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Gebändigt!

Max Brand: Gebändigt! - Kapitel 12
Quellenangabe
authorMax Brand
titleGebändigt!
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorAnton Mayer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180228
projectid4be2d575
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Elftes Kapitel

Noch vor Mittag war Shorty, der leichte und unermüdliche Reiter, dem anscheinend die Anstrengungen dieser Nacht nichts hatten anhaben können, mit Mariannens Brief an Perris nach Glosterville aufgebrochen. Aber erst am nächsten Tage wagte das Mädchen, Hervey mitzuteilen, was sie versucht. Gewiß hatte der Inspektor mehr als seine Schuldigkeit getan, um die Stuten zurückzuholen, und sie wollte seine Gefühle nicht unnötig kränken, indem sie ihm sagte, daß die Angelegenheit aus seinen Händen genommen und einem Geschickteren übergeben werden sollte. Aber Hervey überraschte sie durch die gute Laune, mit der er die Sache aufnahm.

»Ich habe mir niemals eingebildet, ein guter Pferdefänger zu sein«, versicherte er ihr. »Ich freue mich, wenn der andere die Arbeit übernimmt. Ich und die Jungens werden ihn nicht drum beneiden. Es wird eine lange und vermutlich verdammt einsame Verfolgung absetzen.«

Daraufhin wartete Marianne mit einem so sicheren Gefühl auf Perris' Ankunft, als ob die Stuten schon wieder geborgen in der Koppel zurück wären. Wenn er kam, so war Alcatraz' Todesurteil so gut wie unterzeichnet. Aber als der dritte Tag vorbeiging, ohne Shorty und Perris zurückzubringen, wie sie erwartet hatte, begann das »Wenn« immer mehr zu wachsen, und am späten Nachmittage des vierten Tages war sie zu der Überzeugung gekommen, daß Perris Glosterville verlassen habe und Shorty vergeblich nach ihm umhersuche. Ihr Kummer war so groß, daß selbst ihr Vater, der gewöhnlich blind gegen alles war, was um ihn herum vorging, einen Moment zögerte, nachdem er in seinen Wagen gehoben worden war, und sie nachdenklich ansah. Seit einigen Jahren hatte Oliver Jordan eine bestimmte Gewohnheit angenommen. Wenn die Sonne sich neigte und die schlimmste Hitze vorbei war, Schatten sich auf das Gebirge senkten und das Tageslicht gelb wurde, ließ sich Oliver ein Paar alte Grauschimmel einspannen, die geduldig wie Esel und auch nicht viel schneller waren. Dann fuhr er in den Abend und kam oft erst zurück, wenn die Essenszeit lange vorbei war. Nur schlechtes Wetter konnte ihn von diesen einsamen Fahrten abhalten, auf die er nie jemand mitnahm. Marianne wunderte und kränkte sich stets über diese Ausflüge, denn sie bemerkte, daß ihr Vater sich mehr und mehr von dem ihn umgebenden Leben zurückzog und in einer sanften ununterbrochenen Melancholie dahindämmerte. Als er sie an diesem Abend ansah, füllten sich ihre Augen mit Tränen.

In den letzten Jahren war Oliver zu einem schönen alten Mann geworden, aber der Unfall, der ihn seiner körperlichen Beweglichkeit beraubt hatte, schien alle Spannkraft, die er in seiner Jugend besessen hatte, von ihm genommen zu haben. Er lebte und bewegte sich wie ein Träumender in einer Traumwelt. Aber als er vom Wagen auf Marianne hinunterblickte, sah sie, daß sein Ausdruck gespannter war und er sich ihrer Gegenwart bewußt wurde. Er streckte sogar die Hand aus und ließ sie auf ihrem Kopf ruhen, so daß ihr Gesicht nach aufwärts gerichtet, ihm zugewandt war.

