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Gebändigt!

Max Brand: Gebändigt! - Kapitel 15
Quellenangabe
authorMax Brand
titleGebändigt!
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorAnton Mayer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180228
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Vierzehntes Kapitel

Niemals hatte Jim Perris eine Nacht mit angenehmeren Träumen verbracht, denn niemals hatte er sich so geschmeichelt gefühlt wie während des vergangenen Abends, als Marianne Jordan ihn nach dem Essen mit in das Wohnhaus genommen hatte, während die anderen Cowboys nach ihrer Gewohnheit in der feuchten Kühle des Hofes ihre Zigaretten rauchten, im sogenannten Patio, da das Ranchgebäude im spanisch-mexikanischen Stil errichtet war. Aber der Klang ihres Lachens und ihrer lauten Stimmen drang nicht deutlicher als ein Bienensummen in die Ohren des roten Jim, der allein mit Marianne im Wohnzimmer saß. Er beneidete die andern nicht um ihre Freiheit, in der sie sich gehen lassen konnten.

Auf seinen Wanderfahrten, die ihn von Norden nach Süden und von Osten nach Westen durch das Gebirge geführt hatten, waren Perris ab und zu hübsche Mädchen vorgekommen, aber niemals hatte er eins in solcher Umgebung gesehen. Marianne hatte den guten Geschmack gehabt, das Innere ihres Hauses ebenso spanisch zu halten wie das Äußere, und auch ihr Anzug, den sie für den Abend angelegt hatte, zeigte denselben Stil. Sie trug ein einfarbiges Reitkostüm, hatte aber eine geruchlose Blume aus ihrem Garten angesteckt, deren Art Perris niemals gesehen hatte. Statt des Duftes aber zeichnete ein tiefes Rot, das wie Feuer aus dem Schwarz von Mariannes Haaren glühte, die Blume aus. Nur dieser eine Farbfleck war an ihr zu sehen; er gab ihren Augen und ihrem Lächeln eine wunderbare Wärme.

Mit diesem Lächeln sparte sie nicht. Perris gefiel ihr, und sie scheute sich nicht, dies zu zeigen. Natürlich sprach sie mit ihm von der Aufgabe, die vor ihm lag, aber sie sprach nur in abgerissenen Sätzen. Andere Gedanken stiegen in ihr auf und führten sie zu einer Menge kleiner Abschweifungen, über die sich Jim Perris freute.

Das einzige, was ihm an ihr mißfiel, ja ihn sogar von Zeit zu Zeit abstieß, war ihr eifriger Wunsch, den Fuchshengst tot zu sehen. Sie sprach mit einem verzehrenden Haß von Alcatraz, der Perris ein wenig erschreckte. Er wußte, daß Alcatraz die sechs Stuten entführt hatte; Marianne erklärte ihm in kurzen und klaren Worten, wieviel für ihre Selbstachtung und den geschäftlichen Erfolg der Ranch davon abhing, daß diese Stuten wieder eingefangen würden. Aber das war keine Entschuldigung für ihre Leidenschaftlichkeit, die Perris häßlich erschien. Wenn er gewußt hätte, daß sie mit ihren eigenen Augen gesehen, wie der Fuchs Cordova beinahe zu Tode getrampelt hatte, würde ihm ihre Einstellung verständlicher gewesen sein. Aber Marianne bekam es nicht über sich, diese schreckliche Erinnerung preiszugeben. So konnte sie nur sagen, daß Alcatraz sofort getötet werden müsse. Sie sprach es aus, während Abscheu in ihren Augen glühte.

In der Tat bewahrte nur diese Leidenschaftlichkeit, die Marianne zeigte, Jim Perris davor, sich Hals über Kopf in sie zu verlieben, vor allem, als sie einige Lieder für ihn sang, zu denen sie sich selbst leise auf dem Klavier begleitete. Niemals vorher war er auf diese Weise unterhalten worden, und als das Mädchen ein Liebeslied sang und ihn zu gleicher Zeit mit halb ernsten, halb lachenden Augen ansah, mußte er die Zähne zusammenbeißen, um sich fest in der Hand zu behalten und die Worte des Dichters nicht allzu wörtlich zu nehmen. Vielleicht ging Marianne ein wenig weiter, als sie eigentlich beabsichtigte, aber schließlich macht es jeder richtigen Frau gewaltiges Verlangen, Männer zu beglücken. Und der hübsche Jim Perris war mit seinen klaren kühnen Augen und seinem lustigen Lachen ein so netter Bursche, daß Marianne alle Mäßigung vergaß.

