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Gebändigt!

Max Brand: Gebändigt! - Kapitel 13
Quellenangabe
authorMax Brand
titleGebändigt!
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorAnton Mayer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180228
projectid4be2d575
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Zwölftes Kapitel

Shorty ritt nach dem Cowboyhaus statt nach der Koppel, taumelte aus dem Sattel und stolperte durch die Tür. Drinnen saßen die Cowboys, rauchten behaglich vor dem Essen eine Pfeife und genossen die Kühle, welche die abendliche Waschung ihrer windgedörrten Haut gebracht hatte. Shorty torkelte mitten durch sie hin bis zu seinem Lager und fiel auf diesem zusammen.

Keiner der andern bewegte sich, kein Auge folgte ihm. Wie groß die Neugier auch sein mochte, die in ihren Eingeweiden brannte, so verlangte die Etikette, daß keiner eine Frage stellte. Wenn sonst in nichts, so hat der Indianer in den Gewohnheiten der Wildwestreiter seine Spuren zurückgelassen.

Shorty lag auf dem Rücken; seine Arme waren kreuzförmig nach der Seite gestreckt, seine Augen geschlossen. Bei jedem Atemzug tönte ein Geräusch, das wie ein Rasseln oder ein Seufzer klang.

»Slim!« rief er endlich.

Slim hob sein kleines, sommersprossiges Gesicht, das auf einem ungewöhnlich langen Halse saß, und zwinkerte mit den Augen, während er seinen besten Freund unschlüssig ansah. Er und Shorty waren unzertrennliche Gefährten.

»Sattle meinen Gaul ab und versorge ihn«, stöhnte Shorty, »ich bin vollkommen erledigt.«

»Du bist wohl Perris zu Fuß nachgelaufen?« bemerkte Lew Hervey. Direkte Fragen waren immer noch nicht erlaubt, aber häufig konnte man einen Mann durch Spott zum Erzählen reizen.

»Perris und sein Grauer sollen verdammt sein«, erwiderte Shorty, während er die Augen plötzlich öffnete und scharf ins Zimmer sah. »Von allen lederhäutigen und verrückten Kerls, die Kräfte haben wie die Maultiere, ist er der zäheste.«

»Er wird sicher fein herpassen«, meinte Little Joe, »mit einem Mädel als Vorgesetzten und einem gemieteten Pferdefänger wird keiner von uns mehr gut genug sein, mitzumachen. Hättest auch was Besseres tun können, als ihn herzubringen, Shorty.«

»Lacht nur«, sagte Shorty, der so wütend war, daß er seine Ermüdung halb vergaß. »Ihr habt nicht dasselbe durchgemacht wie ich. Hättet ihr auch gar nicht gekonnt.« Die Behauptung ließ Little Joe ernst werden; er zuckte seine breiten Schultern. Shorty stieß ein schrilles und verächtliches Lachen aus. »Du bist ja ziemlich groß«, schnarrte er, »aber kann etwa ein Ochse gegen einen Blitz etwas machen?« Dann wurde er nachdenklich. »Ich habe gestern gesehen, wie er Wyoming Kid bluffte.«

Im Cowboyhaus wurde es still wie in einer Kirche. Die Cowboys saßen aufrecht da, als hätten sie ihre Sonntagskleider an. Shorty benutzte den günstigen Augenblick des Schweigens sofort.

»Als ich ihn fand, saß er gerade beim Poker. Ich gab ihm Miss Jordans Brief. Er riß ihn auf und sagte: ›Ich will die Zehn sehen und setze noch zehn mehr.‹ Ich guckte ihm über die Schulter in die Karten. Er hatte nur ein Paar! Dann las er den Brief und gab ihn mir zurück. ›Ist es wirklich so schlimm?‹ sagte er. ›Die Fünf und zwanzig dazu.‹ ›Du hast zu viel für mich‹, sagte der Mann, der gegen ihn spielte, und schmiß seine Karten weg. Ich las den Brief:

 

›Lieber Herr Perris!