»Liebling«, sagte er, »du verzehrst dich vor Kummer über irgend etwas. Was fehlt dir?«

»Jim Perris ist noch nicht eingetroffen«, sagte sie, »aber ich möchte dich nicht mit meinen Unannehmlichkeiten langweilen, Vater.«

»Jim Perris? Wer ist das?«

»Entsinnst du dich nicht? Ich habe dir erzählt, wie er Rickety geritten hat. Nun habe ich ihn kommen lassen, damit er Alcatraz jage, weil es leicht sein wird, die Stuten zurückzubekommen, wenn einmal dieses Mörderpferd tot ist. Jeder Tag ist wichtig, denn jeden Tag gewöhnen sich die Stuten mehr an die Wildnis.«

»Was für Stuten?« Dann nickte er. »Ach so, ich entsinne mich. Sie sind zu weiter nichts nütze, als daß sie dir Kummer machen, Marianne.«

Sein gespannter Ausdruck verschwand. Sein Blick wanderte nach Osten, wo die Schatten sich schon in die Täler senkten.

»Ich will mich auf den Weg machen, Liebling.«

Auf einmal ergriff sie seine Hand, voll Mitleid für den einsamen Mann, der da in das Schweigen hinausfuhr. Seine Hand war noch schlank, war hart und sehnig und von einer Kraft erfüllt, die auch das höchste Alter ihr nicht rauben würde. Als sie die starken Finger berührte, stieg aus ihrer Erinnerung das Bild des Oliver Jordan von früher auf, der ein König unter den Männern gewesen war. Tränen schossen ihr in die Augen.

»Wo fährst du nur hin?« fragte sie ihn zärtlich, »warum nimmst du mich niemals mit?«

»Dich?« Er kicherte. »Willst du etwa deine Zeit verschwenden, um mit einem alten Kerl wie mir spazierenzufahren? Deshalb habe ich dich nicht soviel lernen lassen, damit du so unnütze Dinge treibst. Kümmere dich nicht weiter um mich, Marianne. Ich fahre nur da herum, um Jackson Peak.«

»Aber wer ist denn dort, und was gibt's denn dort?«

Er rieb sich mit den Knöcheln die Stirn und schüttelte dann den Kopf. »Ich weiß nicht, nicht viel. Jedenfalls ist es angenehm still. Man kriegt gleich den Geruch der Kiefern in die Nase, wenn der Weg steigt. Weiter ist nichts los da, aber schließlich habe ich ja auch nichts zu tun. Ich bin gerade gut genug, herumzusitzen und ein wenig nachzudenken. – Vielleicht sitze ich meistens auch nur herum, ohne etwas dabei zu denken. Aber was weinst du denn, Marianne?«

Sie drängte die Tränen zurück. »Ich möchte – ich möchte«, begann sie.

»So ist's recht«, nickte er, »wünsche dir nur immer etwas. Das habe ich kürzlich auch getan. Es ist besser, sich Dinge zu wünschen, als sie zu tun. Am besten ist man wie die Kinder. Auf Wiedersehen, Marianne.«

Sie trat zurück und versuchte tapfer zu lächeln, während er warnend einen Finger hob und kicherte: »Zerbrich dir weiter nicht den Kopf über mich. Hebe dir deine Gedanken lieber für diesen Perris auf.«