Ein dutzendmal im Laufe des Abends war Jim in Versuchung, ihr seine Bewunderung mit deutlichen Worten zu erklären; aber jedesmal mußte er daran denken, daß dieses entzückende Mädchen ihn hergerufen hatte, um ein Pferd zu töten. Jedesmal, wenn ihm dies einfiel, fühlte er, wie sein Herz kalt wurde.

Natürlich wußte er, daß wilde Hengste, die Reitpferde stehlen, von einer Farm vertrieben werden müssen, wenn es nötig ist, auch mit der Waffe. Von einem Mann würde er einen solchen Auftrag entgegengenommen und ihn deswegen nicht geringer geschätzt haben, aber für Mariannens lächelnde Lippen war der Befehl zu grausam. Ganz gewiß schonte Perris seine Pferde nicht. Vielmehr ritt er so rücksichtslos, daß ihm nur die besten Pferde genügen konnten. Und wer, seit die Welt besteht, hat viel gute Pferde geritten, ohne schließlich die ganze Rasse zu lieben? Perris war jedenfalls so ein Mann und träumte oft von einem Glückstag, an dem er auf einem Pferd sitzen würde, das schnell wie ein Adler war, die Seele eines Löwen und das zarte vertrauensvolle Herz eines Kindes besaß.

Endlich ging der Abend zu Ende. Er ließ das Haus und Mariannens rätselhaftes Lächeln hinter sich, um sich in den Schlafraum und zu glücklichen Träumen zurückzuziehen. Aber jeder Traum endigte damit, daß ein wilder Fuchshengst ihm in den Schuß lief, beim Knall der Büchse in die Luft sprang und tot ins Gras fiel. So war es kein Wunder, daß er mit gemischten Gefühlen an Marianne Jordan dachte, als er erwachte. Vielleicht war aber das wichtigste, daß er überhaupt so viel an sie dachte, mochte es im guten oder im bösen sein.

Er ging mit den andern zum Frühstück in den langen Speisesaal des Ranchhauses, wo Marianne Jordan an der Spitze der Tafel saß. Die Hälfte ihrer guten Laune vom vorhergehenden Abend war indessen verflogen; sie hielt ihre Augen gesenkt und runzelte ernsthaft die Stirn. Sie hatte auch viel zu denken – daß Lew Hervey noch spät zu ihr gekommen war und ihr den Brief gebracht hatte, den ihr Vater ihr geschrieben. Sie war wegen der plötzlichen Reise über das Gebirge nicht erschrocken, denn Oliver Jordan hatte in den letzten Monaten so viel Zweckloses getan, daß diese plötzliche Fahrt nach einem unbestimmten Ziel sie nicht gerade überraschte. Nur die Übertragung einer so weitgehenden Vollmacht an Hervey setzte sie in Erstaunen.

Sie war so in Gedanken verloren, daß sie sogar Jim Perris und die entführten Stuten vergaß, denn jedesmal, wenn sie über den Tisch blickte, sah sie nur die aufrechte kräftige Gestalt des Inspektors, der, wie es ihr schien, von seiner neuen Wichtigkeit durchdrungen war und sich ihr gegenüber damit breitmachte. Aber sie hielt die geschriebenen Worte ihres Vaters in der Hand, so mußte sie ihren Zorn verbeißen und sich, so gut sie konnte, mit allem abfinden.

Hervey hatte alle möglichen glaubhaften Entschuldigungen vorgebracht. Zäune mußten ausgebessert, ein Schuppen sollte errichtet werden – alles Dinge, an die er Oliver Jordan erinnert, so daß ihn dieser damit beauftragt hatte, sich während seiner Abwesenheit darum zu kümmern.

»Ich sagte ihm, daß es ganz überflüssig sei, mir einen solchen Brief mitzugeben«, hatte ihr Hervey versichert, »aber Sie wissen doch, wie Ihr Vater jetzt ist. Wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, ist er nicht davon abzubringen.«

Das klang so vollständig wahr, daß sie schon halb entschlossen war, gar nicht mehr an die ganze Sache zu denken. Oliver Jordan kümmerte sich so wenig um die Verwaltung der Ranch, war aber, wenn er irgend etwas ausgeführt haben wollte, so fest in seinen Entschlüssen, daß die Vollmacht, die er Hervey gegeben hatte, schließlich nicht weiter erstaunlich schien. Immerhin war Marianne beim Frühstück mit ihren Gedanken ziemlich abwesend.

