfolgter aus Jims Gesichtskreis. Die Schüsse klangen nur noch schwach aus der Entfernung, und ihr Echo tönte leise aus den Tälern. Dann wandte Perris sein Pferd und ritt langsam nach Hause.

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