Ich weiß, daß Sie sich nicht gerne verdingen; aber hier handelt es sich um eine Aufgabe, bei der Sie keinen Vorgesetzten haben. Der Fuchshengst, der Manuel Cordova beinahe ermordet hätte – Alcatraz – ist auf meine Ranch gekommen und hat mir ein halbes Dutzend wertvolle Stuten gestohlen. Wollen Sie herkommen und versuchen, ob Sie ihn mir vom Halse schaffen können? Für meine Leute scheint diese Aufgabe zu schwierig zu sein. Nennen Sie mir Ihre Bedingungen. Herzlichst Ihre Marianne Jordan.‹

 

Ich gab ihm den Brief zurück, während er seinen Gewinn einstrich. ›Was sie da von ihren Leuten sagt, möchte ich nicht gerade bestätigen‹, sagte ich, ›aber der Hengst ist sicher ein schlauer und schneller Teufel.‹ ›Nun‹, sagte er, ›das klingt alles ganz gut, sobald ich hier mit dem Spiel fertig bin, können wir losreiten. Wir sind hier bloß zu vier, willst du mitspielen?‹ – Nun, das Spiel dauerte vierzig Stunden, jedesmal, wenn ich ganz blank war, half er mir freigebig aus wie ein Millionär. Aber schließlich hatte er auch nichts mehr. ›Schön‹, sagte er, ›jetzt ist meine Börse leicht genug zum Reisen. Wir wollen losreiten.‹ ›Ohne überhaupt zu schlafen?‹ fragte ich. ›Kannst du machen, wie du willst‹, sagte er, ›wir können gerade mal 'rum schlafen und dann aufbrechen.‹ Ein Zimmer für mich konnten wir nicht mehr bezahlen, also nahm er mich mit in seins und ließ mich im Bett liegen, während er sich auf dem Fußboden zusammenrollte. Im nächsten Augenblick schnarchte er schon, während ich ihm noch immer sagte, daß ich das Bett gar nicht haben wolle. Gleich darauf war ich auch eingeschlafen, aber es war mir, als ob ich meine Augen kaum geschlossen hätte, als er mich weckte. ›Fünf Uhr‹, sagte er, ›Zeit zum Aufbruch.‹ Wir waren ungefähr um zwölf zu Bett gegangen; nun holte er ein Frühstück aus dem Hotel, zahlte die Rechnung, und dann machten wir uns auf den Weg. Er sang die ganze Zeit, während ich noch vollkommen schlaftrunken war und einen so dämlichen Kopf hatte, daß ich gar nicht reden konnte. Das verfluchte Singen ging mir auf die Nerven. So versuchte ich, dem ein Ende zu machen, indem ich auf ein Eichhörnchen schoß, das über die Straße lief. Aber ich fehlte es.

›Ich werde dir was sagen‹, meinte Perris, ›wenn man sehr schnell schießen muß, dann ist es das einzig richtige, von der Hüfte aus zu schießen.‹ – ›Von der Hüfte aus nach Eichhörnchen schießen?‹ sagte ich. ›Ich habe das mal in einem Buch gelesen, aber in Wirklichkeit ist das nie passiert.‹

›Nur Übungssache‹, sagte er. ›Jawohl‹, sagte ich, ›aber erst will ich's sehen und dann drüber reden.‹

Gerade in diesem Augenblick flitzte ein anderes Eichhörnchen über die Straße, ein Jährling, der zur Herde zurück wollte. Wie der Wind kam Jims Revolver aus dem Halfter und knallte los. Der Staub stieg gerade unter dem Bauch des Eichhörnchens auf. Sofort knallt es noch einmal, und der Schweiß des Eichhörnchens war glatt in zwei Hälften geschossen. Gleich darauf war es in einem Loch am Straßenrand verschwunden, von wo wir es quietschen und schnattern und uns Koseworte zurufen hörten. So was von Schießen habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen! Aber Perris steckte sein Schießeisen ein und wurde rot wie ein junges Mädchen, das zwei Herren zugleich zum Tanz auffordern. ›Ich bin vollkommen aus der Übung‹, sagte er, ›ich glaube wirklich, daß ich zu viel versprochen habe. Du mußt entschuldigen, Shorty.‹ Das meinte er tatsächlich ganz ehrlich, es war keine Redensart. Es schien mir unmöglich, daß jemand so schnell und sicher schießen könne, aber Perris war ganz niedergeschlagen, weil er gefehlt hatte, und sang während der nächsten halben Stunde nicht mehr. Während dieser Zeit überlegte ich mir alles mögliche und kam zu der Ansicht, daß, wenn irgend jemand vorhaben sollte, mit Perris Krach anzufangen, er jedenfalls nicht auf mich zählen könne.