Jim Perris war natürlich etwas gekränkt, als sie ihr Auge ohne Wärme über ihn hinschweifen ließ. Am vorhergehenden Abend war sie so herzlich gewesen, daß diese Art der Vernachlässigung einer Beleidigung gleichkam. Vielleicht hatte sie nur mit ihm gespielt und versucht, eine langweilige Stunde auf amüsante Weise hinzubringen, ohne wirklich den Wunsch zu haben, ihm zu gefallen. Der Gedanke versetzte ihn in eine ganz kindische schlechte Laune. Der rote Jim hatte viel von einem verwöhnten Kinde an sich. Es war ihm während seines Lebens so wenig mißlungen, daß alles, was ihm gegen den Strich ging, seinen Zorn erweckte.

Er verließ vor den übrigen den Speisesaal mit gesenktem Kopf und finsterem Blick. Lew Hervey, der mit den andern folgte, hatte alles bemerkt. So fühlte er sich veranlaßt, während der Zeit seines Triumphes auf der Hut zu sein, denn er hatte beim Frühstück beobachtet, daß Perris das Mädchen häufig mit einem verlangenden Lächeln ansah, das sofort einem trüben Ausdruck wich, wenn ihr Blick achtlos über ihn hinglitt. Nun teilte Hervey auf dem Wege zum Cowboyhaus den andern seine Meinung mit.

»Unser neuer Freund, der Schießkünstler«, sagte er und betonte das letzte Wort mit besonderer Bedeutung, »scheint heute morgen nicht gerade in bester Laune zu sein. Marianne hat ihn gestern abend freundlich angelacht, und nun wartet er, daß sie es heute morgen noch einmal tut. Er sieht recht verstimmt aus, wie?«

Die andern Cowboys lachten, als sie den gesenkten Kopf und die hängenden Schultern des roten Jim betrachteten. Sie waren ihm nicht gerade freundlich gesinnt, denn es ist nicht gut für einen Mann im Westen, einen allzu hervorragenden Ruf zu haben. Man erwartet von ihm, daß er ihn jeden Augenblick rechtfertigt. Alle Angestellten der Ranch warteten nur darauf, daß der Neuangekommene einen von ihnen angriffe. Sie waren fest entschlossen, sofort gemeinsam dagegen vorzugehen. Daß Marianne, wie Hervey angedeutet hatte, Perris zum besten gehabt habe, fanden sie sehr belustigend.

»Wahrscheinlich gefällt ihm die Ranch recht gut«, meinte Slim ironisch, »und er denkt, daß es der Mühe wert wäre, Marianne zu heiraten und sie so in seinen Besitz zu bekommen, wie, Lew?«

Lew Hervey zuckte die Achseln. Es war nicht seine Absicht, dem roten Perris irgend etwas Bestimmtes zum Vorwurf zu machen, da ein übles Gerede allzu leicht bis zu seinem Ursprung zurückverfolgt werden kann, und Shortys Erzählung den Inspektor mit ungemessenem Respekt vor den kämpferischen Eigenschaften des roten Jim erfüllt hatte. Aber er war ebenso entschlossen, die andern gegen ihn aufzuhetzen.

»Nun«, sagte Lew, »man kann es ihm nicht zum Vorwurf machen, um einen hohen Einsatz zu spielen, wenn er überhaupt spielt. Ich glaube, man kann gegen den roten Perris nicht viel einwenden. Ein junger Kerl wie er muß wohl ein bißchen eingebildet sein.«

»Eingebildeter Esel«, brummte Slim weniger gutmütig. »Er saß rechts neben mir und hat während des ganzen Frühstücks nicht zwei Worte zu mir gesprochen. Vielleicht will er seine Rede nicht an einen einfachen Cowboy wie mich verschwenden.« Es war nicht schwer für den Inspektor, den Gang der Ereignisse vorauszusehen. Aus irgendeinem Grund war Perris schlechter Laune, vermutlich, wie er sich dachte, wegen des Mädchens. Aber was es auch immer sein mochte, jedenfalls war er nicht in der Stimmung, mit sich spaßen zu lassen. Also beschloß Hervey, sofort den Versuch zu machen, da er wohl wußte, daß die Cowboys wie ein Mann hinter ihm stehen würden.

»Höre mal, Roter!« rief er ganz lustig, aber doch mit einem aggressiven Unterton; dann bückte er sich, um einen Sporn anzuschnallen und grinste zu den andern hinüber. Alle waren sofort geneigt, Perris eins auszuwischen, in welcher Form es auch immer geschehen mochte.

»Nun?« sagte Perris.