Er schnalzte mit der Zunge, so daß die Grauen plötzlich anzogen und der Ruck ihn heftig gegen die Rückenlehne warf. Dann fuhr der Wagen langsam die Straße hinunter und schwand aus Mariannens Augen. Das Mädchen blieb noch lange stehen und sah in die Richtung, die ihr Vater genommen hatte. Als sie sich umdrehte und aufblickte, bemerkte sie Shorty und Perris, keine hundert Meter von ihr entfernt; die beiden näherten sich schnell in langem Galopp. Alle traurigen Gedanken fielen von ihr ab, wie das tote Laub vom Wind gejagt wird und das frische grüne Gras zeigt, das unter ihm wuchs. Ihr Herz wurde leicht beim Anblick der beiden. Aber als sie an sich hinuntersah und ihren blauen Arbeitskittel bemerkte, verschlechterte sich ihre Laune beträchtlich. So wollte sie sich jetzt nicht sehen lassen. Es wäre etwas anderes gewesen, wenn sie ihren Reitanzug mit der ziemlich männlichen Bluse und der locker gebundenen Krawatte angehabt hätte, Sporen an den Stiefeln und eine Gerte in der Hand, wie es der Herrin und Leiterin einer großen Farm zukam. Dann aber erhielt sie plötzlich den überzeugenden Beweis, daß Äußerlichkeiten im Leben des roten Jim nicht die geringste Rolle spielten. Perris nahm den Hut ab und schwang ihn grüßend. Seine weißen Zähne blitzten, als er lachte, während ein roter Büschel seines erstaunlichen Haares in der Sonne glänzte. Im nächsten Augenblick hielt er vor ihr, sprang vom Pferde und kam, mit dem Hut in der Linken, auf sie zu, während er ihr die Rechte entgegenstreckte. Typisch für den Westen, dachte sie, daß er in diesem Augenblick sich benimmt wie ein alter Freund. Entzückend westlich! Marianne gewann neues Selbstvertrauen, als der Cowboy sie offen ansah und freundlich lächelte. Sein Händedruck schien neue Kräfte in ihren Arm und in ihr Herz zu senden.

»Ich hatte Sie schon aufgegeben«, sagte sie.

»Es tut mir sehr leid, daß es so lange dauerte«, sagte Perris, »ich war gerade mitten in einer kleinen Pokerpartie, die sich ein bißchen lange hinzog. Als sie aber aus war, ritten wir, so schnell wir nur konnten. Was, Shorty?«

»Jawohl!« grunzte Shorty. Marianne sah ihren Boten zum erstenmal an.

Er saß müde im Sattel; eine Hand ruhte schwer auf dem Sattelknopf, sein Kopf hing nach vorne. Er hob ihn auch nicht, um ihren Blick zu erwidern, sondern ließ nur mit trübem Blick die Augen über ihr Gesicht gleiten, um diese dann auf das Gesicht des roten Jim zu richten. Shortys Augenbrauen zogen sich vor Müdigkeit zusammen; seine rot geschwollenen Augen zeugten von Schlaflosigkeit. Jede Linie, die die Arbeit in sein Gesicht gezogen hatte, schien tiefer eingegraben zu sein. »Jawohl«, grunzte Shorty noch einmal, und es klang, als wäre er betrunken. »Ich habe meine Mamie hier beinah zuschanden geritten, das ist alles.«

Mit dieser trübseligen Bemerkung setzte er die Stute in einen schläfrigen Trab. Das kräftige, kleine braune Tier taumelte auf ermüdeten Beinen, und ihre Flanken schlugen wie die Blasebälge. Jims Grauer befand sich in nicht viel besserer Verfassung.

»Ich wünschte allerdings, daß Sie schnell herkämen«, sagte Marianne ein wenig erschrocken. »Aber ich wollte nicht, daß Sie Ihre Pferde kaputt reiten.«

»Kaputt reiten?« sagte Perris und sah Marianne scharf und mißbilligend an. »Keine Rede. Mein Pferd ist ein bißchen müde, wird aber morgen früh wieder ganz munter sein. Ich reite sie, solange sie laufen können, und nie einen Schritt weiter. Ich erkenne ganz genau, wenn sie erledigt sind. Man merkt's ja, wie ihre Muskeln und Nerven arbeiten. Unterwegs habe ich mitten auf freiem Felde haltgemacht, damit sie sich erholen konnten. Kaputt reiten? Keine Spur, meine Dame. Shortys Pferd ist nur so fertig, weil er sich nicht davon abbringen ließ, mit mir Schritt zu halten.«

Marianne nickte. Eine derartige Antwort hätte sonst ihren Widerspruch erweckt; ihre Nachgiebigkeit setzte sie selbst in Erstaunen, als sie den feuerfresserischen Cowboy freundlich einlud, ins Haus zu treten, um die Aufgabe genauer kennenzulernen, die vor ihm lag.

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