Nachher sang er wieder, als wir weiterritten, bis wir zur Ranch kamen, während ich mich nur mit Mühe halten konnte, beinah einschlief und heruntergefallen wäre. Ich versuchte also, mich zu unterhalten; ich hatte einen merkwürdigen Gegenstand aus seiner Uhrtasche hängen sehen und fragte ihn nun, wo er den herhätte.

›Das werde ich dir erzählen‹, sagte er, ›das kommt daher, weil ich so kolossal friedfertig bin.‹ Ich entsann mich einiger Einzelheiten, die ich über Jim Perris in Glosterville gehört hatte, und sagte nichts, sondern unterdrückte mit Mühe eine Antwort und guckte in die Wolken. ›Vor vier oder fünf Jahren‹, fuhr er fort, ›als es hier noch mehr Schnaps und ehrgeizige Leute gab, war ich in einer kleinen Kneipe in Utah, in der Nähe von Gunterville. Die Bar war ziemlich voll, alles Leute, die ich nicht kannte. Ich hatte gar kein Schießeisen bei mir. Ich nehme nie eins mit, wenn ich unter Leute gehe, falls ich es irgendwie vermeiden kann. Na also, ich beteiligte mich an einem kleinen Spielchen und war gerade ganz gut im Gewinnen, als ein großer Kerl auf der anderen Seite am Tisch, der schwer verloren hatte und viel trank, aufsteht und behauptet, daß ich falsch gespielt habe. Es warf mich beinah über den Haufen, und ich sagte ihm sehr offenherzig, was ich über ihn und Menschen seiner Art dächte. Dann wandte ich mich ein wenig in die Vergangenheit und gab ihm eine nette kleine Beschreibung seiner Vorfahren. Schließlich wollte ich ihn auffordern, herauszukommen und die Sache mit den Fäusten auszutragen, aber darauf wartete er nicht. Während ich noch mitten in meiner Rede war, zieht er einen Revolver heraus und schießt auf mich. Die Kugel schlägt mir in den Oberschenkel, und ich falle um. Also, das ist hier die Kugel. Ich trage sie, damit sie mich immer daran erinnert, daß ich ganz besonders wünsche, diesen Menschen wiederzutreffen, ehe er für einen Kampf mit Pistolen zu alt geworden ist.‹«

Shorty machte eine Pause, seufzte und schüttelte seinen runden Kopf, während ein Murmeln der Anerkennung den Raum durchlief. Dann sank Shorty wieder auf sein Lager zurück und drehte der Versammlung seinen breiten Rücken zu. »Daß mich ja niemand zum Essen weckt«, sagte er warnend. »Ich habe gerade einen Monat in vier Tage zusammengedrängt und brauche die ganze Nacht für mich allein.«

Sofort begann er zu schnarchen. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis jemand sprach. Dann sagte Little Joe mit seiner feierlichen Baßstimme: »Klingt, als ob er ein erwachsener Mann wäre; er trägt eine Kugel als Uhrgehänge, fängt zum Vergnügen Pferde, schläft nur an einem Tag in der Woche und arbeitet nicht unter Vorgesetzten. Hervey, du mußt Glacéhandschuhe anziehen, wenn du mit Perris redest, was? Nanu? Wo gehst du denn hin?«

»Wahrscheinlich geht er hinaus, um darüber nachzudenken«, lachte ein anderer. »Er braucht frische Luft. Kann ich ihm nicht verdenken. Ich möchte auch lieber Vorgesetzter von einer Wildkatze als von einem Menschen wie Perris sein. Aha – der Gong zum Essen!«

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