»Lauf mal 'rüber zur Koppel und fange den rammsnasigen Hellbraunen mit dem weißen Vorderbein, hörst du? Ich habe hier drinnen noch etwas zu erledigen.«

An sich war es nichts Ungewöhnliches, daß ein Inspektor einen Mann damit beauftragte, ihm ein Reitpferd zu fangen, aber gewöhnlich wurden solche Aufträge mehr in Form einer Bitte als in der eines Befehls ausgesprochen. Auch lag etwas Hochfahrendes in Herveys Art. Im übrigen schien der Inspektor sehr sicher zu sein, daß Jim ihm sofort gehorchen würde. Aber der Cowboy hob langsam den Kopf und wandte sich mit finsterem Blick zu dem Inspektor um. Er war auf die Ranch gekommen, um ein Wildpferd zu jagen, nicht um den Diener des Inspektors zu spielen.

»Inspektor«, sagte er langsam, und die Weichheit seines Tones bewies deutlich, daß er wütend war, »ich weiß nicht, wie ihr hier miteinander umgeht. Aber in Gegenden, aus denen ich komme, kann jemand, der groß genug ist, auf einem Pferd zu sitzen, es auch allein satteln.«

Lew Herveys Antwort war gerade scharf genug, um den neuen Mann zu reizen, überschritt aber trotzdem die Grenzen nicht, an denen eine Beleidigung anfängt.

»Ich will dir was sagen«, meinte er ruhig, »hier bei uns im Tale führen die Jungens gewöhnlich das aus, was ihnen der Inspektor vorschreibt. Und der Inspektor läßt sich auf weiter nichts ein. Ich warte auf das Pferd, Perris.«

Perris drehte sich eine Zigarette und sah Hervey lächelnd an. Es war ein bösartiges Lächeln, das seine Lippen weiß und starr erscheinen ließ. Bei einem anderen hätte es als Zeichen der Furcht angesehen werden können, aber jedermann wußte, daß es bei Jim Perris nur die aufsteigende Wut bedeutete. Aus demselben Anzeichen schlossen alle, daß er in der Tat so gefährlich war, wie man ihn geschildert hatte. Männer, die vor Ärger rot werden, verlieren die Besinnung, aber die, welche blaß erscheinen, behalten die klare Überlegung. Der rote Jim sah Hervey und die hinter Hervey stehenden Cowboys an. Es war nicht schwer für ihn, zu bemerken, daß sie im Falle eines Streites geschlossen hinter ihrem Inspektor stehen würden. Alle sahen Jim mit raubtierhafter Wildheit an. Er konnte es sich nicht denken, warum sie ihm so feindlich gesinnt sein sollten, aber er war weit genug in der Welt herumgekommen, um zu wissen, daß man an fremden Orten auf Überraschungen gefaßt sein muß. Im Augenblick schien ihm nur eins wichtig: er wollte den Braunen nicht satteln. Als er die Reihe der Cowboys und ihre herausfordernden Mienen betrachtete, stieg die Kampflust in ihm hoch.

»Was die Leute hier herum tun«, sagte er mit offenkundiger Verachtung, »weiß ich nicht, und es ist mir auch total gleichgültig. Wenn sie ihrem Inspektor die Stiefel putzen und die Pferde satteln, so können sie es von mir aus tun. Ich bin hierhergekommen, um ein Wildpferd zu fangen, das die Leute hier im Tal nicht kriegen konnten. Das und nichts anderes ist meine Aufgabe.«

Die ärgerlichen Ausrufe der Cowboys tönten in Lew Herveys Ohren wie die süßeste Musik. Er sah die Leute an, als wollte er sagen: »Seht ihr nun, was mir da aufgeladen worden ist.« Dann trat er einen Schritt vor und räusperte sich.

»Du bist noch jung, mein Sohn«, erklärte er, »wenn du erst erwachsen bist, wirst du einsehen, daß man nicht so redet. Heute werden wir dir noch nichts tun, aber ich sage dir noch einmal, Perris, du gehst jetzt hinüber und fängst das Pferd, oder du packst deine Sachen und scherst dich weg, verstanden? Ich wollte nur einen Spaß machen, als ich dich bat, das Pferd zu fangen, weil ich sehen wollte, was für ein Kerl du bist. Jetzt habe ich's gesehen und bin nicht sehr entzückt davon.«

»Hervey«, begann Perris, und zitterte vor Wut, »Hervey –«

»Einen Augenblick«, sagte der Inspektor, »ich kenne deine Art. Du unterschreibst mit Kugeln und bezahlst mit Blei. Du hältst eine Menge Leute in Schach, wenn du ein Schießeisen in der Hand hast. Also, mein Junge, so etwas geht hier bei uns nicht. Wenn du deine Pistole herausnimmst, dann lasse ich dich von den Jungens hier zu einem Bündel zusammenschnüren und in ein Teerfaß stecken, das wir zur Hand haben. Ich sage dir noch einmal, entweder du holst jetzt das Pferd oder du scherst dich von der Ranch herunter!«

Perris setzte sich auf eine Ecke seines Lagers. Er machte keine Bewegung, um seinen Revolver zu ergreifen, der eine Armlänge von ihm entfernt lag. Er schlug die Beine übereinander und ließ seine Augen langsam die Reihe der grimmigen Gesichter vor ihm entlang schweifen.

»Inspektor«, sagte er freundlich zu Hervey, »ich hole weder das Pferd noch gehe ich hier fort. Bitte, jetzt sind Sie dran. Vielleicht mit dem Teerfaß?«

Einen Augenblick lang war Hervey vollkommen perplex. Eine solche Kühnheit hatte niemand voraussehen können. Außerdem aber befand er sich in einer peinlichen Lage. Wenn seine Leute Perris angriffen, machte der von seinem Revolver Gebrauch, und der erste Schuß würde Hervey gelten.

»Halt, Jungens«, rief er plötzlich, und übertönte die ärgerlichen Flüche der Cowboys, »ich denke nicht daran, das Leben eines einzigen von euch um dieses Narren willen aufs Spiel zu setzen. Miss Jordan hat ihn in Dienst gestellt. Sie kann ihn auch entlassen, wenn ich es nicht vermag. Das werden wir sofort feststellen. Slim, hole Miss Jordan her.«

Slim lief sofort hinaus; sie hörten, wie seine Fußtritte verklangen. Nach einiger Zeit tiefen Schweigens tönte seine Stimme in der Entfernung; er gab auf scharfe, hastige Fragen Mariannens Antwort. Einen Augenblick später trat das Mädchen in den Cowboyraum. Ihr Blick fuhr von Hervey zu Perris, und wieder zurück.

»Ich dachte mir, daß so etwas passieren würde«, rief sie, »ich wußte es, Lew Hervey.«

Hervey machte eine entschuldigende Gebärde.

»Fragen Sie die Jungens«, verteidigte er sich, »und überzeugen Sie sich, ob ich nicht alles getan habe, in Güte mit ihm auszukommen. Aber er zeigt mir nur die Zähne, als ob er mich beißen wollte. Mit so einem Menschen wollen wir hier nichts zu tun haben. So habe ich ihm befohlen, die Ranch zu verlassen. Sind Sie damit einverstanden?«

»Oh, Jim Perris«, sagte das Mädchen, »warum haben Sie es so weit kommen lassen?«

»Es tut mir wirklich leid«, sagte Perris. Er hielt es für unter seiner Würde, weitere Erklärungen zu geben.

»Aber«, sagte Marianne, »dieser furchtbare Hengst muß abgeschossen werden. Wer kann das tun, außer Jim Perris, Mr. Hervey?«

»Lassen Sie mir Zeit«, sagte Lew, »dann werde ich es tun.«

Sie stampfte ärgerlich mit dem Fuß auf.

»Wie Sie es fertigbekommen haben, sich von meinem Vater die Befehlsgewalt geben zu lassen, weiß ich nicht«, sagte sie, »aber Sie haben sie nun einmal und können ihn entlassen, wenn Sie wollen. Aber wenn mein Vater zurückkommt, so wird er eine etwas andere Darstellung dieser Vorfälle erhalten, Mr. Hervey, das verspreche ich Ihnen!« Dann drehte sie sich schnell zu Jim um. »Mr. Perris, wenn Mr. Hervey nichts dagegen hat, wollen Sie – vielleicht für eine Woche – noch bleiben und versuchen, mich von Alcatraz zu befreien? Mr. Hervey, wollen Sie Mr. Perris für eine Woche hier lassen?«

Ihre Stimme klang mehr wie ein ärgerlicher Befehl, als wie eine Bitte. Aber Hervey wußte, daß er nachgeben müsse. Wenn er sein Vorhaben zu Ende führen wollte, mußte er vorsichtig sein. Oliver Jordan würde sicher mindestens eine Woche wegbleiben.

»Ich gebe mir wirklich alle Mühe, vernünftig zu sein, Miss Jordan«, sagte er, »und handle nur im Interesse Ihres Vaters. Natürlich kann er eine Woche hierbleiben.«

Sie wandte sich mit einem Blick von ihm ab, der von Ärger und Argwohn zeugte, aber augenblicklich weich wurde, als sie den Roten Jim ansah.

»Wollen Sie bleiben?« fragte sie bittend.

Finsterer Stolz verschloß ihm die Lippen, aber dann sah er ihr helles, freundliches Auge.

»Solange Sie wollen«, sagte er schlicht.

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